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Nr. 187.
Wiesbaden, Samstag, 33 April IKI.O.
88. Jahrgang.
Morgen - Kusigobe.
1. Merkt.
Der neue Kultusminister.
Von parlamentarischer Seite wird uns aus den Verhandlungen über den Kultusetat geschrieben :
Der „neue Herr", der jetzt den lange verwaisten Ministersessel einnimmt. Präsentiert sich äußerlich als ein hochgewachsener, behäbiger.Mann von gesundem, kräftigem Aussehen, mit Bart und ziemlich starker Glatze. Er spricht ruhig, gewandt, mit klarer, angenehm klingender Stimme und ohne jede Pose. Einige Parlamentarier wollten dabei einige Ähnlichkeit mit seinem Ministerkollegen v. Moltke entdecken. Tie Erwartung. daß Herr v. Trott zu Solz seinen Etat mit einer Art Programmrede einleiten werde, wurde nicht erfüllt. Solche in parlamentarisch regierten Ländern übliche und selbstverständliche Gepflogenheit ist ja in unserm geliebten Preußen, wo die Minister häufig als „unbeschriebenes Blatt" und dilrch Fachkennt- »risse nicht sonderlich beschwert ins neue Amt berufen werden, nicht beliebt. Das würde den Anschein erwecken, als sei der Minister dem Parlament Rechenschaft über seine Absichten und seine künftigen Taten schuldig. Ein solcher Schein muß natürlich vermieden werden. Herr von Trott zu Solz saß am ersten Tage der Debatte ruhig und scheinbar still vergnügt auf ! seinem Sessel, ohne auf die vielen Wünsche und Klagen ' der Zentrumsredner zu antworten. Offenbar wollte er sich Zeit zum Überlegen nehmen. Am Montag nahm er sodann als erster Redner das Wort, uni sofort j den Liberalen eine große Enttäuschung zu bereiten: er erklärte kurz und bündig, daß er in die von ihnen geforderte Trennung des Kultus vom Unterricht und in die Bildung eines besonderen Unterrichts- ministeriums nicht willigen wolle, weil er angeblich die Hilfe der Kirche beini Erteilen des Religionsunterrichts nicht entbehren könne. Das heißt mit anderen Worten, daß die unerträgliche Fessel, die die kirchliche Reaktion dsm gesamten WI- dungswesen anlegt, auch weiterhin jeden größeren Fortschritt hemmen soll. Tie weiteren Ausführungen des Ministers klangen etwas sympathischer: er wies die Klagen des Zentrums über mangelnde Religionsfreiheit und über irreligiöse Erziehung der angehenden Volksschullehrer zwar höflich, aber bestimmt zurück. Tie Seminaristen sollen in den Lehrerbildungsanstalten zu religiös-sittlichen und für ihren Beruf mit ausreichenden Kenntnissen ausgerüsteten Menschen heranwachsen, aber sie sollen reine Duck
mäuser werden, sondern als lebensfrohe, heitere junge Leute mit frischem Mute ihr zwar schweres und verantwortungsvolles, aber doch schönes Amt übernehmen.
Einen wenig glücklichen Standpunkt nahm der 'Minister den Anregungen des Abg. Cassel, die Tissidentenkinder vom Zwangsreligionsunterricht zu befreien, gegenüber ein. Er berief sich einfach auf das „bestehende Recht", will also den bisher geübten Gewi s s e n s z w a n g bestehen lassen. Die Polemik des Abg. Hoffmann von der sozialdemokratischen Partei und des Abg. Ernst von der Fortschrittlichen Partei ließ anscheinend den Minister kalt.
Mit der Person des Ministers beschäftigten sich eingehender nur die genannter! Abgg. Hoffmann und Ernst. Ersterer erwartet absolut nichts von dem „neuen Herrn", so lange der böse Gei st des Kultusministeriums, ^ Ministeraid irektor Schwartzkopf f, hinipb ihm sitze und ihn beeinflusse. Abg. Ernst sah die Sache optimistischer an, er schöpfte aus dem Vorleben des Ministers die Hoffnung, daß er sich noch zu einigen Fortschritten auf dem Schulgebiet aufschwingen werde.
Ein abschließendes Urteil- ist heute gewiß noch nicht möglich, aber eins steht doch setzt Wohl schon fest: Herr von Trott zu Solz ist kein Mann bedeutender Initiative, er scheint sich damit begnügen zu wollen, ein anständiger Tutzendminister zu sein. Freilich mutz zugegeben werden, daß er der festgefügten Majorität, des schwarzblauen Blocks gegenüber sehr d i,p I o m a l,i s ch sein müßte, selbst wenn er große Pläne in seinem Innersten hegte. Ein Fortschritt auf dem gesamten Bildungsgebiet wird nur erzielt, werden können und ein neuer Geist wird nur dann in das „Ministerium des Geistes" einziehen, wenn die Anzahl, der Liberalen bei den nächsten Wahlen zum Reichs-, und Landtag erheblich verstärkt wird. Auf dem Liberalismus beruht jetzt mehr denn je die glückliche Zukunft des Vaterlandes.
Politische Merstcht.
Das Glerrd dev Rrwatlehrerrntrett.
Seit Jahren bemühen sich die Privatlehrerinnen in Preußen um die gesetzliche Regelung der Konfessions- Verhältnisse, der Besolduugsverhältnisse, der Altersversorgung usw. Sie bemühen sich jedoch vergeblich. Über die Zustände auf diesem Gebiete werden uns von unterrichteter Seite Mitteilungen gemacht, die vielfach Erstaunen erregen werden, schon weil das beigebrachte statistische Material alle ungefähren Voraussetzungen weit überbietet. In privaten höheren Mädchenschulen wurden anfangs des vorigen Jahres (bis
dahin reichen die Erhebungen) 86 797 Kinder , unterrichtet, in privaten Mittelschulen 25 704 und in privaten Volksschulen 12 274 Kinder. Tie Privat-Mädchen« schule erspart also dein Staat und den Gemeinden große Summen. Legt man für jedes, eine höhere Mädchenschule besuchende Kind den Durchschnittspreis von 172 Mark jährlich zugrunde, so betragen hier die Ersparnisse 14 757 084 Mark. Tie betreffenden Zahlen bei den Mittelschulen und bei den Volksschulen (wo Durchschnittssätze von 60 und 50 Mark angenommen werden) sind 1 667 944 und sodann noch 612 350 Mark. Allerdings ist der Staat gesetzlich nur verpflichtet, für Volksschulbildung zu sorgen', wird hiernach für alle, die privaten höheren Mädchenschulen besuchenden Kinder nur der Turchschnittssatz von 60 Mark angenommen, so kommen immer noch beträchtlich mehr als 6 Millionen heraus. Ter größte Teil aller geprüften Lehrerinnen arbeitet jedenfalls in Privatmädchenschulen'. nur etwa 30 Prozent sämtlichen Lehrerinnen sind an staatlichen oder städtischen Schulen angestellt. Und dabei sind die Privatlehrerinnen so gut wie rechtlos. Altersversorgung, Krankenversicherung und andere sozialen Forderungen können nicht erfüllt werden, che nicht die Privatschule auf gesetzlichen Boden gestellt wird. Tie erteilte Konzession kann jederzeit ohne Angabe des Grundes zurück- genommen werden, womit die in einer Schule angelegten Werte durch einen Federstrich vernichtet wären. Tatsächlich ist die Privatschule eine latente Staatsschule, für die der Staat nichts, bezahlt. Sie steht mit ihrem gesamten Unterrichtsbetriebe, mit ihren Schulräumen, Lehrplänen usw. unter Staatsaufsicht, sie hat staatliche Funktionen zu erfüllen, muß aber für die erforderlichen Geldmittel selbst sorgen. Diese Zustände sind nicht haltbar. Wenn, sie, so lange bestehen konnten, so doch nur darum, weil sie so gut wie unbekannt sind. Wir erfüllen eine Pflicht öer Menschlichkeit, indem wir auf den geschilderten Noi- staird nachdrücklich Hinweisen. Hier m u ß etwas geschehen, der Kultusminister muß vom Abgeordnetenhaus« zu Abhilfe gedrängt werden.
Unser Fenerbestnttnngsmesen.
Wir erhalten folgende Zuschrift: Der in der Morgen-Nummer vom 9. d. M. Ihres geschätzten Blattes enthaltene Aussatz „Unser Feuerbestattungswesen" ist zwar in seinem theoretischen Teil vortrefflich, aber die statistischen Angaben sind veraltet. Zurzeit sind in Deutschland 20 Krematorien in Betrieb, und zwar, nach der Eröffnung geordnet, in Gotha, Heidelberg, Hamburg, Jena, Offenbach a. M., Mannheim, Eisenach, Mainz, Karlsruhe, Heilbronn, Ulm, Chemnitz Bremen, Stuttgart, Coburg, Pößneck, Zittau, Baden-Baden, Zwickau und Leipzig. In den nächsten Wochen werden
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
Ku§ dem dunkelsten Europa»
Von H. Singer.
Dir Albanesen.
Der kleine, in seinen abgelegenen Sitzen, auf ein ehrwürdiges Alter zurückblickende Volksstamm der Albanesen, ein Rest der Illyrier, bereitet der Türkei wieder einmal schwere Verlegenheiten; sie muß große Trnppenmassen anfbieten, uni diese unruhigen Geister aufs neue ein wenig zur Ruhe zu bringen. Ter Ruf der Albanesen ist im allgemeinen nicht gut, und man pflegt hauptsächlich an ihre ewigen Stammesfehden vnd die Sitte der Blutrache zu erinnern, wenn man sie kurz charakterisieren und die Berechtigung jenes schlimmen Rufes dartun will. Nun sind die Albanesen gewiß ein höchst wildes, auf noch sehr primitiver Stufe der Gesittung stehendes Volk mit allerlei barbarischen, eigentümlichen Sitten, ein Anachronismus in Europa; aber es haben sich doch in den letzten Jahren die Siim- nren gemehrt, die eine gerechtere Verteilung von Licht und Schatten herbeizuführen bemüht gewesen sind. Hierzu sind scharfe und objektive Beobachter wie Paul Träger, Karl Steinmetz, E. Liebert und Franz Baron Nopsca zu rechnen, die auf ihren Reisen durch die unbekannten Gebirgstvinkel besonders Nordalbaniens mit deren verrufenen Bewohnern in enge Berührung gekommen sind und manchmal monatelang ungefährdet und bestens beschützt unter ihnen geweilt haben. Ihre überaus wichtigen Bemerkungen über Land und Volk sind meist in dem verdienstlichen, von Karl Patsch in Sarajevo herausgegebenen Sammelwerk „Zur Kunde der Balkanhalbinsel" erschienen.
Von der Blutrache meint Liebert, sie bestehe in Albanien zwar in ihrer grausamsten Folgerichtigkeit zu Recht; aber sie sei in diesem Lande, wo es an einer Leben und Eigentum verbürgenden Obrigkeit fehle,
zum Selbstschutz notwendig. Er bemerkt dann: „Auch die Stammesfehden wüten in einzelnen Teilen unbarmherzig wie Menschenjagden. Hat aber danrit der Fremde etwas zu tun? Ist schon je ein Fremder, auch nur in der leisesten Weise davon betroffen worden? Trägt nicht gerade die Blutrache zu seiner Sicherheit bei? Und stehen den uneuropäisch und anachronistisch erscheinenden Gewohnheiten nicht Eigenschaften zur Seite, auf die Europa und unsere Zeit stolz sein könnten? Da ist vor allem die Gastfreundschaft, die weitgehendste und selbstloseste Gastfreundschaft. Jedem, der in den Bergen war. wurde sie ohne Bitte als selbstverständlich gewährt. So oft ich nach einer anstrengenden Wanderung im einsamen Gebirge in ein Haus oder eine Hirtenhütte eintrat, stets war inan darauf bedacht, für mich zu sorgen; man gab mir vom Besten, was an Speise und Trank vorhanden. war; man räumte mir den besten Lagerplatz ein; nie sah ich ein mürrisches Gesicht, immer mngab mich freundlichste Bereitwilligkeit. Aber nicht bloß Gastfreundschaft wurde mir gewährt. Das Haus, das ich betrat, bürgte auch für meine Sicherheit. Gewährt nun der Albanier so Weitgehendes, so hat auch der Fremde ihm das nicht zu versagen, was überall gefordert wird: Achtung vor den Landessitten. Man hüte sich, in dünkelhaften! Euro- päertum heimische Eigenschaften geringschätzig zu behandeln. Rücksichtslosigkeiten empfindet auch der Albanier unangenehm, denn er besitzt bei aller Rauheit ein ausgesprochenes, natürliches Taktgefühl."
Nur mit den! Mißtrauen dieser Leute hat der Fremde anfänglich zu rechnen. Sie sehen nicht recht ein, was er in ihrem Lande will, und glauben, daß er seine überlegenen Kenntnisse zur Erlangung irgendwelcher ihnen verborgener Vorteile verwenden wolle. Ter Reisende tut deshalb gut, sich zu Begleiter!! nicht etwa türkische Gendarmen, sondern Albanesen selbst zu wählen, die er über seine Absichten aufklärt, und die dann auch ihre Landsleute aufklären.
Zur Charakteristik des Volkes seien noch einige weitere Einzelheiten angeführt. Das Wissen Uber die
Außenwelt ist recht gering. Nach der Ansicht des Stammes Sala sitzen die „sieben Könige Europas" sämtlich in einer festen Burg beisammen und beraten, wie sie am besten den in Konstantinopel residierenden allmächtigen Türkenkaiser bekriegen könnten. Diese Albanesen haben eben noch nichts von! „kranken Manne" gehört, der den „Königen Europas" längst nicht mehr gefährlich ist. .
Die abergläubischen Vorstellungen der Albanesen erinnern in ihrer Abenteuerlichkeit und Düsterheit an Anschauungen der Papuas oder niancher Afrikaner. Tie Oras sind die Lust bevölkernde Geister, ihre Schutzengel, schwarz und häßlich die der bösen, schön die der guten Menschen: sie sind indessen sterblich und führen durch ihren Tod auch gleich den Tod ihrer Schützlinge herbei. Ein gewaltiger Elementargott ist Senjt Verbd, der vor den Hagelstürmen einherzieht. Dian sucht ihn bei solchen Gelegenheiten durch Gewehrschüsse zur Um- kchr zu bewegen, und dasselbe Mittel wendet man an, uin das bei Mondfinsternissen den Mond verschlingende Ungetüm zu verscheuchen. Dann gibt es die des Nachts als Lichter urnherstreifendcn Hexen (Striga), die durch Blutaussaugen oder Ausfressen der Leber Menschen töten — also Vampyraberglauben. Wenn ncan aber von einer Frau weiß, daß sie eine Striga ist. so kann man sie auf folgende Weise unschädlich machen: Man legt sie, während sie schläft, so um, daß der Kopf dort zu liegen kommt, wo vorher die Füße liegen. Wenn man sie dann plötzlich weckt, so stirbt sie unfehlbar; denn die zum Körper zurückkehrcnde Seele, die' ihn während des Schlafes verlassen hatte, findet in der Eile nicht den Eingang, den Mund, und kann deshalb nicht schnell genug wieder in den Körper gelangen. Dian begegnet auch wohl der Meinung, daß überhaupt jeder Mensch zwei Seelen habe, eine tierische und eine intellektuelle, die den 'Schlafenden durch den Mund verlassen.
In Sala und Pland ist der Glaube verbreitet, daß es eine Schlange mit einem Zauberring um den Hals gebe, und daß der, der sich in den Besitz dieses Ringes
