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Nr. 279 .
Wiesbaden. Sonntag, 19. Juni 191©.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt.
Ire Politik der Woche.
Tie Borromäus-Enzyklika und die Aktion, welche die preußische Regierung, gedrängt und gestützt von der öffentlichen Meinung in ganz Deutschland, gegen diesen Vorstoß des Vatikans unternommen hatte, stand in dieser Woche im Vordergrund des öffentlichen Interesses, und die Erregung über den Kampfruf, der von der anderen Seite der Alpen nach Deutschland hecübertönte, fand auch in den zurzeit noch tagenden Parlamenten der deutschen Bundesstaaten. so vor allem im preußischen Abgeordnetenhause, wo sie freilich infolge geheimer Abmachungen zwischen den edlen Bundesgenossen des schwarz-blauen Blocks ein überschnelles Ende fand, und in der bayerischen Kammer, ihren kräftigen Widerhall. Unterdessen hat die „Nordd. Allg. Ztg." das Ergebnis der diplomatischen Schritte, welche der Leiter der preußischen und der deutschen Politik als durch Vermittelung ins preußischen Gesandten beim Vatikan eingeleitet hätte, als einen gewaltigen „Erfolg", über den man „hochbefriedigt" zu sein habe, mitteilen können, aber die Aufnahme dieses „Erfolges" ist eine sehr geteilte. Tenn wenn auch erreicht worden ist, daß der Vatikan die. im Erzbistum Bamberg freilich unterdessen widerrechtlicherweise bereits erfolgte Verkündigung der Enzyklika in Deutschland untersagen mußte, so wird doch mit Recht geltend gemacht, daß das in der Note des Vatikans zum Ausdruck gebrachte Bedauern nicht etwa dem Erlaß der Enzyklika, sondern der Erregung gilt, welche sie hervorgerufen hat und Hervorrufen mußte. Der Papst hat also nichts zurückgenommen, und es ist daher ganz selbstverständlich, wenn die Protestbewegung, die eben auch hier in Wiesbaden in so imposanter Weise sich kundgab, noch weiter geht. Das Volksgewissen und das Ehrgefühl des protestantisch und modern denkenden, überwiegenden Teiles des deutschen Volkes ist eben — Gott sei Tank — ein anderes als das unserer jetzigen Diplomaten.
Dem preußischen Landtag, welcher am Donnerstag seine Session geschlossen hat, ist von diesem Ausgang der diplomatischen Aktion keinerlei Mitteilung mehr zugegangen, und so hat die bei der Beratung der hierüber eingeürachten Interpellationen jäh unterbrochene Debatte keine Fortsetzung erfahren. Das preußische Parlament konnte bei seinem Schluß auf eine ganz erkleckliche Arbeitsleistung zurücksehen, als' eine Großtat wird ihm von höfischen Geschichtsschreibern aber wohl nur die Erhöhung der Z i v i l l i st e angerechnet werden, da die Arbeiten, wenigstens soweit sie ein positiv, s
Ergebnis hatten, sich sonst fast durchweg ans die Ausgaben zweiten und dritten Ranges beschränkten. Ihnen steht als Defizit das Scheitern gerade des Problems gegenüber, Lessen Lösung nicht nur die Thronrede, sondern auch die öffentliche Meinung von ihm erwartet hatte, nämlich der immer wieder aufgeschoben und jetzt von der konservativ-klerikalen Mehrheit des Abgeordnetenhauses im Gegensätze zu dem, freilich in recht schwächlicher Form zum Ausdruck gebrachten Willen der Negierung und im Gegensatz zum Herrenhause zu Fall gebrachten Wahlrechtsreform. Noch in seiner letzten Sitzung beschäftigte sich das preußische Abgeordnetenhaus mit der furchtbaren Hochwasserkatastrophe, welche in dieser Woche das Ahrtal heimgesucht und dort so schwere Schädigungen, so entsetzliches Unheil verursacht hat. Ter von nationalliberaler Seite eingebrachte Antrag, der scheunige Staatshilse für die geschädigten Bewohner des Ahrtales verlangte, wurden von seiten des Ministers des Innern erfreulicherweise alsbald dahin beantwortet, daß im Falle eines Notstandes seitens der Regierung sofort eine Hilfsaktion ins Werk gesetzt werden würde. Bedauern und Beunruhigung hat auch die betrübende Kunde von der abermaligen Erkrankung des Kaisers allüberall hervorgerufen, doch sind die amtlichen Berichte über das Befinden des Monarchen erfreulicherweise geeignet, diese Beunruhigung als unberechtigt erkennen und eine baldige völlige Wiederherstellung als sicher erscheinen zu lassen.
Lebhafte und ehrliche Anerkennung ist der Friedenspolitik des deutschen Kaisers in der in London abgehaltenen Versammlung der englisch- deutschen Freundschaftsgesellschaften gezollt worden. Der Verlauf dieser politisch bedeutsamen Veranstaltung kann mit Befriedigung begrüßt werden, denn die dort von hervorragenden englischen Politikern gehaltenen Reden bilden einen neuen Beweis für den jenseits des Kanals eingetretenen Stimmungs- umschwung, der unter der Negierung Königs Georg sicherlich weitere Fortschritte machen dürfte. Daß das Kabinett Asquith den Willen zum Frieden hat, ist auch in der jüngsten K r e t a d e b a t t e im englischen Unterhause deutlich hervorgetreten. Mit nicht mißzn- verstehenden Worten wandte sich der Minister des Äußern Sir Edward Grey gegen die Unterstellung, daß die englische Politik in der Balkanfrage irgendwelche Sonderinteressen verfolge, und bemerkenswert war vor allem auch der Hinweis daraus, daß eine endgültige Regelung der Kretafrage nicht ohne die Mitwirkung Deutschlands und Österreich- Ungarns erfolgen könne. Dringend zu wünschen wäre es. daß nicht nur die griechischen Katastrophenpolitiker, sondern vor allem die Kreter selber druck) den ihnen von englischer Seite verabreichten kalten Wasserstrahl eine wirkliche, in der gegenwärtigen
Fcmlletsn.
MaLdruS verboten.)
Die Mette.
Eine russische Begebenheit von Bert Sanders.
Es war am Hose der Kaiserin Katharina in St. Petersburg.
Hastig schob die Kaiserin das Schachbrett fort, verabschiedete mit einer Geste die Hofdame, deren Pflicht es war, ihr bei Beginn jeder Partie ein Paar neue Handschuhe zu überreichen, und sagte zu ihrem Partner:
„Ich will heute nicht mehr spielen: aber morgen
gedenke ich Revanche zu nehmen."
„Ew. Majestät haben es bereits getan", antwortete der französische Gesandte, Marquis Stroganome. „Wenn Sie wüßten, wie sehr ich es bereue, das Spiel gewonnen zu haben, würden Sie nicht daran zweifeln."
Ein Lächeln überflog ihr Gesicht.
„Gut geantwortet", meinte sie, „aber ich ziehe die Tat dem Wort vor. — Ta fällt mir soeben ein, Herr Marquis, daß wir Russen stolz sind auf unsere Zoll- Polizei, der nichts entgeht. Sie schienen vor einigen Tagen hieran zu zweifeln, und deswegen habe ich nun Befehl erlassen, mich sofort zu benachrichtigen, falls einmal eine Schmuggelei festgestellt wird."
„Es wäre ein Masestätsverbrechen, über eine Behauptung Ew. Majestät zu diskutieren", erwiderte der Marquis eifrig. „Jedoch würde es mich interessieren, einige Einzelheiten zu erfahren."
„Nichts Einfacheres. Man hat neulich Graf Lazarenc an der Grenze arretiert, weil er versuchte, eine Menge Sachen einzuschmuggeln, die er sehr erfinderisch zwischen den Rädern seines Wagens versteckt hatte. Ich habe dem betreffenden Beamten eine Belohnung von achthundert Rubel bewilligt, um seinen
Eifer anzuspornen. Es ist selbstverständlich, daß der Graf das bezahlen muß. Was sagen Sie dazu, Marquis?"
„Ich glaube, daß der Graf kein geschickter Schmuggler ist. Er bätte das besser anstellen müssen."
„Glauben Sie? Nein, ich bin sicher, daß es niemand, nicht einmal Ihnen, gelingen würde, meine Zollbeamten zu täuschen."
„Wollen Ew. Majestät mir einen Versuch gestatten?"
„Oh, das wäre wirklich zu leicht für Sie. Denn als Gesandter ist ja Ihr Eigentum sowohl als Ihre Person unantastbar. Aber wenn Sie darauf eingehcn wollen, sich als gewöhnliche, einfache Person behandeln zu lassen, ja, dann wage ich auf alle Fälle Liesen Ttamantring darauf zu sehen, daß es Ihnen nicht gelingen würde, auch nur das allergeringste Schmuggel- gut in Rußland einzuführen."
„Ich gehe auf die Wette ein", antwortete er mit tiefer Verbeugung. „In diesen Tagen muß ich in Familienangelegenheiten nach Hause fahren. Ans meiner Rückkehr werde ich die Grenze passieren, ohne meine Rechte geltend zu machen, und mich der vorge- schriebenen Zollbehandlung unterwerfen."
„Recht so!" rief die Kaiserin aus. „Aber nehmen Sie sich in acht. Wenn sie ertappt werden, gibt es kein Mitleid mit Ihnen . . ,"
Auf der kleinen Grenzstation zwischen Königsberg und St. Petersburg herrschte die größte Aufregung. Die Zollbeamten hatten nämlich den Befehl bekommen, den Schlitten des französischen Gesandten, der jeden An genblick erwartet wurde, aus das genaueste zu unter- snchen, ebenso die darin befindlichen Personen» den Gesandten nicht ausgenommen.
So lauteten die bestimmten Instruktionen der Kaiserin, die ausgeführt werden wußten, io sonderbar sie auch klangen.
Es war fel^r kalt, mehrere Fuß tiefer Schnee bedeckte die Erde. Die Zollbeamten saßen am großen
58, Jahrgang.
heißen Jahreszeit ja besonders wohltätige Abkühlung erfahren. Denn die Stimmung in der Türkei hat sich durch das, auf die allzu große Langmut der Schutzmächte gestützte renommistische Verhalten . der Kreter, welches in einem argen Mißverhältnis zu ihrer politischen Ohnmacht und zu der Griechenlands steht, allgemach so zugespitzt, daß es für das Eingreifen der internationalen diplomatischen Feuerwehr höchste Zeit ist, wenn der gefürchtete Balkanbrand noch beim ersten Ausslammen gelöscht werden soll!
Me ©u^lillkfl iniii ßethMM-Mmg.
Von angesehener kirchlich - liberaler Seite schreibt man uns:
Herr v. Bethmann-Hollweg hatte durch den preußischen Gesandten Verwahrung gegen die Enzyklika eingelegt: er hatte dem Papst die Verantwortung für die Störung des konfessionellen Friedens zugeschoben und das Verbot der Veröffentlichung verlangt. Tiefe Forderungen waren am 8. Juni gestellt worden: am 11. d. M. wurde dem Gesandten erklärt, daß die Veröffentlichung von der Kanzel und in den bischöflickien Verordnungsblättern untersagt sei, und am 13. sprach der Kardinal-Staarssekretär daD Bedauern über die Erregung aus, die das Rundschreiben veranlaßt habe.
Also Herr v. Bethmann-Hollweg hat alles erreicht, was er gefordert hat?
Das Rundschreiben soll nicht veröffentlicht werden: Aber es ist ja längst veröffentlicht, und zwar zweifellos aus päpstliche Anordnung in den offiziellen Blättern des Heiligen Stuhles., Das jetzige Verbot der Veröffentlichung ist also völlig wirkungslos: das Rundschreiben ist allgemein bekannt, alle Zeitungen haben es gebracht, jeder, der irgendein Interesse daran hat, wird es gelesen haben oder noch lesen, und zwar als eine Kundgebung des P a p st e s, die dieser völlig ausrecht erhält. Ja, trotz der am 11. Juni erfolgten Zusage ist noch am 13. Juni die offizielle Veröffentlichung in der Bam- berger Diözese erfolgt. Galt die Zusage, weil dem preußischen Gesandten erteilt, vielleicht nur für Preußen? Die Forderung des Herrn von Bethmann-Hollweg mag bureaukratisch eine gewisse Bedeutung haben, praktisch war sie wertlos — und ist darum auch leicht zngesagt. Tie beabsichtigte Wirkung des Rundschreibens ist eingetreten: die Katholiken müssen und haben zu glauben und in ihrem Verhalten zu befolgen, was der unfehlbare Papst ihnen verkündet hat.
Der Papst bedauert gar nicht, das Rundschreiben erlassen zu haben, er bedauert nur, daß es falsch verstanden sei, ihm habe nichts ferner gelegen als die Absicht, die Nichtkatholiken Deutschlands oder dessen Fürsten zu kränken.
Kamin und rieben sich vergnügt die Hände bei dem Gedanken an die Belohnung, die ihnen nicht entgehen konnte, wenn die Kaiserin mit ihnen zufrieden war.
„Ich glaube bestimmt, daß wir doppelt, ja dreimal so viel bekommen werden wie bei der Arretierung des Grasen Lazarenc" meinte der eine.
Alle anderen hofften das gleiche und jeder rechnete seinen Anteil an der Summe aus, während sie an ihren dampfenden Teetasscn nippten.
Plötzlich ertönte fernes Schellengeläute.
„Der Gesandte!" riefen alle wie aus einem Munde und sprangen von ihren Sitzen aut.
Sie hatten sich nicht geirrt. Einige Minuten später stand der mit vier Pferden bespannte Schlitten des Marquis Stroganome vor der Zollpforte.
Tie Beamten näherten sich ehrerbietig, während der Zollches den Marquis bat, die gesetzmäßige Untersuchung zu gestatten, die ihnen streng besohlen worden sei.
In_ einen kostbaren Zobelpelz gehüllt, stieg der Marquis aus deni Schlitten und folgte den Leuten.
„Geben Sie aus Mignon gut acht, daß er nicht zu sehr friert", sagte er zu dem ihm folgenden Bedienten, „das arme Tier ist solche rauhe Kälte nicht gewöhnt."
Darauf trat er in das Zollhaus ein, hinter ihm der Diener, einen kleinen Hund auf dem Arm, der zum Schutz gegen die Kälte in eine Decke gewickelt war und der durch Knurren und Bellen seinem Ärger über den gestörten schlaf Ausdruck gab.
Wie eine Schar Raubvögel machten sich die Leute über den Schlitten her, untersuchten ihn durch und durch, ohne das geringste Schmuggelgut zu finden.
Inzwischen wärmte der Marquis sich am Kamin und trank eine Tasse Tee. Das Abenteuer schien ihn durchaus nicht auszuregen, und mit größter Bereitwilligkeit ließ er seine Taschen untersuchen.
„Tun Sie Ihre Schuldigkeit", sagte er, „aber ich bereite Sie daraus vor, daß Sie nichts finden werden."
