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Tagblatt-Haus".

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Nr. 169.

Wiesbaden. Mittwoch. 13. Avril 1910.

fifü. ?kal>«aana.

Morgen«Ausgabe.

1. Matt. __

Politische Werstcht.

KorialdemoKratische Manieren.

L. Berlin. 11. April.

Gute und richtige Anmerkungen zum gestrigen Sonntag macht dieVossische Zeitung", indem sw darauf hinweist, daß die Sozialdemokratie ihre Ver­sammlungen unter freiem Himmel nur auf Grund des­selben Reichsvereinsgesetzes abhalten konnte, über das sie seinerzeit nicht genug zu höhnen und zu schelten vermocht hatte. Als die Freisinnigen für oas Neichsvereinsgesetz stimmten, wurde in Berlin ein sozialdemokratisches Flugblatt verbreitet, worin es von den Freisinnigen heißt:Ihre Zustimmung war nicht mehr politische Dummheit, das war eine ele n d e Schurkerei, wie sie in der doch wahrlich nicht ruhmvollen Geschichte der politischen Parteien Deutsch­lands einzig dasteht, ein Streich von so bodenloser Gemeinheit, daß sich jeder, der sich noch einen Nest von Gefühl für Ehre und Anstand bewahrt har, gleichviel welcher Partei er angehört, mit. Verachtung äbwenden muß von den Schändern ihrer eigenen Ver­gangenheit, diesen politischen Emporkömmlingen, deren Tun und Lassen ein Verbrechen an den winzigen Rechten ist. deren das Volk sich erfreut." &o also raste damals die «eisende Wut der Sozialdemokratie gegen die Mitwirkung der Freisinnigen ani Zustandekommen des Rcichsvereinsgesetzes, und jetzt genießt dieselbe Partei sehr vergnügt die Früchte der Tätigkeit, ohne die wir dies zwar nicht vollkommene, aber doch ganz willkommene Gesetz niemals bekommen hätten. An den sozialdemokratischen Versammlungen in geschlosse­nen Sälen wie unter freiem Himmel nehmen in wach­sendem Umfange auch Frauen teil. Auch diese Er­örterung von Nechten und Agitationsmöglichkeiten haben die Sozialdemokraten den liberalen Par­teien und dem Block zu danken, den sie in so wüster Weise zu beschimpfen liebten. Indessen ist inan es ge­wohnt, daß die Sozialdemokraten Nesormen bekämpfen, deren sie sich, wenn sie erst durchgesetzt worden sino, später am meisten erfreuen und die sie unter keinen Umständen missen möchten. So war cs beispielsweise mit den groben V e r s i ch e r u n g s g e s e tz e n , so auch mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch! Nun kann man ja anerkennen, daß die sozialdemokratische Tonart neuerdings den liberalen Parteien gegenüber etwas anständiger geworden ist, aber wer etwa erwarten niöchte, daß das so bleiben wird, der wird voraussichtlich ara enttäuscht werden. Es ist nur die g e m e i n s a m e N o t der Stunde, die zu einer etwas gemilderten Taktik zwingt: hinterher wird sich die Schimpflust wohl um so kräftiger austoben. Tie Genossen wollen das so: und warum soll ihnen derVorwärts" nicht den Ge­fallen tun? _

Feuilleton.

Maximilian Harden über das Theater.

(Eigener Bericht.)

Im großen Mozartsaal vor einer erlesen gebildeten Zuhörerschaft sprach am Freitag wieder Maximilian Harden. Diesmal aber dankte er Gott, daß er nicht fürs Deutsche Reich zu sorgen hatte; heute wandte er sich seiner stillen, heimlichen Liebe zu, die in den lauten politischen Kämpfen der letzten Jahre immer stiller und heimlicher hatte werden müssen. Harden ist ein Kritiker des Lebens und der Kunst. So streng er theoretisch die Kunst und die Wirklich­keit determiniert, an ihm selbst offenbart es sich, daß die Zusammenhänge mächtig und wichtig sind; gerade die Totalität seiner in den Reichen des Scheines und der Wirk- lichlcit ausgereisten Anschauungen macht sein künstlerisches Urteil weit und sicher. Hie Realität, Wissen und Erfahrung hie Traum und Sehnsucht; und eine Einheit des Persön­lichen.

Liebe? Gewiß, Harden liebt das Theater. So ernst­haft er vor einer Überschätzung der kulturellen Bedeutung der Bühne warnte; so sehr er sich eifernd bemühte, die Scheinwelt und ihre Sterne dem klaren Tag der Wirklichkeit und den Tatmcnschen hintanznstellen: sein Innerstes gehört dem Spiele, das so viel wesenloser und zugleich bedeutungs­voller und dauernder ist als alle Wirklichkeit, Für seine tiefe Neigung zeugt vor allem sein Zorn, sein schonungs­loser, ironischer Grimm. Das ist die schmerzliche Liebe, mit der Hölderlin sein Deutschland schmähte; ist derselbe Liebe- Haß, den das Theater, dieser Wechsclbalg von Ideal und Gemeinheit, jederzeit bei denen hervorgerufcn hat, die ihm chr Bestes weihten.

Min neuer Datai-Kama.

g. Petersburg. 10. April.

Nach reiflicher Erwägung und Verständigung mit England haben sich die beiden Staaten entschlossen, den aus Lhassa geflüchteten Dalai-Lama nicht zu unter­stützen. Ter chinesische Befehlshaber in der Haupt­stadt Tibet erachtet es sür notwendig, ein neues geist­liches Oberhaupt einzusetzen, und hat um Ernennung eines solchen in Peking nachgesucht. Das wird auch geschehen, da man am chinesischen Hose nicht geneigt ist. die angeblichen Sünden des früheren Tala-Lama zu übersehen, trotzdem dieser beteuert, daß ihm nichts ferner gelegen habe, als den Chinesen entgegenzutreten. Tie Erkenntnis wird in Peking etwas skeptisch ausge­nommen: denn sie koinmt erst zum Trrrchbruch,^nach­dem die anderen Mächte es abaelehnt haben, den Dakar- Lama wieder einzusetzen.

Deutsches Deich.

* Der Oberbürgermeister von Düsseldorf. Wegen Besetzung der Düsseldorfer Oberbürgermeisterstelle, die mit dem Rücktritt des Oberbürgermeisters Marx am 1. Mai 1911 frei wird, werden gegenwärtig, wie aus zuverlässiger Quelle mitgeteilt wird, Verhandlungen mit dem Oberbürgermeister von Fürth, .. Theodor Kutzer, gepflogen. Kutzer gehörte der Düsseldorfer Stadtverwaltung schon in den Jahren 1899 bis 1901 an, nachdem er bis dahin Mitglied des Magistrats- kollcgiums in München gewesen war. Im Jahre 1901 wurde er zum Oberbürgermeister in Fürth gewählt. Politisch gehört Kutzer der liberalen Partei an.

* Die reichsländische Verfassungsrefvrm. Eine Wendung in der Rede des Staatssekretärs Freiherrn Zorn von Bulach, die er am 6. April im elsaß- lothrlngischen Landesausschuß gehalten hat, legte die Annaftme nahe, daß der Anstoß zur Reform von Stratz- burg ausgegangcn sei. Nach Berliner Informationen derMünch. N. N." liegt die Sache jedoch anders. Ter Entschluß, die Frage der Autonomie des Reichslandes endlich aus dem Zustande der Erwägungen zur Tat zu führen, ist in Berlin gefaßt worden. Kurz nach seiner ersten Neichstagsrede über Elsaß-Lothringen Anfang Dezember vorigen Jahres ist der Reichskanzler dem Plane ernsthaft näher getreten und hat die Zu­stimmung des Kaisers dafür gewonnen, Als der Statt­halter Graf Wedel in den Tagen des Ordensfestes Mitte Januar in Berlin weilte, hat der Reichskanzler eine damals viel beachtete Konferenz mit ihm gehabt. Am 14. März hat Herr v. Bethmann-Hollwcg im Reichstag die Reform angekündigt. Daß von alt­deutschen Patrioten die stärksten Bedenken und Pro­teste gegen ein autonomes Elsaß-Lothringen erhoben iverden, war zu erwarten. Wir gauben jedoch nicht, so schreibt der Berliner Korrespondent des zitierten Blattes, daß das Argument, die Erfüllung der Wünsche des Reichslandes sei eine Schwäche der Regierung und eine Gefahr für das Reich, einer ernsthaften Prüfung standhält. Gerade weil wir uns stark und sicher suhlen.

können wir den Schritt tun. Dem in manchen Kreisen des Reichslandes vorhandenen Wunsch, die neue Staatsreform möge republikanisch sctn, wird freilich die Erfüllung versagt bleiben.. Es steht heute schon ganz unzweifelhaft fest, daß die VerfassnngLre- sorm nur mit monarchischer Spitze zustande kommt, und zwar so, daß der Deutsche Kaiser erblicher Landesfürst von Elsaß-Lothringen mit allen Nechten und Pflichten eines solchen sein wird.

* Zur Mannesmann-Angelcgenheit wird den Münch. N. Nachr." aus Berlin berichtet: In lang-

wierigen Verhandlungen ist jetzt zu Paris^ von den Vertretern Deutschlands, Frankreichs, Englands und Spaniens der durch die diplomatische Konvention vom 20 August 1908 in Tanger vorgesehene Entwurf eines Berggesetzes für Marokko in vorläufiger Fassung fertig- gestellt worden. Ehe zur zweiten Beratung und end­gültigen Beschlußfassung geschritten werden wird, holt das deutsche Auswärtige Amt die Ansichten und Wünsche der deutschen Interessenten ein. Darunter stehen an erster Stelle die Gebrüder Mannesmann, deren Gesellschaftsvertraq mit dem Sultan Mulcy Hafid vom 6. Oktober 1908 zu einer wichtigen Unter- stützung für die erfolgreiche Wahrung der deutschen Ansprüche eine gute Handhabe bietet. Tie Konferenzen des Auswärtigen Amtes mit den Interessenten finden im Laufe der nächsten Woche statt. Sie sind streng vertraulich,

* Die Reichswcrtzuwachsstcner. Der Entwurf eine, Retchswertzuwachssteuer, die nach den Beschlüssen des Reichstags bis zum 1. April 1012 ein geführt fein muß, ist gestern vom Bundesrat angenommen worden und wird heute dem Reichstag zugehen. Er soll, wenn cs nach den Wünschen der Verbündeten Regierungen geht, noch in dieser Session verabschiedet werden. Der Entwurf schreibt die Erhebung der Steuer beim tatsächlichen Verkauf von Grund­stücken vom wirklich erzielten Wertzuwachs vor. Ein ge­wisser Prozentsatz der Wertsteigerung soll indessen von der Besteuerung freibleiben. Erhoben werden soll die Steuer von den Kommunen, die 6 Prozent davon an das Reich ab- führen sollen. Für das platte Land ist als Erhcbungsstelle der Kreis vorgeschrieben, der schon heute berechtigt ist, die Wcrtzuwachssteucr als Kreiskommunalabgabe einzuführen. Für gewisse Fälle ist Steuerfreiheit vorgesehen, so z, B. wenn Immobiliarbesitz aus Deszendenten übergeht behufs Fortführung des Gewerbes, Die Steuersätze sind nach der Besitzzeit abgestuft. Für das Reich soll die Steuer einen Reinertrag von etwa 3 0 Millionen erbringen. Die Ermäßigung des in der Finanzrcform beschlossenen Umsatz­stempels beim Verkauf von Grundstücken von % auf y 3 %, die bei Einführung der Reichswertznwachssteuer erfolgen sollte, wird um eine Reihe von Jahren verschoben werden, wahrscheinlich so lange, bis die aufs Reich übernommenen 240 Millionen Matrikularbeiträge gedeckt sind.

* Ein neuer Fall Schnitzler? Professor Schnitzler, der bekannte reformkatholische Vorkämpfer, der lvegen feines Konfliktes mit der Kurie vom bayerischen Kultus­ministerium auf unbestimmte Zeit beurlaubt worden ist, weil er wegen seiner modernistischen Lehren kirch­lich gern aßregelt und zuletzt vom Pricsteramte suspen-

Wie Harden das Wort meistert auch das gesprochene

weiß man. Er scheint harmlos zu plaudern, wie aus dem Stegreif, wie ein Conförencier. Jede Silbe aber ist geprägt. Hinter dem gleichmütigen Ausdruck zucken Blitze. Die wohl temperierten, zumeist dem Anschein nach verbind­lichen, schalkhaft-tändelnden Sätze sind in ätzende Lauge gc- ta'icht. Gnade Gott dem Opfer, das von einem scmer freundlichen Worte getroffen wird! Don der eitlen Bosheit unterscheidet sich dieser tödliche Humor durch einen ernsten, schönen Willen. Die Kunst der Rede Hardens besteht nicht am wenigsten in der seinen, diskreten Art der Pointicrung. Er spricht das Letzte oft nicht aus und überläßt mit einem artigen Gedankenstrich dem Zuhörer die schlimmste Ergan- zimg.

Harden begann mit einer köstlichen, übrigens ganz ge­treuen Wiedererzählung der Handlung jenes Theaterstückes, das im lausenden Jahr den größten Publtlumserfolg davon­trug. Die Klarlegung des von außen her vielfach ausge­zeichneten Dramas derStrandkind-r" von Sudermann rechtfertigte, ohne daß der Vortragende ein Wort der ästhetischen Kritik beifügte, sein Urteil, daß hier ein Tief­stand der dramatischen Produktion erreicht sei. Gegen die Folgerung, die Zugkraft derStrandkinder" beweise den Zustand des sogenannten intelligenten Publikums Berlins, möchte ich allerdings einwenden, daß das Stammpublikum des Königlichen Schauspielhauses eine Sociöts für sich und so wenig wie die Führung dieses Institutes für das Kunst- lebcn maßgebend ist.

Neben dem Sudcrmann-Wahrzeichcn sei, setzte der Vor­tragende fort, in diesenr Jahre die Rachtvcrsammlung der Schauspielerinnen ein hervorstechendes theatralisches Er­eignis zu nennen. Harden nahm gegen die Sittlichkeits- Übertreibungen der Rednerinncn Stellung. Sie erinnerten an die einst beliebten Klagen, die ohne zwingenden Anlaß von Nonnenklöstern über drohende Gefahren ausgestoßen

wurden. Wenn jahrelang durchaus kein Attentat geschehen wollte, müsse man doch endlich mal das Wort ergreifen . . . Heute strömten ja so viele Töchter der guten Gesellschaft zum Theater. Die großen, leidenschaftlichen, fortrcitzenden Persönlichkeiten unter den Schauspielerinnen stammten aber fast durchweg aus anderen Schichten und riefen nicht nach der Tugendpolizei. Es wäre besser um die Würde der Schauspieler bestellt, wenn die Frauen ihre Flammen in ihrer Kunst leuchten ließen und die Männer nicht in die Manege hinabklcttcrten.

Bemerkenswert sei in der Theatcrchronik des Jahres höchstens noch, daß das an Talent stärkste Stück, Eulcnbergs Natürlicher Vater", habe durchfallen müssen. Doch derlei geschehe zu jeder Zeit. Man dürfe eben das Theater und die Gruppe von Menschen, die in der Premiere über ein Schicksal entscheide, nicht überschätzen. Zu neun Zehnteln sei der Theatcrbetricb einfach Industrie. Es komme gewiß selten vor, daß ein Unternehmer aus künstlerischem Drang ein Theater errichte. Oskar Blumenthal beteuerte diesen Drang, als er das Lessing-TH-ater baute. In seinem Prolog apostrophierte Blumenthal den Geist Lessmgs und gelobte ihm Gefolgschaft. Alsbald kamDer Fall Clemen- ceau" zur Aufführung, und neben dem offiziellen Programm des Direktors wurde seine verbürgte Äußerung bekannt: Nach der ersten Million schnapp' ich!"

Ein Berliner Theater erfordere eine tägliche Einnahme von 2000 bis 2500 M. Das Haus zu füllen und dabei Kunst zu bieten, das wäre nur möglich in einem Lande mit künst­lerischem Kulturvoll. Denn das Theater schasse zum ge­ringsten Teile Kultur, es sei vielmehr im allgemeinen der Niederschlag, der Spiegel der herrschenden Kultur, In Gricchcnland seien die dramatischen Spiele edle Volksfeste gewesen, getragen vom religiösen Ethos. Bei uns kämen müde gearbeitete oder doch abgehetzte Menschen ins Theater, um sich zu .amüsieren". Unserem Publikum fehle die Ein-