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Nr. 884.

Wiesbaden, Dienstag, 17. Mai IV1G.

58. Jahrgang.

erbend -Ausgabe.

i. Wc«tt. _

Die Wahlrechtsreform.

So unsicher alles ist. so lassen sich einige Tatsachen voch mit ziemlicher Sicherheit feststellen. Die eine ist, daß das Zentrum im Abgeorönetenhause keiner Fassung zustimmen wird, die die Trittelung nach den H e r r e n!h a u s beschlüssen enthält. Tie zweite isst daß die Nationalliberalen gespalten sind, daß es eine Gruppe unter ihnen gibt, die bereit wäre, sich mit der Vorlage in der vom Herrenhause beschlossenen Fassung a b z u f i n d e n. Es sind . das, wie fa ge­nügend bekannt ist, angeblich 20 Mitglieder der Frak­tion aus den w e st I i ch e n Provinzen, also durchweg Männer, die der Meinung sind, sie dürften die Wünsche der Großindustriellen nicht außer acht lassen. Eine fernere Tatsache ist, daß die F r e i k o n f e r - vativen man kann ruhig sagen: begeistert von dem Entwurf in seiner gegenwärtigen Gestalt sind und alles daransehen werden, um eine Mehrheit sür ihn im Abgeordnetenhause zu . sichern, wohlverstanden eine konservativ-freikonservativ-nationalliberale Mehrheit. Denn auf eine solche, zu der auch das Zentrum gehören könnte, läßt sich in dieser Kombination selbstverständ­lich nicht rechnen, überprüft man.diese gegebenen Um­stände in unserer kurzen Auszählung, so könnte man eigentlich finden, daß die allgemein empfundene Un­sicherheit der Lage gar nicht vorhanden ist, daß sich schon jetzt mit ungefährer Bestimmtheit Schlüsse auf das Weitere ziehen lassen. Aber der wichtigste Faktor bleibt doch die konservative Fraktion, und in ihr vor allem beruht das Moment der schillernden Unbe­stimmtheit, die einfach ausschließt, eine Vorhersage mit irgendwelchem Anspruch auf Zuverlässigkeit zu wagen. Tie Konservativen haben die Wahl zwischen zwei Mög­lichkeiten: sie können dem Zentrum treu bleiben, müß­ten also in diesem Falle den D r i t t e l u n g s p a r a- graphen in der Fassung des Herrenhauses ver­werfen. Sie können aber auch versuchen, die Natio- nalliberalen für die Beschlüsse des Herrenhauses zu gewinnen. In ersterem Falle brauchte es nicht not­wendig zu einer einfachen Wiederherstellung der Vor­lage in der Gestalt zu kommen, in der sie vom Abgc- ordnetenhause an das Herrenhaus abgegeben worden war, sondern Herr v, Heydebrand würde sich selbstver­ständlich bemühen, einen Mittelweg zu finden, auf dem er das Zentrum immer noch an seiner Seite habeil könnte, ohne daß er befürchten müßte, daß die Staats­regierung von vornherein nein sagt. Tatsächlich sind solche V ermittln ngsbemü h u n ge n im Gärige. Es ist die Rede von einem veränderten Kompromiß mit dem Zentrum, und zwar auf der Grundlage, daß der Drittelungsparagraph ein Mittelding zwischen seiner

jetzigen Fassung und der ursprünglichen werden soll. Der konservative Führer mag sogar glauben, aus diese Weise gleich zwei Möglichkeiten verwirklichen zu können, nämlich sowohl die Zustimmung des Zentrums wie auch die Herüberziehung des r edjtcn Flug eis der Nationalliberalen. Über die Sache laßt sich natürlich nicht sprechen, solange nicht näher be­kannt ist, wie Herr v. Heydebrand die Aufgabe lösen will, die ein wenig an die Quadratur des Zirkels er­innert. Indessen hat er. wenn man den betreffenden Mitteilungen aus Abgeordnetenkreisen vertrauen darf, diese Ausgabe in der Tat auf sich genommen, und man wird ja sehen, was dabei herauskommen mag. . Daß das Zentrum besonders daraus aus sein sollte, ein der­artiges Kompromiß mitzumachen, kann man sich rm übrigen nicht gut vorstellen. Immerhin gibt es doch auch Gründe, die es den Klerikalen ratsam erscheinen lassen könnten, den Konservativen den Gefallen zu tun. Denn ihnen liegt naturgemäß daran, die für sie so günstige Lage, die die Konservativen nach der Zer­trümmerung des Blocks in die Schutzherrschaft des Zentrums geführt hat, nicht ohne zwingende Gründe wieder preiszuqeben, und so ließe es sich ja denken, baß doch noch ein Opfer gebracht wird. Auch würde sich eine derartige Taktik gerade dann bezahlt machen, wenn ein Teil der Nationalliberalen zu der konservativ-klerikalen Mehrheit übertreten sollte. Das Zentrum hätte alsdann die Genugtuung, einen Keil in die nationalliberale Partei getrieben zu haben, und nichts wäre den klugen klerikalen Führern lieber als gerade dies.

Für Herrn v. Heydebrand ist die Schwierigkeit der Situation darum so groß, weil er den Nationallibe­ralen keine Zugeständnisse machen kann, für die er die Zustimmung der gesamten Fraktion erwarten könnte, und wenn er sich mit der Zustimmung des rcchts- nationalliberalen Flügels begnügen wollte, so würde er sich hinterher zu fragen haben, ob sich die aufgewcn- dete Mühe verlohnen mag. Er müßte sich diese Frage schon darum vorlegen, weil die etwa zu erzielende Verständigung mit den Nechtsnationalliberalen keine ausreichende Grundlage für ein dauerndes Zu­sammengehen mit dieser Partei darbieten würde. Ten . Konservativen kann ja anr Zustandekommen der Wahl- rechisvorlage an und sür sich nicht so viel liegen als vor allem daran, daß eine Parteikombination da ist, mit der sich die politischen Geschäfte dauernd und aus einer breiten Basis führen lassen. Zu diesem Zweck aber wird der Rechten das Zentrum willkommener sein als ein halbierter Nationalliberalismus. Die Sachlage will iu diesem Zusammenhänge auch von der anderen Seite her gewürdigt sein, und das will sagen, daß die bewilligungslustigen Nationallibcralen aus dem Westen doch wohl klug genug sein werden, um die Einsicht zu gewinnen, daß sie höchstens ein schwäch­liches Wahlrechts kom promiß erreichen, sonst aber ihrer Partei keinen bleibenden Nutzen ver­

schaffen könnten. Wo sollte der wohl auch Herkom­men! Dafür wenigstens ist ja gesorgt, dasi dre leben­dig sich regenden Kräfte des Junglrber a l r s- m u s innerhalb der nalronalliberalen Parket ent ÄtN'- übergleiten der gesamten Fraktion in das konservanve Fahrwasser verhindern werden. .

Solche Betrachtungen können zu emem sicheren Schluß nicht führen, schon weil dieFraktionen selber zum Teil noch nicht wissen, was sie tun sollen und wollen. Sie können dies aber auch nicht wissen, weil jede von ihnen in ihren Entschließungen abhängig ist von den Beschlüssen der anderen, an denen es zur Stunde noch fehlt. Also bleibt nichts übrig, als Geduld zu haben. Am 27. Mai, dem Tage, an' dem das AbgeordnetenhmlZ über die Herrenhausbeschlüsse zu beraten hat, werde» Klärung und Aufklärung erfolgen: eher nicht.

JZr Thronwechsel in England.

London, 16. Mai. Der König und die Königin, so­wie die Königin-Witwe, die Mitglieder des königlichen Hauses, die Kaiserin-Mutter von Rußland, der König und die Königin von Dänemark und die anderen an­wesenden Fürstlichkeiten wohnten, an beiden Psmgst- tagen dem L r a u e r g o t t e s d i e n st im Thron­saale des Buckinghampalastes bei.

Stach dem jetzt Lekanntgegebenen Zeremoniell für die heute stattsindende Überführung der Lerche des Königs nach der W e st m i n st e r h « 11 e wird der Sarg von einem Offizier und zwölf Mann der Leib­kompagnie der Gardegrenadiere aus dem Buckingham- Palast getragen und auf eine Lafette gestellt. An der Spitze des Zuges werden die Mitglieder des Haupt­quartiers, die Feldmarschälle sowie Abteilungen, der Gardegrenadiere und andere Truppen, zu beiden Seiten der Lafette Königliche Leibgardistcn gehen. Hinter dem Sarg wird zunächst König Georg gehen. Ihm werden die männlichen Mitglieder der königliche» Familie und die anderen hier anwesenden Fürstltch- keiten und Mitglieder des Königlichen Haushalts fol­gen. Schließlich werden die Wagen mit den weibliche» Mitgliedern der königlichen Familie folgen, In der. Westminsterhalle wird der Sarg auf den Katafalk gestellt. ,

Tie Prozession, welche sich nächsten Freitag nach dem Pattington-Bahnhof begeben wird, wird eine Länge von 3*4 Kilometer haben. Da sich dieselbe mit 2% bis 3 Kilometer in der stunde fort- bewegt, werden zirka 2 Stunden notwendig sein, um nach'dem Bahnhof zu gelangen. Spekulanten haben die unbebauten Terrains des Weges, den die Pro­zession passieren wird, angekauft und errichten dort Tribünen. Die Preise sür Plätze an den Fenstern und ans den Tribünen steigen stüildlich. Aus der Provinz werden 100 000 Zuschauer erwartet. Heute beginnt die Ausschmückung der öffentlichen Gebäude. Tie B a u m e

Fe uillet on.

(Nachdruck verboten.)

Aas Oberammergauer Paffrlmsspiel.

(6 t 8 e « e t Bericht.)

Oberammergau, 14. Mai.

Alle zehn Jahre wird dies stille, oberbayerische Dorf von neuem berühmt; wieder lockt es aus allen Weltteilen Unzählige Alt und Jmrg, Reiche und Arme, Gläubige . und Ungläubige an, die sich selbst davon überzeugen wollen, wie das Bauernspiel, das so seltsam mit modernen Kunftaufsassungen vermischt sein soll, aus sie wirkt. So viel dafür wie dagegen wird ja überden Passion", wie der Oberammergauer selbst die Darstellung der Leiden und des Todes Christi nennt, geschrieben; man zieht von vornherein den Glauben der Leute an ihre Aufgabe: an die Erfüllung eines Gelübdes, abgelegt in den Pestzeiten während des Dreißigjährigen Krieges, in Frage; man hat von allen Seiten gehört, daß alles nurGeschäft" sei, daß diese Wie­derkehr ihres Spieles alle zehn Jahre eine Goldgrube für sie bedeute und jedes ideale Moment ausgeschaltct sei. Man macht ihnen zum Vorwurf, daß große Agenturen den Billett- vertrieb, das Unterbringen und den Transport der Fremden übernommen haben, wobei man allerdings vergißt, das; die Oberammergauer allein die Regelung dieser geschäftlichen Angelegenheiten neben den Ansprüchen, die das Spiel an sie stellt, kaum übernehmen könnten spricht man doch allein von 80- bis 90 000 Amerikanern und Engländern, die bereits für diesen Somnier angemeldet find; und zweitens, daß sie sür diese ungeheure Attraktion aus die Massen doch nicht verantwortlich gemacht werden können. Aber daß ank der ganzen Welt nur noch sie das Recht haben, die Passions­geschichte darzustellen und daß sie, allein Spott und allen Anfeindungen zum Trotz, fest an ihrem Gelübde halten, ich glaube, das übt die größte Wirkung aus mehr als die Idee, von Bauern die Christuslegende dargestellt zu sehen.

Run also komrte man sich selbst ein Urteil bilden. Am 11 d M fand die erste diesjährige Aufführung vor einem geladenen Publikum, der Presse und den bayerischen Aw geordneten statt; der Rest der Plätze ivar von einem inter­nationalen Publikum erstanden. Von vornherein möchte man betonen, daß sür das Gebirgsklima der Mai als Spiel­monat zu früh ist. Freilich konnte man ja daraus das In­teresse des Publikums erkennen, das; der strömende Regen, die eisige Kälte am Spieltag selbst ein tüchtiger Schnee­sall in den Morgenstunden wenige zurückschreckte. Wer sich nicht entsprechend ausgestattet hatte, mußte dafür büßen, oder versuchte, sich iu den kurzen Pausen nach Stndcntenart die Füße warm zutrampeln". Das; dieser von Tausenden ausgcführte Lärm die Stimmung nicht erhöhte, kann man sich denken; daß trotzdem die Aufnahmefähigkeit während der vollen acht Stunden des Spiels vier am Morgen, vier des Nachmittags, mit einer Unterbrechung von knapp zwei Stunden dazwischen sich unvermindert erhielt, be­weist die allgemeine, tiefe Ergriffenheit bei den letzten Szenen.

Um nun auf das Spiel selbst zu kommen, so muß man sich bei seiner Beurteilung gleich auf den Standpunkt stellen, es nicht mit anderen künstlerischen und theatralischen Dar­stellungen vergleichen zu wollen. Es will nichts seiik als ein voir Bauern für Bauern aufgesührtes Passtonsspiel, daß allmählich allerlei Konzessionen für den verwöhnteren Geschmack des großen Publikums gemacht worden sind die aber ebenfalls der heutigen Auffassung der Oberammcr- gauer entsprechen, das wirkt vielleicht in nebensächlichen Details hier und da störend, die Wirkung des Ganzen be­einträchtigt es nicht. Die Würde des Chors, der in rühren­der Naivität auf die Handlung aufmerksam macht und zu­gleich auf den Zusammenhang zwischen den dargestellten lebenden Bildern des Alten Testaments wie den Vorgängen in Christi Leben hinweist das prachtvolle Äußere und die edlen Bewegungen des Christus (Anton Lang), die herz­zerreißende Klage der Maria (Ottilie Zwink), das gute Spiel des Pilatus wie des Hcrodes, Judas Jschanoths vorzügliche Maske und vor allem: die geschickt geleiteten

Bewegungen der Massen, von denen auch unsere Theater­regisseure lernen könnten das alles hält in Bann vom ersten Moment an. Höhepunkte waren di- Futzwaschung und die Einsetzung des Abendmahls Anton Längs Christus war vollendet in allen stummen Szenen, seinem Organ dagegen fehlt das Tragende, überirdische, möchte man sagen, das stcn Worten zugleich Symbolisches verleiht sowie die Begegnung der Maria mit dem kreuztragendcn Christus. Tie Kreuzigung selbst, bei der wohl möglichst alles Sentimentale vermieden iverden sollte, verlor zu sehr an Wirkung durch das überflüssig laute und turbulöse Auf­treten der Henkersknechte. Die Kreuzabnahme und die PietL boten dagegen wieder Bilder von feinster Schönheit, erffere genau nach Rubens' Kreuzabnahme in Antwerpen, wie daS- Abendmahl nach Leonardo da Vincis Bild gestaltet. Im Chor, besonders im Sopran, erfreuten einige wohllautende, durchgebildete Stimmen die alte Musik des Rochus Dedler, vor ungefähr hundert Jahren fürden Passion" geschrieben, ist nicht gerade sehr originell, aber würdig nnd nie störend. Das schöne Lied derBraut aus dem Hohenliede:Wo ist er hin?" würde sicherlich bald populär werden wenn die Oberammergauer cs hcrgäben. Aber sie widerstehen allen Angeboten von außen Gott sei Dank haben sie cs ebenso energisch abgelehnt, mit ihrem Spiel eineTournZe" zu machen, wie es ihnen unter glänzendsten Bedingungen, natürlich von Amerika! angeboten wurde. Nein,'ihr Spie! gehört auf die offene Bühne der Berge; hier empfindet man ihren Dialekt, den sie nicht unterdrücken können, als etwas Natürliches -x- draußen zerrisse er die Stimmung. Und wenn, wie es am Mittwoch geschah, Regen und Hagel auf die Tapferen in ihrer leichten Kleidung nie­derfallen, wenn gegen Abend, gerade bei den Kreuzigungs- szenen, die Sonne ihren Schein ungehindert aus diese schlichten Schauspieler wirft, die ohne Schminke und Perücke austrctcn, wenn über den Mauern Jerusalems die Vögel harmlos lind ungestört ihre Lieder singen, wenn plötzlich die Schleier zerreißen und die Berge hereingrüßen, so fühlt man den tiefen, inneren Zusammenhang zwischen dieser Kunst und der Natur. Dann Mt dies Fremde, das Volks-