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Hohenzoliern und Lumkerlmck.
Von diplomatischer Seite wird uns geschrieben: Augenblicklich steht das Verhältnis des Hauses Hohen- zollern zu dem Hanse Cumberland mit Recht im Vordergrund des Interesses. Es werden Vermutungen laut, daß _ eine! Begegnung zwischen Kaiser Wilhelm und dem Herzog von Cumberland in Schwert n anläßlich der Laufe des Erbgroßherzogs von Mecklenburg — eines Enkels des Herzogs von Cumberland — in nächster Zeit stattfinden werde. Ob die Begegnung zustande kommt oder nicht, bleibe dahingestellt. (Man darf erwarten, daß tatsächlich eine Begegnung statt- finden wird.) Das Wesentliche dabei ist, daß die Beziehungen zwischen den beiden Häusern sich tatsächlich freundlicher gestaltet haben oder, daß wenigstens die Gereiztheit der Stimmungen einer ruhigen' sachlichen Auffassung gewichen ist. Das Hauptverdienst, diesen unleugbar für alle Teile schönen und anaenehmen Instand gefördert zu haben, kommt uneingeschränkt dem greisen Kaiser Franz Joseph von '-Österreich zu, der seit Jahren bei allen Gelegenheiten für die Versöhnung deff beiden Geschlechter eintritt. Der greise Franz Joseph befand sich nicht immer in einer sehr angenehmen Lage. Er ist mit ganzem Herzen der Freund und treue Bundesgenosse Unseres Kaisers, aber sehr viele Beziehungen verbinden ihn auch mit den Cumberländern. Er hat es bisher mit ungewöhnlichem Takt zu vermeiden gewußt, seine tadellose Haltung der kl n Parteilichkeit beiden Häusern gegenüber irgend wie einmal zu ändern. Trotzdem hat | er nicht selten ganz unverbindlich das Thema zur ! Sprache gebracht. Tie Hoffnung des Hauses Cumberland, den alten Königsthron wieder aufzurichten, muß, f>as wissen alle Beteiligten, so lange begraben sein, vie das deutsche Reich besteht. Im wohlerwogenen Staarsinteresse dürste Kaiser Wilhelm auch selbst nach vollständiger Aussöhnung mit dem Hause Cumberland on irgend eine Konzession nicht denken. Ter Thron von Bmunschjveig freilich wird den Cumberländern
Wiesbaden, Samstag, SG. April 191».
zufallen, sowie sie auf die unverrückbaren Bedingungen cingehen, die allgemein bekannt sind. Bisher hat, sich der Herzog von Cumberland aus Prinzip gesträubt, unter den ihm gestellten Bedingungen zuzugeben, daß einer seiner Söhne in Braunschweig zur Negierung gelange. Dadurch wurde der G r o l l des alten Hauses, das den Gedanken an den einstigen nun verblaßten Königsschimmer nicht so schnell ausgeben wollte, immer aufs Neue genährt.
Es ist nun interessant, daß besonders Kaiser Franz Joseph darauf hinwirkte, den realen Verhältnissen Rechnung zu tragen und sich nicht Träumen hinzn- geben, die nach menschlicher Voraussicht nicht so bald erfüllt werden dürften. Es ist sicher, daß gerade die Thronfolgefrage in Braunschweig sehr oft der Gegenstand der Gespräche maßgebender österreichischer Persönlichkeiten mit Männern aus der Umgebung des Cumberländers war. Wie weit diese Anregungen des Kaisers Franz Joseph — denn nur um solche kann es sich bei der Zurückhaltung des greisen Monarchen in diesen Fragen handeln — auf fruchtbaren Boden, gefallen sind, oder wie weit gar die Verwirklichung dieser Ideen gereist ist, das läßt sich jetzt noch nicht mit Bestimmtheit Voraussagen, da darüber unverbrüchliches Stillschweigen bewahrt wird. Bisher haben ja die Cmnberländer auf alle diese Anregungen, die ihnen von der Öffentlichkeit gemacht wurden, mit etnem heftigen „Niemals!" geantwortet. Es ist wohl zu erwarten, daß auch jetzt noch der Herzog von Cumberland sehr viele Beweggründe haben mag, die ihn hindern, aus einer eventuell vollzogenen Versöhnung mit dem deutschen Kaiser auch Konsequenzen politischen Charakters zu ziehen, die an und für sich mit der bloßen Versöhnung durchaus noch nicht zusammen- hängen müssen. Trotzdem wird man aber sich dem Gedanken nicht verschließen können, daß es etwas anderes ist, ob Vorschläge politischer Art. wie sie die Thronfolgerfrage in Braunschweig darstellt, von der gleichsam gegnerischen Seite ausgehen, oder ob ein greiser Freund auf einem der mächtigsten Herrscherthrone, der die Erfahrungen eines langen Lebens für sich hat, in freundschaftlicher Art unverbindlich das Für und Wider erwägt. Diesem Zuspruch und diesem Ratschlag kann sich vielleicht auch ein sonst verschlossenes Ohr öffnen. Die nächste Zukunft wird es lehren, wie weit diese Anschauungen Berechtigung haben. Es ist nicht zu leugnen, daß eine A u s s ö h n u n g zwischen dem Kaiser und dem Herzog von Cumberland von allen Teilen auch inr Interesse des Reiches aus das freundlichste begrüßt werden wird und , muß. Selbst wenn sich daran irgendwelche Folgen politischer Art nicht knüpfen sollten, wäre die Annäherung doch ein Ereignis von größter, politischer Wichtigkeit. Zugleich hätte Kaiser Franz Joseph einen der schönsten Erfolge zu verzeichnen, der in gleicher Weise für den Staatsmann wie für den Menschen bezeichnend wäre.
E 8 . Jahrgang.
Deutsches Reiche
* Die Stellung der katholischen Deutschen im Deutschen Reiche. Der Kardinal-Erzbischof von Cöln hat bei der Vorführung der aus Palästina zurückkehrenden Pilger vor den: Papst in so bemerkenswerter Weise des deutschen Kaisers und der Stellung der katholischen Deutschen im Deutschen Rciche gedacht, daß wir uns veranlaßt sehen, aus dem jetzt in der „Germania" veröffentlichten Wortlaut der Rede die interessanteste Stelle hier wiederzugeben: „Du weißt, heiliger Vater, daß unser erlauchter Kaiser Wilhelm jenes Grundstück, auf dem jetzt die Kirche zugleich mit dem Kloster der Söhne des hl. Benedikt steht, freigebig unserm Verein als Beweis seiner Huld gegen die Katholiken des Deutschen Reiches überließ, damit sie dort eine Kirche mit den zugehörigen Bauten errichten könnten. Der Einweihung der neuen Kirche wohnte im Namen des Kaisers einer seiner kaiserlichen Söhne mit seiner erlauchten Gemahlin bei. Dadurch gab der Kaiser seinem väterlichen Wohlwollen gegen die deutschen Katholiken erneut Ausdruck. Da geziemt es sich, daß wir dem großmächtigen Herrscher für alle Huld, die er den Katholiken Preußens und Deutschlands in cinemforterwcist, herzlichen Dank wissen, und- gerne benützen wir diese feierliche Gelegenheit, einmal offen zu beteuern, daß wir deutschen Katholiken, die wir unter dem Szepter des Kaisers leben, fest entschlossen sind, in Erfüllung der Bürgerpflichten mit den übrigen Bürgern zu wetteifern, den Gesetzen zu gehorchen, die Obrigkeit zu achten, das Vaterland zu lieben, zu seiner Erhaltung und Wohlfahrt bcizutragen und nach Kräften alles sernzuhalten, was seinen Frieden und seine öffentliche Ordnung gefährden oder die Grundfesten des Staates erschüttern kann." — Das klingt wesentlich anders, als die von der Zentrums- presse ans parteipolitischen Gründen und zu Verhetzungszwecken fortdauernd verbreiteten Unwahrheiten über die Zurückdrängung der Katholiken im Deutschen Reich, über Kulturkampf-Lust usw.
* Französischer Hohn. Während sich die deutsche Presse fast ausnahmslos bei der Zerstörung französischer oder englischer Luftschiffe jeder abfälligen Kritik enthalten hat, ist es dem Pariser „Weltblatte", dem „Matin", Vorbehalten gewesen, die Vernichümg des „Z. 2" als eine Katastrophe Deutschlands zu feiern. Das Blatt schreibt nämlich: „Mit seinen Trümmern, die die Soldaten von Cöln und Frankfurt nach Fricdrichshafcn wegsühren, verschwindet die Sage eines Deutschland, das im Luftgebiet mächtig ist. So endet der Bluff märchenhaft gerichteter Geister, die mit Hilfe dieser gebrechlichen Maschinen sich jenseits der Grenze und jenseits des Ärmelkanals gefürchtet machen wollten und sich eingebildet hatten, ein Ballon könne gehandhabt werden wie eine Kanone. Die Deutschen, die vom Glück bisher begünstigt waren, haben innerhalb 14 Tagen drei ihrer Lenkballons (II) schweren Schaden erleiden und- den Zeppelin nntergehen sehen. Sie werden nicht mehr sagen, daß es in Frankreich nur zwei Lenkballons gegeben hat und daß beide zerstört worden sind. Sie stehen heute dort, wo wir stehen: in der Periode der Versuche." Dieser kindliche
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
Sonnenbergs Entwicklung in den letzten zehn Jahren.
Das außergewöhnliche Anwachsen der Weltbade- lladt Wiesbaden innerhalb des letzten Jahrzehnts ist nicht ohne Einfluß aus die Vororte geblieben. Die Einwirkungen waren verschieden und treten um so sprechender hervor bei einem Vergleich der Vororte, unter denen Sonnenberg durch seine landschaftlichen und klimatischen Vorzüge in erster Reihe genannt zu tverden verdient. Tie nassauischen Fürsten haben in früheren Jahrhunderten die Burg «onnenberg zu ihrer zeitweiligen Residenz erwählt. Im 14. Jahrhundert wurde sie zum Witwensitz der nassauischen Gräfinnen bestimmt und Kaiser Karl IV. verlieh Connenberg Stadtrechte. Von den Höhenwaldungen des Taunus umrauscht, bietet dieses malerisch um die aus dem 12. Jahrhundert stammende Burgruine lagernde Dörfchen ein Bild beschaulicher Ruhe im Gegensatz zu dem Hasten und Treiben der Großstadt. Die unmittelbare Nähe des Kurhauses und die bis nach Sonnenberg hinziehenden Anlagen, aus denen sich der wohlgepflegte Promenadenweg bis zur Ruine hinschlängelt, haben Sonnenberg mit dem Wiesbadener Kur- und Badeleben innig verbunden und die meisten sich dort aufhaltenden Kurfremden nehmen Gelegenheit, dem leicht erreichbaren Aussichtspunkt, der Burgruine, einen Besuch abzustatten, um den herrlichen Fernblick zu genießen. Aber auch die landschaftlichen Reize Sonnenbergs selbst lohnen die kleine Mühe eines Spazierganges, und wer von der Jdsteiner Straße oder durchs Dambachtal kommend den Wald kirchstreist und dann und wann vom Waldrand aus einen Blick aus jetne Umgebung wirst, wird selten
schönere Naturbilder gesehen haben, die gerade jetzt im jungen Frühlingsgrün und Blütenschmuck besonders anziehend wirken.
Sonnenberg führt seinen Namen mit Recht: denn durch seine geschützte Lage am Südwestabhang des Taunus ist es vor rauher Witterung geborgen und bis in den späten Abend hinein lacht ihm die. Sonne. Tie in unmittelbarer Nähe befindlichen Waldungen in großer Ausdehnung sorgen für frische, würzige und ozonreiche Lust. Diese Vorzüge haben ihm denn auch nicht nur einen großen Passantenverkehr, sondern auch bedeutenden Zuzug aus allen deutschen Gauen gebracht und das Anwachsen der Villenkolonie Eigenheim sowie die immer dichter werdenden Villenketten auf den beiden Höhenzügen zeugen von einer gedeihlichen Fortentwickelung. Lonnenberg zählte bei der Volkszählung im Jahre I960 mit 297 Wohnhäusern 2716 Einwohner; heute sind cs zirka 3700 und die Zahl der Wohnstätten hat sich auf 420 vergrößert, worunter sich 159 Villen- und Landhäuser befinden. Tie Villenkolonie Eigenheim, welche im Jahre 1902 begründet wurde, zählte damals 23 Häuser mit 95 Einwohnern, heute sind es 44 Villen mit 189 Einwohnern. Aber nicht nur in diesem Teile der Sonnenberger Gemarkung, welcher allerdings durch seine Lage am Waldrande zu den bevorzugten zu rechnen ist, hat sich eine bedeutende Ansiedlung gebildet, sondern auch an der Wiesbadener Straße und ferner im Aukamm (Parkweg und Bingect- stratze) ist eine Anzahl schöner Villen entstanden, und die weiter auf die Höhe hinziehende Lrebenaner Straße zeigt ebenfalls eine Reihe schmucker Landhäuser, welche wal'rswrinl'.ch durch die von der Eigenheirn-Vrilonbau- gcsellfchast projektierte Villenkolonie Wilhelmshöhe in den nächsten Jahren noch bedeutenden Zuwachs erhalten wird. Sind diese ganzen Gebiete der Errichtung von Villen (offene Bauweise) Vorbehalten, so ijt das Gelände der anschließenden Kapellenstraße rer gc- schloffenell Bauweise überlassen, um auch den Mmder-
bemittelten gesunde Wohnungen zu verschaffen und die Errichtung von Mietshäusern zu ermöglichen, weil im Tale geeignetes Bauland nicht mehr verfügbar ist. Durch den bedeutenden Zuzug hat sich auch die Stener- kraft der Gemeinde gebessert. Während im Jahre 1900 das staatliche Einkommensieuersoll noch 11000 Mark betrug, ist dasselbe in diesem Jahre ans 32 000 Mark augcwachsen und gerade hierdurch war cs . möglich und wird es auch ferner gelingen, den seitherigen Struersatz von 100 Prozent Zuschlag zur Gemeindc- emkommensteuer beizubchaltcn. Vergleiche man hiergegen die Nachbarorte Bierstadt, Biebrich, Schierstem und Dotzheim mit ihren Steuerverhältnissen, so muß man zu der Überzeugung gelangen, daß Sonnenberg nur durch seinen Charakter als Villenvorort zur Beibehaltung solch günstiger Steuersätze in der Lage ist. Die Zunahme der Bevölkerung in den Nachbarorten, insbesondere Dotzheim, ist ja weit bedeutender als in Sonnenberg, weil Dotzheim hauptsächlich als Jndnstrie- ort seinen Zuwachs von den großen Fabriken erhalten hat. Eine Entwicklung in dieser Hinsicht ist aber für Sonnenberg unmöglich und auch nicht ratsam, weil die mit einem solch enormen Steigen der Einwohnerzahl durch die Arbciterbevölkernng verbundenen Schul- uud Armenlasten in keinem Verhältnis zu den eingehenden Steuern stehen. Außerdem fehlt die direkte Verbindung mit der Staatsbahn und damit die unbedingt er'riderliche Absatzmöglichkeit für die erzeugten Güter. Es wird auch in absehbarer Zeit mit einep solchen Verbindung kann: zu rechnen sein.
Die Ausgestaltung Sonnenbergs als Villcnoororr haben auch besondere Aufwendungen nötig gen.acht. Cs mußten sämtliche «trotzen und Wege verbessert werden, iustesondcre hat die Pflasterung sämtlicher Ortsstraßen bedeutende Summen erfordert. Auch die Versorgung der Gemeinde mit Gas, wodurch die sehr primitive Beleuchtung der Straßen mit Petroleumlampen durch .Gaskandelaber ersetzt werden konnte.
