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Nr. 177.
Wiesbaden, Sonntag, 17. April löl©
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88. Jahrgang.
Morgen - Kusgabe.
1. Matt._
Die Politik der Woche.
Ich habe das Meinige getan, tun Sie das Ihrige! So mag vielleicht die schwarz-blaue Mehrheit des preußischen Abgeordnetenhauses gedacht haben, als, sie in der entscheidenden zweiten Abstinnnung am Dienstag bie Wahlrechtsvorlage in der konservativ-klerikalen Fassung gegen die Stimmen aller anderen Parteien annahm und sie vertrauensvoll dem Herrenhanse überwies. Fragt sich nun, was die Erste Kammer als „das Ihre" cmsehen wird. Es sind nicht bloß die Oppositionsparteien, die von dem Herrenhause eine Verbesserung der Wahlrechtsreform, die diesen schönen Namen in keiner Weise verdient, erhoffen, sondern man vermutet vielleicht nicht mit Unrecht, daß es auch einem Teil der konservativen Parteien durchaus nicht unlieb wäre, wenn durch. Zutun der erblichen Gesetzgeber die abgebrochene Brücke zu den Freikonservativen und womöglich auch zur nationalliberalen Partei wieder notdürftig repariert werden würde. Tas beweist ja schon die Rede des bekannten konservativen Führers Grafen Mirbach in der Freitagsitzung des Herrenhauses. Aber die Aussichten für eine solche Wendung sind doch rocht gering, um so mehr, da die Taktik des Zentrums ja gerade auf die Ausschaltung, der M i t. t e l p a r t e i e n gerichtet ist und das W.ahl- rechtskompromiß für die Konservativen ihm nur ein Mittel zum Zweck war. Unter diesen Umständen muß mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß sich für eine etwaige Abänderung der Vorlage durch das Herrenhaus im A b g e o r d n e t e n ha u s e keine Mehrheit -ergibt, in welchem Falle der Regierung kaum etwas anderes übrig bliebe, als diese ganze, sa ohnehin von vornherein verfehlte und verpfuschte Aktion auf die nächste Session zu vertagen, wo sie sich — am Ende auch nicht besser abspielen wird!
Auf alle Fälle wird der preußische Landtag, der noch nicht einmal mit der Etatsberatung fertig geworden ist, noch geraume Zeit zu tun haben, während her deutsche Reichstag bereits am 4. Mai Schluß machen will, und zwar auf dein nicht mehr ungewöhnlichen Wege der Vertagung. Vis dahin soll, am wenigstens einen erklecklichen Teil des umfassende!: Arbeitsmaterials unter Dach und Fach zu bringen, mit Dampfkraft und ohne sitzungsfreie Tage gearbeitet werben. Die letzten Sitzungen, in denen nach der ersten Lesung der heiß umstrittenen Vorlage über die Entlastung des Reichsgerichts bereits das soeben erst dem Reichstag zugegangene Reichszuwachssteuer- a e s e tz in Angriff genommen wurde, haben ja bereits von diesem Arbeitseifer der Volksvertretung Kunde gegeben, und da man sich in der Hauptsache auf die Er
ledigung des minder strittigen Gesetzgebungsmaterials beschränken will, so ist Wohl auf eine weitere gedeihliche und friedliche Abwicklung der Re:chstags- arbeit zu rechnen.
Dagegen haben sich letbcr noch in letzter Stunde die mit Unterstützung der Regierung betriebenen Friedensverhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern im Baugewerbe als fruchtlos erwiesen, und die Befürchtung, daß der 15. April, bis zu den: der bereits am 1. April abgelaufene Tarifvertrag verlängert worden war, ein kritischer Tag erster O r d n u:: g sein werde, hat sich leider für e:nei: großen Teil des Baugewerbes erfüllt. Während an einzelnen Orten zurzeit noch weiter verhandelt wird. Jedenfalls muß man sich auf einen sehr heftigen Kamps und, wenn nicht etwa im Verlaufe desselben erneute Vermittlungsversuche bessere Erfolge ergeben, auch auf einen sehr langwierigen Krieg gefaßt machen, der dem deutschen Wirtschaftsleben, das sich erst am Beginn einer Ausschwungperiode befindet, schwere Wunden schlagen würde.
Ein sehr schnelles und unrühmliches Ende hat. dagegen der freilich mit geradezu verblüffender Leichtfertigkeit unternommene Marseillcr Seemannsstrerk -genommen, der von vornherein wenig Sympathien bei den übrigen Seeleuten fand, so daß dies nur schwach; glimmende Streikfeuer bald auf den Brandherd beschränkt werden konnte. Die Entschiedenheit und Tatkraft, welche das Kabinett B r i a n d hierbei an den Tag legte, wird ihm bei den bevorstehenden Neuwahlen zur Deputiertenkanimer um so mehr zugute kommen, als in diesem Fall sa auch die' buntzuscnnmen- gewürselte konservativ-klerikal-nationalistisch-monarch!-
stische Opposition auf seiten der Regierung steht. Im übrigen ist während des bisherigen Verlaufes des Wahlkampfes dem Ministerpräsidenten selbst übel nutgespielt worden, und der sozialistischen Attacke in et. Chamond ist am Mittwoch in St. Etienne das glücklicherweise vereitelte Attentat eines geisteskranken Arbeiters gefolgt.
In recht ungemütlicher Lage befindet sich nach wie vor auch das englische Kabinett A s q u: t h, dessen Feldzug gegen das Oberhaus in so schleppenden: Tempo vorwärts geht, daß insbesondere die Iren allgemach ungeduldig werden, während den Lords angesichts der Zerfahrenheit im Regierungslager der Kamm zu schwellen beginnt.
Allerleji Alarmnachrichten kainen in dieser Woche auch vom Balkan zu uns herüber, wo die Grenzzwischenfälle zwischen der Türkei und Bulgarien_ sich wieder einmal häufen und auch schon zu, kleinen diplomatischen Plänkeleien geführt haben. Diese Tinge, die nun einmal zu den Gewohnheiten der „interessanten Völkerschaften" da unten.gehören, sind indessen nicht so schlin:m, um uns geplagten Mitleieuropäern die wohlverdiente politische Ruhe zu rauben-
Die MerW mr S8H[twtirei im MWIW- mWreP MW-M-MtzMMW
wird nicht nur in der linksstehenden Presse als ein bemerkenswertes Symptom angesehen', denn es zeigt zum mindesten, daß gewisse alte Hochburgen der preußischen Konservativen in: Osten einem planmäßigen scharfen Angriff nicht standhalten. Selbst die „G e r - m a n i a" meint, es müsse da im Osten etwas faul sein; denn zur Erklärung eines solchen Abfalles, der Wähler reiche der Hinweis auf die gegnerische Agitation nicht aus. Tie „K r e u z z e i t n n g" kann nicht leugnen, daß dieser Verlust tief schmerzt, und meint, daß die konservativen Wahltechniker den amerikanischen Ka m p s m i t t e l n der Nationalliberalen nicht gewachsen waren. Das Blatt desBundes derLandWirke. die „Deutsche Tageszeitung". klagt, was sich noch komischer macht, auch über skrupellose Agitation und Hetze.
Die „Frankfurter Zeitung" schreibt u. a.: „Mögen die Konfervativen sich auch krampfhaft, an^ihre politischen Vorrechte in Preußen klammern, die Strömung geht doch unaufhaltsam nach links; sie wird die ' künstlichen Hemmnisse hinwegschwemmen und schließlich dem Volks willen zu seinem Recht verhelfen."
Die „Freisinnige Zeitung" schreibt u. a.; „Es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, daß nicht lokale Gründe zu dem für die Konservativen so beschämenden Wahlausfall geführt haben, sondern Gründe allgemein politischer Natur, vor allem der Unwille der Bevölkerung über die Haltung der Konservativen bei der Reichsfinanzreform. Ter eben zu Ende geführte Wahlkanipf in Ostpreußen ist ein Dorp oft enges echt, dem die Hauptschlacht in: nächsten Jahre folgen wird. Ob die Konservativen jetzt noch mit irgendwelcher Zuversicht diesen: Philipps entgegensetzen?"
Tic „Vossische Zeitung" erinnert an die Voraussage des Fürsten B ü l o w bei seiner Entlassung und sie schreibt: „Als Fürst Bülow in: Juli
von den Konservativen im Kampf um ^ie Reichsfinanzreform gestürzt war, erklärte er am Tage seiner, Entlassung: Wir Werden sehen, ob es bei den nächsten Wahlen wieder gelingt, die Sozialdemokraten zu, besiegen; wir werden sehen, ob die sozialdemokratische Flut weiter zurückgehen wird; ivird werde:: auch sehen, ob die Fortschritte des Deutsch- tums in der Ostmark aufrechterhalten werden, ob man die Welfen Niederhalten wird, die im Jahre 1907 fortgefegt sind. Wenn dies gelingt, so wird sich niemand mehr darüber freuen als ich: „Wenn nicht, so wird man darin das schlimme Ergebnis der, Haltung der Konservativen zu sehen haben, die dann als frivoles Spiel mit den Interessen der
Fe uilleL orr.
(Nachdruck »erboten.)
Peter Kchlumpsens Verlobung.
Humoristische Skizze von Leonore Nießen-Delters (Lübeck).
„Nämlich", sagte Peter Schlumps, indem er an seiner schwarzen Hose zupfte und unter vornehmer Ignorierung eines knospenartig aufplatzenden gelben Schuhwerks verliebt auf ein Endchen hellgrün und lila geringelter Socken schielte, „nämlich, ich will nämlich heiraten!"
Es gibt Leute, denen ich bereits von Peter Schlumps, den: leider meist verhinderten Kavalier, und der alten Gönnerin feiner mageren Tage, Frau Schanettchen Lohmann, erzählt habe. Für die anderen fei bemerkt, daß Peter Schlumps sich, leidenschaftlich gern völlia nach der Gelegenheit gekleidet hatte lv:c jeder andere wirklich gebildete Mensch, — aber leider ließen das seine pekuniären Verhältnisse n:eist nicht zu. Namentlich da seine einzige eben erwähnte Gönnerin mehr für Zuwendungen in Form von Natu- xalien war.
„Ja, Frau Lohmann. Ich will heiraten", ^bemerkte Peter Schlumps noch einmal; denn Mutter Schanett- chen sah ihn nur sprachlos an und antwortete gar nichts. Aber diese arme Frau war bloß so erschrocken: Einen Peter Schlumps mit durchzufüttern, daran hatte sie sich nun in einer Reihe von Jahren nachgerade gewöhnt, und auch an den Gedanken, daß sie diesen anhänglichen Schützling wohl bis an ihr seliges Lebensende nicht los werden würde. Aber zu denke,:, daß er sich auch noch all Infinitum vervielfältigen würde und daß unzählige kleine Schlümpfe ihr die Ohren von: Kopfe fressen würden, das ging ihr denn doch auf die Nerven. „Mein.,,Gott noch mal!" jagte sie schließlich.
„Nee! Schlumps! Die Dummheit werden Sie doch nicht auch noch machen wollen?"
„Dummheit?! Gnädige Frau! Sie werden doch die heiligsten Gefühle eines Menschen nicht niit Dummheit anreden!" sagte Peter Schlumps und schaute von seiner mageren Höhe mit sanftem Vorwurf auf die dicke kleine Frau Lohmann herunter. „Ich sage Ihnen, meine Braut, das is ein wundervolles Weib! _ E:n sehr feines Mädchen! — Aber die Liebe is ja was streng Persönliches, — wenn Sie gestatten, so wollte ich nämlich eigentlich auch bloß den geschäftlichen Teil mit Ihnen besprechen!"
„Schlumps!" sagte Mutter Schanettchen streng, „das sag' ich Ihnen! Pumpen tu ich Ihnen nichts! Ich bin es leid, mich Ihretwegen zum Narren zu machen!"
Peter Schlumps überhörte diese beleidigende Unterstellung niedriger Motive mit der gelassenen Überlegenheit eines vornehmen Charakters. Und dann fuhr er mit wahrhaft erhabener Würde fort: „Ich wollte
Ihnen nur ein Geschäft proponiercn, gnädige Frau. Ich will Ihnen das Haus an: Buttermarkt abkausen!"
Mutter Schanettchen zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. Wenn er gesagt hätte: ich will nur mal ebei: vor ihren sehenden Augen gen Himmel fahren, so hätte die Wirkung durchaus nicht stärker sein können. Aber der glückliche Besitzer der LUageringelten fuhr mit unerschütterlicher Riche fort: „Nämlich, Sie w:ssen ja, daß ich bisher etwas sor die Freiheit war. Aber ein Schentelmann kann doch seine Braut nich :n so ungeregelte Verhältnisse bringen. Un darum will ich mich setz etablieren!"
„Etablieren?!" Hier faßte sich Mutter Schanett- chens gesunder Menschenverstand bis zu einem kurzen Einwurf. „Etablieren? Ach was! Suchen Sie sich lieber Arbeit bei ’nem ordentlichen Anstreichermeister, das wäx' vernünftiger!"
„Bei ’nem — was?! Frau Lohmann! Wo ich längst selber Meister bin?! Nee, — überhaup, — mit der Anstreicherei, das is nix! Tas is heutigentags die reinste Idijotenarbeit! Wenn einer Schenie hat, hält er das rack nich aus! Ta braucht' ich ja auch das Häuschen nich dazu. ■— Nein, was ich will, das will ich Ihnen sagen: Ich will dadrin er: Wirtschaff anfangen! En Wirtschasf, das is noch et: Geschäft! — Immer ^et Bierfaß am Lause un die volle Schüssel aus'::: Tisch —, (Peter Schlumps geriet in Begeisterung), ha das 's was anders wie das ewige Gefrössels^mit dene hungrige Farbdöppen! Un sehen Sie, Frau Lohmann, Kozeßson kriegen ich ja leich, wo all die Hären Kom- m'ssars mein Jntimusse sin! —? Und _ nach einer kleinen Kunstpause setzte er den Trumpf auf das Ganze: „Nämlich, was meine Braut is, die is auch aus der Brangsche. Tie is selber aus euer sehr feinest Resteratsjon!"
Nun hat bekanntlich jeder Mensch einen Fleck, wo er sterblich ist. Mutter Schanettchens sterblicher Fleck aber war das Bnttermarktshaus. Oder vielmehr war es der stete Ärger ihrer alten Tage, weil diese verflixte alte Kiste auf keine Weise nutzbar zu machen war. Infolgedessen war sie geneigt, es trotz ihrer langjährigen Bekanntschaft mit Peter Schlumps für möglich zu halten, daß sich irgend eine wohlhabende Wirtstochtev in die zierlichen Manieren und Redensarten dieses scheniebegabten Malermeisters verliebt hatte. Warum nicht? Es hat schon noch verrücktere Frauenzimmer gegeben! Und sie würde es für eine gerechte Fügung vom lieben Gott aetzalten habe,:, tuen:: er ihr ihre Guttaten an diesem närrischen Menschen durch eine so sinnreiche und vernünftige Wendung der Dinge vergolten hätte. Aber gerade als sie in ihren Gedanken an diesem Punkte angekommen tvar, zupfte Peter Schlumps wieder kokett ai: seiner etwas geräumigen Hose, und sie bemerkte, zwischen Hosenrand und Knospen- schuhen die Lilageringelten. Sofort zog sich .ihre
