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Nr. 239.
Wiesbaden, Freitag, 20. Mai 1910.
58. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Mtcrtt.
Zum Kongreß der deutschen Friedens- Gesellschaften in Wiesbaden.
Der Kongreß der deutschen Friedensgesellschaften, der am 20. und 21. Mai hier tagen wird, lenkt die Aufmerksamkeit auf die gesamte, noch allzu wenig beachtete Friedensbewegung.
Die moderne Friedensbewegung datiert aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Ihre innere Ursache ist die Vertiefung des Humanitätsge- dankens innerhalb der Kulturvölker, die in den letzten Jahrzehnten in der sozialen Gesetzgebung ihren augenscheinlichsten Ausdruck gefunden hat. Ten äußeren Anstoß zur Organisation der Bewegung gab ein Ereignis, das sich an eine hervorragende Betätigung eben jenes Gedankens knüpfte. Anfangs der 60er Jabre des vorigen Jahrhunderts warfen bekanntlich die Nordstaaten der amerikanischen Union die Südstaaten nach einem erbitterten Kampfe nieder und beseitigten damit die Sklaverei, die mit dem obersten Leitsätze des Humanitätsprinzips, „der Mensch ist eine Person, keine Sache, darf also, welcher Denkrichtung und welcher Rasse er angehören mag, nur als Person, niemals als Sache behandelt werden", unverträglich ist. Nebenbei bemerkt, predigt dieses Resultat die einfache, aber selten beherzigte Lehre: Eine Begleiterscheinung der mensch
lichen Kulturentwicklung, die sg alt ist wie die Merpch- heit selbst, braucht darum noch nicht ewig zu sein. In dem erwähnten Kampfe stand England, wenn auch nicht offen, auf feiten der Süüstaaten. Verletzungen der Neutralität zu deren Gunsten riefen bei den Nordamerikanern große Erbitterung hervor. Ihre Reklamationen wurden nach dem Kriege sehr energisch, aber auch anfangs sehr energisch abgewiesen. Es entstand eine Preßfehde, wie sie heftiger noch nicht erlebt war: das, Was man gewöhnlich die Ehre eines Landes nennt, war beiderseits engagiert, der Krieg schien unvermeidlich. Es gab aber noch besonnene Männer in den leitenden Kreisen auf beiden Seiten des Ozeans. Der Streitfall kam vor ein Schiedsgericht, das vom Juli 1871 bis September 1872 in Genf tagte und England zu einer namhaften Entschädigung verurteilte. Tie Summe wurde gezahlt und der Streitfall war erledigt. Ter Eindruck dieses Resultates auf die gebildete Welt war gewaltig. Zwar hatten auch schon früher Schiedssprüche Differenzen zwischen dem einen und anderen -Staate beigelegt, aber diese Differenzen waren im Vergleich zu dem vorliegenden Konflikte herz
lich unbedeutend. Die Frage lag nahe, wenn in einem so kritischen Falle ein Krieg vermieden wurde, der Zehntausende von Menschenleben gekostet, den Wohlstand zweier hochentwickelter Kulturstaaten aufs Spiel gesetzt und die ganze übrige Welt in Mitleidenschaft gezogen haben würde, warum sollte das eingeschlagene Verfahren nicht verallgemeinert werden können?
Seit jener Zeit bildeten sich in den einzelnen Kulturstaaten Friedensgesellschaften. Ihr Ziel war: Einschränkung oder -gar Beseitigung des Krieges. Über die Wege, auf denen man zu diesem Ziele gelangen könne, herrschte anfangs viel Meinungsverschiedenheit, viel Unklarheit. Langsam entwickelte sich die allgemeine Losung: Gewinnung der öffentlichen Meinung für ein permanentes internationales Schiedsgericht, vor das die Streitigkeiten der Staaten zu bringen sind. U)re Zahl dieser Gesellschaften war anfangs klein, blieb aber in stetem Wachsen. Rußland, das, seinen Kaiser ausgenommen, lange der Bewegung fern stand, zählt jetzt deren 3, England 60. Deutschland 88, Frankreich 163. Die einzelnen Gruppen innerhalb der verschiedenen Nationen haben je eine Zentrale_ ins Leben gerufen, welche sie nach außen vertritt: beispielsweise befindet sich die deutsche Zentrale in Stuttgart. Endlich besitzen die Zentralen wiederum ein gemeinsames Organ in dem permanenten internationalen Friedensbureau in Bern, das den Sammelpunkt aller auf die Friedensbewegungen gerichteten Bestrebungen bildet. Jährlich senden die Zentralen der einzelnen Völker, aber oft auch die Gruppen selbst ihre Vertreter zu einem sogenannten Weltfriedenskongreß, auf welchem die gerade schwebendenFragen und dieAnträge der Zentralen verhandelt werden. Ein Beispiel, wie die Friedensgesellschaften mildernd in die nationalenGegen- sätze eingreifen können, ist das folgende: Vor zwei Jahren etwa machte ein hiesiges Blatt auf den Chauvinismus aufmerksam, der in den^ französischen Volkslesebüchern zum Ausdruck kam. Tatsächlich fanden sich dort Stellen, welche die geschichtlichen Tatsachen auf den Kopf stellten und Saß und Verachtung gegen Deutschland schürten. Der Vorstand der hiesigen Gruppe bat die Zentrale in Stuttgart, bei der französischen Friedensgruppe zu intervenieren. Das geschah, die letztere nahm sich der Sache an und vor Jahresfrist konnte der Vorsitzende der deutschen Friedensgesellschaften Herr Di'. A. Richter, die erfreuliche Mitteilung hierher gelangen lassen, daß in den neuesten Auflagen die schlimmsten Stellen gestrichen seien.
Diesen Gesellschaften erwuchs im Jahre 1888 ein kräftige» Bundesgenosse in der „Interparlamentarischen Union". In iedem Parlament nämlich hat sich seitdem eine Friedensgruppe gebildet: ihr Ziel ist: in ihrem Lande den Grundsatz schiedsgerichtlicher Erledi-
guna internationaler Streitigkeiten zur Anerkennung zu bringen. Die Gruppe im deutschen Reichstag, der Mitglieder fast aller politischer Parteien angehören, zahlt rund 170 Teilnehmer. Tie Friedensgruppen der einzelnen Parlamente bilden zusammen die Interparlamentarische Union, die jedes Jahr zu einem Kongreß zusammentritt. Die Union hat einen ständigen Rat geschaffen, zu dem jede Gruppe zwei Mitglieder wählt. In den Sitzungen dieses Rates werden die dem Kongreß zu unterbreitenden Fragen vorberaten.
All diese Organisationen hatten bis zum Ende der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts keinen merklichen Erfolg. Die Presse, die nicht mit Unrecht als eine der Großmächte der Welt bezeichnet wird, lehnte die ganze Bewegung als aussichtslos ab oder stand ihr gleichgültig gegenüber. Wer damals vom internationalen Schiedsgericht sprach, erntete ein mitleidiges Lächeln, es war ein Schwärmer, mit dem man weiter nicht zu diskutieren brauchte. Das änderte sich im Jahre 1898 mit einem Schlage ganz erheblich. Ende August nämlich ließ der Kaiser von Rußland durch den Grafen Mnrawzew allen inPetersburg akkreditiertenVertretern der Mächte ein Manifest überreichen, dessen Zweck aus dem Wortlaute einiger Sätze, die hier folgen mögen, zu ersehen ist.
„Im Namen des Friedens haben große Staaten mächtige Bündnisse geschlossen. Um den Frieden besser zu wahren, haben sie in bisher unbekanntemGrade ihre Militärmacht entwickelt und fahren fort, sie zu entwickeln, ohne vor irgend einem Opfer znrückzuschrecken. Alle ihre Bemühungen habe:: dennoch nicht die ersehnte Friedensstiftung zeitigen können. Da die finanziellen Lasten eine steigende Richtung verfolgen und die Volkswohlfahrt an ihrer Wurzel treffen, so werden die geistigen und physischen Kräfte der Völler, die Arbeit und das Kapital zum großen Teile von ihrer natürlichen Bestimmung abgelenki und in unproduktiver Weise aufgezehrt. Die wirtschaftlichen Krisen sind zum großen Teile hervorgerufen durch das System der Rüstungen bis aufs äußerste; und die ständige Gefahr, welche in dieser Kriegssiofsansannn- lung ruht, macht die Armee unserer Tage zu einer drückenden Last, welche die Völker mehr und mehr nur mit Mühe tragen können. Es ist deshalb klar, daß, wenn diese Lage sich noch weiter so hinzieht, sie in verhängnisvoller Weise zu eben der Katastrophe fuhren würde, welche man zu vermeiden wünscht und deren Schrecken jeden Menschen schon beim bloßen Gedanken schaudern machen. Diesen Rüstungen ein Ziel zu setzen und dem Unheil vorzubengen, welches die ganze Welt bedroht, das ist die höchste Pflicht, welche sich heutzutage allen Staaten aufzwingt. Durchdrungen von
Feuilleton.
(Nachdruck verboten^
Charlotte von Stein.
Von Hermann Kienzl.
Ein literarischer Sensationssucher, der die Brille ies Gelehrten aufsetzte, hat sich jüngst in einem Goethe- Kuch an der Frau vergriffen, die in elf Jahren der Bon: »on Goethes Liebe, Leben und Dichtung gewesen. Zuni Vlück der Wahrheit ist aber gerade jetzt ein Quelle n- verk über Charlotte von Stein erschienen, das allen Kombinationen im Dunkeln ein Ende bereitet: das
nehr als 600 Seiten starke Buch „Charlotte von Stein" ?on Wilhelni Bode. Mit eherner Gewissenhaftigkeit jat der hervorragende Goethe-Forscher alles herbe-- zetragen und ans Licht der Sonne gelegt, . was den Lebenskreis der Frau von Stern jemals streifte. Ihre H4 Lebensjahre ziehen an uns vorüber. In wundervoller Klarheir erstehen drei Menschenalter, von der zarten, kränklichen Frau erlebt und durchlitten; ersteht in feiner Enge und in der ganzen Fülle der Persönlichkeiten das kleine Weimar: ersteht das geistige Deutschland und umbrausen uns die Stürme der Weltgeschichte.
Charlotte von Stein war ihr ganzes Leben lang sine „Hofverwandte". Eng und klein waren die Verhältnisse des Weimarer Hofes und ihres Elternhauses, schr Vater, der Hofmarschall von Schardt, war ein wunderlicher Heiliger, der der geistigen Persönlichkeit Charlottens niemals nahe kam; ihre Mutter --- sie hat 11 Kinder geboren — eine bigotte Frau. Und Schmalhans war Küchenmeister. Mit 18 Jahren wurde Charlotte Hofsränlein bei der Herzogin-Mutter, idamals Regentin) Amalie. Tie leeren Spiele des Hofes füllten ihre Tage. Dieses Milieu, in seiner Beschränktheit, hielt mit einem Teil seiner aristokratischen Vorurteile Lharlotte zeitlebens gefangen. Sie hatte von Haus die üblichen Kenntnisse adeliger Damen erhalten, eine Ausbildung in den Sprachen, im Tanze (sie war eine holde Tänzerin, denn all ihr Wesen war Grazie) und gar sehr
in der Religion.... Alles, was sonst in ihr wuchs und groß wurde, kam aus eigener Triebkraft — unter dem Segen der Liebe, unter dem Segen Goethes. Doch war ihr mehr noch zu geben verliehen als zu empfangen. Denn ihr feiner Geist leistete dem Freunde befruchtende Genossenschaft, ihre harmonische Seele erschloß ihm Harmonien, ihr starkes persönliches Urteil führte ihn durch die Welt. Was er zu danken hatte, sagte er tausendfach. Es genügt nicht, zu begreifen, daß der furchtbare Liebeskampf der elf Jahre (1775 bis 1786) die Ackerschollen aufriß, aus denen „Wilhelm Meister", „Iphigenie" und „Tasso" wuchsen. Charlotte selbst war Mariane, war Iphigenie, war vor allem die Prinzessin Leonore. („Willst du genau erfahren, was sich ziemt, so frage nur bei edlen Frauen an"). Sie war die individuelle Quelle feiner _ erschütterndsten Liebesgedichte; sie der Anlaß, das Ziel und die persönliche Seele der 1500 hin gewühlten Briefe und Zettel, die ein Kronschatz höchsten Lebens sind. Sie war die gelehrige Gehilfin seiner naturwissenschaftlichen und philosophischen Arbeiten; in den Gesprächen mit Charlotte fand Goethes Weltgeist seinen tiefsten Kielgang.
Einundzwanzigjährig, wurde Charlotte von Schardt aut 8. Mai 1761 an den Weimarischen Hofstallmeister Jösias von Stein verheirattet. Es war ein anständiger Mann von bescheidenem Horizont, und Charlotte leistete ihm alle Pflichten des Weibes im Dulden, Entbehren und Pflegen. Sie gebar ihm sieben Kinder, von denen drei Söhne am Leben blieben. Tie Liebe war nicht in diesem offiziellen Bunde, aber Sorge und in späteren Tagen, als der Stallmeister geisteskrank darniederlag und dann die Söhne den Kampf ums materielle Dasein mühsam führten, sogar die Armut.
Frühzeitig sann Charlotte über das beklagenswerte Los des Weibes, doch trug sie's allezeit in Ergebenheit. Trug es mit ihrer tapferen Seele, mit ihrem kränklichen, leidenden Körper. . . . Gerechtigkeit war der eingeborene oberste Wille dieses nach dem Hohen und Vollkommenen gerichteten Gemütes. Daher war ^rhr die kritiklose Leidenschaft der Liebe versagt >chr Lieben war ein Pilgern mit dem Geliebten nach den beiliaen Quellen.
Nach dem ersten Begegnen des sechsundzwanzig- sährigen Goethe und der dreiunddreißigjährigen Frau von Stein war das selig-unselige Verhängnis ihrer leidensovllen. gewaltigen Liebe unabwendbar. . . . In den nächsten Wochen schon schwirren die Pfeile mit Goethes Zetteln. Tief aufgewühlte Leidenschaft. . . Sie wehrt nicht feinem Lieben: wehrt aber, die Zügel mit sicherer Hand führend, dem Ungestüm. Tie böswillige Kleinstadt bedrängt sie horchend und klatschend. Entbehrung der geliebten Nähe wird dem schier Verzweifelten auferlegt. Und jetzt, wie auch in den späteren Jahren, tobt die Leidenschaft in Kämpfen und Stürmen. Allmählich wird Goethe täglicher Gast und findet sich Charlotte in seinem Gartenhäuschen ein. 1781 verweigert sie ihm nicht mehr das Tu-Wort, das in seinen ersten Briefen schon die Maske vom Herzen riß. Sie ist sein volles Leben, seine Heimat. Er verrichtet auf Charlotten» altem Schloß Kochberg und in der Stadtwohnung die Geschäfte des Hausvaters, pflegt und leitet ihre Kinder. „In sorglichen Augenblicken", schreibt er. „ängstigt mich Dein Fuß und Deiner Kinder Husten. Wir sind wohl verheiratet. Das heißt: durch ein Band verbunden, wovon der Zettel aus Liebe und Freude, der Eintrag aus Kren z, K u m m e r u n d E l e n d b e st e h t." — Und dann wieder, nach einer bitteren Stunde: „Ja, es ist eine Wut gegen sein eigenes Fleisch, wenn der Unglückliche sich Luft zu machen sucht dadurch, daß er sein Liebstes beleidigt". Und dann inieder aus Johann- Georgenstadt: „Endlich hier, sechs stunden von Karlsbads wieder auf dem Wege zu Dir, meine Geliebte, meine Freundin, einzige Sicherheit meines Lebens. Was ist alles andere, was jedes andere menschliche Geschöpfi Je mehr ich ihrer kennen lerne, je mehr sehe ich, daß mir in der Welt nichts mehr zu suchen übrig bleibt, daß ich in Dir alles gefunden habe".
Charlotte hat ihre eigenen Briefe später verbrannt. Einige Zeilen von ihr sollen in Goethes Schauspiel „Die Geschwister" übergegangen sein. Tort heißt es: „Die Welt wird mir wieder lieb, ich hatte mich so los von ihr gemacht, wieder lieb durch ^sie. Mein Herz macht mir Vorwürfe: ich fühle, daß ich Ihnen und nutz
