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Nr. SU.
Wiesbaden, Sonntag, 8. Mai INI«.
58. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
__ 1. Molt.
Die PoUlik der Mache.
Man wird nicht behaupten können, das; die Aussichten der Wahlrechtsreform durch die Annahme der Vorlage im Hercenhause sonderlich geklärt worden sind. Wenn es auch als sicher gelten kann, daß die Ende dieses Monats erfolgende zweite Abstimmung dasselbe Ergebnis haben wird wie die erste, so ist es doch nach allem, was inan jetzt hört und liest, noch völlig ungewiß, welches Schicksal deni Gesetzentwurf beschieden sein wird, wenn er dann von der Ersten Kammer wieder zur Zweiten zurückwandcrt. Hat doch die Wahlrechtsreform im Hercenhause immerhin so erhebliche Abänderungen erfahren, daß mit der Möglichkeit oder sogar mit der Wahrscheinlichkeit einer Änderung der bisherigen Parteikonstcllation im. Abgeord- uetenhause gerechnet werden muß. Wenn man auch die in einzelnen Organen der konservativen Partei hervorgetretene Unzufriedenheit mit der jetzigen Gestaltung der Wahlrechtsvorlage nicht allzu ernst zu nehmen braucht, so vertritt doch die Presse des Z e n t r u m s, rvie wir mitteilten, fürs erste noch durchweg den Standpimkt der entschiedenen Opposition, während die Regierung andererseits nunmehr aus die Stimmen der Freikonservativcu rechnen kann. Ob und inwie- lvcit sich eine Mehrheit für die Vorlage durch Zuzug aus dem nationalliberalen Lager, wo die Stimmung bisher noch geteilt ist, und etwa auch aus einem Teil des Zentrums bilden wird, das ist zurzeit noch nicht abzusehen. Immerhin dürfte der Reichskanzler in Wiesbaden bei seinein dem Kaiser gehaltenen Vortrag über die politische Lage nicht mit Unrecht betont haben, daß die Stellung der Regierung insofern eine Verbesserung erfahren hat, als sie nicht mehr ausschließlich auf die bisherige Parteikoalition angewiesen ist.
Aber diesem noch sehr zweifelhaften Erfolg des PreußischenMinistcrpräsidenten steht ein ganz zweifclloserMißerfolg des deutschenReichskanzlers gegenüber. Mit dein Postskriptum zur großen Reichsfinanzreform, der W e r t z u w a ch s st e u c r, ist es für diese Session nichts mehr. Ten ernsten Bedenken, die von allen Seiten gegen die T u rchp c i t sch u n g des von der Regierung viel zu spät und in durchaus mangelhafter Form cingebrachten Gesetzentwurfes, betreffend die Einführung einer Wertzuwachssteuer, geltend gemacht wurden, hat auch der Seniorenkonvent des Reichstags Rechnung getragen, indem er beschloß,
diese umfassende und noch in keiner Weise geklärte Materie bis zum Herbst zu vertagen. Dafür hat die Regierung den Trost, daß sie wenigstens die nicht minder heißumstrittene Entlastung des Reichsgerichts. wenn auch nicht ganz nach ihren Wünschen, durchgesetzt hat, und auch das Kaligesetz soll noch vor der Vertagung des Reichstags in den sicheren Hafen gebracht werden.
Zu derselben Zeit, wo die arbeitsmüden Volksvertreter der Reichshauptstadt sich „auf Wiedersehen im Herbst" zurufen werden, wird dort ein anderer Gast erwartet. zu dessen feierlichem Empfang schon jetzt umfassende Vorbereitungen getroffen werden. Der Expräsident der Nordamerikanischen Union Roofe- beit, dessen politische Rolle sicherlich noch nicht ausgespielt ist, trifft am 12. Mai in Berlin ein, wo ihn als Gast des Kaisers die höchsten Ehren erwarten. Mag auch die Art, wie der jmarteAmerikancr iniFluge durch Europa saust und „Preisend mit viel schönen Reden" jede Nation seiner besonderen Zuneigung versichert, etwas die Spötter herausfordern, so darf man doch bei eineni Manne von der Bedeutung Roosevelts nicht bloß nach Äußerlichkeiten urteilen, und es ist durchaus verständlich, wenn die Regierungeil wie die Staatsoberhäupter beflissen sind, sich der Sympathien des Mannes zu versichern, der nicht bloß als der Vorgänger, sondern auch als der — Nachfolger Tafts anzusehen ist.
Wenn aber aus seiner soeben in Stockholm gehaltenen Nobelpreisrede der Schluß gezogen wird, daß Roosevelt die Begeisterung für eine internationale Begrenzung der Flottenrüstungen durch den ihm untergeschobenen Versuch einer Vermittelung zwischen Deutschland und England in die praktische Tat Umsetzen möchte, so hält man ihn für einen schlechteren Diplomaten, als er es in Wirklichkeit ist. Gerade der Kampf zwischen Oberhaus und Unterhaus in England, der jetzt nach der Annahme des Budgets in ein neues Stadium getreten ist, und bei dem ja die Frage der Flottenrüstungen eine durchaus nicht unwesentliche Rolle spielt, hat gezeigt, daß der Widerstand gegen den Abrüstungsgedanken nicht bloß aus deutscher Seite zu suchen ist, ganz abgesehen von den in. den internationalen Verhältnissen liegenden Hindernissen. Mitten in diese Kämpfe zwischen Oberhaus und Uuter- haris hinein ist nun schneller, als jemand deirken konirte, der Thronwechsel in England getreten. Der Tod Eduards VII. bringt für den inneren Konflikt in England einen Stillstand, von dem sich im Augenblick nicht ermessen läßt, wie weit seine Wirkung sich für den Verlauf des Konfliktes selbst geltend machen wird. König Eduard ist bei all diesen Kämpfen der Parteien aus seiner konstitutionellenZurückhaUung nicht
heransgetreten. So viel aber hat man aus seiner Haltung entnehmen können, daß ihni ein Vergleich zwischen den beiden Parteien das Liebste gewesen wäre, wie es zweifellos auch nicht nach seinem Wunsche gewesen ist, daß die Mehrheit der Lords durch ihre Rebellion den Konflikt zum Ausbruch gebracht hat.
Während das englische Kabinett Asquith also in dem Kampfe gegen das oppositionelle Oberhaus vorläufig wohl einer Ruhepause gegenübersteht, hat das französische Kabinett Briand bereits den Sieg in der Tasche, denn wenn auch erst die am Sonntag stattsindenden Stichwahlen die endgültige Entscheidung über die Zusammensetzung der neuen Kammer bringen, so ist doch die Schlacht schon durch den Ausfall der Hauptwahlen, entschieden worden.
Das gleiche gilt auch für die Kämpfe, welche die türkische Regierung gegen die aufständischen A r n a u- t e n wieder einmal durchzufechten hatte. Nach den türkischen Berichten sind die Regierungstruppen auf der ganzen Linie Sieger geblieben, und so wird, wenn sich diese Meldungen, denen freilich einstweilen auch wesentlich pessimistischer gefärbte Meldungen aus nichttürkischen Quellen gegenüberstehen, bestätigen, in Albanien Ruhe herrschen — bis zum nächsten Aufstand! _ ' . ■ ■
Deutsches Reich.
* Aus Anlaß des feierlichen Empfanges Roosevelts durch Kaiser Wilhelm erklärt Harden in seiner „Zukunft", zum ersten Male seit anderthalb Jahren wieder, eine Absicht des Kaisers rückhaltlos tadeln zu müssen, und schreibt, indem er an Roosevelts Auftreten in Rom anknüpft: „Als er (Roosevelt in Rom) gefragt wird, ob so disparate Absichten ihm vereinbar scheinen, antwortet er: „Natürlich. Wenn dem deutschen Kaiser einfiele, von mir zu fordern, ich solle, nachdem ich ihn gesehen habe, nicht mit den polnischen Politikern verkehren, die Polens Trennung von Preußen erstreben, würde ich sagen: Diese Bedingung nehme ich nicht an und verzichte lieber auf das Vergnügen einer Audienz." (Herr Lambert, Roosevelts Anhänger, hat den Ausspruch am 6. April im „New York American" veröffentlicht.) Was jedem anderen geweigert wird, ist diesem erlaubt. Er darf laut erklären, der persönliche Verkehr mit dem deutschen Kaiser könne ihn nicht hindern, Männer aufzusuchen, die ihre Heimatprovinz vonr Stammlande dieses Kaisers lösen möchten. Ihm schadet's nicht. Er wird im Schloß wohnen (und sich, wenn's ihm behagt, Herrn Korfanty oder Herrn Stadthagen, Herrn Wetterlö oder Herrn Hanssen zum Tee einladen). Den Fürsten Bismarck holte Wilhelms Bruder vom Bahnhof; und mancher Schranze runzelte sich die Stirn. Herrn Roosevelt will der Kaiser selbst an der Waggontür emp-
FemUeton.
(Nachdruck verboten.)
Die jungen Rätzchen.
Nach dem Russischen des Tschechow.
Von Hcldscher Rustikow.
Als am Morgen bereits helles Sonnenlicht durch die Fensterscheiben in die Kinderstube flutete, erwachten die beiden Langschläfer.
Pelja, der sechsjährige Junge, und sein vierjähriges Schwesterchen Ninujchka schauten sich durch die Vorhänge ihrer Bettchen böse an.
„Schämt ihr euch nicht?" brummte die Wärterin. „Alle Leute haben schon Tee getrunken rlnd ihr schlaft imnrer in den lieben Tag hinein."
Tie Sonnenstrahlen tanzten auf den, Teppich, an den Wänden und dem Kleide der Wärterin, als suchten sie jemand, der mit ihnen spiele. Jedoch die Kinder beachteten es nicht; sie waren böser Laune. Ninuschka warf die Lippen aus, machte ein weinerliches Gesicht und begann zu schreien-: „Tee—e—c>
Maschka! Tee-e!"
Petja zog die Stirne kraus und überlegte, ob ec nicht auch einen Grund zum Weinen finden könnte. Er blinzelte bereits mit den Augen und riß den Mund auf, aber in diesein Augenblick rief ans dem Salon die Stimme der Mutter: „Daß ja nicht ver
gessen wird, der Katze Milch zu aebcn! Jetzt, da sic .Junge hat . . ."
Pelja und Ninuschka rissen die Augen weit auf und starrten einander an, dann sprangen sie beide zugleich auf und liefen mit lautem Geschrei barfuß und im Hemde in die Küche. — „Tie Katze hat Kinder!" riesen sie. — ,.D:e Katze hat Kinder!"
In der Küche stand unter der Bank eine kleine Kiste. in welcher der Diener sonst Kohlen aus dem Keller hcraufbcachte. Aus der Kiste äuqte die Katze vervor. Tie grünen Augen mit den schwarzen Vuplllenstrelfen blickten gar melancholisch. Man sah
es ihr an, daß zur Vollständigkeit ihres Glückes der Vater fehlte. — Aus der Kiste klang das Quieken der Jungen.
Tie Kinder setzten sich vor der Kiste nieder und beobachteten die Katze. In beider Augen glänzte Helle große Freude.
„O, wie niedlich sie sind", sagte Ninuschka, hell anflachend. „Sie sehen ja aus wie Mäuschen!"
„Eins, zwei, drei . . ." zählte Pelja. „Drei Kätzchen! Das ist für mich eins, für dich eins und noch für jemand anderes eins."
„Murrr. . . Murrr . . machte die Katze zufrieden über die Beachtung, die sie fand.
Als die Kinder die Kätzchen lange genug angeschaut hatten, nahmen sie dieselben aus der Kiste heraus, legten sie in den Schoß ihrer Hemdchen und liefen in den Salon.
Dort saß die Mutter mit einem fremden Herrn. Als sie. die Kinder so ungewaschen, nichtangezogen, mit hochgehobenen Hemden vor sich sah, wurde sie verlegen und machte strenge Augen. „Was ist denn das!" lief sie, schämt ihr euch nicht! Marsch in euer Zimmer, sonst setzt cs Schläge."
Doch die Kinder achteten weder der Drohungen, noch der Gegenwart des Fremden. Sie legten die Kätzchen ans den Teppich und begannen ein jämmerliches Geschrei. Um sie herum schlich die Katze kläglich miauend.
Während nun die Kinder wieder in ihre Stube gebracht und angezogen wurden, während des Gebets und während sie frühstückten hatten sie die ganze Zeit über nur den einen Wunsch, endlich fertig zu sein und wieder in die Küche lausen zu können.
Tie sonstigen Beschäftigungen. Spiele und dergleichen waren vergessen. Die Kätzchen verdunkelteu durch ihr Erscheinen auf der Welt alles. Hatte mau Pctja oder Ninuschka für jedes Kätzchen einen Berg Bonbons oder tausend Kopeken geboten, sie hätten den Tausch sofort abgelehnt. Bis zum Mittag saßen sie, nicht achtend der Proteste von Köchin und Wärterin, in der Küche vor der Kiste und bemühten sich um die kleinen Kätzchen. Pelja beunruhigte nicht nur die
Gegenwart, sondern auch die Zukunft der Kätzchen. Schließlich entschied er dahin, daß ein Junges zu Hause bei der Mutter bleiben solle, das zweite solle in die Sommervilla hinaus und das dritte müßte im Keller wohnen, wo es so viele Ratten gebe.
„Warum sehen sie nicht?" frug Ninuschka. „Ihre Augen sind ja blaß, wie bei den blinden Bettlern."
Auch Petsa machten die weißen Augen Unruhe. Er versuchte einem der Kätzchen die Augen zu öffnen, indem er daraus blies, aber seine Bemühungen blieben erfolglos. Noch eins machte den Kindern sorge: die kleinen Katzenbabys wollten weder Milch noch Fleisch nehmen. Alles was Petja und Ninuschka im Tellerchen reichten, fraß die graue Mutter.
„Weißt du, wir wolleu Wohnungen machen für die Kätzchen", schlug Petja vor. „Jedes muß ein eigenes Haus haben. Tie Mutter kann sie dann besuchen gehen."
Ter Junge schleppte sodann Hutkartons herbei, in welche er die Kätzchen packte. Jedoch die alte Katze war mit der Familientrennung nicht einverstanden. Mit müdem Gleichmut ging sie zu dem einen Karton, packte das Kleine mit den Zähnen und brachte es tu die Kiste zurück Ebenso nrachte sie es mit den anderen.
„Eine Mutter haben die Kätzchen", meinte Petja. „Wo ist aber der Vater?"
„Ja, einen Vater müssen sie auch haben", bestätigte Ninuschka.
Lange pflogen die Kinder Rat, wer der Vater sein solle. Sie einigten sich schließlich auf ein altes Schaukelpferd, das in einer Ecke des Kinderzimmers ein vernachlässigtes Dasein fristete. Es wurde hcrvor- geholt und neben die Kiste gestellt. „So!" wurde ihm befohlen, „hier bleibst du stehen und gibst Acht, daß sie artig sind."
Alles geschah mit großem Ernst und mit dem Ausdruck kluger Besorgnis. Außer der Kiste mit den Katzenjnngen existierte für Pctja und Ninuschka nichts mehr. Ihre Freude kannte keine Grenzen.
Kurz vor Mittag saß Ninuschka im Arbeitszimmer des Vaters und starrte aufmerksam auf den Tisch. Neben der Lampe aus den Pavierbogen kroch ein Kätz?
