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Nr. 263.
Wiesbaden, Freitag, 10. Juni 1910.
58. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. ZZkcrtt. _
Der österreichische Generlüstab.
Auch in der österreichisch-ungarischen Armee verkörpert der Generalstab die geistige Elite des Osfiziec- korps. Wer den heißersehnten grünen Waffenrock, um dessentwillcn der Oberleutnant Hofrichter zürn Verbrecher geworden ist, endlich airlegen darf, der ist vorher gesiebt und geprüft worden nach allen Regeln der Kunst und hat eine bitter harte Zeit hinter sich. Während die minder ehrgeizigen Kameraden die schöne goldene Leutnnntszeit mit der ganzen beneidenswerten Leichtlebigkeit der Jugend genossen haben, verstrichen dem Anwärter auf eine glänzende Zukunft die Abende aus der einsamen Stube über Bücher und Karten, und die unerläßlichen Zusammenkünfte und geselligen Abende hu Kreise seiner Berufsgenossen sind ihm als Ebenso viele Störungen und Hemmnisse erschienen. Wer in Österreich die Generalstabskarriere einscklagen will, muß mindestens drei Jahre in der Front gedient haben. Tann meldet er sich zur Vorprüfung: nur wenn seine Qualifikation die Aussicht auf ein erfolgreiches Studium eröffnet, wird er zu dieser Prüfung einberufen. Sie wird bei der Truppendivision abgelegt: ans der Summe aller Prüflinge erfolgt die engere Auswahl zur Kommandiernng in die „Kriegsschule", die unserer Kriegsakademie entspricht. Drei Jahre währt die Leiöcnszeit auf dieser Hochschule der Militärwissenschaften, und wenn sie glücklich absolviert ist, „kann" der Glückliche, der die Schlutzprüsung bestanden, dem Generatstabe „zugeteill" werden. Cr wird einem Brigadekommando als Brigadeadsutant überwiesen und har dort Gelegenheit, die ersten vraku- schen Grundlagen des Dienstes bei höheren Verbänden sich anzueignen. Tann folgt wieder eine Zuteilung zum Frontdienst und endlich, wenn alles stimmt, die Ernennung zum Hauptmann im Generalstab.
Ganz verschieden von der Organisation des deutschen Generalstabes ist die Zusammensetzung des österreichischen. Dort gibt es nur eine Art von Gencral- stobsosfizieren, denn die Teilung in den „groben Generalstab" und den „Gencralstab der Armee" ist in Österreich nicht durchgeführt. Tie Offiziere des Generalstabes besitzen einen einzigen gcmeinsanien „Konkrctualstatus", das beißt, sic werden gemeinsam nach der „Nangstonr" befördert und die Verwendung innerhalb der einzelnen Tienstzwcige des Gcneral- stabes für die gesamte bewaffnete Macht". Dieser siabcs für die gesamte bewaffnete Macht." Dieser lange und etwas umständliche Titel erklärt sich daraus, daß auch die Landwehr, die ja in Österreich im Frieden nicht nur „an cadre", sondern tatsächlich aufgestellt ist, sowie die Verbände des stehenden Heeres mit Generalstabsoffizieren „dotiert" sind. Es erstreckt sich
demnach die Kommandogewalt des Chefs des Generalstabes nicht nur aus die Armee, sondern auch auf die Landwehr, soweit eben Fragen seines Ressorts in Betracht kommen. Nur ist für die Generalstabsoffiziere, die den Kommandobehörden ber ungarischen Landwehr, der „Honved", zugeteilt sind, eine eigene Uniform geschaffen worden, die sich dem ungarischen Schnitt der Montierung jener Truppe anschließt.
Aber auch die Tiensteinteilung des österreichischen Generalstabes unterscheidet sich wesentlich von jener des deutschen. Der Generalstab ist in Österreich ein „Hilfsorgan" des Reichskriegsministeriums. Seine Bureaus gliedern sich in mehrere voneinander organisch selbständige und unabhängige Stellen. Cs gibt ein Direktionsbureau, ein Bureau für operative Generatstabsarbeiten, ein .Landesbeschreibungsbureau, ein Evidenzbureau, endlich ein Eisenbahn- und ein Telegraphenbureau, an deren Spitze immer ein Oberst des Generalstabes steht. Das „Evidenzbureau" hält die Einrichtung der fremden Heere „evident", es verfolgt die Entwicklung und die Einrichtungen der fremden Armeen. Die „operativen Generalstabsarbeiten" umfassen die Vorarbeiten für die etwaigen Feldzüge und kriegerischen Maßnahmen aus bestimmten Kriegsschauplätzen. Das Landesöeschreibungsburean sammelt und sichtet das notwendige Kartenmaterial für .Kriegsschauplätze, Eisenbahn- und Telegraphenbureau besorgt die Vorarbeiten für die Beförderung der Armeen an die Grenzen im Kriegsfälle und die Vorsorge für Telegraph- und Telephonverbindung im Kriege.
In diesen Bureaus arbeiten besonders geeignete Offiziere, die anderen Generalstäbler befinden sich teils in einzelnen Abteilungen des Kriegsministeriums, teils bei den höheren Kommandos der Armee. Tie Verwendung von Gcneralstabsossizieren im .Kriegsministerium ist darum nötig, weil das österreichische Kriegsministerium nicht wie bei uns einen eigenen Stand besitzt, sondern die Offiziere auf eine Anzahl von Jahren den Truppen und eben deni Generalstabs entnimmt. Es wechseln mit den Vorständen der Abteilungen auch die einzelnen Offiziere recht häufig.
Früher war die Generalstabskarriere in Österreich nicht nur die bevorzugte in Bezug ans die Stellung innerhalb des gesamten Offizierkorps, sondern auch hinsichtlich der Beförderung. Das hat in den letzten Jahren eine wesentliche Veränderung erfahren. Wie die Beförderung-Verhältnisse in der österreichischen Armee im allgemeinen ungünstig geworden sind, so schöpfen die Generalstabscffiziere auch uickst mehr, wie man so sagt, „aus dem vollen". Immerhin gelangen sie naturgemäß rascher in höhere Dienstgrade als ihre Kameraden von der Truppe. Wenn man erwägt, welch große Summe intensiven Studiums ihnen zugemutet wird, che sie in die bevorzugte Stellung gelangen können, wird nran auch billigerweise zugestehen müssen, daß ihr rascheres Vorwärtskommen eine gerechte Belohnung für all die Arbeit ist, die sie zu leisten haben. Augenblicklich müssen auch die Hauptleute des General-
stabskorps fast zehn Jahre aus die Beförderung warten, während in früheren Jahren das Vorwärtsrucken u> höchstens sieben Jahren erfolgte.
Diese Aussicht aus eine immerhin günstigere Karriere ist es nicht zum geringsten Teile, die das sogenannte „-Strebertum" unter den jungen Offizieren gewissermaßen großzieht. Freilich verlangen auch die Vorschriften der österreichischen Armee, daß nur solche Offiziere zur Laufbahn des Generalstabes zugelassen werden, deren Charakter eine Gewähr dafür bietet, dag der Drang nach Vorwärts einem Verlangen nach wissenschaftlicher Ausbildung entspringe. , Wie jedoch alles im Leben des Menschen Stückwerk ist, so ift es selbstverständlich nicht ausgeschlossen, daß_ es nicht gerade immer die idealen Ziele sind, die die jungen Offiziere aus die barte Schulbank der Kriegsschule lenken. So hat man sa auch den Fall Hofrichter aus deni Strebertum abzuleiten und zu erklären. versucht, wie es möglich wäre, daß ein junger Offizier überhaupt aus den sträflichen Gedanken kommen konnte, durch verabscheuungswürdige Mittel sich . freie Bahn zu schassen zum Vorwärtsschreiten auf einer allerdings zu den höchsten Spitzen der militärischen Hierarchie führenden Laufbahn. Einen großen Teil der den General- stab-dienst versehenden Offiziere in der österrerchrsch- unaarischen Armee bilden die sogenannten „zugc- teiiten" Offiziere. Es sind dies die Offiziere, die die Kriegsschule absolviert haben und nun in der dornenvollen und heiklen Stellung der Brigadeadjutanten auf die Einberufung in das Generalstabskorps warten. Dck aber in den höchsten Dienstgraden der Armee die Inhaber dieser Stellen mangels eines ausreichenden Ab- aangs „festsitzen", sa erfolgt der Nachschub nach oben nur in sehr gemäßigtem Tempo, und es dauert ge- i raume Zeit bis der junge Offiziere zur selbständigen Stellung eines Generalstäbshauptmanns aufzurücken imstande ist. Diese Stellen der Brigadeadjutanten werden in Deutschland, wie bekannt, auch von solchen Offizieren eingenommen, die die höhere Adjutanten- lanfbahn eingeschlaaen haben, und so erfolgt bei uns die Beförderung innerhalb des Generalstabskorps unabhängiger von der „ gewissermaßen niedrigeren Karriere, während in Österreich das Verbleiben . in solchen Stellungen durch geraume Zeit die unerläßliche Vorbedingung zum Aufsteigen in den Generalstab bildet.
Mit der Berufung des Generals . der Infanterie Konrad v. Hötzendorf ist ein neuer Geist in den Gencralstab eingezogen. Lange Jahre hindurch befand sich aus diesem Tienstposten der General der Infanterie Graf Beck, persona gratissima bei Kaiser Franz Joseph und auch hochgeehrt vo» Kaiser Wilhelm, der ihn zum Chef eines preußischen Infanterieregiments ernannt hat. Die neue militärische Strömung aber, die sich in Österreich in der Person des Erzherzog- Thronfolgers verkörpert, betrachtete diese Persönlich- kcit offenbar als ein Hindernis für die Verwirklichung aller jener Pläne, die darauf ausgingen, der Armee
Feuilleton.
(Nachdruck vrrLoten.)
Skagen.
Das Wort Ckage bedeutet einen schmalen, weit ins Meer hinausführenden Landstreifcn. Diese Deutung kann uns so wenig befriedigen als ungefähr die: Eine Stimmgabel ist ein gabelförmig gebogener Stahlstab. Die Erklärung übersieht hier wie dort die Schwingungen, die eine reiche Tonfkala auslösen: Skagen, Skagerrak, Skagens
Riff, Skagens Horn, Skagens Feuer, Skagens Fischer und Magens Maler. Wir hören bei dem Wort zwei Meere gegeneinander branden, Eiserne Küste und Jammerbucht als LaNdkartennamen künden Seemannsnot und Seemannsheldentum, was an Ort und Stelle Massengräber Namenloser und Kirchhöfe der Wracks bestätigen. Um unseren Kops fliegt gespenstisch der Lichtkegel eines Leuchtturmriesen, der auf der äußersten Landspitze Wache hält, von Hirtsholm und Gamle Skagen antworten die Blink- und Blitzfcuer An Nebeltagen dröhnt das Gebrüll der warnenden Sirenen in unser Ohr. Skagen heißt: Seenot, Brandung, die auch di; größten Schisse über die Bänke hinwegwirft, um sie an der Küste zu zermalmen. „Skagen passiert". Wenn der Name eines Schisses, das Skagens Riff umsegelt, von einer Warte am Strande sofort nach London und Kopenhagen gemeldet wird, so sagt diese Nachricht: Schwere
Gefahr überstanden. Skagen heißt aber auch: Strandsegen und Strandfreude, Größe und Einsamkeit einer unvergleichlichen Natur. Skagen heißt reicher Fischzug, der den Wohlstand mehrt, zu dem die Schätze gestrandeter Segler den soliden Grund gelegt haben mögen, heißt sonnige weiße Küste in Meilenlängen, Düne und Heide, Marsch und Moor in buntein Wechsel, heißt in Staub zersprühende Schaumköpfe der Skagerrakbrandung, die auch an windstillen, sonnenhellen Tagen nicht feiert, ausgelassenes Gelächter der
Mövrn, die sich vom Düncnstrand auf die Reste des Fisch- zngcs stürzen, Schafherden, die friedlich durch die Dünen- täler ziehen, weiße Giebel und rote Dächer, über deren Regenrinne eitelstolze Malven ragen, rote, gelbe, braune und weiße Stockrosen, eine Sonderart scheint's, so üppig gedeihen sie hier, heißt violette Heide, kupferbraune Zwergweide, irisierender Metallglanz blaugrünen Enzians, leuchtende Korallenbeeren des Seekreuzdorns, milder, bläulicher Schimmer der Stranddistel. Das alles heißt Skagen. Ein in vielen Farben leuchtendes Bild, zu dem die smaragdgrüne See einen Rahmen gibt, der dafür gerade gut genug ist. Wie heiter diese Farben leuchten. Das macht Skagens Himmel, Skagens Wind und Skagens Sonne. Alle drei gibt's nur einmal. So sagen euch die Europäer Skagens, die Meister des Pleinair Ancher, Locher, Tnxen, Johansen. Die cs am lautesten kündeten, können's nicht mehr sagen. Hol-ger Drachmann und Peter Severin Kroyer liegen heute unter Skagens Sand.
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Am Anfang waren die Fischer in Skagen. Doch nein, vor ihnen war wohl der große Goldbutt da. In den Novembernächten stand er in dichten Scharen am Nordstrand. Dann zog groß und klein hinaus und machte reichen Fang. Der Goldbutt wurde die Münzwährung. Auf die Theke des Kaufmanns legte der Skagener statt Geld getrocknete Butt. Die Lübecker trieben hier den ersten Tauschhandel und versahen die Fastentische der Katholiken in Polen und selbst in Italien mit Skagener Fischen. Dann zogen auch die Fischer von Skagen hinaus nach Lübeck, Rostock, Danzig, Flensburg und Kopenhagen und brachten für die verkauften Goldbutt — 24 Schilling das Hundert — Branntwein, Kaffee und Zucker heim. Nach den Fischern aber kam die Boheme» die schreibende und die malende, zuerst wohl gelvckt durch die Katastrophen. Am Weihnachtsabend 1825 strandete dort oben eine ganze Handelsflotte von fünfzig Seglern, im November 1838 zerbarsten an Skagens Riff die stolzen Segler Marchal und Orinoco
und an einem Reujahrsmorgen riß ein Fischer von Skagen die Kirchentüren auf, während der Prediger auf der Kanzel stand: Alle Mann raus, es stranden drei Schisse! Strandnugsschilderungen und Strandungsbilder trugen die erste Kunde von Skagen über Dänemark hinaus. Auch Holger Drachmann, der im Frühjahr 1872 Skagen für die Kunst entdeckte, war Zeuge einer Strandung gewesen. Er alarmierte die Kopcnhagener Künstler. Sein Schüler Locher, der später in Grönland der Kunst dieselben Pionierdienste leistete, war der erste nach ihm, der sein Zelt — im buchstäblichen Sinn — zwischen den Skagener Dünen aufschlug. Dann kam Michael Ancher, der Anna Bröndum heiratete, dann Kroyer, Tuxen und Julius Paulscn. Bald wurde die dänische Kolonie interskandinavisch, norwegische, schwedische und finnische Künstler stießen hinzu, deutsche und englische machten sie dann international. Mit den Malern aber kamen deren Freunde, Sänger und Sängerinnen, Mimen, Bildhauer und Schriftsteller, und diesen folgten schließlich die Touristen und Badegäste.
Heute ist Skagen ein Badeort von hohem Range. Sein Nordseestrand wetteifert mit Westerland, sein Klima mit Helgoland, sein Kattegatstrand zeigt die Vorzüge der milderen Ostfeebäder. Aber in einem bleibt Skagen unerreicht, in den Küsten zweier grundverschiedener Meere. Der Unterschied des Salzgehaltes ist recht bedeutend und wird auch an der äußersten Spitze der Landzunge, in Grcnen, dort, wo man ohne Mühe mit dem einen Bein im Skagerrak, mit dem andern im Kattegat stehen kann, nicht ausgeglichen. Beide Meere gehen ja erst weit draußen hinter dem Feuerschiff, das das Ende des Riffs anzeigt, ineinander. Ein hoher, meilenweit sichtbarer Wogenkamm zeigt die Vereinigung an. Ängstlicheren oder schwächeren Gemütern möchte man für die ersten Tage das Kattegat anrwten, sie mögen dann zum Skagerrak übergehen. Wir haben übrigens nie das Umgekehrte beobachtet. Wer sich von der Skagerrakbrandung einmal massieren läßt, spürt so hohe Meereswonnen. daß er das Kattegat fürderhin als
