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Nr. 173.

Wiesbaden. Freitag, 15. April 1910.

58. Jahrgang.

Morgen-Ausgabe.

1. Wlcrtt.

-.

Politische Übersicht.

Die Entlastung des Reichsgerichts.

L. Berlin. 13. April.

Die Entlastung des Reichsgerichts soll, tvie bekannt, nicht durch eine Vermehrung der Senate, sondern durch das sogenannte Disformitätsprinzip herbeigeführt werden. So schlägt der Entwurf vor, und so empfahl es der Staatssekretär Lisco in der ersten Lesung der Vorlage im Reichstag. Das Tifformitätsprinzip be­deutet einfach, daß die Berufung an das Reichsgericht ausgeschlossen bleiben soll, wenn die beiden Vor- tnstcmzen übereinstimmende Entscheidungen (duae conformes) gefällt haben. Ter Ausweg scheint ja nicht übel zu sein, aber nicht bloß im Reichstag wur­den, vom Zentrumsabgeordneten Bitter und vom Bolksparteiler Di'. Ablaß, erhebliche Bedenken gegen ihn geäußert, sondern dasselbe widerfuhr der Vorlage bisher auch von der fachmännischen Kritik in Zeit­schriften und Tagesblättern. Auch der deutsche An­waltstag hat zur energischen Bekämpfung des Gesetz­entwurfs aufgefordert. Nun ist es ja richtig, daß. eine unbeschränkte Einführung des Difformitätsprtnzips nicht beabsichtigt ist, vielmehr soll die Revision gegen duae conformes nur in vermögensrechtlichen Rechts­streitigkeiten ausgeschlossen sein, und die Revision soll außerdem auch gegen duae conformes immer dann zugelassen bleiben, wenn sie darauf gestützt werden kann, daß die Gesetzauslegung der Vorinstanzen mit einer Entscheidung des Reichsgerichts oder eines obersten Landesgerichts in Widerspruch steht. Aber die Einwendungen gegen das Difformitätsprinzip sind eben grundsätzlicher Natur und lassen sich durch die im Entwurf vorgesehenen Einschränkungen und Bürg­schaften nicht beschwichtigen. Es ist deshalb doch wohl die Frage, ob nicht von zwei Übeln das kleinere gewählt werden soll, d. h. ob man nicht wieder die Senate ver­mehren soll. Tie Mitglieder des Reichsgerichts selber dürsten überwiegend als Anhänger des Tifformitäts- prinzips gelten. Für die Vorlage tritt u. o. der Reichsgerichtsrat Düringer in derDeutschen Juristen- zeitung" lebhaft ein. Ihn erfüllt vor allem die Sorge, daß eine Vermehrung der Senate große Gefahren für die Einheitlichkeit und Güte der Rechtsprechung des höchsten Gerichtshofs bedeuten müßte. Schon jetzt sei es den Mitgliedern der sieben Zivilsenate kaum mög­lich, die notwendige persönliche Fühlung bezüglich der Rochtsanffassung der einzelnen Senate zu unterhalten. Nun, möglich also ist es schließlich doch noch, und wenn zwei Senate hinzukämen, so würde es am Ende auch noch gehen.

Kirveanlrrmtische SorralpoMrk.

Am 18. April tritt der große Ausschuß des Hans a- b u n d e s für dieReichsversicherungsordnung zusammen. Ohne diesem vorzugreifen und zu den Einzelfragen

Feuilleton.

Die Maske des Schauspielers.

Von Regisseur Otto Ewald (Cassel) ch.

Schon von den altchinesischen Mimen wird berichtet, daß sie ihr Antlitz oft in der schauerlichsten Weise bemalten, und die raffinierte Verschönerungskunst der altrömischen Aktricen stand in hohem Rufe. Dagegen scheint während des Mittelalters die Gestchtsmalerei vernachlässigt worden zu sein, und auch noch in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts waren die für genannten Zweck verwendeten Utensilien sehr mangelhaft, aber für die kümmerliche Ol- büeuchtung immerhin ausreichend.

Hofrai Louis Schneider, Verfasser desKurmärkers", brachte sodann die Schminkkunst in ein bestimmtes, aus den Gesetzen der Pastellmalerei fußendes System, doch erst dem Schauspieler Baudius gelang es, in der Fettschminke ein auch für Gaslicht ausreichendes Material zu schaffen In dem 1864 in Berlin erschienenen WerkeDie Maske des Schauspielers" von Friedrich Altmann wird die Herstellung und Anwendung der Fcttschminkc sehr anschaulich geschil­dert. Sie fand denn auch bei den Mimen bald überall Ein­gang, etwas langsamer beim schönen Geschlechte, welches sich zunächst noch nicht von der mit dem Schwamme auf­getragenen flüssigen Schminke trennen konnte. Diese dient heutzutage nur noch dazu, Hände, Arme und entblößte Schultern nebst Umgegend srischgewaschen erscheinen zu lassen!

Die Fcttschminkcret der Bindestoff ist Hammeltalg gleicht sehr der Technik des Slmalens. Das menschliche Antlitz figuriert als Leinwand, als Pinsel dienen die Finger.

Stellung zu nehmen, kann doch das eine festgestellt

werden: ., *

Tie toten Kosten unserer, Sozialpolitik werden stark vermehrt. Tausend neue Ämter werden geschaffen. Tausend neue höhere Beamte werdeii angestellt und da- niit machen sich ebensoviel neue Bureauemrichtungen nötig. Uird das alles trotz der Handel, Gewerbe und Industrie belastenden Reichsfinanzreform und der immer schwieriger werdenden Lage unseres _ Export­handels und unserer Exportindustrie. Zwar sind diese Kreise auch weiterhin gern geneigt,, für ihre Arbeit­nehmer zu sorgen, aber sie wehren sich ebenso wie die Arbeitnehmer gegen solche unnütze Belastung. ..

Von amtlicher Stelle sind die Kosten dieser Ämter zwar nur auf 6% Millionen angegeben worden nachüberschläglicher Berechnung". Diese Berechnung erscheint durchaus unglaubwürdig. Rich­

tigkeit ist schon längst nicht nur von, Interessenten, sondern auch von Vertretern der Wissenschaft, ange- zweifelt worden. Trotzdem haben die zuständigen Stellen noch nicht die Zeit gesunden, ihre Ziberschlag- liche Berechnung" genauer zu begründen, -sie dürfen sich daher nicht wundern, wenn diese nach wie vor dem größten Mißtrauen begegnet und nachgerade eine leb­hafte Beunruhigung in weitesten Kreisen, der gewerb­lich interessierten Personen und Korporationen hervor­ruft. Tie Regieruiig sollte endlich detaillierte illach­weise für ihre Berechnung bringen,, denn eine un­rationelle, bureaukratische Sozialpolitik müßte von Arbeitgebern wie von Unternehmern einmütig o c- kämpft werden.

Deutsches Mick.

* Zur Charakteristik desungekrönten Königs von

Preußen". Dem Führer der Konservativen, Herrn von Heydebrand und der Lasa, widmet der Reichs- tagsabgcordnetc Gothein in der WienerNeuen Freien Presse" folgende Betrachtung: Schon äußerlich unter­scheidet er sich von seinen Gesinnungs- und Standesgenosscn sehr erheblich, ihm fehlt die mächtige, wohlgenährte Figur des Landjunkers, dessen oft plumpes, äußerlich gutmütiges oder junkerlich anmaßendes Auftreten. Auf einem auf­fallend kleinen, zierlichen Körper sitzt ein scharf und elegant geschnittener Kopf mit feinen, energischen Zügen. Er hat nichts vomgelehrten" Grafen Kanitz an sich, er hat erst recht nichts von dem junkerhaften Draufgängertum eines Olden­burg oder von der gemütlich witzigen Bonhomie eines Jordan v. Kröcher, der freilich unter dieser jovialen Maske eine Natur versteckt, die ihm noch am nächsten verwandt ist. Herr v. Heydebrand ist eben kein Typus, er ist eine Indi­vidualität; kein Mann, dem die Sprache dazu dient, die Gedanken zu verbergen. Er fühlt sich stark genug, seine Sache durchzusetzen, ohne ihr ein Mäntelchen umzuhängen. Er hat, wenn er auch von den geistigen Qualitäten der Mehrheit feiner Fraktionsgenossen keine hohe Meinung haben mag, ausgesprochenen Korpsgeist; er verlangt, daß man jeden einzelnen von ihnen respektiert. So hat er mir einmal offen erklärt, daß er und seine Freunde gegen einen von mir eingebrachten Antrag nur deshalb gestimmt hätten, weil ich bei einer Rede eines von ihnen meiner Heiterkeit

als Malkasten hat man die Schminkschatulle. Letztere gehört denn auch zum hervorragendsten Handwerkszeug der Bühnenkünstler und ist mit Schminken von allen Farben- nuancen, mit Puder und Quaste, Hasenpsote, Nasenkitt, Pfännchen pm Erwärmen und Mischen der Schminken, Wischer oder Estampe für das Malen der Züge und last not Issst einem Spiegel verschwenderisch aus­gestattet.

Blickt man etwa eine Stunde vor Beginn der Ausfüh­rung in die Garderoben, so sind die Herrschaften bei emsiger Arbeit. Jeder sitzt mit dem betreffenden Handwerkszeug vor seinem Spiegel und malt und pinselt frisch drauf los, die Herren zum Teil in Hemdsärmeln, die Damen natur­gemäß etwas koketter in schleiscnbesetzte Toilettenmäntel oder buntgestickte Blusen gehüllt, weil der Eintritt männ­licher Individuen, vornehmlich des Haarkünstlers, in das parfümdurchduftete Heiligtum nicht ausgeschlossen ist.

Zunächst wird die Schminke am Licht erwärmt und die Grundfarbe ausgctragcn. Sie ist von größter Wichtigkeit und variiert ganz bedeutend, je nach dem Alter, dem Ge­schlecht, der Nationalität, dem Berufe, den Charaktereigen­tümlichkeiten. Die nordische Aristokratin wird ganz andere Nuancen anzuwenden haben als die dralle Bauerndirne; das verzärtelte Gigerl, der seine Diplomat weit hellere als der Seemann, der Jäger, der Soldat. Das gesunde Inkarnat des von des Gedankens Blässe noch nicht ange­kränkelten Naturmenschen bedarf einer wesentlich verschie­denen Mischung entgegen dem erdfahlen Teint des Wüst­lings, Gcizhalzes und Nachtschwärmers, oder dem apoplck- tisch geröteten Antlitz des Schlemmers und Trunkenboldes ganz abgesehen von den Rassctönen der Araber, Indianer, Chinesen, Neger usw.

Die Liebhaberinnen und jugendlichen Schwerenöter haben in erster Linie nur mit dem sogenanntenSchön-

zu sichtbarlich Ausdruck gegeben hätte. Damit ist bereit* etwas erwähnt, was dem zweifellos bedeutenden Manne einen kleinlichen Zug anhcftet; er hat etwas entschieden Schulmeisterliches; nicht nur. daß er in seinen Reden den einzelnen Parteien wie der Regierung Zensuren und gute Lehren für ihr Verhalten gibt, er straft für Nrchtwohl- verhalten und bedroht mit Strafen. Das ist gegenüber der Regierung in Preußen allerdings stets wirksam. Wie er sich entwickeln wird, wenn er einmal der verantwort­liche leitende Staatsmann werden sollte, das vermag man nicht zu sagen. Bedeutende Männer bereiten darin manch­mal Überraschungen. Heute ist er jedenfalls vom Scheitel bis zur Sohle ein Junker, mit dessen Fehlern und Tugen­den; mit dessen Klugheit und Rücksichtslosigkeit, ohne jede Spur von Sentimentalität; ein kalter, von Machtbewußt­sein -erfüllter Rechner. Und doch kein Staatsmann, denn dazu fehlt ihm das Wichtigste: ein wahres Ideal und die Liebe zum Volk.

-f Die Ausbreitung des Hansabundes. Die letzte Woche brachte^vieder einen erheblichen Fortschritt in der Organi­sationstätigkeit des Bundes. Vor allem wurde die Organi­sation von Berlin vollendet, das in 20 Bezirke eingeteilt ist. Ferner trat ein Landesverband Hessen, mit dem Sitz in Mainz, ins Leben. Nene Ortsgruppen wurden ge­gründet in Saalfeld, Rudolstadt, Milow i. d. Mark, Anna- burg (Sa.), Ariern (Sa.), Flörsheim a. M., Nagold (Wrtbg.), Remscheid und Rothenburg o. T. Auch der Mit- glicderzuwachs war ein sehr erfreulicher. Als körperschaft­liche Mitglieder traten bei der Verein Hamburger Expor­teure, die Handelskammer Freiburg i. 83., der Handels- Verein Lindau (Bodensee), der Zeniralverein der Deusschen Lederindustrie, E. V. (vereinigt mit dem Verein Deutscher Gerber), die Vereinigung der Fischhändler und Reeder zu Geestemünde und der Techniker-Verein Bunzlau.

* Betriebskrankenkaffen-Vcrband und Rcichsversiche. rungsordnung. In Berlin tagte der Betriebskrankenkassen- Derband, nm seine Stellung zur Reichsversichcrungsordnung zu bestimmen. Die Ausdehnung der V-rstchcrungsvslicht und der Leistungen wurde grundsätzlich anerkannt. Scharfer Widerspruch wurde gegen die Beschränkung der Be­triebskrankenkassen erhoben. Auch das V c r s i ch c r u n g s- amt in der neuen Gestalt sei tnisächlich nicht gerecht- ferügi. Die mittelbare freie Apothckenwahl wurde ent­schieden zurückgewiesen. Mit allem Nachdruck bekämpfte man die vorgesehene Regelung der Arztfrage, welche die Krankenkassen den Ärzten preisgebcn soll. Die ganze Neu­ordnung der Krankenversicherung sei für die Krankenkassen unannehmbar, wenn den Krankenkassen die freie Arzt­wahl in irgend einer Weise aufgezwungcn und die Krankenkassen den Ärzten gegenüber nicht erheblich geschützt Werden.

Folgen der Reichsfinanzrcform. Die Folgen der Zündholzsteuer machen sich vielfach in sehr unangenehmer Weise bemerkbar. Rach dem Hansabund gewordenen Mit­teilungen der Handelskammer Schweidnitz hat die schlesische Zündholzindustrie ihren Absatz auf dem heimischen Markt fast völlig verloren, so daß der Betrieb aus vier Tage in der Woche eingeschränkt werden nurßte.

* Die ständige Ausstcllungskommission für die deutsche Industrie hat sich im verflossenen Jahre mit 179 aus- und 251 inländischen Ausstellungen befaßt. Rur ln einer Minderzahl der Fälle konnte dem heimischen Gewerbe-

schminken" zu tun und legen aus die Helle Flcischsarbe ein leuchtendes Wangenrot, welches dem Backeicknochen auf­gesetzt und mit dem Zeigefinger man kann auch einen anderen nehmen in rotierender Bewegung sanft ver­lausend zum Tränensäcke und zur Nasenwand hinauf­gerieben wird. Alsdann überpudern sie das Antlitz zwecks Abschwächung des Fettglanzes mit der Quaste und ent­fernen den Staub, wo er zu dick liegt, durch subtiles Be­streichen mit der Hasenpsote. Hierauf ziehen sie vermöge spitzeil, angefeuchtcten Tuschpinsels einen seinen schwarzen Strich unter den unteren Wimpern entlang, was den Glanz der Pupille erhöht. Wer etwas kleine Sehorgane hat, wendet diese Prozedur auch über den oberen Wimpern an, doch verliert das Auge dadurch den Ausdruck der Sanft­mut, wie denn mit der genannten Malerei, besonders seitens der Weiblichkeiten, mancher Mißbrauch durchZu­viel" getrieben wird, so daß infolge der Anwendung von Wischer, Haarnadel und schwarzer Fettschminke, womit nran das ganze Auge besensticlartig umrandet, der Blick puppen­artig starr wirkt. Manche Damen praktizieren auch mcktels eines Zündhölzchens ein helles Zinnoberrot in die Angen- winkel und behaupten, das mache recht jugendlich. Ob sie dadurch ein Dutzend Jahre wegschminkcn? Ich glaube es nicht.

Nun nimmt man einen gespitzten Schminkstisi von ent­sprechender Farbe, um die Augenbrauen als elegant ge­schwungene, romanische Bögen zu konstruieren, bringt eine sanfte Röte aus Kinn und Ohrzipselchen, gestaltet durch ein besonderes feines Karmin die Lippen zum liebreizenden Kirschenmündchen, und das Ideal der Anmut und Jugend- schönhcit ist fertig, wenn alles am rechten Flecke sitzt. Wenn nicht, kann die Schönschminkerei ebenso leicht zur Ver- häßlichung werden, indem die Wangen emsallen oder im Gegenteil geschwollen erscheinen, der Teint fleckig ausstchi,