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Nr. 212.
Wiesbaden, Montag, S. Mai IS1V.
58. Jahrgang.
ktbend-Ausgabe.
l. Matt.
König Georg V.
Ter König ist tot, es lebe der König! Tiefe Losung des alten Frankreich hat in der heutigen realistischen Zeit allgemeine Geltung, und so wendet sich denn nicht nur in Großbritannien, sondern auch allerorten im Auslande, wo man den Einfluß des englischen Thronwechsels auf die Weltpolitik prüfend erwägt, das Interesse von dem entschlafenen Herrscher Großbritanniens. der sich trotz der parlamentarischen Regierungsform einen ungewöhnlich st a r k e n Einfluß auf die politischen Geschicke des Landes zu verschaffen gewußt hatte, dem neuen Manne, dem König Georg V. zu, der sich in e r n ft e r . kritischer Zeit an die Sssitze des Staatswesens gestellt sieht.
Über König Georg V. — der letzte der englischen George war Georg IV., der von 1820 bis 1823 regierte
wissen wir so viel, wie man eben über Kronprinzen, die sich zuweilen als Könige ganz anders entwickelt haben, wissen können. Ter am 3. Juni 1865 geborene Georg war kein „geborener Kronprinz", denn er war der zweite Sohn König Eduards und der Königin Alexandra. Erst als am 14. Januar 1892 sein um ein Jahr älterer Bruder, der Herzog Albert Victor von Clarence. starb, begann der jüngere Georg, der eine streng seemännische Erziehung genossen und mit seinem Bruder zusammen ans dem Schulschiff „Bacchante" alle Weltmeere durchfahren hatte, sich auf seinen künftigen hohen und schweren Beruf vorzubereiten. Prinz Georg hatte gerade das Kommando des in Westindien stationierten Torpedoboots „Trust" geführt,^ als ihn die erschütternde Nachricht ereilte, daß sein älterer Bruder einer ansteckenden Krankheit urplötzlich erlegen sei. Ter jetzt zum Thronfolger Gewordene kehrte sofort nach der Heimat zurück, wo er sich bald darauf mit der Braut seines verstorbenen Bruders, der bildschönen, jetzt im 43. Lebensjahr stehenden Prinzessin Mary von Teck, verlobte, die wie ihr Gatte! einer anglisierten deutschen Fürstenfamilic entstammt, denn ihr Großvater war der Herzog Alexander zu Württemberg, der in morganatischer Ehe die Gräfin von Rhedey heiratete. Ter dieser Verbindung entsprossene Sohn Franz, der vom König von Württemberg zuni Herzog von Teck ernannt worden war, heiratete im Jahre 1866 die Tochter des Herzogs von Cambridge, die Prinzessin Mary Adelaide, und das älteste Kind dieser Ehe ist die fetzige Königin Mary. Aus ihrer Ehe mit dem König Georg sind, wie in der Samstag-Abendausgabe schon erwähnt, sechs Kinder hervorgegangen, als ältestes, der nunmehrige Thronfolger Eduard Albert, der am 23. Juni d. I. 16 Jahre alt wird und zurzeit Schüler des Marine- College in Osborne ist, um den Dienst in der Flotts kennen zu lernen.
König Georg hat schon als Prinz von Wales das Riesenreich, über das er jetzt zu herrschen berufen ist, fast in allen seinen Teilen kennen gelernt. Kurz nach
der Thronbesteigung seines Vaters im Jahre 1901 machte er eine Rundreise durch die wichtigsten Kolonien, und politisch nicht unwirksam war auch seine Versöhnungsfahrt nach I r l a n d. Auch fast allen europäischen Höfen hat Prinz Georg Besuche abgestattet: in Berlin war er wiederholt, zuerst im März 1890, dann im Mai 1900, um als Vertreter der Königin Viktoria den deutschen Krön p r i n z e n zu seiner Großjährigkeit zu beglückwünschen, und zuletzt im Januar 1902, wo er dem deutschen Kaiser die Glückwünsche König Eduards zum Geburtstage überbrachte zu einer Zeit, wo bekanntlich die Spannung zwischen Deutschland und England ihren Anfang genommen hatte.
Ter jetzige König, der in seinem Äußeren eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Prinzen Heinrich von Preußen und dem Zaren zeigt, hat damals in Berlin den allerbesten Eindruck hinterlassen, und man rühmt ihm, der ja auch eine überwiegend deutsche Erziehung genossen hat, eine deutsch freundliche Gesinnung nach. Was seine Charaktereigenschaften betrifft, so gilt er als ein sehr zurückhaltender, nüchtern denkender, durch ein scharfes Urteil ausgezeichneter Mann von sehr einfachen Umgangsformen, der sich nicht bloß als Sportsmann hervorgetan hat, sondern, wie seine mehrfach gehaltenen Reden erkennen lassen, nicht nur Kenntnisse, sondern auch Urteilskraft in den politischen Angelegenheiten hat. Eben diese seine Reden lassen auch keinen Zweifel daran, daß er als st r e n g k o n st i t u t i o n e l l e r Souverän regieren wird, und seine Umsicht und sein diplomatisches Geschick werden jetzt alsbald ans eine nicht leichte Probe gestellt werden, da ja der Throntvechsel mitten in die ungelöste Krisis, in den Streit zwischen U n t e r- h a u s und Oberhaus gefallen ist.
Uns interessiert in erster Reihe seine Stellung zu den Fragen der Weltpolitik. König Eduard hatte, nachdem er seine gegen Deutschland gerichtete E i n k r e i s u u g s p o l i t i k als verfehlt und die Interessen des eigenen Landes schädigend erkannt hatte, selbst zur Verständigung mit Deutschland die Hand geboten, und dieser aus den Grundsätzen der Gegenseitigkeit und der Gleichberechtigung beruhenden Politik dürfen wir uns wohl auch unter dem Regime König Georgs V. versehen, der seine Anschauungen über die Beziehungen der Natio- ,nen zueinander vor zwei Jahren in Quebec in die denkwürdigen und beherzigenswerten Worte gefaßt hat: „Von dem Geiste der Freundschaft zwischen den Nationen hängt der F o r ts ch r i t t der H u m a n i - t a t ab, und ich hoffe und glaube, daß darin mehr und mehr in künftigen Jahren der wahre Fortschritt seinen Ausdruck finden wird. Das hohe Ideal eines Weltfriedens und der Verbrüderung mag noch weit von seiner Verwirklichung sein, aber jeder Akt. der die Harmonie unter de n N a t i o n e n herbeiführt, zeigt den Weg, auf dem das Ziel zu erreichen ist."
Die Ansprache des neuen Königs im Geheimen Rat.
London, 7. Mai. Tie Mitglieder des Geheimen Rats begannen sich um %4 Uhr nachmittags im
St. Jämespalast zu versammeln. Unter ihnen befanden sich die Minister Winston, Churchill, Earl of Crewe, Burns, Buxton und Morley, ferner Balfour, Rosebery und der Erzbischof von Canterbury. Ter K ö n i g fuhr am Nachmittag in Admrralsuniform ohne Eskorte vom Marlboroughhouse nach dem St. Jamespalast, ehrerbietig von der nach Tausenden zählenden Menge begrüßt. In der Ratshalle erwartete ihn eine glänzende Versammlung. Nach den gebräuchlichen Zeremonien Unterzeichnete der König die Proklamation. Darauf hielt er eine Ansprache, deren Wortlaut der folgende war:
My Lords, Gentlemen! Mein Herz ist zu voll, als daß ich heute mehr als wenige Worte an-Sie richten könnte. Es ist meine schmerzliche Pflicht, Ihnen ben Tod meines inniggeliebtcn Vaters mitzuteilen. Bei diesem unersetzlichen Verlust, der mich und das ganze Reich so plötzlich getroffen hat, tröstet mich das Gefühl, daß ich die Sympat h i c meiner zukünftigen Untertanen besitze, die mit mir trauern werden um den geliebten Herrscher, der sein eigenes Glück darin fand, das ihrige zu teilen und zu fördern. Ich habe nicht nur des Vaters Liebe verloren, sondern das herzliche und innige Verhältnis zu einem t e u e r n Freund und Ratgeber. Nicht weniger zuversichtlich bin ich in der allgemeinen liebenden Sympathie, die meiner teuersten Mutter in ihrem überwältigenden Kummer gesichert ist. Als unser geliebter König vor wenig mehr als neun Jahren hier stand, erklärte er, so lange ein Atemzug in seinem Körper wäre, würde er für das Wohl und die Verbesserung der Lage des Volkes arbeiten. Ich bin sicher, die Meinung der ganzen Nation ist, daß er diese Erklärung voll ausgeführt hat. Mich zu bemühen, seinen Fußtapsen zu folgen und zu gleicher Zeit eine k o n st i- tutionelle Regierung im Reiche aufrecht zu erhalten, soll das ernste Ziel meines Lebens sein. Ich bin mir der schweren Verantwortlichkeit, die mir zugefallen ist. tief bewußt. Ich weiß, daß ich mich auf das Parlament und das Volk dieser Inseln und überseeischen Besitzungen verlassen kann, sowie aus ihre Hilfe bei der Erfüllung dieser schweren Pflichten und ihre Gebete, daß Gott mir Stärke verleihen und mich führen möge. Tabei gibt mir die Überzeugung Mut, daß ich in meiner lieben Frau eine treue Gehilfin in jedem Streben für das Wohl unseres Volkes habe.
*
Die Trauer in England.
wb. London, 7. Mai. Obwohl die Bulletins ungünstigel lauteten, war man auf den Tod des Königs nicht vorbereitet. Der rapide Verlauf der Krankheit trug dazu bei, die Erschütterung über den Verlust zu vergrößern. Die Empfindung nationaler Trauer ist in allen Schichten des Volkes sehr stark. Im Lause des heutigen Tages pilgerten dichte Scharen ernster, schweigender Menschen zum Buckinghampalast, wo die Flagge Halbmast wehte. Sie füllten den benachbarten St. Jamcspark und versammelten sich vor dem Marlboroughtzause, der bisherigen Residenz des neuen Königs. Nachmittags fuhren der König und die Königin nach dem Buckinghampalast zur Königin Alexandra. Die Menge begrüßte ihr erstes öffentliches Erscheinen durch
Feuilleton.
Wiesbadener Festvorstellungen.
VI. „Der Verschwender".
Original-Zaubermärchen von Ferdinand Raimund.
Wenn man an einen lieben Toten denkt, so denkt man nur an seine guten Seiten. Seine Schwächen, seine Fehler sind vergessen. Nur das Gute lebt in uns fort. So ging es auch mit dem „Verschwender". Gerne erinnerte man sich seiner, an die luftigen Lieder, an die wechselnden Bilder. Nun aber, da das Stück wieder anflebt, sieht man fast nur seine Schwächen. Wir sind eben weitergegangen, sind älter geworden, das Stück aber ist veraltet. Wir sind nicht mehr daran gewöhnt, daß die Tugend belohnt und der Vösewicht bestraft wird, daß der Künstler plötzlich an die Rampe tritt, genau vor dem Souffleurkasten stehen bleibt, und ein Couplet in das Publikum hineinsingt. Der Refrain wird geteilt. Die eine Hälfte bekommt das Publikum rechts, die andere das Publikum links. Heute rümpfen wir schon die Nase, wenn der erste Akt 5 Jahre vor den anderen spielt. Hier sind es gleich 20 Jahre. Wir belauschen auch keine Geister mehr, die das Schicksal der Menschen in Händen halten wodurch wir bald ins Märchenreich versetzt wurden, bald in die ärmliche Stube des Tischlers.
Wir sind nicht mehr naiv genug, an solchen Stücken Gefallen zu finden, uns gar rühren zu lassen. Wir wollen auf der Bühne Ausschnitte aus dem Leben sehen, alles so realistisch, so packend wie nur möglich. So kam es denn auch, daß „Der Verschwender" trotz der „Wiesbadener Neueinrichtung" eine recht kühle Ausnahme fand. Der Applaus zum Schluß aalt den Darstellern, hauptsächlich dem beliebten Gast Kon-
rad Dreher, der mit Lorbeeren überhäuft wurde. So viele Kränze waren es, daß er sie gar nicht alle halten konnte. Seine „Familie" mutzte ihm tragen helfen und so beladen marschierte er — zur allgemeinen Belustigung — mit Frau und Kindern vor den Vorhang.
Zuerst war die Stimmung recht gedrückt. Immer wieder schweiften die Blicke nach der großen Loge, in der heimlichen Hoffnung, daß der Monarch am Ende doch darin säße. Aber die Loge blieb leer und mit ihr viele Logen und Plätze im ersten Rang. Es fehlte das Zeremonielle, es fehlten die drei kurzen, aber herzlichen Hochrufe am Anfang und am Schluß der Vorstellung, es fehlte sogar die Blumensülle vorn an der Rampe. Nur die Tannenreiscr hatte man dagelassen, derenNadcln melancholisch herabriesetteu. Dafür aber waltete eiserne Strenge im Foyer. Wohl durften die Zuschauer des ersten Rangs heruntersteigcn zum Büfett, herauf durfte aber niemand. Auch nicht die Besitzer der Orchestersessel. Trotz der gewissenhaft durchgcführtcn Vorschrift: die Damen an giunde toilette, tief ausgeschnitten, die Herren in Frack und weißer Binde. Wie Zerberusse stand je ein Diener an den Treppen des Foyers und hütete den Aufgang!!!
Von dem Zauber des „Oberon" war Einiges am „Verschwender" hängen geblieben. Wieder gab cs Bilder von berückender Schönheit, so als die Fee Cheristane im Wolkenwagen davonsährt und als Julius von Flotiwcll mit der Geliebten in Sturm und Nacht flieht. Voran das Schifflein mit den Flüchtlingen, das schwer gegen Unwetter und Wellen zu kämpfen hat. Da plötzlich glätten sich die Wogen, ganz leise spielt die Musik. Ein zweites Schifflein fährt vorüber, drin lehnt ein Greis. Flottwells guter Geist. Zitterndes Mondlicht umfließt ihn sekundenlang, „wie Hyazinthen blaut die weite Fläche", dann setzt das Heulen irnd Toben des Sturmes von neuem ein. Der Anblick wirkte wahrhajt
ergreifend. Herr R ehkops ging überhaupt fast restlos in dieser seiner Rolle auf. Die Fee Cheristane denkt man sich wohl ätcrischer in der Erscheinung, wie Fräulein G a u b y. Ihr hübsches Gesicht söhnte schließlich aber doch mit dem allzu „körperlichen" aus. Herr Schwa b verschwendete sehr elegant und war auch später als Bettler recht glaubwürdig. Herr Weinig als Intrigant (Kammerdiener Wolf) wußte die Rolle gut durchzuführen und erzielte — 20 Jahre später — als hustender Greis einen ungeahnten Erfolg. Das ganze Haus — hustete mit ihm! Frau Doppelbauer und Konrad Dreher waren als Ehepaar besser wie als Brautpaar. Mit derber Komik hielt die nun sehr rundliche Frau ihre kleine Schar in Zucht und Ordnung und Herr Dreher schlug bei dem Wiedersehen mit seinem „gnädigen Herrn" einen so echten, einfachen Gemütston an, der direkt zu Herzen ging und besser gefiel wie die lustigen Couplets. Zu erwähnen wäre noch Herr Herrmann als Chevalier Dumont, Frau Bleibtreu als altes Weib und das herzige Liscl der Frau Braun-Grosser.
Aber, wie gesagt: es war fast grausam, das Stück, welches zuletzt am 8. Februar 1900 mit Herrn Rodius in der Titelrolle gegeben wurde, wieder zum Leben zu erwecken. Zum Leben? Nein, es wird nicht leben. Zu sehr gehört es der Vergangenheit an. zz. x.
Aus Kunst und Leben.
* Noch immer der Mars. In den letzten Jahren hat der Plan-et Mars ganz besonders das Interesse der Erdbewohner erregt, weil einzelne Forscher aus ihren Beob- achtlingen glaubten den Schluß ziehen zu können, daß dieses Gestirn von geistig hochstehenden, menschenähnlichen Wesen bevölkert sei. Man wollte entdeckt haben, daß aus dem
