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Nr. 249.
Wiesbaden, Donnerstag, 2. Juni ISL«.
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08, Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Wccrtt. _
Heydebrands geheime Absichten.
In sehr interessanter Weise äußert sich Professor Delbrück im neuesten Heft der „Preußischen Jahrbücher" über das Scheitern der Wahlreform. Er geht von der Frage aus, was hat die Konservativen bewogen, die Wahlresorm in der Form, die ihr das Herrenhaus gegeben hatte, abzulehnen? Denn natürlich sagte ihren Grundsätzen diese Form eigentlich sehr zu. Es war einesteils die Rücksicht auf das Zentrum, mit dem die Konservativen gemeinsam Politik machen wollen, und das sie auch in diesem Falle nicht im Stich lassen mochten- Aber, sagt Delbrück, Herr v. Hehdebranü dachte weiter. Er wollte den Nationalliberalen keine Gefälligkeiten erweisen und ihnen bei den Verhandlungen nicht entgegenkommen, weil voraussichtlich bei den nächsten Reichstagswahlen ein besonders scharfer Kampf zwischen den Konservativen und allen Liberalen entbrennen wird, wie das die Nachwahl in Pletzko-Lyck gezeigt hat. Delbrück fährt dann fort:
„Die Wahl hat zweitens gezeigt, daß die Position der Konservativen im nächsten Reichstag auf ein 3W i - nimum reduziert werden wird. Vermutlich wird die Fraktion kaum stärker werden als etwa die der Polen. Tie Sozialdemokraten aber werden vielleicht auf 100 oder gar 120 Stimmen kommen. Die einen werden sagen: um so nötiger ist es. in Preußen eine ernsthafte Wahlreform durchzuführen. Tie andern aber, nämlich die Konservativen, werden rechnen: wenn wir 'erst 120 Sozialdemokraten im Reichstag haben, dann ist von Reformen überhaupt nicht ni e h r d i e R e d e : dann gibt es nur noch den K a m p f. Sei es nun, daß die alten S t a a t s st r e ich v e l l e i - täten wieder ausleben: sei es, daß man rechnet, daß der ungeheure Schreck alle bürgerlichen Elemente zu einer geschlossenen Masse zusammenballen wird: die
Vorstellung, daß ein großer Erfolg der Sozialdemokratie zugunsten der Reaktion ausschlagen werde, ist nicht so schlechterdings von der Hand zu weisen. Ich zweifle nicht, daß derartige Erwägungen bei der Stellungnahme der Konservativen eine Rolle gespielt haben.
Es dürfte aber noch ein Drittes hmzugekonimen fern, die Konservativen zu ihrer Schwenkung gegen die Regierung und das Herrenhaus zu bestimmen. Tie unselige Taktik der N a t i o n a l I i b e r a I e n. ihren Forderungen auch eine grobreaktionäre, die Gemeind'edrittelung einzufügen, gibt sa den Konservativen vor den kleinen Leuten unter den Wählern ^ine höchst günstige Beleuchtung. Sie sind in der Lage, mit
Fug und Recht den Wählern sagen zu können, daß sie eine bessere Wahlreform gewollt und zugestanden haben, als sie die Regierung schließlich verlangte. Tie Veränderungen, die dasHerrenhaus an dem schwarzbisauen Kompromiß vorgenommen, waren sa in der Hauptsache nicht Verbesserungen, sondern grobe Verschlechterungen. Das hat in vorzüglicher Weise nämlich der konservative Redner Herr v. Richthofen klargelegt. Die Konservativen waren sich bewußt und durften sich bewußt sein, daß sie mit ihrem Modus der Dritteluna das Interesse des Mittelstandes und der Plutokratie wahrgenommen hatten. Um die National- liberalen zu gewinnen, hat der Ministerpräsident sich bereit finden lassen, ihre reaktionäre Forderungen in der Drittelungsfrage zu unterstützen, und mit vollendeter taktischer Findigkeit haben die Konservativen hier einaehakt. Plutokratismus ist nicht Konservativismus. erklärte Herr v. Richthofen. Der kurzsichtige Fraktionsegoismus der Nationalliberalen hat hier den Konservativen einen unschätzbaren Triumph bereitet. Sie haben hier eine Stellung gewonnen, in der sie geradezu unangreifbar sind. . Nicht nur der Volks- Partei, sondern sogar den Sozialdemokraten blieb nichts übrig, als in dieser Frage stets mit den Konservativen gegerr die Nationalliberalen zu stimmen. Wenn die gar zu große Intimität mit dem Zentrum und die Spekulation auf Verfassungskonflikte auch viele Konservative sicherlich mit Unbehagen erfüllt und sie nicht gern auf der fetzigen Bahn der Politik wandeln läßt, die Drittelungsfrage ist geeignet, der konservativen Partei wieder ein gutes Gewissen zu schaffen. Hier hat sie das höhere moralische Recht unzweifelhaft auf ihrer Seite und braucht den Kampf mit ihren Gegnern in Versammlungen nicht zu scheuen.
Der letzte Grund für die Gestaltung der heutigen Situation ist, daß der Ministerpräsident durchaus alle drei Pferde, die Konservativen, das Zentrum, die Nationalliberalen, an seinen Wagen spannen wollte. Das war unmöglich. I mm er so zwei, mochte man so oder so wählen, hätten sich zusammenschirren lassen, aber niemals alle drei. So ist vorläufig gar nichts geworden, und die schöne Stellung, die der Ministerpräsident einen Augenblick gewonnen zu haben schien, als er alle seine Vorschläge im Herrenhause durchsetzte, ist im Abgeordnetenhause wieder zusammengebrochen. Tie überaus entschlossene und selbstbewußte Führung des Herrn v. Heydebrand hat abermals triumphiert."
Delbrück erörtert dann die Frage, weshalb Herr von Bethmann-Hollweg das Abgeordnetenhaus nicht auslöst. „Dazu", antwortet er, „ist er s el b st zu ko n- s e r v a t i v. Im Reichstag steht der Ruin der Konservativen ohnehin bevor und ist nicht mehr auszuhalten. Zerstört die Negierung nun auch die Position der Konservativen im Abgeordnetenhause, so gibt das ein solches Umlegen nach links, daß man nicht
absieht, wann das Staatsschifs wieder ins Gleichgewicht kommen wird. Ein merkwürdiger Zustand: die Regierung läßt sich von den Konservativen eine Behandlung gefallen, die an Nichtachtung grenzt, ob- gleich aber diese konservative Partei völlig rn dre Hand der Regierung gegeben ist: ein Federstrich und eine scharfe Anweisung an die Regrerungs- präsidenten, und von der konservativen Partei gibt » nur noch Reste. Aber eben das will die Regierung nicht. Sie ärgert sich über das Verhalten der Konservativen, aber sie fürchtet den Zustand, in den wir geraten würden och n e die Konservativen. Den Mittelweg aber, die Konservativen zugleich zu erhalten und im Respekt und Gehorsam M erhalten, findet sie nicht. Wir wollen hinzufügen: es wäre auch nicht leicht, das hat schon Bismarck erfahren."
Merkwürdigerweise kommt Delbrück nicht auf den naheliegenden Gedanken des Rücktritts des Herrn v. Bethmann. Tenn er gibt offen zu, daß es diesem nicht ganz leicht sein wird, eine Wahlreform auf ganz anderer Grundlage einzubringen, denn er habe sich setzt schon zu sehr festqelegt auf gewisse Prinzipien. Uiid so schließt der Herausgeber der „Preußischen, Jahrbücher" nicht gerade hoffnungsfreudig bezüglich dev ferneren Aussichten.
Uoiittsche Übersicht.
Gir» redft bezeichnender kleiner Prozeß
spielte sich dieser Tage in Mölln (Herzogtum Lauenburg) ab. Der Herausgeber der liberalen „Rundschau" fiir den dortigen Kreis, Herr Helms, hatte von „neuen Unverschämtheiten" des Majors a. D. v. Düringen geschrieben, weil dieser die — Kühnheit gehabt hatte, in einer Versammlung zu sagen: „Der Liberalismus sei nicht fähig, allein eine werbende Kraft zu sein, weil er kein Programm habe und nicht national und vaterländisch sei." -Herr v. Düringen hatte schon in früheren Vorträgen den Liberalen die nationale Gesinnung abznsprechen versucht. Man kann es verstehen, daß ein Liberaler diese seiner Partei zugefügte Schmach als solche empfindet und mit einem kräftigen Ausdruck dagegen remonstriert. Nicht verstehen kann man es indessen, daß bei dieser einfachen Verbalinjurie die Staatsanwaltschaft öffentliches Interesse, annahm und die Beleidigungsklage sx officio anstrengte, so daß der Beleidigte als Zeuge vernommen werden konnte und dem Beklagten die Widerklage abgeschnitten ward. Angesichts der ganzen Sachlage war das eine Parteinahme zugunsten des den Liberalismus beleidigenden Klägers, während doch die Staatsanwaltschaft die „objektivste Behörde -der Welt" sein soll. Wir fragen, ob umgekehrt das öffentliche Interesse angenommen werden würde, wenn irgendein Konservativer von den „Unverschämtheiten" irgendeines Liberalen gesprochen hätte. Hier würde der letztere wegen dieser
Feuilleton.
(SlatSbnii verboten.)
Dis Mssternmldlinhnen.
Von K. Wolff.
Bei der Beratung des Eisenbahnetats im Preußischen Landtag wünschten verschiedene Abgeordnete eine direkte Verbindung zwischen Frankfurt und Cöln auf denr geradesten Wege, nämlich dem über Limburg und den Westerwald. Sollte ihr Wunsch in Erfüllung gehen, so würden die beiden Großhandelsstädte am Main und Rhein und mit ihnen viele andere Orte an dieser Verkehrslinie einander wesentlich näher gerückt und der Personen- und Güterverkehr über den Westerwald bedeutend gehoben werden.
Die Westcrwaldbahnen, deren erste kaum 25 Jahre denr Verkehr dient, brachten reges Leben in das verlassene Dasein des von aller Welt abgeschlossenen, so sehr vcrrrrfcnen Westcrwaldes. Ja, sie kultivierten dem Staat einen ganzen Bezirk, indem sie des Westerwaldcs damals so unbedeutende, kaum vegetierende Industrie entfalteten, neue Industriezweige daselbst ins Leben riefen und seine gewaltigen Bodenschätze erschlossen, die in den reichen Tonlagern, Dasaltsteinbrüchen, Braunkohlen- und Erzgruben des Abbaues harrten. Sollte nunmehr ein Großbahnbetrieb über den Westerwald geschaffen werden, so würden in Zukunft die so sehr in Anspruch genommenen Bahnlinien am Rhein und an der Lahn entlastet und zugleich eine strategische Bahnverbindung erster Ordnung geschaffen werden, die imstande wäre, in kürzester Frist gewaltige Truppenmassen vom Main und der oberen Lahn an den unteren Rhein zu werfen und dort zu konzentrieren.
Mit denr Bau der Westerwaldbahnen wurde im Herbst .1881 begonnen. Sie wurden eingleisig und für den Sckun- därbahnbetrieb eingerichtet. Doch ist ihr äußerst solide angelegter Oberbau, der auf einer Schicht dauerhaften Grauwackenschiefers ruht, fähig, einem erstklassigen Bahnbetrieb zu dienen. Schon bei Beginn des Bahnbaues äußerten sich Stimmen zugunsten einer doppelspurigen Bahn. Sie er
reichten nur, daß der Bahnkörper so angelegt ward, daß er jederzeit zum Vollbahnbetrieb leicht umgebaut werden kann. Anfänglich waren nur zwei Bahnen über den Westerwald geplant, die Unter- und die Oberwesterwaldbahn. Infolge des wirtschaftlichen Auffchwungs auf dem Westerwalde wurde aber bald der Bau mehrerer Zweig- und Querbahnen notwendig. Die Unterwesterwaldbahn läuft von Engers am Rhein nach Siershahn. Hier gabelt sie sich. Während der eine Zweig nach Altenkirchen weiter geht, zieht sich der andere über Montabaur nach Limburg an der Lahn hin. Die Oberwesterwaldbahn verbindet Limburg mit Hachenburg. Sie ist nach Attenkirchen weiter gebaut und wegen ihrer ziemlich geraden Richtung hauptsächlich die Bahn, die sich infolge der Verbindung mit der Siegbahn durch die Linie Altenkirchen-Au am besten zu einer Durch- gangsverbindung Frankfurt Cöln eignet. Sie zählt außerdem nicht so viele Kurven und ist auch keine solche „Via- duktenbahn" wie ihre Schwester, die Westerwaldbahn. In neuerer Zeit entstanden außer einigen kleinen Nebenbahnen die Querbahnen Herborn-Driedorf-Westerburg und Selters- Herschbach-Hachenburg. Andere bestehen bereits im Projekt, so daß in nicht allzu ferner Zeit der Westerwald von einem Netze von Eisenbahnen überzogen sein wird.
Oberhalb Engers, bei Bendors, schwenkt die Unterwesterwaldbahn in großem Bogen in das Sayntal ein, aus dem sie weiter oben durch eine Tnnnelverbindung in das romantische Brexbachtal gelangt. Dieses Tal, dessen Lauf die Bahn bis zur Wafferscheide bei Siershahn folgt, zählt mit zu den schönsten Seitentälern des Rheins. Es zeichnet sich aus durch grotesk vorstehende Felspartien, die den oft wild rauschenden Bach zu zahlreichen Schlangenwindungen zwingen, durch grüne Gehege auf den Höhen und saftige Wiesengründe im Tale. Die Bahn folgt aber nicht den oft wunderlichen Windungen des Tales und Baches, ste durch- schneidct Berg und Tal in geraden Linien. Dadurch wurden eine ganze Anzahl Viadukte, Dämme und Einschnitte nötig, die der Bahn in Fachkreisen den Namen „Viadutten- bahn" eingetragen haben. Schön gelegene 1 Orte an^dieser Strecke sind Sahn mit der uralten Stammburg der Fürsten von Sayn-Wittgenstein und das im Brexbachtal liegende
Dorf Grenzau mit seiner gleichnamigen, von den Grasen von Isenburg erbauten BergessDte. Schwere Kämpfe umtosten einst diese Burg. Einer der blutigsten war die Grenzauer Fehde. Kurfürst Balduin von Trier hatte den Usenburgcrn 1317 die Burg Grenzau genommen. Allein deren Freunde, die von Westerburg, entrissen sie ihm wieder. Darüber ergrimmten des Kurfürsten Vasallen, die Coblenzcr Patrizier, so sehr, daß sie mit großer Macht auszagen, Grenzau ihrem Herrn wiederzugewinnen. Sie kamen jedoch nur bis zum Gummschlag bei Grenzhansen. Hier wurden sie jählings überfallen und fast alle erschlagen. Nur wenige entkamen. Zur Erinnerung an diesen für die Coblenzcr so traurigen Ausgang ward noch um 1830 in der St. Kastorkirche zu Coblenz für den bei Grenzau gefallenen Adel ein sog. Seelgerede (Seelenamt) gehalten.
Von Grenzau aus führt ein Abzweig der Bahn ins Herz des Kannenbäckerlandes, nach dem Doppelort Höhr- Grenzhausen. Hier floriert die „hohe Schule" der Westcr- wälder Keramik, die sich seit dem Bahnbau aufs neue in dem gerade zwölf Orte zählenden Kannen- oder Krug- bäckcrlande entfaltet hat. Schon im Mittelalter blühte hier die Tonwarenindustrie. Viele Erzeugnisse dieser Periode sind von hohem künstlerischem Wert, so daß Liebhaber hohe Preise dafür zahlen.
Bei Siershahn, der Wasserscheide zwischen Rhein und Lahn, teilt sich die Bahn. Der eine Zweig geht durch das Wiedtal über Selters und Dierdorf nach Attenkirchen im Rheinland, während der andere über Montabaur, durch gewaltige Wälder hin, Liniburg an der Lahn zueilt. Die- Station Wallmerod liegt sogar mitten im Walde drinnen, umranscht von stattlichen Eichen- und Bnchenhallcn. Montabaur ist ein altes nassauisches Landstädtchen, freundlich gelegen um seine aus kegelförmiger Höhe erhaben thronende alte Burg. Stadt und Burg wurden vom Kurfürsten Theuderich (Dietrich von Wied) von Trier begründet und nach seiner Rückkehr aus dem heiligen Lande 1221 Mons Taber benannt. Der ursprüngliche Name des Ortes war Humbach.
Die Oberwesterwaldbahn ist eine Wetterführung der 1872 vollendeten Strecke Limburg-Hadamar. Sie eilt das
