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Tagbl«»t-H»uS" Nr. S0SO-SL. Io» 8 Uhr morgen» bi« 8 Uhr -den». Sonntags von 1011 Uhr vormittags.

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gür die Aufnahme von Anzeigen an vorgeschriebcnen Tage» wird keine Gewähr übernommen.

Nr r«r.

Wiesbaden, Freitag, 8. April INI».

88. Jahrgang.

Morgen - Kusgabe.

1. Matt. _

KoMl-oMrsche Umschau.

Anfang April.

Der neue Entwurf der Reichs v er sicher u n g s- o r b n u n a wird gleich nach den Osterferien im Reichs­tage zur Verhandlung kommen. Er bedarf einer schr gründlichen Turchberatung und wird, namentlich was Lie neuen Bestimmungen über die Krankenverstcyerung und die Hinrerbtiebenenversicherung anlangt, auch^ in der Vollsverrretung scharfe Angriffe erfahren. Oer Entwurf wird jedenfalls einer besonderen Kommission überwiesen werden, die auch während der Vertagung des Reichstages arbeiten soll. Die Gesamtauswendungen für die soziale Versicherung im Reich werden sich, nach­dem der Entwurf Gesetz geworden ist. ganz abgesehen von der Zunahme der Bevölkerung, sehr erheblich steigern, da die Krankenversicherung eine größere Aus­dehnung erfährt und die Hinterbliebenenverstcherung neu hinzutritt. Man hat berechnet, daß seit dem ^n- xraftireten der großen Fürsorgegesetze bis Mm Ende des Jahres 1907 für ihre Zwecke von, Arbeitgebern, Arbeitnehmern und dem Reich 8 M r I l i a r d e n auf- aewendet sind. Berechnet man nach dem gegenwärtigen Stande der Versicherung die jährliche Ausgabe mit MillionenMark, so werden wir am Schluß oieses Jahres etwa 10 0 0 0 M r l l t o n e n für staatliche Arberter- fürsorge verbraucht habem Schon in den ,nächsten Zähren toird diese Ausgabe aus 1000 Millionen lächrtich

^^Das sind in der Tat selbst nach der Lage^ unserer heutigen Volkswirtschaft sehr bedeutende Summen, die hier regeirnäßia im Dienste öes öffentlichen Wohles aufgebracht werden. Es läßt sich nicht leug­nen, daß diese Leistungen sehr wesentlich ,zu dem tat oUqemeinen guten Stande unserer Volksqefundhert oe.- trügen und damit im hohen Maße sich als ein Kultur- fakt o r erwiesen haben. Tie auf diesem Gebiet, ge­brachten Opfer werden in ihrer Gesamtheit immer einen reichen Segen für ein Volk bedeuten, so klein vielleicht auch die aus den einzelnen entfallende Wohltat er­scheinen mag Aber das Deutsche Reich ist noch zu ganz anderen finanziellen Leistungen fähig, dre weniger zu loben sind Bedeuten die 1000 Millionen für A beiter- fürsorge säbrlich eine Kulturtat ersten Ranges, so wirft doch die noch g e » a 11 in e r e Ausgabe für A I k o h o l auf diesen Glanz einen tiefen Schatten. Nach neueren Berechnungen des reichsstatistischen Amtes gibt das deutsche Volk für Schnaps, Bier und Wem lahrl ch dreitausend Millionen Mark aus. Das ist geradezu eine erschreckende Ziffer und eme Aus- aabe. deren sich das deutsche Volk zu schämen hat. Dre?- tausend Millionen Mark für Alkohol jährlich smo ein Hohn auf unsere hochgepriesene Kultur: diese tragt

einen häßlichen Fleck, solange es nicht möglich.ist. jene Ausgabe soweit verschwinden zu lassen, daß sie rm Vuo- get des deutschen Volkes nicht mehr aufsallt. Hundert Millionen für einen ungesunden Zweck ausge­geben, sind sicher selbst für ein großes und wohlhabendes Volk eine sehr bedeutende Summe, dreitausend Millio­nen sind jedoch eine wahre Schande: sie bedeuten wett mehr, als wenn eine verheerende, Seuche in iedem ^ahre Lod und Siechtum verbreitend über Deutschland oahrn- ziehen würde. Die Summe von Familienstück,

Wohlstand uiid V o l k s g es u n d h e i t die mhr- lich in diesem Strome von Gold für Alkohol ersauft wird, ist auch von der bellen Statistik nicht zu berechnen. Wir geben doppelt soviel für Schnaps, Bier und

Wein ans als für H e e r und M a r i n e, d r e i m a I so viel als bisher für Arbeit er Versicherung und fünfmal mehr, als die gesamten Volks sch ulen im Reich kosten. Das sind erschütternde Tatsachen. Wer durch sie nicht aufgepeitscht wird zum Kampfe gegen den Alkoholismus, der muß entweder selbst m dem-gegen­wärtigen Zustande seinen Nutzen finden oder gleich­gültig gegen öffentliches Unglück sein.

Glücklicherweise gewinnt die Bewegung gegen den Alkohol auf immer weitere Bevölkerungskreise Em- flutz, aber man wendet sich doch von den tiefen Ab­gründen des Alkohollasters gerne einem erfreulicheren Bilde zu. wie es z. B. das A n fb l n h e n des deutschen Genossenschaftswesens zeigt. Ein erheblicher Teil dieser Entwicklung läßt sich in einer runden Ztfter ausdrücken. nämlich in dem Umsatz der Großeinkaufsge­sellschaft deutscher Konsumvereine, die allerdings selbst für die Konsumvereine noch nicht ganz erschöpfend ist. Dieser Umsatz betrug nach dem ireuesten Bericht rm vorigen Jahre 74 915 813 Mark. Es ist anzuerkennen, daß sich in letzter Zeit auch die Kleinkanflerne und Handwerker die Vorteile des Genossenschaft^- Wesens mehr als früher zunutze machen. Sie segeln da­mit mit dem Winde der Entwicklung und nicht gegen ihn. Ein Kampf gegen den genossenschaftlichen Gedan­ken ist eine Torheit, unter der gerade diese Erweros- kreise jahrelang gelitten haben und, auf den ste leider viel Kraft verschwendeten. Jetzt scheint man mehr und mehr die Aussichtslosigkeit einzusehen und nur sehr rückständige, für die Forderungen der Gegenwart ge­ringes Verständnis besitzende Kreise gefallen sich darin, diesen Kampf gegen die Windmühlen fortzusetzen. Aber echt genossenschaftlicher Geist will a n e r z o g e n sein. Viele Mittelstandskreise werden ernstlich zu arbeiten haben, um in dieser Beziehung das nachzuholen, was sie in langen Jahren auf dem von ihnen eingeschlagenen falschen Wege Persäumten., Auch der preußische Handcls- minister Dr. Sydow wies im Abgeordnetenhause ^ 111 :^ 1 x 0 ) darauf hin, daß sich die Handwerker erst für die Losung größerer Aufgaben genügend vorbererten mutzten. Er versprach namens der preußischen Verwaltung daß man bei Vergebung von S t a a t 3 a u f t r ä g e n die Hand­werkergenossenschaften immer mehr berückstchftgen wo sie und es leuchtet ein, daß sie derartigen Aufträgen um so

besser gewachsen sind, fe stärker diese Vereinigungen vom genossenschaftlichen Geist beseelt werden und je mehr sie sich darauf einrichten. nicht, nur technisch Vollkommenes zu leisten, sondern auch ihre Betriebe nach kaufmännischen Grundsätzen einzurichten. Diese Handwerkergenossenschaften dürfen, was berufliche Leistungen anlangt, nicht hinter den Großin­dustriellen an Tüchtigkeit zuruckstehen. denn nur wenn das der Fall ist, können sie billigerweise erwarten, daß der Staat sie bei der Vergebung seiner Aufträge als gleichberechtigt behandelt. , , t ,, 3[ , .

Zu erwähnen ist noch, daß setzt auch das Rerchsschatz- amt sich von der Unzulänglichkeit der für die durch unsere Reichsfinanzreform brotlos gewordenen Tabaksarbeiter ausgesetzten 4 Millionen Mark Überzeugt hat. Es sind jetzt noch weitere 750 000 Mark ausgesetzt, aber auch diese Ergänzung der ursprünglichen Summe wird Wohl kaum htnretchen, um alle berechtigten Ansprüche zu erfüllen. ..,

In England ist der Gesetzentwurf zur Versicherung gegen Arbeitslosigkeit fertig. Der Entwurf steht in Verbindung mit der staatlich eingefnhrten Ar­beitsvermittlung. Arbeiter und Unternebmer sollen zu den Kosten der Versicherung beitragen: der '-Staat zahlt gleichfalls einen erheblichen Zuschuß. Die Versicherung ist obligatorisch für sämtliche gelernte und ungelernteAr- beiter und für alle Unternehmer im Baugewerbe, in der Eisenindustrie, im Schiffs- und Bootsbau, m Holz­schneidewerken und in einigen anderen großen Erwerbs- zweigen. Es sind das solche Berufe, in denen nach alten Erfahrungen die Arbeitslosigkeit besonders, regel­mäßig und für längere Tauer eintritt. Wenn em Ar­beiter dieser Berufe beschäftigungslos wird, so uat eg künftig der A r b e i t e r b ö r s e seine Karte abzugeben, worauf die Börse ihm in Verbindung mit dem Versiche­rungsamt entweder Arbeit oder eine Unterstützung zu­weist Der Entwurf wird voraussichtlich m nächster Zeit'im Unterhause zur Verhandlung gelangen, wenn dort nicht Zwischenfälle eintreten. Er ist em Werk der bisherigen liberalen Mehrheit. Hinzugefugt sei hier, daß nach einer kürzlichen Veröffentlichung des französi­schen Arbeitsamts im Jahre 1908 817 französische Ge­meinden für Notstandsarbeiten 1906 000 Frank ausge­geben haben.

Deutsch es Deich.

* Eine konservative Demonstration gegen den sächsi» schen Laudtagsprästdenten. TieDeutsche Tagesztg. frohlockteEine unerwartete Absage erhielt der nationalliberale Präsident der sächsischen Zweiten Kammer Dr. Vogel von der Mehrzahl der Mitglieder der Kammer. Ter Präsident hatte die Herren, fup Dienstagabend zu einem familiären parlamentarischen Abend mit Frauen auf das Belvedere eingeladen. Es sagten aber außer seiner Fraktion nur acht freisinnige und drei konservative Herren zu, wahrend die ubigen

Feuilleton.

Zruhling in Nom.

Anfang Avril.

Der Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs" schätzt die stahl ver jetzt in Rom anwesenden Fremden auf 60000. «ermer der Verhältnisse, die mit schmunzelnden Hoteliers verkehren, sprechen von noch höheren Ziffern., Das ist be- areiflich, denn jetzt erst beginnt die Zeit, die bis Mute . Juni dauert, die Zeit, wo Rom all seine Zauberpracht ent­faltet Das strahlendste Himmelsblau, das vom Gold der leuchtendsten Sonne durchwirkt ist, umhüllt die zahlreichen Kuppeln, Gärten, Gartemerrassen, Blumenplätze, Palaste und Billen, heidnische und chrislliche Monumente wie nüt einem Feenmantel und füllt mit griechischer Heiterkeit Auge und Herz der sich erstaunt umblickenden Fremden mcht nur, sondern auch der Römer, die dieses alljährlich sich erneuende Wunder doch gewohnt sein sollten. Mehr denn sonst zeigt sich in diesen Tagen das unnennbare Besondere des römischen Milieus, das schon so viele studiert und doch so wenige ganz erkannt haben. Uno täglich suchen jetzt die vielen Fremden hinter dies besondere Etwas zu kommen, das ebenso seltsam ist wie die Zusammensetzung der hcrge- reisten Sckaren. Aus was für Elementen bestehen denn auch nur diese Fremden? Aus Neugierigen, Verliebten, arbeitsmüden Menschen, die dem Ncbcldruck des Nordens entfliehend Labung suchen wollen im milden Klima Roms, Politikern, die sich ausruhen möchten und etwas Poesie in ihr trockenes Getriebe zu retten wünschen, aus jungen Damen aller Nationm, die Kunst und Leben, Vergnügen und Landschaftspracht ersehnen, und aus jungen Herren, die wie in allen 8<xststi«-i-«sort8 gar zu gerne bereit sind, diesen Damen als Anregung zu tieferen Empfindungen zu dtenen Und zu diesen kommen die fremden Künstler, die Gelehrtem die Geistlichen jeden Rsnaes. die Pilger.

Am besten beobachtet man dieses kaleidoskopische Ge­wimmel von Fremden jeden Landes ans der zu einem märchenhaften Blumenhain gewandelten Piazza Spagna. Verblüfft und weltenentrückt starren da Hunderte auf die untersten Stufen der spanischen Treppe, wo stch zu tausen­den Farbenklexe der Anemonen, Veilchen, Rosen, Hya­zinthen, Primeln, der Mandelbaumzweige ujw. mit der gelbweißen Marmorpracht ringsum mit des Himmels Blau verschmelzen. Wieder andere lugen nach den farbenschönen Modellen aus dem Sabinerlande aus. Hunderte andere Fremde aber stehen an: oberen Ende der Treppe vor der Kirche Trinata de! Monte, die Perm del Vaga und die Zuccari verherrlichten, und schauen hinunter auf den Platz und über das kuppelreiche Häusermecr. Aber alle laben sich an der schmeichelnden warmen Lust, die sie mit Behagen cinatmen, baden sich wonnia inr goldenen Sonnenschein, und dann lockt sie der Steimtchenlaubgang hinauf zur Villa Medici und weiter zum Pincio. Dort aber eilen sie zur marmornen Balustrade, wo man Rom mit einer einzigen Umarmung ans Herz drücken und sein einziges Stadtbild mit einem Blick umspannen kann. Hier schaut man gleich Inseln in einem steinernen Meer die Pctcrsknppel, die wuchtige Rundung der Engelsburg, das Pantheon, die weiße schimmernde Pracht des neuen Justizpalastes, die neue Akropolis Roms, zu der sich das Viktor-Emannel- dcnkmal auswächst, das Garibaldidcnkmal aus dem Jam- culus, und hinter dem klosterreichen Aventin die wette grüne Fläche der Campagna, die sich zum Meer hin dehnt. Wieder schweift daim aber der Blick auf die in- und aufeinander geschobenen Dächer mit ihren vielen Kreuzen, seltsamen Kaminen und bunten hängenden Gärten.

Dann aber wendet man sich rückwärts, um die hesperische Gartenfreude zu bestaunen. Unter den Steinreihen, Lor­beerbäumen, Kastanien, Pinien. Magnolien, Granatbänmen der Prunkalleen, vorbei an den Fontänen und Statuen schiebt und drängt sich eine in allen Farben schillernde kosmo­politische Menge, in der am meisten die grellbunten Amts- trachten der römischen Ammen hervorgleißen. Die hervor­

stechendsten Farbentöne sind Rosa, Blau und Weiß bet der Tummelschar der Kinder jeden Alters, die sich hier an mannigfachen Spielen ergötzt. Das ewig Weibriche ist auch stark vertreten, man sicht viele junge Mütter, die mit werb­lichen Handarbeiten beschäftigt sind, ihnen gesellen sich oie Backfische zu, die noch im Schwarmalter stehen, ftden Moment nach dem so interessanten Abenteuer auslugcn aus großen, heißen Schwarzaugen. Dann kommen die^ sprr,-- tuellen Damen, die studieren, als Pendant zu den lungen Geistlichen und Abbaten, die auch rhre Nase m Bücher stecken In den lauschigen Bosquets der Nebenhänge Herrsast souverän der ewige Flirt. Plötzlich leuchtet es bunt aus in Soutanen und Schärpen, die Zöglruge der sremdeu Priesterkollegren marschieren in gleichern Schritt und Tritt heran, von keinen Wagen oder Autos gestört, die erst nach­mittags zur Korsofahrt kommen. Von Zeit zu Zeit bleiben diese Zukunstsbischöfe stehen und liebkosen die Kinder oder schenken ihnen Medaillen und Heiligenbilder. Doch bald steigt die Sonne und so ziehen Fremde und Römer auf der neuen Riesenrampe vom Pincio hinunicr in die kühlen Pinrenhaine der Villa Borghese, wo der Garten am See oder die Restauration nahe der Porta Pinciana lockt, von wo aus man die Wiese überblicken kann, auf der sich Reiter und Amazonen tummeln. Mittwochs ändert sich aber das Bildü Dann ziehen die Touristen in Nengierhast morgens zum Trödelmarkt vom Campo di Fiori, der allein schon eine Reise nach Rom lohnt, nicht allein wegen der Schätze, die dort seilgehalten werden und seines charakteristischen Gedränges, das an das Gewimmel in den Basaren von Tunis und Kairo erinnert, sondern weil in der Nähe Ronrs schönster Gemüse- und Blumenmarkt winkt, den schon die besten Rommaler unzählige Male verherrlichten.

Diesen Morgenausflügen zur Piazza Spagna, Pincio. Villa Borghese folgt der Besuch der Museen und Kirchen. Am Frühnachmittage sind dann die CasLs und tea-rooms belebt, und dann fährt das Gros der Fremden über den Janiculus die Stadt entlang und doch über hundert Meter ' über ihr und strebt schließlich wieder MN Pincio^ aus dem