Einzelbild herunterladen
 

Für die Aufnahme von Anzeigen an vorgeschriebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen.

2 Tagesausgaben.

Fcrnsprecher-Rrrfr

TagLlatt-Haus" Nr. 6650-53. Don S Uhr morgens bis 8 Uhr abends.

Anzeigcn-Prcis für die Zeile: 15 Pfg. für lokale Anzeigen imArbeitsmarkt" undKleiner Anzeiger" I in einheitlicher Satzform; 20 Pfg. in davon abweichender Satzausführnng, sowie für alle übrigen lokalen _ Anzeigen; 30 Pfg.' für alle auswärtigen Anzeigen; 1 Mk. für lokale Reklamen: 2 Mk. für auswärtige ] Reklamen. Ganze, halbe, drittel und viertel Seiten, durchlaufend, nach besonderer Berechnung. I Bei wiederholter Aufnahme unveränderter Anzeigen in kurzen Zwischenräumen entsprechender^Rasatt^

v«rlag Langgafle 2t.

Tagblatt-Haus".

Schalter-Halle geöffnet von 8 Uhr morgen-

bis 8 Uhr abends.

27,000 Abonnenten.

Bezugs-Preis für beide Ausgaben: 70 Pfg. monatlich, M. 2. vierteljährlich durch den Verlag Langgasse 21, ohne Bringerlohn. M-3. vierteljährlich durch alle deutschen Postanstalten, ausschließlich Bestellgeld. Bezugs-Bestellungen nehmen außerdem entgegen: in Wiesbaden die Zweigstelle Bis­marckring 29, sowie die 112 Ausgabestellen in allen Teilen der Stadt; in Biebrich: die dortigen 32 Aus­gabestellen und in den benachbarten Landorten und im Rheingau die betreffenden Tagblätt- Träger.

Anzeigen-Annahme: Für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittags; für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags.

Nr. 239.

Wiesbaden, Freitag, 20. Mai 1910.

58. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Mtcrtt.

Zum Kongreß der deutschen Friedens- Gesellschaften in Wiesbaden.

Der Kongreß der deutschen Friedensgesellschaften, der am 20. und 21. Mai hier tagen wird, lenkt die Aufmerksamkeit auf die gesamte, noch allzu wenig be­achtete Friedensbewegung.

Die moderne Friedensbewegung datiert aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Ihre innere Ursache ist die Vertiefung des Humanitätsge- dankens innerhalb der Kulturvölker, die in den letzten Jahrzehnten in der sozialen Gesetzgebung ihren augen­scheinlichsten Ausdruck gefunden hat. Ten äußeren An­stoß zur Organisation der Bewegung gab ein Ereig­nis, das sich an eine hervorragende Betätigung eben jenes Gedankens knüpfte. Anfangs der 60er Jabre des vorigen Jahrhunderts warfen bekanntlich die Nordstaaten der amerikanischen Union die Südstaaten nach einem erbitterten Kampfe nieder und beseitigten damit die Sklaverei, die mit dem obersten Leitsätze des Humanitätsprinzips,der Mensch ist eine Person, keine Sache, darf also, welcher Denkrichtung und welcher Rasse er angehören mag, nur als Person, niemals als Sache behandelt werden", unverträglich ist. Nebenbei bemerkt, predigt dieses Resultat die einfache, aber selten beher­zigte Lehre: Eine Begleiterscheinung der mensch­

lichen Kulturentwicklung, die sg alt ist wie die Merpch- heit selbst, braucht darum noch nicht ewig zu sein. In dem erwähnten Kampfe stand England, wenn auch nicht offen, auf feiten der Süüstaaten. Verletzungen der Neutralität zu deren Gunsten riefen bei den Nord­amerikanern große Erbitterung hervor. Ihre Rekla­mationen wurden nach dem Kriege sehr energisch, aber auch anfangs sehr energisch abgewiesen. Es entstand eine Preßfehde, wie sie heftiger noch nicht erlebt war: das, Was man gewöhnlich die Ehre eines Landes nennt, war beiderseits engagiert, der Krieg schien un­vermeidlich. Es gab aber noch besonnene Männer in den leitenden Kreisen auf beiden Seiten des Ozeans. Der Streitfall kam vor ein Schiedsgericht, das vom Juli 1871 bis September 1872 in Genf tagte und England zu einer namhaften Entschädigung verurteilte. Tie Summe wurde gezahlt und der Streitfall war er­ledigt. Ter Eindruck dieses Resultates auf die gebil­dete Welt war gewaltig. Zwar hatten auch schon früher Schiedssprüche Differenzen zwischen dem einen und anderen -Staate beigelegt, aber diese Differenzen waren im Vergleich zu dem vorliegenden Konflikte herz­

lich unbedeutend. Die Frage lag nahe, wenn in einem so kritischen Falle ein Krieg vermieden wurde, der Zehntausende von Menschenleben gekostet, den Wohl­stand zweier hochentwickelter Kulturstaaten aufs Spiel gesetzt und die ganze übrige Welt in Mitleidenschaft gezogen haben würde, warum sollte das eingeschlagene Verfahren nicht verallgemeinert werden können?

Seit jener Zeit bildeten sich in den einzelnen Kulturstaaten Friedensgesellschaften. Ihr Ziel war: Einschränkung oder -gar Beseitigung des Krieges. Über die Wege, auf denen man zu diesem Ziele gelangen könne, herrschte anfangs viel Meinungsverschiedenheit, viel Unklarheit. Langsam entwickelte sich die allge­meine Losung: Gewinnung der öffentlichen Meinung für ein permanentes internationales Schiedsgericht, vor das die Streitigkeiten der Staaten zu bringen sind. U)re Zahl dieser Gesellschaften war anfangs klein, blieb aber in stetem Wachsen. Rußland, das, seinen Kaiser ausgenommen, lange der Bewegung fern stand, zählt jetzt deren 3, England 60. Deutschland 88, Frank­reich 163. Die einzelnen Gruppen innerhalb der ver­schiedenen Nationen haben je eine Zentrale_ ins Leben gerufen, welche sie nach außen vertritt: beispielsweise befindet sich die deutsche Zentrale in Stuttgart. End­lich besitzen die Zentralen wiederum ein gemeinsames Organ in dem permanenten internationalen Friedens­bureau in Bern, das den Sammelpunkt aller auf die Friedensbewegungen gerichteten Bestrebungen bildet. Jährlich senden die Zentralen der einzelnen Völker, aber oft auch die Gruppen selbst ihre Vertreter zu einem sogenannten Weltfriedenskongreß, auf welchem die gerade schwebendenFragen und dieAnträge der Zentralen verhandelt werden. Ein Beispiel, wie die Friedensgesellschaften mildernd in die nationalenGegen- sätze eingreifen können, ist das folgende: Vor zwei Jahren etwa machte ein hiesiges Blatt auf den Chauvinismus aufmerksam, der in den^ französischen Volkslesebüchern zum Ausdruck kam. Tatsächlich fan­den sich dort Stellen, welche die geschichtlichen Tat­sachen auf den Kopf stellten und Saß und Verachtung gegen Deutschland schürten. Der Vorstand der hiesigen Gruppe bat die Zentrale in Stuttgart, bei der franzö­sischen Friedensgruppe zu intervenieren. Das geschah, die letztere nahm sich der Sache an und vor Jahresfrist konnte der Vorsitzende der deutschen Friedensgesell­schaften Herr Di'. A. Richter, die erfreuliche Mitteilung hierher gelangen lassen, daß in den neuesten Auflagen die schlimmsten Stellen gestrichen seien.

Diesen Gesellschaften erwuchs im Jahre 1888 ein kräftige» Bundesgenosse in derInterparlamentari­schen Union". In iedem Parlament nämlich hat sich seitdem eine Friedensgruppe gebildet: ihr Ziel ist: in ihrem Lande den Grundsatz schiedsgerichtlicher Erledi-

guna internationaler Streitigkeiten zur Anerkennung zu bringen. Die Gruppe im deutschen Reichstag, der Mitglieder fast aller politischer Parteien angehören, zahlt rund 170 Teilnehmer. Tie Friedensgruppen der einzelnen Parlamente bilden zusammen die Inter­parlamentarische Union, die jedes Jahr zu einem Kongreß zusammentritt. Die Union hat einen ständigen Rat geschaffen, zu dem jede Gruppe zwei Mitglieder wählt. In den Sitzungen dieses Rates werden die dem Kongreß zu unterbreitenden Fragen vorberaten.

All diese Organisationen hatten bis zum Ende der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts keinen merklichen Erfolg. Die Presse, die nicht mit Unrecht als eine der Großmächte der Welt bezeichnet wird, lehnte die ganze Bewegung als aussichtslos ab oder stand ihr gleich­gültig gegenüber. Wer damals vom internationalen Schiedsgericht sprach, erntete ein mitleidiges Lächeln, es war ein Schwärmer, mit dem man weiter nicht zu diskutieren brauchte. Das änderte sich im Jahre 1898 mit einem Schlage ganz erheblich. Ende August näm­lich ließ der Kaiser von Rußland durch den Grafen Mnrawzew allen inPetersburg akkreditiertenVertretern der Mächte ein Manifest überreichen, dessen Zweck aus dem Wortlaute einiger Sätze, die hier folgen mögen, zu ersehen ist.

Im Namen des Friedens haben große Staaten mächtige Bündnisse geschlossen. Um den Frieden besser zu wahren, haben sie in bisher unbekanntemGrade ihre Militärmacht entwickelt und fahren fort, sie zu ent­wickeln, ohne vor irgend einem Opfer znrückzuschrecken. Alle ihre Bemühungen habe:: dennoch nicht die er­sehnte Friedensstiftung zeitigen können. Da die finanziellen Lasten eine steigende Richtung verfolgen und die Volkswohlfahrt an ihrer Wurzel treffen, so werden die geistigen und physischen Kräfte der Völler, die Arbeit und das Kapital zum großen Teile von ihrer natürlichen Bestimmung abgelenki und in un­produktiver Weise aufgezehrt. Die wirtschaftlichen Krisen sind zum großen Teile hervorgerufen durch das System der Rüstungen bis aufs äußerste; und die ständige Gefahr, welche in dieser Kriegssiofsansannn- lung ruht, macht die Armee unserer Tage zu einer drückenden Last, welche die Völker mehr und mehr nur mit Mühe tragen können. Es ist deshalb klar, daß, wenn diese Lage sich noch weiter so hinzieht, sie in ver­hängnisvoller Weise zu eben der Katastrophe fuhren würde, welche man zu vermeiden wünscht und deren Schrecken jeden Menschen schon beim bloßen Gedanken schaudern machen. Diesen Rüstungen ein Ziel zu setzen und dem Unheil vorzubengen, welches die ganze Welt bedroht, das ist die höchste Pflicht, welche sich heut­zutage allen Staaten aufzwingt. Durchdrungen von

Feuilleton.

(Nachdruck verboten^

Charlotte von Stein.

Von Hermann Kienzl.

Ein literarischer Sensationssucher, der die Brille ies Gelehrten aufsetzte, hat sich jüngst in einem Goethe- Kuch an der Frau vergriffen, die in elf Jahren der Bon: »on Goethes Liebe, Leben und Dichtung gewesen. Zuni Vlück der Wahrheit ist aber gerade jetzt ein Quelle n- verk über Charlotte von Stein erschienen, das allen Kombinationen im Dunkeln ein Ende bereitet: das

nehr als 600 Seiten starke BuchCharlotte von Stein" ?on Wilhelni Bode. Mit eherner Gewissenhaftigkeit jat der hervorragende Goethe-Forscher alles herbe-- zetragen und ans Licht der Sonne gelegt, . was den Lebenskreis der Frau von Stern jemals streifte. Ihre H4 Lebensjahre ziehen an uns vorüber. In wunder­voller Klarheir erstehen drei Menschenalter, von der zarten, kränklichen Frau erlebt und durchlitten; ersteht in feiner Enge und in der ganzen Fülle der Persönlich­keiten das kleine Weimar: ersteht das geistige Deutsch­land und umbrausen uns die Stürme der Weltgeschichte.

Charlotte von Stein war ihr ganzes Leben lang sineHofverwandte". Eng und klein waren die Ver­hältnisse des Weimarer Hofes und ihres Elternhauses, schr Vater, der Hofmarschall von Schardt, war ein wunderlicher Heiliger, der der geistigen Persönlichkeit Charlottens niemals nahe kam; ihre Mutter --- sie hat 11 Kinder geboren eine bigotte Frau. Und Schmal­hans war Küchenmeister. Mit 18 Jahren wurde Char­lotte Hofsränlein bei der Herzogin-Mutter, idamals Regentin) Amalie. Tie leeren Spiele des Hofes füllten ihre Tage. Dieses Milieu, in seiner Beschränktheit, hielt mit einem Teil seiner aristokratischen Vorurteile Lharlotte zeitlebens gefangen. Sie hatte von Haus die üblichen Kenntnisse adeliger Damen erhalten, eine Aus­bildung in den Sprachen, im Tanze (sie war eine holde Tänzerin, denn all ihr Wesen war Grazie) und gar sehr

in der Religion.... Alles, was sonst in ihr wuchs und groß wurde, kam aus eigener Triebkraft unter dem Segen der Liebe, unter dem Segen Goethes. Doch war ihr mehr noch zu geben verliehen als zu emp­fangen. Denn ihr feiner Geist leistete dem Freunde be­fruchtende Genossenschaft, ihre harmonische Seele er­schloß ihm Harmonien, ihr starkes persönliches Urteil führte ihn durch die Welt. Was er zu danken hatte, sagte er tausendfach. Es genügt nicht, zu begreifen, daß der furchtbare Liebeskampf der elf Jahre (1775 bis 1786) die Ackerschollen aufriß, aus denenWilhelm Meister",Iphigenie" undTasso" wuchsen. Charlotte selbst war Mariane, war Iphigenie, war vor allem die Prinzessin Leonore. (Willst du genau erfahren, was sich ziemt, so frage nur bei edlen Frauen an"). Sie war die individuelle Quelle feiner _ erschütterndsten Liebes­gedichte; sie der Anlaß, das Ziel und die persönliche Seele der 1500 hin gewühlten Briefe und Zettel, die ein Kronschatz höchsten Lebens sind. Sie war die gelehrige Gehilfin seiner naturwissenschaftlichen und philosophi­schen Arbeiten; in den Gesprächen mit Charlotte fand Goethes Weltgeist seinen tiefsten Kielgang.

Einundzwanzigjährig, wurde Charlotte von Schardt aut 8. Mai 1761 an den Weimarischen Hofstallmeister Jösias von Stein verheirattet. Es war ein anständiger Mann von bescheidenem Horizont, und Charlotte leistete ihm alle Pflichten des Weibes im Dulden, Entbehren und Pflegen. Sie gebar ihm sieben Kinder, von denen drei Söhne am Leben blieben. Tie Liebe war nicht in diesem offiziellen Bunde, aber Sorge und in späteren Tagen, als der Stallmeister geisteskrank darniederlag und dann die Söhne den Kampf ums materielle Dasein mühsam führten, sogar die Armut.

Frühzeitig sann Charlotte über das beklagenswerte Los des Weibes, doch trug sie's allezeit in Ergebenheit. Trug es mit ihrer tapferen Seele, mit ihrem kränk­lichen, leidenden Körper. . . . Gerechtigkeit war der eingeborene oberste Wille dieses nach dem Hohen und Vollkommenen gerichteten Gemütes. Daher war ^rhr die kritiklose Leidenschaft der Liebe versagt >chr Lieben war ein Pilgern mit dem Geliebten nach den beiliaen Quellen.

Nach dem ersten Begegnen des sechsundzwanzig- sährigen Goethe und der dreiunddreißigjährigen Frau von Stein war das selig-unselige Verhängnis ihrer leidensovllen. gewaltigen Liebe unabwendbar. . . . In den nächsten Wochen schon schwirren die Pfeile mit Goethes Zetteln. Tief aufgewühlte Leidenschaft. . . Sie wehrt nicht feinem Lieben: wehrt aber, die Zügel mit sicherer Hand führend, dem Ungestüm. Tie bös­willige Kleinstadt bedrängt sie horchend und klatschend. Entbehrung der geliebten Nähe wird dem schier Ver­zweifelten auferlegt. Und jetzt, wie auch in den späteren Jahren, tobt die Leidenschaft in Kämpfen und Stürmen. Allmählich wird Goethe täglicher Gast und findet sich Charlotte in seinem Gartenhäuschen ein. 1781 ver­weigert sie ihm nicht mehr das Tu-Wort, das in seinen ersten Briefen schon die Maske vom Herzen riß. Sie ist sein volles Leben, seine Heimat. Er verrichtet auf Charlotten» altem Schloß Kochberg und in der Stadt­wohnung die Geschäfte des Hausvaters, pflegt und leitet ihre Kinder.In sorglichen Augenblicken", schreibt er. ängstigt mich Dein Fuß und Deiner Kinder Husten. Wir sind wohl verheiratet. Das heißt: durch ein Band verbunden, wovon der Zettel aus Liebe und Freude, der Eintrag aus Kren z, K u m m e r u n d E l e n d b e st e h t." Und dann wieder, nach einer bitteren Stunde:Ja, es ist eine Wut gegen sein eigenes Fleisch, wenn der Un­glückliche sich Luft zu machen sucht dadurch, daß er sein Liebstes beleidigt". Und dann inieder aus Johann- Georgenstadt:Endlich hier, sechs stunden von Karls­bads wieder auf dem Wege zu Dir, meine Geliebte, meine Freundin, einzige Sicherheit meines Lebens. Was ist alles andere, was jedes andere menschliche Geschöpfi Je mehr ich ihrer kennen lerne, je mehr sehe ich, daß mir in der Welt nichts mehr zu suchen übrig bleibt, daß ich in Dir alles gefunden habe".

Charlotte hat ihre eigenen Briefe später verbrannt. Einige Zeilen von ihr sollen in Goethes SchauspielDie Geschwister" übergegangen sein. Tort heißt es:Die Welt wird mir wieder lieb, ich hatte mich so los von ihr gemacht, wieder lieb durch ^sie. Mein Herz macht mir Vorwürfe: ich fühle, daß ich Ihnen und nutz