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Nr. 283.

Wiesbaden, Samstag, 4. Juni 1810 .

«8. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

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Die Politische Situnliou.

Ter schwarz-blaue Block Hat den zweiten großen Sieg über die Regierung gewonnen. Diesmal schämen sich die. Konservativen nicht ihrer Verbiuduua mit dem Zentrum: sie erkennen an, daß planmäßig ge­rn e i n s ch a f t l ich gehandelt ist. Die Konservativen haben den Feldzugsplan gemacht und die Führung ge­habt, ihnen ist auch der Hauptgewinn zugefallen.

Ter Sieg wird ausgenutzt werden in reaktionärem Sinne auf allen Gebieten des Staates und der Kultur, nicht bloß in Preußen, auch in- Reiche und in den ein­zelnen Bundesstaaten, über die Preußen seine Gewalt in diesem Sinne üben wird.

Tie preußische Regierung hat eine noch viel voll- ständigere Niederlage bei der W a h l - reform erlitten als die Reichsregierung bei der Finanzreform. Diese hatte doch wenigstens noch eine anständige Minderheit auf ihrer Seite, für die Mahl­reform in einer der beiden Formen der Regierung, der ursprünglichen Vorlage und der Herrenhausbeschlüsse,

feist liefern*

Vom Sommer-Rennen auf dem Frankfurter Turfptntz.

, den 2. Juni.

Der zweite Dag des vom Rennklub veranstalteten Mee- ting verlief, was das Wetter anbelangt, gut. Zwar drohte auch diesmal wiederum Regen; aber nachmittags besann sich Jnviter Pluvius. Es war, als ob er sich der hübschen Sommertoiletten unserer Frankfurter Damen erinnert hätte und ihnen für ein paar Stunden gestatten wollte, sich in der wohligen Waldluft von ihren mehr oder minder graziösen Inhaberinnen spazieren tragen zu lassen. Was die Rennen selbst anbelangt, so wird Ihnen Ihr Sportberichterstatter ja bereits gemeldet haben, daß sie die wertvollsten waren, die der Rennllub bis jetzt für Hindernisse ausgeschrieben hatte. Auch von den sportlichen Überraschungen, die der Donners­tag brachte, sind Sie bereits orientiert. Es bleibt mithin nur der Blick über das Gesellschastsbild übrig, und dabei sei gleich erwähnt, daß sich gar viele schöne und kostbare Toiletten vereinigten, um die bekannte Eleganz Frankfurts angenehm dem Beschauer vor Augen zu führen. Zwar war der Frankfurter Turfplatz diesmal nicht überfüllt. U,n so besser konnten daher einzelne wirklich schöne Kostüme und besonders stattliche Hüte in die Erscheinung treten. Statt­lich, das ist für die großen Formen, unter welchen kaum der Kopf zum Vorschein kommt, das treffendste Wort. So ein Hui repräsentiert ein Wertstück heutzutage, denn z. B. die feinen Florentiner, die das Gesicht durch ihren Eigen- kchwunL (nicht «stützt mit Draht und deral.l malerisch um­

war niemand, Herr v. Bethmann blieb allein. Und zu diesem Unglück kam noch der Mißerfolg im Reichstage. Die wichtigsten Vorlagen der verbündeten Regierun­gen, das Gesetz über die Entlastung des Reichs­gerichts und das K a l i g e s e tz sind vom Reichs­tage völlig über den Haufen geworfen-- ohne daß

ein ernstlicher Widerstand von der Regierung geleistet worden wäre. Daß die W e r t zu w a ch s st eu e r auf der von ihr gewollten Grundlage nicht möglich sei, darüber war man klar. Noch nie sind Regierungsvor­lagen so unzulänglich gewesen und so schwach verteidigt worden.

Und die große Aktion der Finanzreform ? Ihre Unzulänglichkeit wird schon offen anerkannt. Nahezu 700 Millionen Steuern sind in wenigen Jahren neu bewilligt, und immer will es noch nicht reichen.

Deutschland ist in der Tat in einer kläglichen politi­schen Situation. Eine Regierung ohne jede Autorität unter der Herrschaft und zwar unter der strengen Herrschaft von Parteien, die, jeder fort­schrittlichen Entwicklung feindlich, rücksichtslos ihre Parteiinlerefsen verfolgen. Reichstag und preußischer Landtag in den Händen dieser Mehrheit! Das kann ein großer Staat nicht vertragen, ohne den schwersten Schaden zu leiden. Die deutsche Nation wird, zu dieser Einsicht gedrängt, den Kampf aufnehmen müssen gegen den schwarz-blauen Block und die Regierung, die sich ihm unterworfen hat.

Wenn irgend etwas durch die politische Entwicke­lung der letzten Zeit bewiesen ist. so ist es die Un­möglichkeit, daß in unseren Verhältnissen die Re­gierung eine Stellung über den Parteien aufrecht er­hält. Tie Partei, die stets behauptet, ihr die beste, die einzig zuverlässige Stütze zu sein, ist ihr schlimmster Feind trotz aller Versicherung der Treue, Wer hat die Kanalvorlage der preußischen Regierung zu Fall gebracht obwohl der König selbst sich lebhaft für sie einsetzte? Die Konservativen! Sie haben noch dazu die preußische Regierung durch die Bedingung, unter der sie das Teilprosekt genehmigten, die Erhebung von Schiffahr ts ab gaben auf den Strömen, in einen schweren Konflikt mit anderen Bundesstaaten und mit befreundeten Reichen gebracht. Sie haben die Finanzreform in einer Form aufgezwungen, die den Reichskanzler zum Abaehen nötigte. Sie haben jetzt jede auch die bescheidenste Verbesserung des preußischen Wahlrechts der Regierung abgelehnt. Ties alles nur. um ihre Interessen, ihre Herrschaft zu wahren. T-e Regierung muß sich ihnen fügen. Und sie muß es wirk­lich, sie hat gegen sie keine Macht.

Herr v. Bethmann-Hollweg wird fragen, wo er eine Stütze gegen sie suchen soll. Er wird sie freilich trotz allen Suchens schwerlich finden: er hat seine Politik zu sehr dem schwarz-blauen Block dienstbar gemacht, um an anderen Stellen Vertrauen finden zu können. Und wo soll er suchen?

Jetzt rächt sich die Taktik, die von Bismarck an stets von der Regierung befolgt ist: den Versuch zu machen, sich über die Parteien zu stellen. Die Folge ist. daß

keine Partei sich p o l i t i s ch für v o I l v e r a n t. wörtlich gefühlt hat, auch nicht für die Maßregeln, die sie unterstützte, und daß keine Partei oder Partei- gruppierung sich hat bilden können, die eine wirkliche Stütze für die Regierung wäre. Bismarck hat die nationalliberale Partei zertrümmert, aus Zentrum. Sozialdemokratie und Polen hak er durch seine, von seinen Nachfolgern beibehaltene Behandlung starke selbständige Parteien gemacht, deren letzte Ziele mit den Reichsinteressen schwer vereinbar sind. Ter Bülow- sche Block war eine Verbindung entgegengesetzter Par­teien, deren Folge die natürliche Verbindung der bei­den reaktionären Parteien sein mußte.

Für Preußen ist kaum auf eine Änderung zu hoffen, alle anderen Parteien sind der Koalition der Konservativen und des Zentrums nicht gewachsen, und so lange nicht eine gründliche Änderung des Wahl­rechts stattfindet, ist eine wesentlich andere Zusam­mensetzung des Abgeordnetenhauses nicht möglich, und dann bleibt doch noch das Herrenhaus. Im Reichstag wäre es, wenn eine . Regierung ehrlich liberal sein wollte, möglich, ihr eine feste Partei­gruppierung zu schaffen. Nationalliberale, Fortschritt­liche Volkspartei und Sozialdemokratie verfügen schon jetzt über so viele Stimmen, daß eine Neuwahl ihnen eine Mehrheit verschaffen könnte, wenn sie auf Grund eines liberalen Programms stattfindet. Aber die Männer, die man an die Spitze der Regierungen zu stellen pflegt, werden auch durch die harten Lehren des Blocks noch nicht genügend belehrt sein: nach der bis­herigen Schablone wird weiter gearbeitet werden. Von oben wird die Rettung also nicht kommen, sondern nur aus einer überwältigend starken Überzeugung des Volkes und der liberalen Parteien, daß in der bis­herigen Weise nicht weiter gewirtschaftet werden kann, wenn nicht das Reich außerordentlich große, schwer Wieder gut zu machende Schädigungen erfahren soll.

Ter Beginn einer Besserung ist nur möglich durch eine auf einem klaren liberalen Programm be­ruhende feste Verständigung der beiden liberalen Parteien. Nur eine solche kann in dein Publikum die reckte politische B e g e i st e r n n g, die zu dem schweren Kampfe gegen die Reaktion nötig ist, erwirken und mit der Sozialdemokratie zu einer Verständigung führen, die dem Liberalismus genehm sein und die nötige Zustimmung in der Nation finden kann. Solches Verständigungen müssen bestimmte praktische Auf­gaben und Ziele setzen und den Weg angeben, auf dem man sie erreichen will, und sie müssen für diese und sich eine gewisse Zeit bindend sein.

Die nationalliberale Partei muß sich klar sein, daß sie setzt am Scheidewege steht. Sie ist seit langer Zeit eine Mittelpartei gewesen, die je nach Umständen sich nach der einen oder der anderen Seite entscheiden konnte. Diese Stellung kann sie nicht mehr aufrechterhalten: nachdem der schwarz-blaue Block sich fest konstituiert und die Regierung sich unter­worfen hat, bleibt für eine Mittelpartei kein Platze Will die nationalliberale Partei noch eine Bedeutung haben, so muß sie das entscheidende Gewicht auf den Liberalismus legen.

schmeicheln und oft niit 8 bis 10 großen Straußfedern gar­niert sind, kosten ein kleines Vermögen. Ihnen gebührt aber auch der Vorzug, wirklich kleidsam und vornehm zu wirken. Mit Genuß betrachtet man auch die hübschen, nicht allzu großen Formen, deren Kopf ganz ans Blumen hergestellt ist. Jedoch auch recht kleine Fassons waren reichlich vertreten. Eine reizende junge Dame, Tochter eines bekannten Archi­tekten, hatte einen Hut zu einem braunen Tailor made-EIeib gewählt, der genau die Form eines Blumentopfes, verkehrt aufgestülpt, trug. Wäre das Fräulein nicht so hübsch ge­wesen, würde man demHut den Ehrengrutz versagt" haben. Aber die Jugend! bei ihr heißt es noch immer: erlaubt ist. was gefällt! Und für sie bringt die diesjährige Mode namentlich viel Reizvolles. Da sind unter anderen zwei junge Mädchen ausgefallen, welche ganz gleich gekleidet dieAltwiener" Sommerkleidchen wieder zu Ehren brachten. Kurze Taille, Puffärmel, durch lange Halbhandschuhe er­gänzt, ganz kleiner runder Ausschnitt mit Pierrotkragen, sehr snßfreier Rock mit Volant, und das Ganze gefertigt aus einem einfachen Waschstoffe in der jetzt so beliebten Linden- blütensarbe. Dazu trugen beide junge Damen helle flache Hüte mit Schutzrand, um den sich ein Kranz von Blumen legte, der zu der Farbe des Kleides paßte. Ton in Ton, das ist im großen ganzen jetzt vielfach die Hauptsache. Die bekannte schöne Frau Bankier H. trug ein schwarz und weiß gestreiftes Foulardkleid mit reichen Spitzenentredeux und vervollständigt durch einen oben erwähnten schwarzen Floentiner Federhut. Ganz schwarz, in schlichter Trauer- toilette, erschien Prinzessin Friedrich Karl von Hessen, Sie nahm in dem hinter der Fürstenloge ge­legenen kleinen Raume mit kleinem Gefolge den Tee. An thron Tische haste wiederum unser beliebter General v on ;

Bissing Platz genommen, eine Auszeichnung, die ftüher stets auch dem leider verstorbenen Generalleutnant von Chappuis zuteil geworden war. Sein freundliches Gesicht fehlt nun im Kreise jener, die um die Hofloge sich scharten. Vorbei! aber von vielen, die gewöhnt waren, ihn dort zu sehen, doch nicht vergessen.

Gestreifter Foulard ist Haute-Nouveautö. Ein Modell, das kürzlich noch im Schaufenster von Heicke und Simo­nis ans der Kaiserstraße bewundert wurde, schmückte gestern den Tnrsplatz. Es war in blau und weis; schmal gestreiftem Foulard gearbeitet. Die Verzierung bestand in Ehantilly- Spitzen und war reich ans das überkleid und den unter die­sem'hervortretenden Rock verteilt. Die Ärmel waren in Quersaltm gelegt und nicht sehr weit. Sie endigten unter dem Ellbogen in den Pierrot-Auffchlag, zu welchem der ge­fältelte Kragen von Stoff und Spitze paßte. Ein Leder­gürtel gab dein eleganten Kosstinr das Cachet, um es auch als Straßenkleid benützen zu können. Die Dame trug eine Toque ganz aus Rosen mit schwarzem Reiherbusch dazu. Auch viele weiße Kleider, besonders in Leinen und Battist, waren zu sehen. Gerade so, wie die beliebten Tussor- Gewänder, fast alle mit doppeltem Rock gefertigt oder mit der zu dem Kleide passenden halblangen Jacke.

Die Kunst war durch Fräulein Urban in weißem irischem Spitzenkleid und in Fräulein Sellin vertreten. Ebenso durch die Herren Schramm und L e n g b a ch, hinter welchen, wie das so bei Theaterlieblingen zu gehen pflegt, meist eine Schar frischer Backsischlein zu sehen war. Sie müssen doch ihren Stern haben, für den sie schwärmen. Die Genannten schienen sogarFixsterne" zu sein, denn sie fixierten" ihre jungen Verehrerinnen voll Vergnügen.

A. Hill,