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Für die Aufnahme von Anzeigen an vorgeschriebeuen Tagen wird keine Gewähr übernommen.

Nr. 223.

Wiesbaden, Mittwoch, 18. Mai 1910.

38. Jahrgang.

Morgen - ktusgabe.

1. Matt. _

Jur Königsbesrattung.

XX London, 14 Mai.

Englische Straßendekorationen sind gewöhnlich keine Wunderwerke, vielfach sogar billiges Flickwerk. Doüi sür die Gelegenheit der Königsbestattung strengt inan sich sehr an und es dürfte der ganzen Strecke von der Westminster-Halle wo 8U0 Jahre hmdürcy 10 viele Leichname von Königen aufgebahrt worden dis zum Paddington-Bahnhof ein recht feierliches Aus­sehen verliehen werden. Wohl mag da viel schwarz zur Verwendung kommen, aber die vorherrschende, die eigentliche Farbe der Königstrauer ist Royal purpie. Nicht, was wir als Purpur kennen, sondern ein dunkles Violett. Dazu kommt auch viel Blätterfchmuck, zu- inal von Lorbeer zur Verwendung. Und von allen Teilen des Reiches werden Kränze dafür gesandt: auch die Ärmsten geben vielfach ihr Scherflein zu ihrer Be­schaffung. Das ist ja unter Umständen recht schön. Aber es hat sich in dieser Hinsicht in England längst ein System ausgebildet, das nur zu oft einen gewissen moralischen Truck in sich schließt. Es gilt nur zu häufig in den Augen gewisser wohlhabender Leute für ein be­sonders verdienstvolles Werk, wenn sie gerade die Arnien dazu veranlassen können, ihre Pennies zu mancherlei guten Zwecken beizusteuern.

Für die Plätze auf der 'Prozessions-Route werden ungeheure Preise verlangt: für besonders günstig ge­legene Zimmer mit Balkon sind 4- und 5000 M. ge­fördert, für einzelne Fenster 1000 M. und dement­sprechende Preise für einzelne Tribünen-PIätze. Aber davon wird wohl noch ein gut Teil aogelassen werden. Nicht, daß es nicht Leute gäbe, die nötigenfalls_ der­artige Preise bezahlen würden und mehr einem solchen Schauspiel beizuwohnen, bei dein u. a. das ist wohl nie dagewesen! ein Kaiser und acht Könige Mitwirken werden. Aber die Strecke ist doch fünf Kilo­meter lang und bietet für viele Hunderttausende von Zuschauern Platz. Das muß doch sür die Preise ein­zelner Zimmer und andere Plätze in Betracht kommen.

Tie Hoftrauer ist sechs Monate volle und sechs Monate halbe Trauer: sür die allgemeine Trauer ist sechs Wochen für volle und sechs Wochen für halbe Trauer angesagt. Und bis in die unteren Schichten ist inan den Anordnungen allgemein nachgekommen. Der Pntz ist in England! doch die Haupttr^uer. Es würde heute jedenfalls keine Dame,die etwas auf sich hält", sich ohüc dolle Trauerkleidung auf der Straße blicken lassen. Sie würde in der Tat außerordentlich auffallen. Was hat das für Mühsal bereitet und wie sind die armen Nahmcidchen uiid Putzmacherinnen überarbeitet! den ganzen Aufputz so rasch zu be­schaffen. Und dazu gehört doch auch ein schwarzer Hut oder mehrere! von dem Umfang, wie ihn die Mode erheischt. Da wird nun auf einmal geltend ge­macht: Diese ungeheurenWagenräder" werden am

Von der Srüffeier Weltausstellung.

Die deutsche Abteilung.

Brüssel, 9. Mai.

Die deutsche Ausstellung hat den Borzug der Übersicht­lichkeit und der Eigenart, da sozusagen unter einem Dach all das untcrgebracht ist, was Deutschland in Brüssel aus­stellt. Wir sind sicher, daß dieses bei Weltausstellungen zum erstennial angewandte System Nacheiferer finden wird, denn es hat fast alles sür sich, besonders aber dann, wenn sich die architektonische Gliederung der Hallen so harinonisch an das Ausgestellte anreiht wie cs hier geschehen ist. Hier hat Emanuel von Seidl wirtlich sein Meisterstück vollbracht, und wenn er vielleicht es noch verstanden hätte, in den ersten der Raumkunst und dem Kleingewerbe gewidmeten Hallen etwas mehr Ausdehnung nach oben hin zn schassen, dann würde ioohl kaum ein berechtigter Wunsch unbefriedigt geblieben sein. Es macht da noch Manches den Eindruck des Gedrückten. Man hat da eher zu viel an das seitlich ge­legene deutsche Haus abgegeben, das Repräsentations­zwecken dienen soll. DiesesHeim" enthält im Erdgeschoß Repräscntations- und Geschäftsräume für die Ausstcllungs- leitung; im ersten Stock aber einen großen Fcstsaal mit vorgelagerter oval gehaltener Terrasse. Dieser Festsaal ist wohl das Eigenartigste, was je auf diesem Gebiet geschaffen wurde. Um einen runden Kuppelbau mit Galerien lagern sich drei Nischen. Man hat fast den Eindruck, als ob dieser Raum nach oben zu offen wäre, dermaßen heben sich die Höhenverhältnisse des mittleren Stockes von den übrigen Teilen ab. Durch einen grau gehaltenen, ganz wundervoll abgetönten Anstrich hat man dem Saal eine harmonische

Begräbnistage die Aussicht stören. Vom Hofmarschall­amt ist zwar schon geltend gemacht, daß es in solchen Dingen natürlich nur Damen, die hoffähig sind und dann nur bei Hoffestlichkeiten Weisungen geben kann; aber schon sieht sich die ganze Damenwelt wieder genötigt wir wollen es wenigstens hoffen für den Begräbnistag sich einen neuen Kopfputz zu beschaffen.

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Das diplomatische Korps hat vorgestern früh in der Thronhalle, wo gegenwärtig der Sarg des toten Königs aufgebahrt ist, von dem toten König Abschied genommen. In langem feierlichen Zuge defilierte das Korps vor dem Sarge vorüber. Der Sarg ist geschlossen worden und wird von den königlichen Farben bedeckt. Die Zeremonie wirkt in ihrer Einfachheit ergreifend. Zu beiden Seiten des Sarges stehen des Königs Grenadiere, ernst und stumm, auf ihre Gewehre gestützt. Eine absolute Stille herrscht in der Halle. Gestern vormittag fand in der Westminster-Hall eine religiöse Feier statt. Diese trug einen rein familiären Charakter. Die Arbeiten in der Westminster-Hall sind be­reits weit vorgeschritten und sollen heute beendet werden. Die Halle ist in größter Einfachheit gehalten. In der Mitte der einen Breitseite der nicht besonders großen Helle ruht auf hohem Katafalk der Sarg.

wb. London, 17. Mai. Ein großer Kranz mit kost­baren malvenfarbigen und weißen Orchideen wurde m London für den deutschen Kaiser und die Kaiserin hergestellt. An dem Kranze werden sich zwei breite Seiden­bänder befinden, das eine weiße Band trägt in Handmalcrei die deutsche Kaiserkrone mit dem Monogramm W. II., I. R., das andere, ein malvenfarbiges Band, trägt in ähnlicher Zeichnung die Krone der Kaiserin und das Monogramm A. V., I. R.

London, 17. Mai. (Eigener Drahtbericht.) Die Überführung der Leiche des Königs Eduard aus dem Buckinghampalast nach der Westminsterhall ist heute mittag in der angedeuieten Weise erfolgt. Tausende von Menschen waren mit den Eisenbahnzügen aus allen Gegen­den herbeigeeilt, um sich den Zug anzuschcn. Unmittelbar hinter der Lafette mit dem Sarg wurde die Königsstandarte getragen. Dann folgte König Georg allein, hinter ihm der Herzog von Cornville und Prinz Albert. Des weiteren zu je drei die anderen Fürstlichkeiten. Den Schluß des Lcichcn- zugcs bildeten die Wagen mit den fürstlichen Damen. Im ersten Wagen saß die Königin Alexandra, die Königin- Mutter. Nachdem der Sarg auf einen Katafalk gestellt war, begann ein Gcdächtnisgottcsdienst.

Königin Alexandra.

Der Korrespondent desMatin" erfährt aus sicherer Quelle, daß die Königin Alexandra kurz nach den Bei- sctzungsfeierlichkeitcn London verlassen und sich zu dau­erndem Aufenthalt in Dänemark niederlassen will.

Deutsches Deich.

* Ter Bund der Indrkstriellen und die Wahlresorm.

Gegenüber einer Meldung derBerliner Pol. Nachr.", wonach die Industrie für die Wahlrechtsreform in der Fassung des Herrenhauses sei. veröffentlicht der Bund

Ruhe gegeben. Hübsche antike Gobelins, die Prinzrcgent Luitpold von Bayern zur Verfügung gestellt hat, wechseln mit purpurseidencn Wandbespannungen ab. Weniger als dieser Raum sagt uns das Treppenhaus zu, in dem drei Bronzefigurcn des Berliner Bildhauers Karl Ebbinghaus Aufstellung gefunden haben, die zu massig und robust sind, als daß man sie in diesem Raum gerne sehen möchte. Hilde­brands Brunnen dagegen, der den Vorraum ziert, fügt sich dem Ganzen vortrefflich ein. Es ist ferner noch ein Vor- tragsranm zu erwähnen, in den: die Urania aus Berlin Vorträae halten lassen will, zweifelsohne sür Förderung des Deutschtums im Ausland, denn die gleichnamige Gesellschaft hat hier eine kleine statistische Übersicht untergebracht, die auf derartiges schließen läßt. An das deutsche Haus schließt sich ein stilvolles Weinrestaurant und ein Münchener Bier­haus an, das mit Erlerschcn Figuren geschmückt ist, an die sich das Auge erst allmählich gewöhnen muß.

Die Einteilung der deutschen Abteilung ist eine ganz vortreffliche. Man hat an der entferntesten Nordseite mit der Raumkunst und dem Kunstgewerbe begonnen, ist dann zum Unterrichtswefen übergegangcn, mit dem man sinnge­mäß das Buchgewerbe mit seinen weitverzweigten Neben­berufen verbunden hat. Hieran schließt sich die Optik und Feinmechanik, dann folgt das Automobil- und Lustschiff­wesen, hieraus der Wasserbau und das Jngcnicursach. Als­dann kommt man in die großen Maschinenhallen, die eine instruttive Bedeutung dadurch erlangen, daß sie fortgesetzt durch eigene Kraftanlagen im Betrieb gehalten werden. Besondere Aufmerksamkeit schenkte man auch dem landwirt­schaftlichen Maschinenwesen und dem rollenden Eisenbahn­material. Die letztere Abteilung hat das preußische Eisen- bahnministsrium zusammengestellt.

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Von allen Abteilungen scheint uns die für das Unter­richtswesen die bedeutendste zu sein, weil sie den Beweis

der Industriellen eine Erklärung, wonach in den ihm nahestehenden Kreisen der Industrie _ die Auffassung, die auch vom Hansabunde vertreten ist, herrsche, .datz die Beseitigung der indirekten Wahl zu fordern sei. Es beständen schwere Bedenken gegen die Verbindung der geheimen mit der indirekten Wahl, die auch durch eine Drittelung der Urwahlbezirke in den Gemeinden nicht behoben werden könne. Nach wie vor vertrete der überwiegende Teil der deutschen Industrie den Stand­punkt, daß die geheime und direkte Wahl nach dem Vorgänge fast sämtlicher Bundesstaaten auch in Preußen einzuführen sei. Sie befürchte, daß durch die Annahme der gegenwärtigen Vorlage eine V e r - schlechterer ng gegen den früheren Zustand em- tr-eten werde, und erwarte daher von den ihr nahe­stehenden Parteien eine Ablehnung der Wahlrechtsvor- lage auch in der Fassung des Herrenhauses, zumal die bisherige Wahlkreiseinteilung beibehalten werden solle.

* Neue Sensationen Erzbergers. Das.. Leibblatt des betriebsamen Herrn Erzberger, dieSachs. Volks­zeitung", kündigt in Nr. 106 vom 11. Mai für die nächste Woche das Erscheinen einer interessanten/Schrift an mit folgendem verwegenen Titel:Kapituliert der Kaiser vor dem Generalstabschef der 1908er Revolu­tion?" Das erinnert eigentlich an die Zehnpfennigs- Schundhefte der Buffalo-Bill- und Nick-Carter-Serien: aber Herr Erzberger meint es ernst: folgender Wasch­zettel wird der Schrift vorausgesandt:Das Buch be­ruht auf zuverlässigem Material und wird zur Auf­hellung der trüben Novembertage am meisten (!) bei­tragen. Von der betroffenen (sie!) Seite sind schon wiederholt Schritte unternommen worden, um das Er­scheinen der Schrift zu vereiteln." DiePost" bemerkt hierzu:Schon der Stil dieser Reklamesätze, die noch nicht dagewesene sensationelle Enthüllungen ahnen lassen, verspricht literarischen Feinschmeckern ein Fest­mahl: Herr Erzberger ist ein smarter politischer Ge­schäftsmann, und Skrupel kennt er nicht. Indessen, er trägt so dick auf, daß man Neugierige schon rar aus Mitleid mit ihrem Geldbeutel warnen muß."

* Der Wirtschaftliche Ausschuß. Auf Ersuchen des Reichskanzlers hat der Bund der Industriellen zur Berufuna in den Wirtschaftlichen Ausschuß mehrere Sachverständige vorgeschlagen. Entsprechend dem Wunsche der Regierung benannte der Bund der In­dustriellen namentlich Vertreter der Fertiginduftrie und berücksichtigte dabei in erster Reihe die verarberten- deln. Industrien von Berlin, dem Königreich Sachsen. Thüringen und Süddeutschland.

* Bund deutscher Vcrkehrsvcreine. Gestern begann in Braunschweig die neunte Hauptversammlung des Bundes deutscher V e r k e h r s v e r e i n e, der zurzeit 225 Bundesmitglieder (Verbände) umfaßt, die sich vornehmlich aus Verkehrsvereinen^ und Ver- schönernngsvereinen, Vcrkehrsverbänden, Stadt-, Ge­meinde- und Badeverwaltungcn, kaufmännischen und gewerblichen Verbänden und Schiffahrtsgesellschaften zusammensetzen. Auf der Tagesordnung der öffent­lichen Hauptversammlung am 18. Mai stehen unter anderem drei größere Vorträge, und zwar von Professor

dafür liefern soll und rnuh, wie in unseren Bildungsanstalten methodisch für das praktische Leben vorgearbeitct wird. Die Schulausstellung wurde von dem preußischen Kultus­ministerium in Gemeinschaft mit dem sächsischen Kultus­ministerium und der Oberschulbehörde von Hamburg zu- sammengcstellt. Sie umfaßt nicht, wie bei den Weltaus­stellungen in Chicago und St. Louis, das Gcsamtgebiet unserer Unterrichtseinrichtungen, sondern beschränkt sich aus die Volks- und höhere Schule, läßt also unsere Universitäten und Akademien vollständig außer Betracht. Es mußte natür­lich den Veranstaltern der Ausstellung in der Hauptsache darum zu tun sein, den inneren Betrieb unserer Schulen anschaulich zu machen, da lebendige Wirkungen sich bekannt­lich nicht ausstellen lassen. Erst in einem späteren Stadium der Ausstellung sollen Probelektionen gehalten werden, um hierdurch die besonderen Wirkungen unseres Unterrichts' in die Erscheinung treten zu lassen. Es war auch notwendig, die gegenwärtige Richtung der öffentlichen Erziehung zu kennzeichnen, denn das moderne Unterrichtswesen hat sich zeitgemäß entwickelt und ist von dem Gebiet der rein geistigen Übungen übergegangen zur Berücksichtigung des modernen praktischen Lebens unserer Kulturvölker. Man erkennt dies am besten, wenn man steht, wie jetzt Hand und Auge des Kindes zur Fertigkeit auf dem Gebiete des Schönen und zur Ausübung von Arbeiten künstlerischen Ge­präges angeleitet und ausgebildct werden. Man erkennt ferner, welche Sorgfalt der körperlichen Erziehung gewidmet wird und wie man sich bemüht, sie mit den humanistischen in Einklang zu bringen, damit sich das Wort bewahrheitet, daß nur in einem gesunden Körper ein gesunder Geist wohnen könne. Daß unter diesen Umständen auch der Unterricht sür geistig zurückgebliebene Kinder nicht außer Acht gelassen werden durfte, versteht sich von selbst.

Wer mit offenen Augen gerade diese Abteilung be­trachtet, wird erkennen müssen, daß sich unser deutsches