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Nr. 24 %
Wiesbaden, Samstag, 28. Mai LSLV.
88. Jahrgang,
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Der MffbruH der Pn^lxedjtsuoxlaoc*
Wiesbaden, 28. Mai.
Als gestern gegen 4 Uhr der Reichskanzler und Ministerpräsident im Abgeordnetenhaus erklärte, dag dm Staatsregierung auf die Weiterheratung der Walst- reformvorlage keinen Wert mehr lege, da löste sich eine: Span u u n g, die über dein ganzen Abgeord- nelenhause während der Sitzung gelagert hatte, in einem beinahe allgemeinen und wahrhaft befreiend wirkenden Ausbruch bou Beifallskundgebungen aus. Rechts wie links, wie in der Mitte ertönte der Beifall, und die einzige n, die stumm blieöeu, waren die Freikonservativen, denen diesmal die sonst so geschickte Führung des Herrn, v. Zedlitz schlecht bekommen war. Tenn Herr v. Zedlitz war es ja. der allein noch f ü r die Vorlage gekämpft und alle Mittel seiner listenreichen Taktik ausgeboten hatte, um das Unmögliche möglich zu machen und die Konservativen und die Nationalliberalen zu einer antiklerikalen Mehrheit zusammenzuschweißen. Abgesehen also von dieser freikonservativen Gruppe, empfanden wirklich alle Parteien die Zurückziehung der Vorlage durch die Staatsregierung als eine Befreiung aus einer unerträglich gewordenen Situation. Der gordische Knoten dieses Wahlrechts w i r r w a r r s war schlechterdings nicht mehr zu lösen, er konnte nur noch durch hauen werden. Er wäre zu lösen gewesen, wenn eine starke und ihrer Ausgaben und Ziele energisch bewußte Negierung die Führung übernommen hätte. Statt dessen aber ließ sich Herr v. Bethmaiin-Hollwig treiben, und als er doch eingriff, geschah cs am Unrechten Orte. Er hätte sich sagen müssen, daß die Konservativen bei der Wahl zwischen einem Zusammengehen mit dem Zentrum und dem ihnen zugc- muteten Zusammengehen mit den Nationalliberalen höchstens vorübergehend schwanken, zuletzt aber
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Konzert.
Im Kurhaus war cs gestern abend einmal wieder die berühmte „finnische Nachtigall" Aino Ackrs, welche den ungemessenen Jubel der Zuhörerschaft entfachte.
Kühn bis zur Unwahrscheinlichleit, schlank bis zur Musik —: dies Wort Turgtzniews scheint so recht auf die Wfewt Künstlerin gemünzt deren lichter, schlanker Sopran so voll kühner Virtuosität erprangs und dabei so voll duftigen, blühenden, echt musikalischen Wohllauts.
Und wie viel Musik liegt auch in ihrer Salome-schillern- Len, bis zur Unwahrschcinlichkeit schlanken, grazilen Erscheinung;! Das hat ja bei den Triumphen dieser Künstlerin wesentlich milzusprechcn; denn sie singt nicht nur ihre Opcrn-Aricn: ihr wird das Konzertpodium zur Szene. Nicht etwa, daß sich da schauspielerische Gesten unwillkommen vordrängten: nein, der Inhalt des Gesungenen ist so stark dramatisch ersaßt, spiegelt sich in Ton und Ausdruck, in Blick und Micnenspicl so lebendig Wider, daß der Hörer jede Situation vollkommen mit erlebt.
Gestern kam Aino Ackiü als Gounods „Margarete" und als Ambroise Thomas' „Ophelia".
Was kann cs Reizenderes geben als dieses naive Frohlocken, dies herzliche Jubilieren, das aus ihren Koloraturen im Gounodschen Schmuckwalzer hcrvorklang! Hier wurden die Töne selbst zu Schmuck und Geschmeide; Passagen zu Perlen, Triller zu blitzenden Juwelen. Denn Aino Acktö scheint den Schatz ihrer Virtuosität immer noch neu zu bereichern durch alle Feinheiten gesanglicher Grazie und Eleganz.
Dann die „Ophelia" mit ihren wahnwitzigen Fioriturcn und Kadenzen: diese Mannigfaltigkeit der Färbungen: diese Elastizität des Tones! Ein Schwellen und Hauchen, ein Anwachsen und Hinschwinden — alles schön und kunstvoll zugleich! Anscheinend wurde zwar hier die höchste Kraft
sich doch für das Z e n tru m entscheiden würden, mit dem sie durch die Waffenbrüderschaft beim Sturze des Fürsten Bülow seither verbunden sind, während die Spannung zwischen ihnen und den Nationalliberalen gerade wegen der Untergrabung des Fürsten Bülow immer schärfer geworden war. Herr v. Heydc- b r a n d ist der eigentliche Sieger in diesen: langen und verworrenen Kampfe um die Wahlreform geblieben. Wieder einmal hat die Rechte die Staatsregierung unter ihren Willen gebeugt und bewiesen, daß keine Politik gegen die Konservativen gemacht werden kann, solange die Regierung nicht den Entschluß zu einem g r üsti d l i ch e n S h st e m - Wechsel faßt und sich auf den Liberalismus als Partei und als politische W e I t a n s ch a n u n g stützt. Ter nationalliberale Abgeordnete Friedberg, der die Aufgabe, für seine Parteifreunde in einer besonders schweren stunde das zutreffende Wort zu finden, ausgezeichnet erfüllte, hatte recht damit, wenn er die Anträge der Konservativen als ein S ich l u st igln a ch e n über die Nationalliberalen und wohl auch über die Staatsregierung bezeichnete. In der Tal konnte man diese Anträge nickt ernst nehmen, die nur dazu gestellt worden waren, um a b g e I e h u t zu werden und um auf diese Weise die Regierung zur Zurückziehung der Vorlage geradezu zu z w i n- gen. Die Konservativen wollen einfach keine Wahlreform, und für setzt wenigstens haben sie es erreicht, daß es auch keine gibt, was aber später kom- men mag, das glauben die Konservativen ebenfalls stets nach ihreni souveränen Gefallen lenken und zuin Besten der Vorherrschaft der Rechten wenden zu können.
Was das Zentrum betrifft, so ist es mit dem Gonge der Tinge gleichfalls äußerst zufrieden und darf es auch sein. Zunächst hat das Zentrum mit konservativer Hilfe die allerdings nicht große und doch zu erwägen gewesene Gefahr einer Hinüberleitung des Staatsschiffs vereiteln können, und die Partei hat außerdem die volle Freiheit der Entschließung gegen- über jeder künftigen W a h I r e s o r m zurück - erhälten.
Tie Nationalliberalen sodann sind durch das Scheitern der Reformvorlage in die denkbar günstigste Lage geÄmmen: sie treten ohne die
Belastung durch ein g cs ä h r l i ch e s K 0 m p r o m i ß vor die Wähler, sie haben dem liberalen Gedanken die Treue bewahren können, sie haben sich die Möglichkeit offengehalten, Schulter an Schulter mit den Freisinnigen den schweren Kämpfen. die k o m m eit w e r- d e n, mit der Aussicht aus eine E r st a r k u n g des Liberalismus entgegenzugchen.
So trifft alles zusammen, um den meisten Parteien das Scheitern des gründlich verfahrenen Reformwerks willkommen zu machen^ Und da der entscheidende negative Ausgang der Sache eben das Wichtigste bleivr, so tritt denn auch das Interesse an den gestrigen Reden naturgemäß zurück hinter die Spannung, mit
cntwickelung nicht ganz ohne Anstrengung erreicht; doch wäre das mehr Kritik des Opern -Guckers als des Hörers : in Wahrheit ward das Organ kaum je über die Grenzen seiner natürlichen Leistungsfähigkeit hinausgeführt. Es schien mir gegen früher an Intensität und Rundung eher noch gewonnen zu haben; die alte Erfahrung: je vollendeter die Schulung, je schöner der Ton.
Doch Aino Acktö kam uns gestern abend auch „deutsch" — als moderne Licdersängerin. Ihr Programm hatte da allerdings einen etwas merkwürdigen Beigeschmack: Eugen Hildach und dazu Wols und Strauß — das heißt denn wohl Schlagsahne und dazu Kaviar servieren. Aber Aino Acktü darf manches zu geben wagen, was man bei anderen zurückweisen möchte; denn was sie gibt, gibt sic mit holdester Überredungskunst; und gerade das beliebte Hildasche „Lenzlied" wurde mit gar süßer Hingabe und mit ganz dem rechten effektvollen Elan gespendet. Die Lieder von Hugo Wolf und R. Strauß — wiederum wirkungsreiche dramatische Szenen. Nur zuweilen siegte hier noch die Freude am schönen Klang über das Streben nach scharfer textlicher Beleuchtung: die Phrasierung blieb anfechtbar. Doch was will das sagen gegen das Ganze dieses Vortrags, der von Leben, Lust und Laune durchpulst war und die Hörer unwillkürlich in seinen Bann zwang! Die interessante Künstlerin wurde auch als Liedersängerin lebhaft gefeiert und mit Beifall, Hervorrufen und Dacapos bestürmt.
Die Kurkapellc brachte, außer einigen französischen Delikatessen von Gounod und Bizet, als Hauptstück den Richard Straußschen „Don Jüan" zur Wiederholung. Es ist eines der lebensvollsten Werke d-r Programm-Musik: klar in der Durchdringung der poetischen Vorlage; imponierend in deren sinfonischer Ausmalung: voll Glanz, Kraft und Leidenschaft im orchestralen Ausdruck. Herr Kapellmeister Afferni, welcher eine staunenswerte Beherrschung der schwierigen Partitur offenbarte, brachte das B"stc hinzu, was der Dirigent für dies Werk hinzubringen kann: eine warmherzige, temperamentvolle Hingabe. Ihm suchte das O r ch e st e r mit rühmlichem Eiter nacbznstreben, und so konnte ein glänzender Erfolg nicht ausblcibcn- 0. D.
der das Ende erwartet wurde. Wir keilen denn auch in unserem heutigen Parlamentsberichi nur noch das Wichtigste aus der gestrigen Debatte mit und verweisen im übrigen auf das unten wiedcrgegebeue Stimmungsbild unseres Berliner parlamentarischen H.K.-Mitarbeiters.
Niemand weiß zu sagen, was nunmehr geschehen soll. Als das Natürlichste gilt es in allen Parteilagern, daß der Reichskanzler und Ministerpräsident um seine Entlassung bittet, nicht etwa weil er vor den: parlamentarischen Mehrheitsprinzip seine Verbeugung machen möchte, sondern weil er dem Monarchen sagen müßte, daß er außerstande gewesen sei. die V e r- h e ißun g der Thronrede wahr, zu machen und eine Wahlreform durchzuführen. Sollte Herr v. Bethmann- Hollweg diesen Schritt tun, so wird freilich nicht angenommen. daß er nun auch wirklich seine Entlassung erhalten wird. Vielmehr gilt es als sicher, daß der Kaiser ihn auch fernerhin als den Mann seines Vertrauens betrachten und ihn demgemäß beauftragen wird, dem Hause zu einem späteren Zeitpunkte eine neue Wahlrechtsvorlage zugehen zu lassen. Der Gedanke an eine Auflösung des Abgeordnetenhauses wird ernstlich, wenigstens zur Stunde, nirgends erwogen. Denn mit welcher Parole sollte wohl diese Regierung, deren ursprüngliche Vorlage überall Mißfallen erregt harte, vor die Wähler treten? Also wird einstweilen voraussichtlich alles beim alten bleiben, die Stellung des Herrn v. Bethmann-Hollweg aber ist doch ungleich schwieriger als bisher geworden. Demr zu den Hemmungen, mit denen er immer schon zu känrpfen hatte, ist noch der offene Gegensatz zu den Konservativen hinzugetreten. Auch wenn der Kanzler im Amte bleibt, wird man sagen dürfen, daß die Lage derjenigen vom vorigen Sommer a u f f a 11 c n d gleicht, und sie erhält ihren bezeichnenden Charakter eben durch dieselben Umstände wie damals, durch den Z u s o. m m c n s ch l u ß des schwarz-blaue tt Blocks und durch die Notwendigkeit für die gesamte Linke, sich ebenfalls aus ihre innere Zusammengehörigkeit zu besinnen und zu stützen. Verstehen die liberalen Parteien die günstige Situation zu nützen, wie sie ihnen setzt durch die Entwickelung der Dinge geschaffen ist, so wird der 27. Mai 1910 der Ausgangspunkt eines gewaltigen Aufschwunges des Lide r a l i s- mus sein. Jetzt heißt es: Nun erst recht Wahlreform in Preußen ! Gemeinsam e Front nach r e ch t s!
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Die rülPchrideude Sitzung.
HK. Berlin, 27. Mai.
Ein ungemein dichtgesüllter Saal, die Tribüne, brechen fast. Der P o l i z e il e u tnant im benachbarten Revier hat zum erstenmal Auftrag, seines Amtes gewärtig zu sein. Sofort zu Beginn nimmt der Ministerpräsident das Wort und klärt die Lage. Er hat sich ausgerasst und- ruft ein deutliches Unannehmbar in den Saal, wenn
Aus Kunst und Leben.
* Robert Koch ch. Die deutsche Wissenschaft hat soeben einen unersetzlichen Verlust «Sitten. Gestern abend ist in Baden-Baden an einem Herzleiden der berühmte Bakterio- lvgc Professor Ur. Robert Koch, der Entdecker des Tubcrkcl- und des Lholerabazillus, gestorben, mitten während einer großen Arbeit über eine neue Tuberkulose-Heilmethode. Er wurde geboren am 11. Dezember 1843 zu Clausthal als Sohn eines höheren Bergoeamten, studierte 1862 bis 1866 zu Göttingen Medizin, wurde sodann Assistent am Allgemeinen Krankenhaus in Hamburg und ließ sich 1866 in Langenhagen bei Hannover, bald darauf in Rackwitz in der Provinz Posen als praktischer Arzt nieder. 1872 erhielt er die Stelle eines Physikus in Wöllstein im Kreise Bomst, die er bis 1880 verwaltete. Während dieser Zeit stellte er eine Reihe von bakteriologischen Forschungen über Wundinfektion, Septichämie und Milzbrand an, die großes Aussehen erregten und 1880 seine Berufung als ordentliches Mitglied in das Reichsgesundhntsamt zur Folge hatten. 1882 veröffentlichte er seine epochemachenden Untersuchungen über die Natur und Ursache der Tuberkulose, in denen er zuerst den experimentellen Nachweis führte, daß kleinste mikroskopische Organismen aus der Klasse der Bakterien, die sogenannten Tuberkclbazillen, die wahren Krankheitserreger dieser verheerenden Krankheit seien. Es gelang Koch, die überaus zarten Tuberkelvazillcn auszufinden und sie auch außerhalb des Tierkörpers in reiner Kultur zu züchten und mit den Produkten dieser Züchtung auf künstlichem Nährboden nach Belieben bei jedem Versuchstier wiederum Tuberkulose hervorzurusen. Infolge dieser Entdeckung wurde Koch vom Kaiser zum Geh. Regicrungsrat ernannt und 1883 als Leiter der deutschen Cholera-Expedition nach Ägypten und Indien entsendet. Die Frucht dieser Expedition war die Entdeckung der Kommabazillen als der eigentlichen Träger des Choleragiftcs. Bei seiner Rückkehr nach Denisch- kaud 1884 wurde er seitens des Reiches durch eine Dotation von 100 000 M. ausgezeichnet und als Cholerakonpnissar nach Frankreich geschickt. 1885 wurde er zum ordentlichen
