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Nr. 134.

Wiesbaden, Montag, KL. März LSLV»

FSr die Aufnahme «on Anzeigen an den oorgeschriebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen. ___

58. Jahrgang.

Kbenö-Kusgsde.

1. gSCotl._

Der ißifer Md der MlamuMW Gedalide.

So leidenschaftlich der Kamps um die Wahlrechts­reform tobt, so unterscheidet er sich in einer wichtigen Beziehung von vielen früheren politischen Erregungen in der Nation und in den Parteien. . Aus inneren tote aus äußeren Gründen verlohnt es sich, dreien Unter­schied scharf hervorzuheben. Es ist nämlich das erste Mal (vielmehr eigentlich das zweite Mai, aber beides hängt, tote wir gleich sehen werden, organisch eng zu­sammen), daß sich die Gegensätze zwischen rechts und links darsiellen, ohne daß sich eine unmittelbare, vom persönlichen Wünschen und Forderungen ge­tragene Einmischung des Kaisers und Körngs voll­zieht. So wiederholt sich in bedeutsamer Werfe der Vorgang, der die Kämpfe um die Reichsfinanz- c e f o r m begleitet hatte, ööur daß jetzt noch lchar,er als damals der Umschwung deutlich wird, den uns die denkwürdigen Ereignisse vom Novemoer ldUo gebracht haben. In der dritten Lesung des Etats sprach sich der Abgeordnete H a u ß m a n n mit gerecht­fertigter Anerkennung darüber aus. daß der Kaiser ge­wissermaßen den damals abgeschlossenen, Vertrag durch­aus gehalten habe. In der Tat ist das rn dem Maße geschehen, daß man heute beinahe schon Muhe hat, sich den Unterschied zwischen der Gegenwart und der gar nicht einmal weit zurückliegenden Vergangenheit zu verdeutlichen. Welche E n t l a st u n g unser polrtr- sches Leben durch den neuen Zustand gewonnen hat, das wird am besten klar, indem man sich bewußt wird, mit welcher Selbstverständlichkeit das allgemeine Gefühl die wichtige Veränderung in sich ausgenommen hat. Zu den Kämpfen um die Wahlrechtsreform hat der Kaiser und König mit keinem Worte öffentlickwStellung genommen, und er erweist sich so durch sein Schweigen ils Vertreter desselben k o n sti t n t i o n e l l - p ar la­uen t arischen Gedankens, auf den die Entwicke­lung u n w i d c r st e h l i ch hinlenkt. Dem Kaiser sagt es ersichtlich zu, daß die Staatsregierung ihre ver­fassungsmäßige Verantwortlichkeit alletn und ohne Rest trägt Niemand hört etwas davon, tote der Monarcy über das konservativ-klerikale Kompromiß denkt, ob er es billigt oder ob er es mit dem Wunsche ablehnt, daß eine Kombination geschaffen werden möge, in der auch den Liberalen ihr Recht werden könnte. Der Kaiser und König schweigt. So schnell hat sich der veränderte Zustand durchgesetzt, daß man auch nichts mehr, wenig­stens gegenwärtig nicht, von den früher üblichen Vor­gängen Vernimmt, in denen sich hinter den Kulissen Spiel und Gegensviel unkontrollierbarer Mächte zu vollziehen pflegtet Der Kaiser wünscht so wenig, in den Streit des Tages hineingezogen zu werden, daß offiziös

sogar die Nachrichten dementiert werden mußten, die ihm eine bestimntte Stellungnahme zu den Berliner S t r a ß e n de in on st rat tonen zugeschrieben hatten. Wo der Kaiser in dieser Hinsicht steht, kann man sich unschwer denken, aber es soll nichts taut darüber gesagt werden. -Letzt sich so dep parlameu- tarische Gedanke immer mehr durch, so smd freilich auch hier wieder Tatsachen und Erscheinungen nach der Seite der eigentümlichen preußrsch - deutschen Art umgebogen. Ob Herr v. Bethmann-Hollwea will oder -nicht, er ist der Vertrauensmann und zugleich der Voll­strecker djer konservativ-klerikalen Mehr­heit. Darüber ist man im liberalen Lager nicht unglück­lich das will man ja gerade, und die Herrschaft der konservativ-klerikalen Mehrheit muß eben ertragen wer­den, unter einer Bedingung allerdings, dte noch mchi da ist, die noch erkämpft werden muß. Und drcie Bedingung ist: es soll Gegenseitigkeit herr­

schen, es soll errungen und erzwungen werden, daß eme

andere M e h r h e i t s k o m b i n a t i o n, der die

heutigen Machthaber als Minderheit gegenuberstehen würden, dieselben Rechte bekoinmt, da sie zur Übernahme derselben Pflicht bereit sein wird. Hier­an aber fehlt es bis zur Stunde durchaus. Das parla­mentarische System ist, so sehr das auch geleugnet wer­den mag, in den Grundzügen vorhanden, da em hin­reichender Einklang zwischen der Regierung und den Parteien des schwarzblauen Blocks besteht. Solange die Konservativen den Ausschlag geben, fügt sich die Regie­rung in den parlamentarischen Rahmen leicht und gern hinein. Ändert sich aber das Bild von Mehrheit und Minderheit in den Volksvertretungen, so spielt dre Re­gierung die Trumpfkarte der überragenden Staats- a u t ö r i t ä t aus, die a n g e b l i ch über den Par­teien stehe, und die Konservativen sind alsdann die ersten, die ihre bedrohte Macht durch die nämliche Be­rufung auf höhere Staatsnotwendigkeiten und durch konseguente Beugung des parlamentarischen Gedankens zu stützen versuchen. Ties sind Misere Zustände, und es gilt, sie von ihren Schlacken und Rückständen zu be­freien und den annehmbaren Kern, in ihnen ausznge- Italien. _ __

MjMM-WiM Md $ilte m Dm.

Bon diplomatischer Seite wird uns geschrieben: Am heutigen Tage beherbergt dieewige Stadt" die zwei

letzten Kanzler des Deutschen Reiches. Fürst Bülow ist seit einigen Tagen in seine Villa Malta erngezogen uiid toirb hier seinen Amtsnachfolger, den Reichskanzler v. Belhmann-Hollweg, mit Würde und Freundschaft empfangen können. In amtlicher Eigenschaft ist natür­lich nur der jetzige Reichskanzler in Rom anwesend. Trotzdem aber ist nicht zu leugnen, daß auch die An­wesenheit des Fürsten Bülow dem Kanzlerbesuche m Nom eine politische Färbung mehr verleiht. Tie An­trittsvisite Bethmann-Hollwegs m Rom ist ein politi­

scher Besuch. Darauf deutet schon der Umstand hin, daß der Kanzler von Herrn v. F l o t o w begleitet wird. Auf unsere Beziehungen zu Italien kann der Besuch mnen hervorragenden Einfluß nicht ausuben, da ore Beziehungen die. allerbesten sind. Schon der ständige Aufenthalt des ehemaligen Reichskanzlers in Rom ist ein Beweis für die Freundschaft, die zwischen den beiden Höfen besteht. Tenn, wenn auch Fürst Bulow angen- bticklich Privatmann ist, so ist er doch durch die hervor­ragende Stellung, die er bis vor wenigen Monaten als erster Beamter des Reiches in Deutschland einnahm, eine politische Persönlichkeit und dadurch in seinem Tun und Lassen verpflichtet. Anders steht es dagegen mit dem Besilche, den Bethmann-Hollwea dem P a p st abstatten wird. Unter der Reichskanzlerschast des Fürsten Bülow waren unsere Beziehungen zum Papst durchaus freundschaftliche, ja sogar herzliche. Trotzdem aber läßt es sich nicht verkennen, daß die Gegner,ckwn, die sich allmählich zwischen dem Fürsten Bülow und dem Zentrum bildete, auf einflußreiche Kreise in der Umgebung des Papstes außerordentlich verstimmend gewirkt hat. Der Umstand, daß ein großer Teil der Bevölkerung von der Mitwirkung an den politischen Geschäften fast ausgeschlossen war, konnte nicht ganz ohne Nachhall bleiben. Darum ist es wohl zu ver­stehen, daß die augenblicklichen Verhältnisse im Vatikan angenehmer einpfunden werden, da das Zentrum bei uns ja wieder obenauf ist. Bethmann-Hollweg ist daher liatürlich im Vatikan einer äußerst liebenswürdi­gen Aufnahme sicher, zumal sein ganzes Wesen, seine ernste, objektive Betrachtung der inneren und, aus­wärtigen Politik gerade auf einen Charakter, wie ihn der Papst darstellt, sympathisch wirken mutz. Jeder, der den Papst kennt, weiß, daß er ein Mann rsh der sedeni Pomp, jeder Theater e i und allen, Sensa­tionen im tiefsten Innern seiner Seele abgeneigt t[t. Sein Ernst, seine Bescheidenheit und sein Pflichtgefühl sind Eigenschaften, die sich mit denen unseres Kanzlers in mehr als einem Punkte berühren. Hier wird also die Mission des Kanzlers leicht und angenehm sern. , Was zwischen dem Kanzler und der italieni­schen Regierung, besonders dem , Grafen Guicciardinr, 'gesprochen wird, läßt sich jetzt schon mit Bestimmtheit Voraussagen. Es werden die Be­ziehungen Italiens zu Österreich sowie die Ver­hältnisse auf dem B a l k a n behandelt werden._ Uber die Forderungen, und Wünsche beider Staaten rst der Kanzler sehr genau unterrichtet. Ta fern Streben naturgemäß auf Beilegung aller Streitpunkte geht, so kann man erwarten, daß der Besuch tn Rom von günstigen fzolgen für den Bestand des Dreibundes

sein wird. . . ,.

Von großem Interesse wird auch eure tetzige Begeg­nung de§ Reichskanzlers mit dem Fürsten Bulow sein. Was zwischen den beiden Staatsmännern ut vertrau­lichem Gespräch verhandelt werden wird, läßt sich nur vermuten. Es tverden dre innenpolitischen Verhalrnrne

KrmUeton.

Wftden;-Theater.

Samstag, den 19. März:Das Konzert". Lustspiel in 3 Akten von Hermann Bahr. Spielleitung: Or. Hermann

Rauchs fij ^ tüoHcn Clowniaden des schönlockigen Wieners sind meist ihrer Wirkung sicher. Selbst wenn er sich einmal in der Konstruktion des Ganzen vergriffen har, bleibt im Einzelnen immer noch so viel übrig, daß für das verehrliche Publikum ein hübschesPläsiervergnügen" herauskommt. SeinKonzert" ist aber als das, was es sein soll, als ein satirisches Lustspiel, von Anfang bis zum Ende geglückt. Es erzielte, obgleich es plumpe Situationskomik vermied und mehr als lustige Zufälligkeit die geistreiche, witzige Bemerkung florieren ließ, unbändige Heiterkeit, und der Autor traf, ein moderner Klausnarr, trotz des besten Schützen jeden Augenblick einmal ins Schwarze. Zunächst persiflierte er die verzückte und verrückte Schwärmerei mannstoller Jungfrauen für ihren berühmten Musikprosessor, und an­dererseits die geschäftsmäßige Koketterie des Tongewaltigen. Dieser, der mähnenu'mflatterte Pianist Gustav Heink, ent­flieht eben dem tollen Verhimmlungsrummel, in dem seine kluge, rnbige Frau den einzigen Ruhepunkt bedeutet, indem er vorgiüt, eiligst zu einem Konzert abrcisen zu müssen, aber es sei kein öffentliches, über das die Zeitungen berich­teten, sondern nur ein Privatkonzcrt im Schlosse einer musik- sreundlick'cn Gräfin. Die Eifersucht seiner verliebtesten Schülerin bringt cs nun heraus, daß dies Konzert Frau Dr Jura heißt, und daß der Konzcrtsaal eine verschwiegene Gebirgshütte ist, die sich der Meister für seine heimlichen Aventuren erstanden hat. Die Eifersüchtige setzt den Gatten der Auserwählten wie die Gattin des Pianisten in .Kennt- nis. Dt. Jura, ein äußerst origineller Gelehrter, steht ans dem hvpertoleranten Standpunkt:ein jedes Tierchen Hai sein Pläsierchen", das man ihm nicht mißgönnen soll, und tt würde demzufolge auch seiner geliebten Frau das Glück

mit ihrem Musikmeister gönnen, wenn er überzeugt fern könnte, daß dies wirklich ein dauerndes Glück für sie Werve. In einer ungewöhnlich amüsanten Unterredung entwickelt er der Frau des Pianisten diese Theorien, und sie geht schein­bar darauf ein. Er will also seine Frau, die andere ihren geliebten Mann freigeben, wenn das sündige Paar in seiner Vereinigung ein wirkliches Glück findet; in dem Falle wollen die beidenEheverlassencn" dann ein Gleiches miteinander versuchen. Der Doktor und die Frau des Pianisten ziehen also miteinander aus, um die Sachlage zu erkunden, und treffen an der einsamen Gebirgshütte ein, das Paar über­raschend. Es kommt zu den komischsten Auseinandersetzungen, doch als das vielfach an SardousCyprienne" erinnernde Changement de decoration", das ehelicheBäumchen- wechseln", vor sich gehen soll, gerät schnell alles wieder ins Gleis. Die richtigen Ehepaare erknmen ihre unveränderte Liebe zu einander und das Gleichgewicht ist wieder her­gestellt. Alles das wurde in der belustigendsten Form ge­boten, und wie Rosinen im leckeren Kuchenteig wirkte die reiche Fülle schlagender Bemerkungen und komischer Ein­fälle von oft sehr groteskem Charakter. Was Wunder, daß das vollbesetzte Haus dasKonzert" und seine Mitwirken­den stürmisch applaudierte. 13 t. Rauch, der das Stück selber in seiner geschickten Art inszeniert hatte, konnte nach dem zweiten Akte den lebhaften Tank des Auditoriums mit in Empfang nehmen.

Gespielt wurde der Sache angemessen: flott und mit Humor. Herr Keller-Nebri gab den überreizten, koketten Musikmeister in guter Karikaturzeichnung, Herr Bartak den origimllen Gelehrten mit köstlicher Origina­lität. Frl. Hammer in ihrer mild passiven Rolle der Gattin dos Meisters wirkte sehr.sympathisch, Frl. Richter als Gelehrtengattin spielte sich etwas zu sehr auf die Ver­wöhnte und Naive heraus. Herr Rücker mimte einen rup­pigen, schlauen Gebirgsbewohner mit überzeugender Drajtik, und Frl. Wallol gab mit gutem Gelingen die verliebte, eifersüchtige Musiksckmlerin. All-s in allem: Stück und Ans­führung. eines war des anderen im allgemeinen würdig.

L elu v. B .

Aus Kunst und Ledsu.

Königliche Schauspiele. Daß unsere Hofoper noch eine echtejugendlich dramatische Sängerin" nötig hat^wie das liebe Brot, zeigte sich gestern wieder so recht, wo Frau Hans-Zöpfsel das Experiment unternehmen und an Stelle der beurlaubten Frau Müller-Weiß die Agathe rn WebersFrei s ch ü tz" singen mußte. Ihre ganze Persön­lichkeit, ihre individuelle Itaturanlage widerstreben dem Charakter der Partie; mit der ihr eigenen Energie und reichen Triebkraft der Gestaltung wußte die Künstlern! schließlich auch diese Ausgabe mrt einem gewissen Erfolg durchzuführen, aber so recht von Herzen froh konnte man der Kunstleistung nicht werden: es blieb doch irmner so eine Sach" überraschend tuai- die kunstreiche Behandlung der Strinme, die sichere Führung, Konsistenz und Tragfähigtert des Tones; vorzüglich die Deklamation, die Textausspraeye und die Phrasierung, die wirklich kaum einen Wunsch nn- befricdiat ließ. Und wie klug und sorglich war der Vortrag disponiert, jeder Ausdruck überdacht! Alles das forderte unbedingte Anerkennung. Und doch vermochte das Organ, das doch beredte Verkünderin jeder innersten Regung sein soll, gerade den hold-romantischen Zug im Wesen der Weber- scheu Agathe, diese Gefühle frommer Ergebung und zart geschwellter Liebessehnsucht nicht überzeugend widerzu- spiegeln, eS fehlt da eben der Stimme die natürliche Wärme und Weichheit, die durch keine noch so fein geson­derten Kunstnüttel zu ersetzen sind. Wie man gleich im ersten Duett den Gegensatz im Kolorit zu Ännchens Hellem Plau- derton vermißte, so berührte hernach in der großen Szene das Gebet bei gleicher Tonfärbung (und^ ohne das vorge­schriebene Piano) kühl und äußerlich; und das freudig be­wegte Schluß-Allegro zeigte gar manche Härte tmd Herbheit im Ton. Daß auf Spiel und Darstellung eingehende Sorg­falt verwandt war, bedarf bei einer so starken dramalnchen Begabung, wie sie Frau Hans besitzt, kaum der besonderen Bestätigung: anfangs gab es zwar noch cunge rimuyen- hasten Anwandlungen, doch weiterhin fehlte es n-mt an M»