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Nr. 215.
Wiesbaden. Mittwoch, 11. Mai 1910.
ISS. “Jitfltrtnlt«.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt. _
Me deutschen Kulturpiomrre Bosniens und üie Verfassung.
Bon Friedrich Wilhelm Brepohl-Wiesbaden.
Am 17. Februar 1910 hat Kaiser Franz Joseph der neuen Verfassung Bosniens und der Herzegowina die Allerhöchste Sanktion erteilt.
Leider hat sich nun bewahrheitet, was lange befürchtet wurde. Die schon vor Monaten erfolgte Veröffentlichung der Ausarbeitung ließ erkennen, daß die neue Verfassung der Slawisterung und Magyaristerung beider Länder Tür und Tor öffne. Die proklamierte Verfassung nbcrtrifft aber die Befiirchtungen. Wenn man auch von vornherein zugeben «mßte, bah Bosnien in erster Linie den Bosniaken erhalten bleiben «mH, so war doch die Hoffnung, daß den deutschen Kolonisten und den anderen BWerschasten Gerechtigkeit widerfahre, vorharrden. Hatte doch Kaiser Franz Joseph bei seiner Proklamation der Annexion vom 8. Oktober 1903 allen Völkern und Konfessionen Gleichberechtigung zuge- fichert.
Die Gesamtzahl der in Bosnien lebenden Deutschen beträgt rund 30 000. Hiervon sind ca. ein Drittel evangelisch. Es ist leicht verständlich, daß die Umgehung eines so großen Teils der Bevölkerung in den national gesinnten Kreisen Österreich-Ungarns und im Reich eine Enttäuschung hervorries.
Die neue Verfassung nimmt auf die deutsche evangelische Bevölkerung der neuen Österreichischen Reichslande keinerlei Rücksicht. Sie ist rein konfessionell! Der Körper ist der Landtag, der aus 20 „Herren" und 72 Abgeordneten besteht. Die Herren sind die Oberhäupter der vier Hauptkonfessionen: Serbisch-orthodox, Mohammedanisch, Römisch-katholisch und Spaniolen (Juden), sowie einige Beamten. Von den 72 Wgeordneten haben 31 die Serbisch-Orthodercn, 24 die Mohammedaner, 16 die Katholiken, 1 die Juden zu wählen! Trotzdem die ganze Verfassung konfessionell ist> lourde der deutsch-evangelischen Kirche beider Konfessionen ein Mandat nicht zuertännt. Die Regierung wies ein diesbezügliches Gesuch ab, da „dieselben zu wenig organisiert seien!" Die Deutschen Bosniens werden, was unglaublich erscheint, einfach den katholischen Kroaten angegliedert, obwohl die Deutschen ein Hauptsaktor des dortigen Kulturlebens sind.
Österreich scheint hier denselben Fehler machen zu wollen, den es seinerzeit an der Militärgrenze gemacht hat. Als diese vor 150 Jahren durch fortgesetzte Kämpfe mit den Türken einerseits, andererseits durch Epidemien stark entvölkert war, ließ die Regierung deutsche Kolonisten hier ansiedeln, um sie nachher bei der Gewährung der kroatischen mrd nngarischen Verfassungen unberücksichtigt zu lassen und so der Slawisterung, resp. Magharisierung preiszugeben. Welch traurige und schwere Zeiten dies für die Kolonisten gebracht hat, weiß jeder, der die Geschichte Österreich-Ungarns einigermaßen kennt. Die Kämpfe unserer deutschen Volksgenosseit in Ungarn und Kroatien beweisen, daß auch in Bosnien durch die politische Angliederung an die Kroaten die Deutschen einer allmählichen Slawisterung entgegen- .. • '
FeZMe-on.
Als Dchuelt tms erstem! in DenWM mr.
Wenn Roosevelt jetzt als gefeierter Staatsmann in der Blüte seiner Manneskraft nach Deutschland kommt, um als Gast des Kaisers eine kurze Festzeit zu verleben, so wird er sich gewiß seines ersten Aufenthaltes in Deutschland er- hmertt, da er als ein schwächlicher .Knabe voll Sehnsucht nach dem Lande der Dichter und Denker kam, um hier Gesundung und geistige Ausbildung zu suchen. In seinem fesselnden Lebensbilde Roofevelts: „Vom Rcitersmann zum PrästderNen" (E. S. Mittler und Sohn, Berlin) hat Dr. Max Kullnick dieser wichtigen Episode in seiner jugendlichen Entwicklung eine ausführliche Schilderung gewidmet.
Roosevelt litt als Kind stark unter asthmatischen Beschwerden und wurde daher mit 14 Jahren nach Algier geschickt, wo sich seine Lungen kräftigten. Run gaben die Eltern seinen Bitten nach und schickten ihn mit seinen beiden Geschwistern 1873 nach Dresden, wovon sie sich einen weiteren günstigen Einfluß aus seine Gesundheit versprachen. Theodor wurde hier mit seinem Bruder Elliott und seiner Schwester Corinna dem Stadtrat und Reichstagsabgeordneten D*. Minkwitz anvertraut, Lessen Tochter Anna den Unterricht der Kinder leitete. Roosevelt zeigte, obwohl er im allgemeinen nicht gerade ein glänzender Schüler war, ein außerordentliches Sprachtalent und große Fähigkeit, sich den deutschen Verhältnissen anzupassen. Wie genau er auf alles acht gab, was um ihn her vorgiug, mußte einmal das Dienstmädchen des Hauses zu ihrem Leidwesen erfahren. Sie besaß nämlich einen Verehrer namens Karl, wovon die Herrschaft keine Ahnung hatte, obwohl das Mädchen schon
gehen werden. Um so mehr, da Österreich im Begriff steht, die Agrarreform Bosniens vorzunehmen und die Landcs- separation durchzuführcn. Dies aber soll nicht aus staatlichen Mitteln und nach staatsmännischen Gesichtspunkten durchgesührt, sondern einer ungarischen Finanzgesellschaft übertragen werden. Daß diese Gesellschaft ein Interesse daran hat, die Ausdehnung des Deutschtums tu Bosnien zu verhindern, liegt auf der Hand, denn nichts fürchtet der Magyar mehr als die deutsche Kultur. Durch die Zunahme der deutschen Bevölkerung in Bosnien würde aber ein neuer Keil des Germanentums gegen Südost vorgeschoben, der den Ungarn sehr unangenehm wäre. Die ungarische Agrarreform-Gesellschaft wird daher bestrebt sein, den Nachschub Deutscher durch Begünstigung der Einwanderung von Slawen hintanzuhalten. Dazu kommt, daß die Verwaltungsbeamten zum größten Teil von Ungarn gestellt werden.
Wenn nun auch die Verfassung zunächst das Interesse der einheimischen Bevölkerung wahrzunehmen hat, so ist es doch eine Ungerechtigkeit, einer Völkerschaft, die ein Sechzigstel der Bevölkerung ausmacht, einfach an eine andere politische anzugliedern. Besonders da diese Bewohnerschaft sich als Kulturträgerin des Landes beweist. Um so mehr, als Österreich selbst die Einwanderung der Deutschen anregte. Die österreichische Regierung hat während der letzten 30 Jahre die Ansiedelung deutscher (und holländischer) Kolonisten mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln gefördert und noch im Jahre 1908 betrug die Einwanderung 60 Köpfe auf das Tausend der Bevölkerung. Da Bosnien nun aus 51027 Quadratkilometer nur 1800 000 Einwohner zählt, ist dieser Einwanderungsprozentsatz für die Entwickelung des ganzen Landes von großer Bedeutung. Es steht zu erwarten, daß er sich in den nächsten Jahren, wenn die Regierung etwaige Umtriebe der Ansiedelungsgesellschast unterdrückt, noch steigern wird. Denn das Abkommen zwischen den Häufern Habsburg und Osman bestimmt eine dreijährige Frist, in welcher die Mohammedaner Bosniens und der Herzegowina fürs neue Vaterland optieren oder niit Sack und Pack das Land verlassen müssen. Ihr Eigentum wird ihnen ausdrücklich garantiert. Es steht nun zu erwarten, daß, gerade wie früher in Bulgarien, Ost-Rumelien u. a., die Mohammedaner sich der Herrschaft der „ungläubigen Hunde" entstehen. Da diese aber den Grundbesitz überwiegend in ihren Händen haben, so dürften eine größere Anzahl Güter verkauft werben, und es steht zu erwarten, daß, falls nicht ungarische Spekulation dies vereitelt, eine größere Anzahl evangelischer deutscher Bauern diese auflaufcn werden. Wie sehr die Ungarn nach der Magharisierung Bosniens trachten, geht schon aus der Tatsache hervor, daß sie bisher mit der politischen Abgliederung Bosniens an Ungarn rechneten. Auch gegenwärtig ist eine starke Partei, die „Unabhängigkeitspartei", Ungarns mit der Verwaltung als „Reichsland" nicht einverstanden. Sie erwartet die Umwandlung in einen der ungarischen Krone untergeordneten Staat nach dem Muster Kroatiens. Sie stützt sich dabei ans „historische" Rechte, die darin bestehen, daß im 12. Jahrhundert der Papst Bosnien, das er selbst nicht besaß, Ungarn schenkte, um dieses zu einem Kreuzzug gegen die Bogomilen, einer mystischen Religionsrichtung in Bosnien zu veranlassen.
Für die wirtschaftliche Hebung des Landes war die Einwanderung der deutschen Bauern von großer Bedeutung. Während die einheimische serbisch-kroatische und türkische Landbevölkerung dem sehr fruchtbaren Boden nur durch-
mehrere Jahre bei ihr in Stellung war. Man kann sich die Überraschung aller ausmalen, als Theodor eines Morgens das Mädchen mit den Worten begrüßte: „Emilie, ich bin Karl, ich liebe du!"
Seine asthmattschen Anfälle, die sich immer wieder einstellten, verboten ihm vieles Sprechen. Aber einen Ersatz fand er in seinen Büchern und mit Begeisterung vettieste er sich in die deutsche Literatur. Als er das Nibelungenlied geschenkt bekam, machte er sich mit den Gestalten der deutschen Heldensage vertraut, nnd wie tief der Eindruck des deutschen Nationalepos auf ihn war, geht daraus hervor, daß er später in seinem Hauptwerk „Die Eroberung des Westens" mehrfach Stellen daraus im mittelhochdeutschen Urtext anführte. Auch Dullers „Geschichte des deutschen Volkes" zog ihn an, während er von deutschen Gedichten wohl nur eins auswendig behielt, und das war bezeichnenderweise: „Vor allem eins, mein Kind, sei treu und wahr". Unter der Anleitung des Malers und Schriftstellers Wegencr lernte er zeichnen; daß Roosevelt später in der Wildnis imd auf seiner Farm am Kleinen Missouri so sorgfältige Beobachtungen über das Leben und die Gewohnheiten der Tiere anzustellcn vermochte, ist nicht zum wenigsten das Verdienst dieses freundlichen alten Herrn, der ihn ans ihren gemeinschaftlichen Ausflügen auf die Schönheit der Natur aufmerksam gemacht nnd seinen Blick für alles, was darin vorging, geschärft hatte.
Brehms „Tierleben" wurde für ihn eine Quelle des höchsten Genusses. . Seine Vorliebe für die Tierwelt äußerte sich manchmal in merkwürdigen Ideen. So hatte er sich eines Tages in den Kopf gesetzt, er müsse eine Maus, einen Maulwurf oder einen Hamster haben, und cs gelang ihm auch wirklich, einen toten Maulwurf und ein totesMurmeltier zu ersieben, mit denen er triumphierend nach Hause zurückkehrte.
schnittlich 2,50 bis 3,00 Kronen pro bosn. Dnmum (1 Dnmum = 10 Ar). Erträgnis abringen, erzielen die deutschen Kolonisten einen solchen von 12 Kronen, also das Vierfache. Auch wurden die deutschen Kolonisten die Lehrmeister der einheimischen Bevölkerung ans dem Gebiet der rationellen Bewirtschaftung des Bodens. Sie führten die landwirtschaftlichen Alaschinen ein und brachten dem bosnischen Bauer eine vernünftige Düngerlehre.
Eigentümlich ist, daß diese Kolonisten geschlossene Kreise und Gemeinden bildem die vollkommen deutsch sind und deutsch bleiben. Eine Vermengung mit andere» Völkerschaften durch Heirat kommt äußerst selten vor. Sprache und Sitte ist deutsch. Deutsch ist auch ihre Schule. Gerade das deutsche Wesen bedingt es, daß die Kolonisten der Schule besondere Aufmerksamkeit widmen und für eine möglichst gute Erziehung der Kinder Sorge tragen. Die deutschen Kinder besuchen ausnahrnslos die Schule, während von der anderen Bevölkerung nur 14 Prozent an dem Schulunterricht teilnehmen, weshalb von den letzten auch 80 Prozent beim Eintritt ins Militär weder lesen iroch schreiben können. Erst beim Militär lernen die meisten Bosniaken buchstabieren und schreiben. Bei der deutschen Bevölkerung aber zählt der Analphabet zu den Seltenheiten. Aus welcher tiefen Stufe der boSnisch-scrbische Bauer steht, zeigt, daß der serbische Professor Dr. Gjorgjevic-Belgrad bekennt, daß die Zigeuner im bosnischen Dorfe Gojnic sich durch ihre Sauberkeit Vor den bosnisch-serbischen (kroatischen) Bauern aus- zeichnen. Diesem Volk soll nun der Deutsche politisch angeschlossen werden! Der Einfluß der Deutschen auf die Bosniaken in manchen Gegenden ist unverkennbar. Der stüher geringschätzig angesehene „Schwobsk" hat im großen und ganzen schon Anerkennung gefunden.
Dies können sie um so mehr, da sie in geschlossenen Gemeinden, die aber geographisch weit voneinander entfernt sind, leben und so geschlossene Enklaven inmitten der südslawischen Bevölkerung bilden. Die einzelnen Gemeinden und Orte sind auch konfessionell. Entweder rein evangelisch oder rein römisch-katholisch.
So ist z. B. die im Bezirk Breca gelegene große evangelische Gemeinde Franz Josefsfeld, die im Jahre 1882 von den Nachkommen der aus den Ruf der österreichischen Regierung Ende Juli 1790 von Württemberg nach dem Banat eingewandertcn Schwaben gegründet wurde, ein Muster deutschen Kulturlebens. Ich betone ausdrücklich, nicht deutscher Bildung, denn in bezug auf Bildung sind dis guten Leutchen noch etwas zurück. Aber Sauberkeit, deutsche Sitte, arbeitsames Wesen, Verständnis der Landwirtschaft zeichnet die Bewohner dieser Siedelung, die etiva 2000 Seelen zählt, vor anderen Bewohnern Bosniens, vor allem vor den Serben-Kroaten aus. Der Besucher von Franz Josefsseld hat den Eindruck, in einem württembergischen Bauerudorf zu fein. Ähnlich geht es in den deutschen evangelischen Ortschaften Braujevo und Kranovac. Auch die deutsch-katholischen Gemeinden Bosniens übertreffen in sittlicher und kultureller Beziehung pie anderen Völkerschaften (z. B. Windhorst mit 1100 Seelen).
Trotz dem streng konfessionellen Charakter der einzelnen Gemeinden kommen religiöse Streitigkeiten selten vor. Wan kann von einer Toleranz reden, wie wir sie in Deutschland überhaupt nicht kennen. Lebt z. B. in einer evangelischen Kolonie eine katholische Familie, so versieht der evangelische Pfarrer in Vertretung des katholischen Geistlichen bei dieser die Amtshandlungen. Er tauft und beerdigt und sendet
Nun sollten aber auch die Tierchen gebraten werden, und als er dafür in der Küche keine Pfanne erhielt, baute er sich auf dem Hose aus Ziegeln einen kleinen Herd, zog sorgsam die Felle ab, kochte die Tiere und stellte dann alle Knochen und Knöchelchen n'.it vieler Mühe zuin Skelett zusammen. Auch Steine sammelte er mit Leidenschaft. Ms die Mutter die Kinder aus Dresden zu einer Reife nach der Schweiz abgeholt hatte und man gerade von Samaden zu einem Ausflug durch das Engadin absahren wollte, trat plötzlich ein Hausdiener mit einem Bündel an den Wagen, das Wäsche, Unterkleider, Strümpfe und Schuhe enthielt. Theodor hatte diesen „unnützen Ballast" aus seinem Reisekoffer ausgesetzt, um Platz für gesammelte Steine zu gewinnen. Die Mutter ließ die Steine wegwerfen und die Wäsche wieder in den Koffer packen, worauf Theodor vom Wagen sprang und sich die Taschen mit so vielen der Steine vollstopste, als er tragen konnte. Leider war es nur ein kleiner Teil der Schätze, die meisten mußte er blutenden Herzens zurücklassen; aber er bezwang seinen Kummer und ließ niemand merken, wie sehr ihn der Verlust schmerzte.
Theodors Sammeleifer erstreckte sich auch noch aus manches andere, z. B. auf merkwürdige Münzen. Einmal hatte er gehört, daß eine hannoverisch braunschtveigische Münze, auf der ein springendes Roß dargestellt war, aus dem Verkehr gezogen werden sollte. Ms er am Nachmittag mit Fräulein Minkwitz spazieren ging, sah sie plötzlich zu ihrem Entsetzen, wie er sich über den Verkaufstisch einer Äpfelfrau beugte und mit der Hand in ihre Kasse faßte. Die Frau glaubte natürlich nicht anders, als daß der Schlingel sie bestehlen wolle, und auch die Vorübergehenden machten Miene, ihr beizuspringen: aber Theodor verlor seine Rübe nicht, sondern zog seine Geldbörse heraus und lud die Frau jedesmal, wenn er eine Münze aus ihrem Kasten nahm,
