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Nr. 223 ,

Wiesbaden, Sonntag, 15. Mai l©.

58. Jahrgang.

Morgen=Ausgabe®

_ 1. Matt.

PW Wegen des Pfingstfestes erscheint die nächste Tagblatt"-Ausgabe am Dienstagnachmittag.

Ium Pfingstfest.

_ Das Pfingstfest hat für uns dreierlei Bedeutung. Die Ausgießung des heiligen Geistes ist die religiöse Quelle des Festes, die Erneuerung des Lebensgeistes in der Welt ist der Pfingsten Bedeutung in der Natur, und die Erfrischung der Kraft, die in der Menschheit lebt, der Kraft vorwärts zu schreiten, das ist die menschliche Bedeutung des Pfingstfestes, die aber im Grunde mit der religiösen zusammenfällt, denn der heilige Geist, an dessen Ausgießung uns das Pfingst­fest erinnern soll, ist nicht an Raum und Zeit gebun­den. Wir finden ihn wie in den Gotteshäusern so in den Häusern der Menschen und nicht minder in Gottes freier Natur, in der wir von altersher gewohnt sind, das Pfingstfest zu begehen, so weit es nur irgend wie seiner sprichwörtlichen Bedeutung als dasliebliche Fest" Ehre macht. «Wer jahraus, jahrein in seiner Werkstatt, in seinem Kontor, in seinem Studierzimmer oder in seiner sonstigen Arbeitsstätte festgebannt ist, den treibt es ani Pfingstfest hinaus, auf daß er teil­haftig werde der erhebenden und läuternden Wirkung, die der heilige Pfingstgeist, wie die Natur selbst ihn uns empfinden läßt, über uns alle ausgießt.

Gilt doch das Pfingstfest der Erinnerung an den Lag, der von entscheidender Bedeutung war für' die gesamte Kulturentwicklung der Erde. Denn an jenem ersten Pfingstsonntag trat das Christentum aus dem engen Kreise seiner bisherigen Anhänger heraus, uni zur Weltreligion zu werden. Bis dahin waren die Religionen Staatsreligionen gewesen. Das Christen­tum trat in die Welt als die Religion, die wie einen Gott so auch nur eine große Gemeinde anerkannte. Bis zu diesem ersten Pfingstfest hatte es als etwas ganz Selbstverständliches gegolten, daß die Natur die Menschen in verschiedene Stänime und Völker geterlt habe, die daraus angewiesen sind, einander zu be­kämpfen und zu vernichten. Das Christentum und damit hatte die Menschheit eine neue Stufe ihres sitt­lichen und geistigen Fortschritts erstiegen lehrte, daß die Menschen berufen sind, in Frieden miteinander zu leben und gemeinsam nach den hohen Zielen zu streben. ' die uns allen in gleicher Weise gesteckt sind.

Wie weltumwälzend aber auch das Christentum in den Entwicklungsgang der Menschheit eingegrifsen hat, so ist bei weitem nicht alles in Erfüllung gegangen, was jene Lehre verkündete und erstrebte, und es fehlt

Ein Erinnerungsblatt von Paul Blitz.

Durch das saftige Helle Grün schimmert es goldhcll und leuchtend hervor und hängt herab in langen, blütenschweren Dolden und wiegt sich im leichten Winde, und Tausende von funkelnden Tauperlen hän­gen' an den gelben Blüten, und die Morgensonne glitzert und glänzt in'den kristallenen Tropfen.

Der Goldregen sieht in voller Blüte.

And unter dem blühenden Strauch steht eine Holz­bank, morsch und verfallen, verwittert und alt.

Dorthin habe ich mich gerettet, dort sitze ich und träume und blicke hinein in die tanzenden, zuckendeir Sonnenstrahlen und blicke hinein in die lachende Som­merluft, hinein in die rastlos freudige Tätigkeit all der Millionen Menschen, die da schaffen und sich plagen, die da sammeln in ihre Scheunen, die sich nicht genug tun können an Arbeit und Erwerb, die da schaffen, als schüfen sie für die Ewigkeit, und doch wie bald ist all ihr Raffen und Streben dahin, verweht wie Spreu, vergessen ihre Spur, wenig Tränen wohl, manch heimlicher Seufzer der Nächsten und vorüber Wenn ein Blatt vom Baume fällt.

So geht ein Leben aus der Welt

Die Vögel singen weiter.

Und der Wind rüttelt an dem Strauch, der sich über mir wölbt zum schattigen Laubdach, und er weht mir viele von den goldgelben Blüten in den Schoß, die nun verweht werden in alle Winde.

Ta denke ich denn zurück an ferne Tage, die aus nebelhaft dämmernder Ferne wieder emportauchen vor meinem Horizont.

rUih ich denke an dich,. mein blondes Mädchen, die

vieles, sehr vieles daran, daß diese Lehre in die Tat übergeführt wird. Das Gebot, demzufolge wir unsere Feinde lieben sollen wie uns selbst, bat in der rauhen Wirklichkeit keine Geltung zu erlangen vermocht, und noch immer wirkt zwischen den Völkern nicht nur, son­dern auch oft genug zwischen den Genossen eines Volkes weit stärker als das, was uns einigt, das, was uns trennt. Noch ist der innere Gehalt des Christen­tums nicht so tief in unser Herz gedrungen, daß wir uns entschließen könnten, überall da der Leidenschaft, dem Haß, der Rachsucht zu entsagen, wo Versöhnlich­keit und Friedensliebe nicht nur durch die Gesetze der Religion, sondern auch durch die der Vernunft geboten würden.

Aber mag auch noch viel Zeit vergehen, bis die Ge­bote, welche uns die Religion der Liebe verkündet, allüberall ihre Anerkennung und Geltung gefunden haben, mag auch in dieser Entwicklung zum Bessern hin und wieder eine Zeit des Stillstandes, ja sogar der Reaktion, des Rückschrittes cintreten, so kann doch diese Entwicklung selbst wohl einmal unterbrochen, aber nicht gehemmt werden, und sieghaft schreitet sie zu dem Ziele, das der heilige Geist der Liebe uns ver­heißt, der zugleich der Geist des Fortschritts ist. Zeigen uns doch gerade die sozialreformatorischen Bestrebungen der letzten Jahrzehnte, die zahlreichen Werke barm­herziger Nächstenliebe, das zunehmende Verständnis für die Lage der vom Geschick minder begünstigten Volksklassen, daß trotz aller Klagen über die Verderbt­heit der Welt die Lehren des echten und wahren Christentums sich einer steigenden Anerkennung er­freuen. Und den gleichen Trost gewährt uns die Er­kenntnis, wie sich in wachsendem Maße die Fäden von Nation zu Nation spinnen, wie der Wert der gemein- samen Kulturarbeit höhe', eingoschäkt wird und in entsprechenden! Maße das Bestreben wächst, diese Kut- turarbeit durch bic Sicherung des Weltfriedens zu schützen und zu fördern. Haben die Haager Friedens­konferenzen doch nicht nur den theoretischen, sondern die letzten Weltkonflikte, der Marokkozwist und die Orientwirren, den praktischen Beweis geliefert, daß wir hier in der Menschheitsentwicklung einen wirk­lichen Fortschritt zu verzeichnen haben.. Und diesen Fortschritt können wir, wenn wir die Dinge nur recht betrachten, auf allen Gebieten unseres Lebens wahr­nehmen, denn mit unseren Kenntnissen wächst auch die Erkenntnis,, vertieft sich auch unser sittliches, erhöht sich unser ethisches Empfinden. Den Kulturfortschritt, in dem die Menschheit unaufhaltsam begriffen ist, können wir uns nicht einleuchtender vor Augen führen als durch die Erinnerung daran, daß sich beim letzten Erscheinen des Halleyscher-. Kometen zahlreiche ängst­liche Gemüter auf denWeltuntergang" gefaßt mach­ten, während wir heute mit wissenschaftlichem Interesse die Berechnungen über^ die Flugbahn des Kometen verfolgen!

ich hier znm ersten Male gesehen, ich denke an die selig schönen Tage, in denen wir unsere ersten Küsse hier austauschten, ich denke an all die Hoffnungen, mit denen wir unsere junge Liebe nährten, und ich denke an alle die bitteren Enttäuschungen, an alle die qual­vollen Stunden, die uns bereitet wurden durch die Trennung: all das ist längst vorüber. Längst sind die Wunden vernarbt, die einst so klaffend und todbrin­gend 'schienen, all das hat nun die Zeit, die lindernde, geheilt. Hier aber an diesem Ort, unter diesem Strauch, mit den goldhellen Blüten, hier erwacht es wieder: alles lebt auf, ersteht wieder vor mir in faß­barer Gestalt, denn ich selbst, ich fühle mich zurückversetzt in die selige, schöne Zeit unserer ersten Liebe ich atme Liebeshauch wieder und höre wieder deine glockenhelle, reine Stimme, ich fühle wieder deine warme, weiche Hand, und wieder lechze ich nach deinen keuschen Küssen.

Auch damals blühte der Goldregen, genau wie heute, und genau wie heute stand die alte morsche Holz­bank, und alles ringsum, die Bäume, die Sträucher, die Blumenbeete, die hohen Palmen dort, die Boskets, die Farnkräuter, alles genau noch so, wie es damals war: und hier, unter dem schattigen Dach, unter diesen blütenschweren Goldregenzweigen, hier saßen wir und schwuren uns ewige Treue.

Ich, ein Bursche von zwanzig Jahren, keck und kühn, das Herz voll Hoffnung, voll Wagemut und die Brust voll von aufflammender Begeisterung, und du, mein blondes Mädchen. Tn, um zwei Jahre jünger, du lehntest dich an mich, zärtlich und innig und duldetest, daß ich dich küßte, küßte nach Herzenslust.

Nachbarskinder, waren wir zusammen groß gewor­den, haben immer treu zu einander gehalten, all unsere läppischen, kindlichen Spiele zusammen gespielt, und dann zusammen in die Tanzstunde, ach, das war eine köstliche Zeit! immer diese einsamen Wege nach Hause, wenn's ans war, durch den stillen Park, durch die ruhige, tiefe Nacht, wir beide allein, manchmal

PoMsche Mersrchl.

Di- Macht dev Dirnra.

8. Petersburg, 12. Mai.

Langsam, aber sicher werden Von der russischen Re­gierung die ihr besonders unbequemen Errungen­schaften liberaler Natur rückgängig gemacht. Aber die Methode wechselt. Während dies früher mehr hinten herum geschah, scheut sich die Regierung heute keineswegs, mit ihren diesbezüglichen Bestrebungen öffentlich hervorzutreten. Ja, man gewinnt den Ein­druck, daß der russische Ministerpräsident Stolypin die Gelegenheit geradezu gesucht hat, neulich vor der Tuma sich darüber auszusprechen, wohl imHinblick darauf, baß diese bald äiber dasMilitärbudget abstimmen soll. Ent­gegen dem öktobristischen Programm, welches eine Er­weiterung der Rechte der Duma auch in Fragen der nationalen Verteidigung verlangt, waren durch ein Dekret vom 25. Oktober 1909 die Rechte des Zaren als absoluter Herrscher des Heeres und der Flotte wiederhergestellt worden. Tie Sozialdemokraten, die darin eine Verletzung der Verfassung sahen, reichten sofort eine Interpellation über diese Frage ein, die be­reits im Herbst des letzten Jahres zu einer Diskussion in der Duma führte und sodann an eine Kommission verwiesen wurde. Wahrscheinlich wäre sie hier ver­sandet, wenn nicht Stolypin dafür gesorgt hätte, daß sie wieder auf die Tagesordnung kam. Das ist denn auch geschehen, und bei dieser Gelegenheit machte der Ministerpräsident interessante Eröffnungen über die allgemeine Haltung der Regierung. Wenn einige Ab­geordnete in dem erwähnten Dekret einen Akt der Re­aktion gesehen haben meinte Stolypin, so hätte die Regierung keine Angst vor einem solchen Wort. Sie setze sich ja in der Tat mit allen Kräften dem ent­gegen, was die Revolutionäre als Fortschritt betrach­ten könnten. Dann wies er auf feine Bestrebungen hin. die Verwaltung zu kontrollieren und Mißbräuche abzustellen. Rußland habe den toten Punkt überwun­den. Wenn eine gewisse Unzufriedenheit in der! öffentlichen Meinung zurückgeblieben sei, so werde diese verschwinden, sobald sich Rußland wieder moralisch ge­funden habe. (Gemeint ist in Wirklichkeit autokratisch!) Auf dieses Ziel müßten Regierung und Volksver­treter gemeinsam hinarbeiten. Die Neuerung, über welche die Sozialdemokraten interpelliert hatten, mache einer gefährlichen Zweideutigkeit ein Ende, die beson­ders durch die Marinegeneralstabs-Affäre vom letzten Jahre zum Ausdruck gekommen war. Dieser Fall sei der Grund dafür gewesen, daß sich der Zar in^ Wider­spruch zu den Beschlüssen der Duma zu dem Dekret ent­schloß, das die Armee und die Flotte einem einheit­lichen Willen unterstellen sollte. Jedenfalls läßt Stolypin keine Zweifel darüber walten, daß ihm die

sangen die Nachtigallen, manchmal übergoß uns das silberflutende Mondlicht, und immer wir beide allein,

leise Worte wurden dann ausgetauscht leise, um nicht die Ruhe um uns zu stören, süße Worte wur­den dann geflüstert, Worte von glückseligster Hoff- nungsfreude, und später dann, als wir reif wacsrr für die Gesellschaft und eingeführt wurden in die Kreise, die unsere Alten in ihren Häusern um sich ver­sammelten, o, da war's nicht minder schön; lustig ging's her und oft die ganze Nächst hindurch: und all die Galanterien, die man dir erwies! Das nahm kein Ende, immer neue Anbeter erwarb dir deine Schönheit, immer neue Aufmerksamkeiten brachte man dir dar-: und alles das ließest du ruhig geschehen, denn nach­her, wenn alles vorbei war, flogst du in meine Arme, und ich durfte dich küssen nach Herzenslust, den anderen warst du nur die Dame der Gesellschaft, höflich und liebenswürdig, mir warst du, mir bliebst du mein Mäd­chen, mein blondes, herziges Mädchen.

So schwanden uns die Tage, so waren sie uns eitel Freude, eitel Lust, so lebten wir, sorglos, verliebt, und heimlich längst schon verlobt.

Ta kam das Unglück.

Unsere Eltern zürnten sich bitter ernst; um was eL sich handelte, haben wir nie erfahren; aber der Zwie- , spalt war groß, denn jeder Verkehr wurde aufgehoben, alle Verbindungen gelöst und wir getrennt, getrennt für immer.

Tu mußtest fort, weit in die Ferne, zu Verwandten

um mich zu vergessen.

Ach, wenn ich an den Abschied denke!

Nacht war's, da schlichen wir in den Garten, hin zu unserem alten vertrauten Plätzchen, zu dem Gold­regen.

Zum letzten Male lagst du mir im Arm, zum letzten Male netzten meine Lippen die deinen, zum letzten Male schwuren wir uns Treue was auch kommen möge, nichts sollte uns trennen, kein Zwang, kein Muß uns