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Nr. 149.
Wiesbaden, Freitag, 1. April 1910.
S8. Jahrgang.
Morgen - KuZ-gabe.
Blatt.
1.
WleWr KMer um UrchDr Klengel.
Geheimrat Professor Joseph Köhler, gegenwärtig Dekan der suristischen Fakultät der Berliner Universität, schreibt in seinem soeben in der „Zeitschrift für Völkerrecht und Bundesstaatsrecht" an leitender Stelle erschienenen Artikel: „Die Friedensbewegung
und das Völkerrecht" über die letzte Schrift des Münchener Professors von Stengel:
„Sie bringt nichts, was irgendwie ein bisher unbekanntes Problem in die Frage einwerfen oder die Sache von einer neuen Seite beleuchten könnte. Ganz verfehlt sind die Ausführungen über die S o u - b e r ä n i t ä t ; da nn daß die Freiheit sich mit Gesetzmäßigkeit verträgt, gilt im Völkerleüen ebenso wie im Leben des einzelnen: ebenso wie der einzelne sich durch eine Menge von Verträgen bindet und jede Verpflichtung eine Bezähmung seiner Willkür ist, ebenso beruht unser ganzes Völkerrecht darauf, daß die Staaten durch Verpflichtungen von dem regellosen Belieben abgehen und sich eine gewisse Norm des Daseins vorzeichnen.
Das ist Me Perspektive für die Zukunft, und auf solche Weise werden sich die Streitpunkte immer mehr verringern und schon die bloße Möglichkeit des Krieges sich meh>r und mehr einengen.
Ebenso wie der einzelne neben seiner individuellen Statur den sozialen Trieb hat, der ihn an die Gemeinschaft heftet, ebenso gaben die Staaten neben ihrer Jn- dibiduaülät das soziale Streben, znsam- menzutreten. Verbände zu bilden und dre großen Probleme des Lebens mit verbünde n e n Kräften zu lösen.
Die Behauptung aber, daß wir damit die berechtigten Sonderheiten der einzelnen Stämme einfach beseitigten, bedarf keiner Widerlegung. Es sind das dieselben irrigen Gedankengänge wie diejenigen, welche seinerzeit die Widerstäiide gegen die Gründung des Deutschen Reiches gezeitigt haben, als man sich mrt der Befürchtung trug, daß die selbständige Entwicklung der deutschen Einzelstämme einer einförmigen Schablone aufgeopfect würde.
Ebenso unrichtig sind Behauptungen wie die, daß wir Gegner der Kolon.al- politik sein müßten: denn gerade, daß wir
Mordinstrumentenindustrie nicht gedeihen würde, ist richtig: allein für diese Industrie ist die Welt ebenso- wenig geschaffen wie etwa für die Industrie der Guillotinen, zu deren Förderung man die Todesstrafe gewiß nicht aufrechterhalten wird, wenn man Gründe findet, sie abzuschaffen. Und daß die Kriege vielfach Stoff zu poetischen Gestaltungen boten, kann uns ebenso- wenig rühren, wie daß andere Äußerungen des Völkerlebens. über Me. wir längst hinausgewachsen sind, seinerzeit die Poesie entzündet und belebt, haben: man denke nur an die Cidromanzen und an Mt. Blutracheverherrlichung in der arabischen Poesie. Daß
wenn aber
An unsere Leser!
Wir macken hierdurch die ergebene Mitteilung, daß vom 1. April I. J. ab der
m Begugeptels öes m Wiesbadener Cagblatts
sick für die 2 Cages-Aissgafoen wie folgt berechnet:
70 Pfg. für öers COonot,
2 CT)h, für das Vierteljahr.
Der Bringeriobn, wie die Gebühren der Ausgabestellen und der post bleiben dieselben wie bisher.
Dis geringe Preisveränderung rechtfertigt sick wohl allein sckon durck die llatsacke, daß der jetzige Vezugspreis des Wiesbadener Taghlatts vor mehr als 25 Jahren eingeführt worden ist und bis heute besteht, obgleick in der Zwischenzeit, abgesehen von dem gewaltigen Umschwung aller wirtschaftlichen Verhältnisse, das Wiesbadener tagblatt durch Einrichtung von
2 Cages-Ausgaben
(einer (Dörgen- unö einer ftbenÖ-Aasgabe)
zu einer den Leser auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens eingehend und rasch unterrichtenden
für die Probleme der Wissenschaft und Technik jeden Augenblick Menschenleben aufs Spiel setzt und die Men» schenkraft in der Arbeit bis zum äußersten anspannt, verdient nicht den Barwurf der Weichlichkeit, was man doch eigentlich mit Feminismus bezeichnen will.
Eine, zweite Bemerkung ist die: Ich bedauere aus politischen Gründen, daß derartige Schriften jetzt von seiten Deutschlands an die Öffentlichkeit kommen. Wenn ein Holländer oder Belgier dem Krieg eine Verteidigungsschrift widmet, so hat dies keine politische Bedeutung und kann einfach unberücksichtigt bleiben:
deutsche setzt, zur Zeit solcher politischen Spannungen, derartiges äußern, so kann es uns schweren Schaden bringen. Solche Ausführungen haben mehr als alles andere zu dem A r g w o h n beigetragen, unter dem wir, wie ich mich persönlich überzeugt habe, bei anderen Völkern leiden. Als ob unsere Friedensliebe nicht ernsthaft wäre und wir es nur darauf ablegten, andere Nationen mit übermächtiger Militärkraft anzugreifen und zu überwinden. Solche Redewendungen wie die, daß wir von Feinden umgeben seien, richtensich selbst: wir sind von zivilisierten Völkern umgeben, von denen keines den «Krieg will, und wir wollen ihn auch selbst nicht. Darum ist es im höchsten Grade unpolitisch, heutzutage das Element nationaler Willkür gegenüber' dem Grundsatz völkerrechtlicher Bindung als das Ideal politischer Bestrebung hinzustellen. Das Ausland wird sich darauf berufen, es wird Deutschland als den Staat erklären, der sich der Völkergemeinschaft nicht fügen will, es wird jene Antipathien verstärken, unter denen wir leiden. Das „oderint dum metuant" (mögen sie mich hassen, wenn sie mich nur fürchten) ist ein falscher Grundsatz der Politik: mit dieser Lebensregel hat man Mißtrauen und Argwohn gesät und jene eigenartige Nervosität gegen Deutschland erweckt, die ich selbst in England und die Professor Manes sogar in den australischen Kolonien hat beobachten können.
Im Gegensatz dazu sind es die deutschen Friedensbestrebungen, die in hervorragendem Maße dazu beitragen können Derst immungen zu hebe n und jene E i n- kracht der Nationen zu fördern, welche aus internationalen Kongressen schon sg erfreuliche Ergebnisse gezeitigt hat."
grotzen TlagSs-ZSitung
Völker niederer Stufe uns und unserer Bildung anzunähern suchen, tsl ein Element in unseren Bestrebungen, die dabin abzielen, zu einer gemeinschaftlichen menschlichen Kultur zu gelangen und dadurch den einheitlichen Gang der Völkereniwicklung zu beschteunr- geu.
Tie Furcht vor der mongolischen Invasion können wir 'auf sich beruhen lassen. Gerade der Zusammenschluß der nichtmongolischen Völker würde einen derartigen Angriff von selbst unmöglich machen. Im übrigen können wir den Mongolen nur die Selbstentwicklung auf ihrem Gebiete gönnen, haben wir doch selbst Außerordentliches hierdurch gewonnen: denn durch die Eröffnung
Japans vor 40 Jahren sind uns unendlich viele geistige und wirtschaftliche Schätze zugekommen.
Wer immer die Geschichte in großen Zügen auffatzt, mer erkennt, wie die Blutracheidee zugunsten einer höheren Kultur erloschen ist, und wer weiter in Betracht zieht, wie seit den letzten hundert Jahren sick, ^er Gedanke der Völker v e r a n t w o r t l i ch k e i t in bezug auf die Kriege gesteigert und wie die Idee, daß nur bei den schwersten Konflikten und in unausbleibliche:: Fällen eine Kriegserklärung gerechtfertigt sei. immer größeren Umfang angenommen hat, und wer endlich die ungeheure Entwicklung der zwischenstaatlichen Vereinbarungen und des Schiedsgerichiswesens in den lebten Jahrzehnten verfolgt, der kann das Charakterbild der Zu- kunsi nicht mehr verkennen, wenn auck' seine ktnzelbeiien sich noch in einen tiefen Schleier hüllen.
Jede Verherrlichung des Krieges aber können tvtr kellerte lasten. Daß ahne Kriea die Kanonen- und
umgewandelt und öementfprecöenö textlich um ein Vielfaches vermehrt und erweitert wurde.
Unsere zahlreichen Leser und Sreunöe in Stadt und Land bitten wir auck kür die Zukunft um ihr Wohlwollen. Wir rden unsere vornehmste Aufgabe stets darin erblicken, dieses
w
Wohlwollen zu verdienen und zu mehren, hauptfäcklick durck die pflege der allseits anerkannten Vorzüge des Wiesbadener Dagblatts, die es im Laufe der Jahre zu einer nicht nur hier von löaus zu löaus, von Samilie zu Samilie verbreiteten, sondern auch auswärts, insbesondere in der Umgegend, vielgelesenen und beliebten Geltung werden ließen.
Oer Verlag des Wiesbadener Cagblatts.
Kampf und Not die Menschen vielfach erheben, ist -sichtig, aber das kann uns ebensowenig bewegen, veraltete Einrichtungen beizubehalten, wie der^Umst.md, daß üer Blutrachegedanke seinerzeit das Fam-lientebeu idealisiert und es von dem Materialismus des Daseins befreit hat.
Noch zwei Bemerkungen seien beigefügt: Es ist von jeher Übung gewesen, wo man mit Argumenten nicht durchlangen kann, den Charakter anzugreifen. Darüber ist in wissenschaftlichen Arbeiten zu schweigen. Wenn man aber allgemein den Vertretern der Friedensbewegung Feminismus vorwirst, so möchte ich n ck,t schweigen, sondern ernsthaft dagegen Front machen. Der Vorwurf ist ebenso unbegründet, wie wenn etwa Me Oberbayern uns ein weibisches Wesen ansingen wollten, weil wir keine Freude daran haben, uns alle Sonntage herumzurausen. Die männliche Lebenskraft äußert sich in anderen Dingen als in den Betätigungen körperlichen Streites. Eine Zeit, welche
}m Frieden nutet den MW»
Unter diesem Titel hat Senatspräsident Schmölder-Hamm eine Broschüre (bei Georg:, Bonn, Preis 60 Pf.) erscheinen lassen, die sehr beachtenswert ist. Sie behandelt unter Beibringung eines sehr reichlichen Materials das Problem, welches über d:e Tagesjragen hinaus ohne Zweifel das bedeutsamste unserer Zeit ist. Jeden ernsten Beitrag zu dieser Frage kann man nur mit Genugtuung begrüßen. Eme befriedigende Lösung des Problems ist nur dann zu erhoffen, wenn recht viele ernsthafte Männer auf beiden «eiten sich damit beschäftigen und immer weitere «Kreise in den Bann ihrer Gedanken und Bestrebungen ziehen.
Unser innerpolitisches Leben steht noch immer voll und ganz unter dem nachwir- kenden Druck der K u l t u r k a m p f z e i t. Statt, daß Katholiken und Protestanten auf allen Gebieten bürgerlichen Lebens zusammen arbeiten, wie es die Verhältnisse in Deutschland nun einmal erforderlich machen, stehen sich die beiden Konfessionen wie zwei feindliche Heerlager gegenüber. verschanzen sich ein jeder in seiner Festung und Wacken mit Luchsaugen über das gegenseitige Treibe« und Handeln. Dieser Kriegszustand ist für beide Teile nicht minder wie für unser gesamtes nationales Leben von größtem Nachteil. Es ist daher durchaus wünschenswert daß dieser Zustand ein Ende nehme. Wie Schmöl- ßer mit Recht sagt, hat dieser Zustand heute keine Berechtigung mehr, er ist anachronistisch. Die Bedingungen für die Einkehr des Friedens unter den Konzessionen sind gegeben. Ter Kulturkampf ist schon seit mehr als 20 Jahren beendigt. Die Regierung wie die Mehrheit der evangelischen Bevölkerung ist zu der Einsicht gelangt, daß der Kulturkampf ein gänzlich verfehltes Beginnen war. Es ist wieder ein modus vivendi zwischen Staat und Kirche geschaffen lvorden^
