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Nr. 231.

Wiesbaden, Samstag, 21. Mai 1N1O.

88. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Mntt. _

Politische Kverstcht.

Fälle Konfessioneller Dnldmrg.

TieRheim-Westf. Ztg." teilte kürzlich mit, daß in Neuhaus bei einer evangelischen Beerdigung die Glocken der katholischen Kirche das Trauergeläut ab- gaben. TieGermania" übernahm-diese Mitteilung und fügte ihr die böswillige Bemerkung hinzu:Wo

im Deutschen Reich ist ein Ort, wo bei 90 Prozent Protestanten (in Neuhaus sind 90 Prozent Katholiken) einem katholischen Leichenbegängnis das Trauergeläut von der protestantischen Kirche gegeben wird?"

Dem Blatt sind daraufhin von einigen katholischen Priestern, die offenbar die Hetzerei derGermania" mißbilligen, Zuschriften zugegangen, die eine treffliche Beantwortung der obigen Frage enthalten. So schreibt her Kaplan Osterdorf in Borgentreich:

Während meiner Amtstätigkeit in Wernigerode am Harz stellten sämtliche evangelische Kirchen der Stadt und des Kreises Grafschaft Wernigerode uns bei vorkommenden katholischen Beerdigungen bereit­willigst das Trauergeläut, und das bei 98 Prozent Protestanten in der Stadt und über 99 Prozent Pro­testanten in der Grafschaft. Nicht aber allein das: in den meisten Dörfern der Grafschaft baten mich die evangelischen Herrn Pfarrer in ihr Haus zum Au- und Ablegen der kirchlichen Gewänder und bereiteten mir eine liebenswürdige gastfreie Aufnahme, was ich bei den weiten Entfernungen und bei gänzlichem Mangel sonstigen, standesgemäßen Unterkommens immer sehr- angenehm empfunden habe."

Ein westfälischer Geistlicher schreibt:Bis vor drei Wochen war ich Vikar in Burgörner-Hettftedt (Provinz Sachsen). Im vergangenen Jahre wurde sowohl in den zur Missionsvikarie Hettstedt gehörenden Orten Arn- stedt (wo nur drei Familien katholisch sind) und in Weibsleben bei Beerdigung eines katholischen Kindes von der protestantischen Kirche das Trauergelänt ge­geben."

Aus der Diözese Fulda wird berichtet, daß im Re­gierungsbezirk Cassel infolge eines Abkommens _ zwi­schen den obersten katholischen und protestantischen Kirchenbehörden aus dem Fahre 1882 das Geläut gegenseitig gegeben wird. An allen Orten, in denen nur eilte Kirche vorhanden ist. werden stets die Glocken der einen Kirche bei Beerdigungen geläutet, mag der

Verstorbene katholisch oder protestantisch gewesen sein und mag der Prozentsatz der konfessionellen Minder­heit noch so gering sein.

Grnossrn-Schlachten des Jahres 1810 in Leipzig.

Vor einigen Tagen brachte dieLcipz. Volksztg." Erinnerungen des Genossen Röthing, in der dieser von Kämpfen erzählte, die in den Fahren 1860 bis 1870- m Leipzig zwischen den Lassalleanern und den Eisenachern ausgefochten wurden. Röthing berichtet darin, daß er bei dieser Gelegenheit einmal von Bebel tüchtig ver­prügelt worden und beim Überklettern eines Bretter­zauns von Bebel an den Haaren gerissen sei, so daß er buchstäblich habe Haare lassen müssen. Gegen diese Darstellung Röthings hat sich jetzt Bebel in einer Ent- gegnung gewandt, in der er u. a. das Folgende erzählt:

'Es war im August 1870. Drüben in Frankreich wurde eine Schlacht nach der anderen geschlagen, in denen die Franzosen unterlagen. Liebknecht und ich hatten iin Juli bei der ersten Forderung der Geldbe­willigung für den Krieg uns der Abstimmung ent­halten mit der Motivierung, daß der Krieg mit Frank­reich nur die Folge der Politik Bismarcks voir 1866 sei, einer Politik, die nur aufs heftigste bekämpft hatten.

Fm Lassalleschen Lager sowohl im Schweitzer- schen wie in dem der Hotzfeldt-Mende, in dem RLthing stand war man über unser Vorgehen in patriotische Wallung geraten; wir wurden w der Presse der beiden Fraktionen alsLandesverräter" gebrandmarkt. Schweitzer schickte sogar iin August einen seiner, Agl- tatoren nach dem anderen nach Leipzig, um in öffent­lichen Versammlungen gegen uns loszugehen. Eines Tages kam inch Hasenclever. Dieser, ließ Plakate an­schlagen, in denen nicht nur die Arbeiter, sondern auch die Studentenschaft eingeladen wurde,, über uns Landesverräter" Gericht zu halten. Die Versamm­lung war ins Kolosseum einberufen. Fetzt tief mir die Galle über. Ich bat unsere Vertrauensleute, die Par­teigenossen zu alarmieren, sic sollten in Massen er­scheinen, was auch geschah. Bei der Vorsitzendenwahl kam cs in der überfüllten Versammlung bereits zum Krach. Kurze Zeit, und bte beiden Parteieil lagen sich in den Haaren und prügelten aufeinander los. Petzold, der Führer der Schweitzerianer, und Röthing, der der Hatzfeldtianer, wurden ganz besonders hergenommen und ehrlich verhauen! Hasenclever hatte sich entfernt. Fn der Sorge um seine Möbel und Fenster löschte der Wirt die Gasflammen aus. Wir versammelten Ms darauf in unserem Vereinslokal, der Goldenen säge. Ta traf die Nachricht ein, die Lassalleaner seien nach

Liebknechts Wohnung gezogen, um diesem die, Fenster einzuwerfen. Sofort brachen wir auf und eilten rm Sturm auf dem kürzesten Wege nach der Braustratze. Als wir dort ankamen, waren die Lassalleaner eben abgezogen; sie hatten eine Anzahl Fensterscheiben em- qeworfen und dadurch Frau Liebknecht, die ahnungs­los in der Stube saß und ihrem ersten-Sprößling die Brust reichte, heftig erschreckt. Unser Zorn kannte keine Grenzen. Wir trennten uns in zwei Haufen, um die Lassalleaner sicher zu packen. In der Windmühlen- stratze faßten wir sie und verprügelten sie gründlich. Röthing und einige Genossen, waren durch eine Wirt­schaft in einen Garten geflüchtet und dachten im Schrötergäßchen über eine Gartenplanke zu entrinnen. Dort entdeckte ich Röthing, als er eben feinlockenum­walltes Haupt" über die Planke reckte. Ich griff fest zu und wollte ihn herübcrziehen. Aber,das gelang mir nicht, er fiel in den Garten, ein Bündel Haare in meinen Händen lassend, -so entwischte er mir.

Röthing sagt weiter: Als Bebel zu den Volkspar­

teilern übergegangeir war, gab es neue Kämpfe. Pardon. Die sächsische Volkspartei, wohl zu unter­scheiden von der deutschen Volkspartei. war von Lieb­knecht und mir im August 1866 gegründet worden, und neben Fritzsche war meines Wissens Röthing bet der Progcammberatung in Chemnitz zugegen. Fm August 1870 hatten wir aber bereits die Gründung der sozial­demokratischen Arbeiterpartei Eisenacher Programms ein Fahr hinter uns. Dies zur Richtigstellung." ,

Man ersieht aus der Darstellung, daß dre Leipziger Genosseii. und Bebel an ihrer Spitze, schon damals recht streitbare Herren waren.Fn den Haaren" liegen sie sich mit den übrigen Genossen ja auch heute noch oft genug, wenn auch freilich nicht in der eigentlichen Bedeutung des Wortes.

Deutsches Deich.

* Hof- und Personal-Nachrichten. Der bisherige deutsche Gesandte in Peru, vr. Micha helles, ist zum außer­ordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Mmlster ber den Vereinigten Staaten von Brasilien ernannt worden.

* Zwei Drahtungen des Kaisers. Die F a s s U n g der Drahtantworten des Kaisers auf die Ergcbenheitskund- gebungen des Allgemeinen Deutschen Lehrer-Verbandes in Straßburg und des Katholischen Lehrer-Verbandes des Deutschen Reiches in Bochum gibt derRh.-W. Ztg." An­laß, weil sie in den beteiligten Kreisen zu Erörterungen führen werden, sie nochmals zu wiederholen. Die Drahtung an die Bochum er Tagung lautet:Se. Majestät lassen für die Glückwünsche herzlich danken." Trotz der knappen Stilisienlng hat in die Drahtung an die Bochume-

Fenttleton.

(Nachdruck verboten.)

Brüsseler Weltausstellungsbrief von Karl Lahm-Paris.

Die Sonne strahlt an diesen Pfingsttagen über der Brüsseler Ausstellung; Vergnügungszüge haben ungezählte Scharen belgischer Provinzler nach der Hauptstadt Brabants geführt. Zwischen den bunten Palästen und Hallen, in allen Gärten desSolbosch" ist das Gedränge groß; Orchester- llänge und Staubwolken ziehen durch die Luft; in derKer- ineffe" finden Lambie und Faro, bei allen oberbayerischen Madeln echt Münchener Bier lebhaften Zuspruch die populäre Atmosphäre lagert schwer über dem noch so neuen und frischen Bild der Arbeit. Gehörte sie nicht so unbedingt zu derartigen universellen Jahrmärkten, man möchte es be­sonders der kleinen deutschen Stadt wegen bedauern, deren schwarzweitze Häuschen und Türme sich so sinnig und stark zum nationalenbloc" zusammenfchließen und, weil sie zu­erst vollkommen fertig waren, den ersten fürchterlichen Anstoß der Volksmassen über sich ergehen lassen mutzten. Dafür waren sie nicht vorgesehen. Denn die deutsche Ausstellung hatte ihren Maßstab einem weniger zahlreichen, weil intellektuellen Publikum angelegt; in allen ihren Teilen, auch wo die Industrie sich installierte, hat sie die dekorative Jnnenkunst triumphieren lassen, die, wenn auch ihre Phan­tasie keine Grenzen hat, sich räumlich doch zurzeit gern etwas enge Grenzen auferlegt.

Mit einer ganz unbeschreiblichen Freude habe ich diese jüngsten Offenbarungen des deutschen Kunstgewerbes ge­sehen. Unwillkürlich stieg vor mir die Erinnerung an das auf, was es gerade vor 10 Jahren uuf der Jnvalidcn- efplanade der Pariser Exposition Universelle mit so viel hochgemutem Stolz den Fremden als eigene Errungenschaft gezeigt hatte. Welch ein Fortschritt in gutem Geschmack! Man steht, der Mann, der reich geworden, Versteht zu lebeii und hat Lebensart. Und soll ich auch den Götzen abschwö­ren, die ich 1900 gepriesen, ich wag's zu sagen, daß wir vor 10 Jahren (kunstgewerblich!) noch nicht so viel Lebensart und allzu sehr das Bedürfnis hatten, unfer Vermögen schwer glckden aut den Tisch zu legen. Wo wir diskreter.

distinguierter, harmonischer wurden penibel, es zu ge- - stehen! wurden wir französisch, so in den schönsten Räumen des Deutschen Hauses, in denen man die kaiser­lichen Lancrets, Bouchers und Watteaus aufgchängt hatte. Wer da glaubt, ich übertreibe, der erinnere sich bloß der da­maligen Ausstellung der König!. Porzellanmanufaktur Berlin, die aus dem berühmten Spandauer Turm den gan­zen Rcstbestand der Kriegsentschädigung zur Vergoldung ihrer Riesenvosen geholt zu haben schien und in puncto Atalerci die allersüßlichste akademische Kunst heranzog; auch Nymphcnburg war damals nicht sehr viel weiter. Man mußte Sövrcs unumschränkt die Palme reichen, weil seine Biskuits aus gar so zartem Teig und von gar so zarten Händen gebildet waren; man konnte auch der Kopenhagener Manufaktur schon Komplimente sagen und mutzte vor allem vor der japanischen Porzellankunst eine so tiefe Verbeugung machen, daß uns der alte europäische Zopf übern Kopf bis zum Boden fiel.

In Stzvrcs wird weiter fortgearbeitet und viel chemisch experimentiert; wir sind jedenfalls in fein abgetönten Far­ben, in eleganten Formen und Dekorationen nicht mehr hin­terdrein. Besonders die Königl. Manufaktur Berlin scheint sich völlig umgekrempelt zu haben; sie bevorzugt auf Ge­brauchsporzellan ein reizvolles, großblumiges Muster, das etwas an die Biedermannszeit erinnert, und das so weich aufgetragen ist, daß nahezu Samteiudruck Herborgerufen wird. Das bayerische Nymphcnburg hat Rokokofigürchen so duftiger Glasur, daß man seine Künstler beglückwünschen kann, die Pariser in Grazie und Esprit geschlagen zu haben. Fehlt auch die Meißener Manufaktur, so haben doch viele private Fabriken und Kunstwerkstätten mit einer Menge neuer Ideen die Abteilung der Keramik so reichlich ausge­stattet, daß sie jede ausländische Konkurrenz ruhig besteht: wir nennen nur die vielfach ausgezeichnete bayerische Fabrik RoseMhal u. Ko. in Selb, die wahrhaft den Namen einer Manufaktur verdient, und sowohl Luxus- wie Haushal­tungsporzellansehr geschmackvoll ansführt; ferner die Großh. Keramische Manufaktur Darmstadt, deren geflammtes Steinzeug ebenso originell als solid erscheint. Unter den deutschen Edelmctallfchmieden befinden sich leider noch immer einige, die mehr reich als gedankenvoll arbeiten; und doch bleiben die Pfadfinder in München, Darmstadt usw. unentwegt bei ihrer modernen Tendenz, die z. B. von

den Werkstätten für Kunst im Handwerk sehr hochgehalten wird. (Unter den Ausstellern ragen hervor: die Münchener v. Mayrhofer, v. Miller, Ferdinand Hauser, Th. Heiden, E. Schöpflich, Rothmüller, F. Pöhlmann, Paula Riezler- Kraft, Karl Weishaupt, Steinicken und Lohr, Alwin Schrei­ber, Dünn, Ehrenböck, Herzog, Laster, Eichheim, Kirsch, Thannhauser, Winhardt, Wilhelm u. Ko., Vierthaler, G. von Mendelssohn, Wildhagcn usw.; unter den Nürnbergern E. Topf, Dessart, Frey, Göschel, Herzog, Kainzinger, Knorr, Schönamsgruber, Stauch, Ziechner usw.; unter den Augs­burgern Jakob Rehlc und Karl Poellath; unter den Darm- städtern Professor Riegel; unter den Dresdenern Heinze, Ehrenlechner, Kleinhempel usw.; unter den Berlinern Pro­fessor Hugo Kaufmann und Professor Petersen; unter den Leipzigern Professor Max Lange; unter den Frankfurtern die Gebr. Armbrüster usw.) Die große deutsche Schmuck- waren-Exportstadt Pforzheim hat sich sehr hervorgetan; über zwei Dutzend der ersten Künstler und Firmen haben die hübschen neuen Modelle gesandt, die selbst in der Rue de la Paix gern Abnehmer finden. Zum erstenmal treten auch die deutschen Kolonien als Aussteller von Diamanten auf; die Diamantenregie des deutsch-südwestafrtkanischen Schutz­gebiets ist mit funkelnden Rohdiamantcn und Brillanten auf deni Plan erschienen, um mit dem Kapland und Brasilien in Wettbewerb zu treten. Die eigenen Juwelen sind jetzt da; möge man auch die Laliques oder Fouqnets finden, um sie so diskret zu fassen, wie der wachsend gute Geschmack auch in Deutschland es bald überall verlangen wird.

. . . Gedenke ich des Mobiliars, das wir 1900 in den

deutschen Abteilungen der Pariser Weltausstellung sahen_

Ja, da waren in einigen Rcpräsentationsräumen gewisse Hoflieferanten mit goldenen Prunkmöbeln vertreten, die sich an die berühmtesten französischen Muster aus Sanssouci mit erschwerenden Zutaten von Schnitzereien und Brokat- famt anlehnten. Da waren auch als denkbar größter Kon­trast die Möbel .moderne style der Münchener Jüngsten, Zimmereinrichtungen, die sich ans England die neue Linie, aber wie es schien, noch nicht genügend bizarre Ideen ent­lehnt und sie mit eigenen kompliziert hatten; Tische, Stühle, Betten, die man nur mit Vorsicht in Gebrauch nehmen konnte, weil sie nur für leichte stilisierte Übermenschen ge­leimt waren; dabei aber in den Farben fchon ein lodens-