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Nr. SIS.

Wiesbaden, Dienstag, IO. Mai 1010.

L8. Jahrgang.

Morgen-klusgabe.

i. SäCaff. _

Dir Kongogrenzregulierung.

Die! langwierigen Verhandlungen, die in Brüssel Mischen Deutschland, Belgien und England über die Grenzregulierung im Kongogebiet geführt wurden und die sich in erster Reihe auf das heißumstrittene Sultanat Ruanda und den Kiwusee bezogen, sind, nachdem verfrühte Nachrichten dariiber wider­rufen waren, jetzt doch, nach mehrfachen Unter­brechungen, wie in der gestrigen Abend-Ausgabe schon mitgeteilt worden, endlich zum Abschluß gelangt, so daß also eine Einigung über die Abgrenzung der deut­schen, der kongolesischen und der englischen Interessen­sphäre erzielt worden ist. und zwar in dem Sinne, daß Deutschland das gesamte Sultanat Ruanda und zwei Inseln im Kiwusee zugesprochen worden sind, während Belgien das linke Kiwuufer, die Insel Kuidschui, d'e größte in Kleinasien, und den strittigen Weg im Nor­den des Grenzgebietes erhält und endlich das Ruwen- zorigebirgsmassiv so zwischen derKongokolonie undEng- land geteilt wird, daß der Gebirgskamm die Grenze bildet. Da? Abkommen wird heute, Dienstag, in Brüssel offiziell unterzeichnet.

Es ist erst verhältnismäßig kurze Zeit her, daß wir über diesendunklen Punkt" im schwarzen Erdteil ge­nauere Kenntnis erhalten haben. Es war der Ent­decker des Viktoriasees, I. H. S p e k c, der vor' einem halben Jahrhundert, inr Jahre 1861, die ersten Nach­richten vom Kiwusee brachte, dessen persönliche Be­kanntschaft er jedoch nicht gemacht hatte und den er Russistsee betitelte. Tie richtige Bezeichnung Kiwusee erschien zum ersten Male in den Karten Livingstones, der.jedoch auch noch nicht bis zu dem See vorgedrungeu war. So ist man, als im Jahre 1884 die Grenz­konvention zwischen Deutschland und dem Kongostaat abgeschlossen wurde, über das strittige Gebiet in keiner Weise informiert gewesen, und es war eigentlich mehr Glücksache, wenn in dieser Konvenron die Grenze so gezogen wurde, daß das Kiwugebier an Teutsch-Ost- afrika fiel. Dieser Glückszusall war denn auch von kurzer Dauer, denn als im nächsten Jahre die Kongo- konserenz stattsand, wurde den Verhandlungen von seiten des Kongostaats eine Karte zugrunde gelegt, die das Kiwugebiet einfach in den Kongostaat versetzte. Diese Karte ist damals von deutscher Seite wenigsteirs im Grundsatz anerkannt worden, weil cs eben noch an der genauen Kenntnis der völlig unerforschten Gebiete am Kiwusee und am Russisiflusse fehlte. Erst nahezu ein Jahrzehnt später gelang es^ dem Grasen G ö tz als erstem, das Kiwugebiet zu erreichen, und es folgte dann die Weitere Forschungs- und Aufklärungsarbeit durch Moore, Kandt, Herrmann und Kirschstein, durch deren Feststellungen erst eine genaue kartographische Auf­

nahme dieser Gebiete ermöglicht wurde. Das deutsche Auswärtige Amt griff nunmehr aus die Karte vom Jahre 1884 zurück, die, wie vorher erwähnt, das Kiwu­gebiet zu Deutsch-Ostafrika gerechnet hatte, wobei zu den Rechtsgründen noch die politischen traten, denn der Kongostaat war in keiner Weise imstande, in dem von ihm beanspruchten Grenzgebiet die Ordnung aufrechtzuerhalten. Waren doch die kongostaatlichen Truppen, nachdem sie von den Batetela geschlagen wor­den waren, genötigt, sich unter deutschen Schutz zu stellen, und das Gouvernement in Daressalam sah sich gezwungen, zum Schutz der Grenze umfassende Maß­nahmen zu ergreifen. Obwohl nun in den Jahren 1900 bis 1902 eine deutsch-belgische Grenzkonventlon das umstrittene Gebiet vermessen und somit eine Grundlage für die dringend erforderliche Grenzregu­lierung geschaffen hatte, waren doch alle Bemühungen, mit dem unterdessen verstorbenen König Leopold von Belgien als dem damaligen Souverän des jetzt zu einer belgischen Kolonie gemachten Kongostaates Verhand­lungen über die Grenzregulierung einzuleiten, ver­geblich, bis endlich auch England mit seinen An­sprüchen auf das Mfumbiro-Gebiet hervortrat.

Nachdem unterdessen das Land östlich vom Russisi- fluß und dem Kiwusee bis zu dessen Nordspitze längst unter deutsche Aufsicht gestellt worden war, während andererseits England auf die Regulierung drängte, kamen die Verhandlungen, die nunmehr von der bel­gischen Regierung als dem dritten Beteiligten geführt wurden, endlich in Fluß, und sie haben, wie schon be­tont, jetzt zu einem Ergebnis geführt, das zwar nicht alle von deutscher Seite geltend genrachten Wünsche er­füllt hat, aber alles in allem als befriedigend bezeichnet werden kann. Soll doch vor allem, wie es provisorisch freilich schon der Fall war, die Nordwest­grenze Teutsch-Ostasrika dem Russin und dem Ostuser des Kiwu folgen, so daß also das Sultanat Ruanda vollständig in deutschem Besitz bleibt, und des weiteren erhält Deutschland strategisch zwei mcht unwichtige Inseln im Kiwusee. Durch diese Regulierung erhält Teutsch-Ostasrika in dem Gebiet des Kiwusees eine natürliche Grenze, durch deren Festsetzung es weit leichter als bisher, wo die fingierte Grenze durch das Randagcbiet lief, möglich sein wird, den fortwähren­den U n ruhe n in der sogenannten Kongoecke mit nachhaltigem Erfolge zu begegnen.

IMififdjc Mersrcht.

Mach König Eduards Tode.

L. Berlin, 8. Mai.

Man kann es ganz gui verstehen, wenn verschiedent­lich die Auffassung hervortritt, als werde der Thron­wechsel in England eine Ä n d e r u n g in der auswär­tigen Politik des Reiches zur Folge haben. König Eduard galt mit Recht als der Träger der ©in»

krcisungspolitik, deren Spitze sich so scharf gegen uns gekehrt hatte, und wer das persönliche Moment in der Politik ausschlaggebend halten möchte, der mag leicht aui den Gedanken verfallen, daß^sich zctzt vieles^ändern müsse, nachdem der Träger jenes Systems vom 'Schauplatz abgetreten sei. Man vergißt dabei je­doch, daß die britische Politik schon seit mehr als Jahresfrist wesentlich Wandlungen erfahren hat, die nur darum nicht so deutlich in das Bewußtsein der öffentlichen Meinung gedrungen sind, weil die Be­sonderheit und der Charakter des verstorbenen Königs ein der m titelndes Moment zwischen der frühe­ren und der späteren Richtung darbot. Von dem Tage ab, wo König Eduard erkennen mußte, daß sich das letzte und notwendige Glied in die Kette seiner Bünd­nispolitik nicht einsügen lassen wollte, nämlich die Los- reißung des Donaureichs von dem Bündnis mit uns, von jenem Tage ab hatte die vielberufene Ein­kreisungspolitik eigentlich doch abgewirtschaftet. Das trat, wie gesagt, so sichtbar nicht hervor, weil der König selbst den konstanten Mittelpunkt bildete, aber die Staatsmänner in allen Ländern wissen es und der Instinkt der öffentlichen Meinung hat es schließ­lich auch schon begriffen. Darum also wird man nicht glauben dürfen, daß, wenn dieser Umschwung nun, nach dem Tode Eduards VII.. um einiges deutlicher werden sollte, der Umschwung selbst erst von d:ni Thronwechsel datieren wird. Vielmehr muß man wiederholen, daß er sich schon seit geraumer Zeit angekündet und in wirksamer Weise entwickelt hat. Was König Eduard seiner Nation und ihren Staats­männern als Errungenschaft seiner unermüd­lichen B ü u d n i sp o l i t i k hinterläßt, das wird keine britische Regierung rückläufig machen können und dürfen. Das englisch-französische Verhältnis und das zwar schwerlich gleichwertige, doch aber verwandte Ver­hältnis zu Rußland werden zweifellos auch ferner­hin die Grundlage der britischen Weltpolitik bleiben, aber man sieht doch, daß sich der aggressive Charakter dieser gegen uns gerichteten Politik gemil­dert hat, und zwar geschah das, als das Bündnis zwi­schen uns und dem Donaureiche seine stärkste Probe gut bestand. Ob König Eduard die letzten schrecklichen Möglichkeiten seiner Einkreisungspolitik, ben Krieg nämlich, gewollt hat oder nicht (wahrschein­lich hat er dies Letzte nicht gewollt), jedenfalls drohte ein solches Ende, aber die Geschichte hat dafür gesorgt, daß Europa vor dem Abgrund bewahrt blieb, und wenn Man mit einer gewissen Zuversicht eine Vorher­sage wagen darf, so ist es die, daß jeder weitere Tag uns alle immer mehr von dieser äußersten Möglichkeit entfernen wird. So erscheint die Wirksamkeit des Königs Eduard schließlich doch nur als die Vorbe­reitung zu einer Politik, die er nicht durchführen konnte, und alle im Stadium der Vorbereitung erziel­ten Erfolge bedeuten hiernach praktisch nicht ganz das, was wir allerdings zu befürchten hatten, solange die Tinge erst im Werden waren. Was aber der ver-

FerriUetorr.

. Persönliches non König Eduard.

Aus König Eduards Jugend.

Unser kleiner Junge ist ein wundervoll starkes und großes Kind mit sehr großen, dunkelblauen Augen, einer hübsch geformten, wenn auch etwas großen Nase und einem niedlichen kleinen Mund. Ich hoffe und bete, daß er wie der liebe Papa werden möchte. Er soll Albert genannt werden, und Edward soll sein zweiter Name sein." Mit diesen Worten meldet Königin Viktoria ihrem Onkel, dem König der Belgier, die Geburt ihres ersten Sohnes und Thronerben. Am 25. Januar 1842 wurde der Knabe in der St. Georgskapelle von Windsor mit Wasser vom heiligen Jordanstusse getauft. Die glückliche Mutter entfaltete bei der Zeremonie einen großen Luxus: die Spitzenrobe des Täuflings kostete allein 15000 M., und der Tauskuchen, der im Waterloo-Saal des Schlosses feierlich ausgestellt war, . bevor er nach altem Brauch an die Gäste ausgeteilt wurde, hatte ganz gewaltige Dimensionen. Der kleineBertie", wie ihn die Königin liebkosend nannte, wurde ein von Ge­sundheit und Lebensfreude strahlendes Kind, das seine Würde als 18. Prinz von Wales nicht im mindesten drückte. Der alte Herzog von Wellington, der große KriegSheld, hatte seine Freude an dem ungezogenen neuen Sprossen des er­lauchten Herrschergeschlechts. Als ihn einst die Lady Sey- mour fragte, wie es dem Prinzen ginge, antwortete er lachend:Wenn es wahr ist, wie man behauptet, daß die Kinder, die tüchtig schreien und energisch mit ihren Füßen strampeln, am gesündesten sind, dann kann ich Sie versichern, daß die Gesundheit des Prinzen von Wales mehr als voll­kommen ist." Seine erste Waffe, eine entzückende kleine Flinte, erhielt der Dreijährige von König Louis Philipp, Äs der Bürgerkömg zum Besuch in England weilte. Aber das SchietzLewehr war nicht so standhaft wie hübsch und

hielt die wenig sanfte Handhabung durch den Prinzen nicht aus, so daß die Freude nur kurz war. Artig bat also Eduard den guten Onkel König um eine neue Flinte, und er erhielt auch sogleich aus Saint Cloud ein neues Spielzeug, das, wie Louis Philipp in einem Handschreiben an die Königin betonte,von einer Art war, daß es jede schlechte Behandlung, die die Kinder ihrem Spielzeug augedcihen zu lassen pflegen, ertragen konnte." Als Fünfjähriger sollte der kleine Eduard von dem Bildhauer Burnard in einer Portraitbüste dargestellt werden. Die langweiligen Sitzungen waren ihm höchst unangenehm, und der Künstler hatte alle Mühe, das lebhafte Kind zum Süllfltzen zu be­wegen. Da der Junge alles machen wollte wie er, so gab er ihm schließlich etwas Ton zum Kneten, worauf Eduard mit Vergnügen seine Hände in die Weiche Masse steckte und sie nicht gerade sauber wieder herauszog. Bald aber war er des Formens auch überdrüssig und kam nun auf den sinnreichen Gedanken, Burnard mit großen Tonkugeln zu bombardieren. Da die Gouvernante ihn auch nicht bändigen konnte, mußte die Königin selbst eingreiscn und ihm ernste Vorhaltungen über sein unartiges Betragen machen. Völlig besänftigt kam Eduard wieder, reichte Burnard treuherzig seine kleine Hand und sagte:Ich will's nicht wieder tun. Denn wenn ich wieder ansangen wollte, so ungezogen zu sein, dann, hat Mama gesagt, würde ich in einen Esel ver­wandelt werden." Der Ernst des Lebens trat an den Knaben heran, als die Schulstunden anfingen. Seine Lehrer, der Rev. Henry Mildrcd Birch, der Gelehrte FrHdsric W. Gibbs und seine Hofmeister waren mit ihm auch ganz zufrieden, aber manchmal rebellierte das junge, ungeduldige Blut recht drollig gegen den Zwang des Lernens. Die Ge­setze der englischen Verfassung wurden ihm- dem künftigen König, täglicheingepaukt". Dadurch wurde ihm dieser Unterrichtsgegenstand höchst unsympathisch und eines Tages erklärte er resolut:Ich will nicht mehr die Verfassung

aufsagen. Dies ewige Auswendiglernen hasse ich. es ist so langweilig und trocken."Aber es ist von höchster Not­wendigkeit". erwiderte der erschreckte Hofmeister,daß Sic

genau alles wissen, was sich auf die Konstitution des der­einst von Ihnen regierten Landes bezieht; es ist unbedingt notwendig!"Ja, Sir", entgegnete der Prinz traurig, ich weiß, die englische Konstitution ist höchst wichtig. Aber was wird dabei aus meiner Konstitution?" Zu seiner wei. teren Ausbildung studierte der Prinz in Edinburg, in Ox»' ford und Cambridge, und einen äußeren Abschluß fand seine Erziehung im Jahre 1858, als er konfirmiert wurde und ein Abschlußcxamen ablegte. Voll Stolz schrieb Königin Vik­toria an den belgischen König:Ich weiß, cs wird Sie sehr interessieren, zu hören, daß die Prüfung und die Einsegnung Bertics sehr gut abgelaufen sind. Das Examen vor dem Erzbischof und uns durch den Dekan am Mittwoch war laug und schwer, aber Bertic antwortete sehr gut, und sein ganzes Wesen und seineGemütssftmmung", sowohl gestern wie auch heute beim Abendmahl, war sanft, gut und ange­messen." Das Jahr darauf machte der Prinz von Wales seine erste größere Reise nach Italien und wurde in Rom vom Papst Pius IX. empfangen. Es war das erste Mal, daß ein englischer Prinz den Boden des Vatikans betrat. Berties Zusammenkunft mit dem Papst", so berichtet Königin Viktoria,lief sehr gut von statten. Er war äußerst freudig und gnädig; Oberst Bruce war zugegen; es wäre unmöglich gewesen, Bertie allein gehen zu lassen, da man später, Gott weiß, was, behauptet haben würde, was Bertie gesagt hätte ..." Andere große Reisen nach Amerika und Kanada, nach Ägypten und dem heiligen Lande folgten, Eduard war nun in die Reihe der europäischen Fürstlich­keiten eingctreten, deren Leben der Öffentlichkeit und der Geschichte angchört.

König Eduards Werbung.

Schon als Schüler war der Prinz von Wales nach Deutschland gekommen und hatte zwei herrliche Monate in Königswinter am Rhein verbracht. Aus seiner Reise war er nach dem Wunsch der Königin von einigen gleichaltrigen Schülern von Eaton aus den vornehmsten Familien des Landes begleitet, die man ohne Rücksicht auf ihre politische