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Rr. IS».
Wiesvaden, Sonntag, 8«. März 181®.
®8. Jahrgang.
Morgen - klusgabe.
1. WLaLt. _
Ire Politik der Woche.
Von der Frühlingsstimmung, die ja mit dem am Montag sein Regiment beginnenden Frühling auch in unsere Herzen einziehen sollte, ist auf dem Gebiete der Politik noch nichts wahrzunehmen, und insbesondere fehlt es völlig an dieser Stimmung bei dem Kampfe um die Reform des Dreiklassenwahlrechts, der in der letzten Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses »or den Osterferien einen freilich nur vorläufigen Abschluß gefunden hat. Tie Zweite preußische Kammer hat die. Wahlrechssvorlage in dritter Lesung mit den LÄ Stimmen des Zentrums, der Konservativen, von denen sich jedoch fünf Mitglieder zur Opposition schlugen, und zweier Freikonservativen gegen die V68 Stimmen aller anderen Parteien angenommen, -^st das nun die „erhebliche Mehrheit", die der Mnnsier- präsident v. Bethmann-Hollweg in seiner Erklärung als Vorbedingung für die Zustimmung der Regierung zu dem konservativ-klerikalen Kompromiß bezeichnete? Es gibt Optimisten, welche das zu bestreiten suchen und dem Glauben huldigen, daß sich bis zu der am 12. April erfolgenden zweiten Abstimmung und gar erst nachher, wenn die Vorlage ans Herrenhaus geht, W'MN nicht alles, so doch noch manches wenden könne, aber die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß, wenn auch die Parteien der Rechten sich noch entschließen tollten, den Freikonservativen einige Zugeständnisse zu machen, um die „erhebliche Mehrheit" zu verstärken, doch dadurch an dem Charakter dieser sogenannten Wahlreform nichts mehr geändert werden wird. Und das ist ganz gut so. _ ...
Waren es heftige Stürme, aber frmllch keine Fruh- Ungsstürme, die der Kampf um das Wahlrecht dem preußischen Parlament beschert hat, so ist es auch im deutschen Reichstag noch in den letzten Tagen vor den Osterferien ungewöhnlich „lebhaft" zugegangen. Hat doch der Vorstoß des rauhbeinigen enkant ternble des Junkertums, Herrn b. Oldenburg, noch in der Schlußsitzung einen neuen Sturm entfesselt, nachdem schon tags zuvor sowohl der Staatssekretär v. Schocn als auch der Reichskanzler selbst sich genötigt gesehen hatten, auf die in der Form übermäßig scharfen, sachlich darum aber noch nicht so ohne weiteres ganz unverständlichen Angriffe, die der' Abgeordnete Lieber- inann von Sonnenberg gegen das Auswärtige Amt ge» richtet hatte, mit einer Schärfe zu antworten, wie man sie bei dem sonst so gleichmäßig ruhigen Herrn b. Bethmann-Hollweg kaum erwartet hätte.
Jedenfalls wird es dem Leiter der deutschen und preußischen Politik nicht unlieb sein, daß die Ruhepause in den Parlamenten es ihm ermöglicht, den Frühling sin sonnigeren Klima Italiens zu genießen, wobei er das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet. Denn nachdem der Reichskanzler seinen Besuch in Wien abgestattet und die Gegenvisite des Freiherrn v. Aehrenthal in Berlin empfangen hat. war es eine unumgängliche Pflicht der Höflichkeit für ihn, auch in Rom seine Karte
abzugeben und mit den italienischen Staatsmännern persönliche Fühlung zu suchen. Daß dabei naht bloß Vom Wetter im allgemeinen, sondern auch vom Stand des politischen Barometers gesprochen werden wird, ist selbstverständlich, da ja an aktuellen Fragen Von internationaler Bedeutung kein Mangel ist.. Lenkt doch die bevorstehende Reise des Königs Ferdinand Von •oit.» garten nach Konstantinopel und die Spritztour des Königs Peter von Serbien, der zuerst Vom Zaren Nikolaus in Gnaden empfangen und dann dem Padischah seine Aufwartung machen wird, erneut me Aufmerksamkeit auf die B a l k a n fragen, deren be- friedigende Lösung durch die unverändert foridaue.r'nden Wirren in Griechenland erschwert wird.
Mit um so größerer Befriedigung ist es gerade deshalb zu begrüßen, daß die Verhandlungen über tue österreichisch-russische Entente, die ja in erster Reche auf eine Sicherung des Balkanfriedens hinzielt, neuerdings einen günstigen Verlauf zu nehmen scheinen. Desto unerfreulicher ist es zurzeit rnrt der inneren Politik der Donaumonarchie bestellt. HN Österreich stehen die deutschen Parteien seit dem Ausscheiden des Landsmannministers Schreiner aus dem Kabinett Bienerth diesem mit begreiflichem Mißtrauen gegenüber. und in Ungarn hat sich der .Mmrsterprasident Khuen-Hedervary jetzt wohl oder übel enifchließen müssen, es mit dem freilich nicht ganz ungefährlichen Experiment der Auflösung des widerspenstigen Abgeordnetenhauses zu Versuchen. ^ „ ,. ,.
Es sieht so aus, als ob in England das Kabinett Asguith genötigt würde, über kurz oder lang zum zweiten Male zu diesem Auskunftsmittel zu greifen, wenn nämlich der Führer der irischen Nationalisten, >whn R e d m o n d, die Ankündigung wahrmacht, daß Ire gegen das Budget stimmen wollen, wenn die Regierung ihnen nicht vorher Garantien für die Durchführung des Kampfes gegen das Oberhaus bietet. Im übrigen ist es ein nicht ungeschickter Schachzug der Ersten Kammer, wenn sie dem Vorstoß der Regierung ihrerseits durch die Einleitung einer Reformbewegung die Spitze abzubrechen sucht. .
Mehr Glück hat das französische Kabinett 23™?« gehabt, denn der Ansturm, den die vereinigten Rationalisten Klerikalen und Royalisten aus Anlaß des bekannten D u e z - Skandals gegen die Regierung unternahmen, ist von dieser glücklich abgeschlagen worden, und die heftigen Kammerdebatten., die auf die m der Republik herrschenden Zustände wn rcan bedenkliches Licht warfen, endeten mit einem Vertrauensvotum für das Kabinett Briand, wobei die Opposition nur die überraschend geringe Anzahl von ist stimmen aufgebracht ha' __.
Deutsches Reich.
* Hof- «nt» Personal-Nachrichten. Oberbürgermeister und (Ä et tt fe AU otiittflcxx't Iic% lcitt vöc- Ä& ba% er wegen W»«er ©*gm
sechsmonatigen Urlaub arttreten muffe. .Man bekochtet allgemein diesen Urlaub als die Einleitung seines Rücktrittes.
Ein neuer Bundcsfürst? Der „Mil.-pol. Korrest./ wrrb von sehr beachtenswerter Seite geschrieben: Die elsaß-lothringische Frage, die durch die Rede des Herrn
Reichskanzlers vom 14. d. M. in ein akutes Stadium ge- treten ist, beschäftigt nicht am wenigsten auch die höfisch- politischen Kreise in Berlin wie in Süddeutschland. Daß der angekündigte Verfaffungsentwurs eine endgültige Regelung der Frage über das zukünftige Oberhaupt der Reichslande bringt, ivird zwar nicht angenommen. Trotzdem macht sich bereits eine recht rege Bewegung für die Wahl eines fürstlichen Kandidaten als des „ErbftatthalterS", späteren Groß Herzogs Von Elsaß-Lothringen bemerkbar. Während die eine Seite den Prinzen August Wilhelm von Preußen nach Straßburg hoben will, wirkt ein anderer Kreis für den Fürsten Wilhelm von Hohenzoller», der als sehr reicher Grandseigneur, Katholik und Süddeutscher angeblich den Elsaß- Lothringern ein mehr genehmer Landesherr sein würbe als der noch reichlich jugendliche Kaisersohn, der außer seiner preußischen Prinzenapanage nicht über nennenswerte Privatmittel verfügt. Fürst Wilhelm von Hohenzollern hat dazu mehrere Söhne, die den Werterbestand einer neuen Dynastie an der Reichsgrenze gewährleisten. Seine verwandtschaftlichen Beziehungen zum Kaiserhanse, die hohe Verehrung, die er dem Chef des Hauses eutgegenbrrrrgt, und die besondere Wertschätzung des Kaisers für seinen alten Garde-Brigadier würden zuverläflige Kantelen dafür darstellen, daß die späteren Bundes ratsstimmen eines Großherzogtums Elsaß-Lothringen stets im besten Interesse des Reiches und in dem Vorsitz freundlichen Sinne eingesetzt werden. Ein Beweis dafür, daß Kaiser Wilhelm seinem'fürstlichen Vetter in ungewöhnlichem Maße woh. will ist die unlängst befohlene Verlegung des Füsilier- Regiments 40, dessen Chef Fürst Wilhelm ist, von Aachm nach Rastatt — also vor die Tore von Strayburg iE. Die Befürworter dieser Kandidatur glauben sich daher, viel- leicht nicht zu Unrecht, auf die angeblich schon länger be. stehende Geneiatheit des Monarchen berufen zu können, mit der er der Kandidatur dieses Hohenzollern für die zu- künftige neue Bundesfürstenwürde gegenüberstehen soll. ~ Wir registrieren die Meldung der ,, Mil.-pol. Korresp. , schätzen sie aber nicht anders ein als andere Kornblnationeu
auch. _ .
«- Die Vertretung der Industrie in den Kreisen und kommunalen Körperschaften. Bekanntlich ist dem Platten Land ans vielerlei Gebieten ei« größeres Maß von Rechten gesichert als ihm noch seinen steuerlichen Leistungen zukäme So stcht es auch mit der Vertretung von Jndnstrre und Handel in den Kreisen und kommunalen Körperschaften. Nach den Bestimmungen einzelner Kreis- und Land- aemeindeordnungen haben juristische Personen und ^cktien- »esellschasten nicht einmal ein direktes Wahlrecht. — scr Haniabund bat auf der ersten Tagung seines Gesamtaus- schusszS bereits zu diesen Fragen Stellung genommen. Zurzeit beschäftigen sich seine sämtlichen Ortsgruppen mit dieser Angelegenheit.
— Der Deutsche Volkswirtschaftliche Verband trat am 15 d M. zu seiner 8. ordentlichen Hauptversaimmlung unter dem Vorsitz von Prof. i>. H. Albrecht in Berlin zusammen. ‘ Ans dem GeswäftsberiM ist hervorznbeben. da« der Verband jetzt rund 1600 praktische Volkswirte umfaßt, die alS wissenschaftliche Beamte der Handels- und Gewerbc- kammern, Landwirtschaftskammern. Handwerkskammern. Fach-, Zweck- und Zentralverbände der Industrie, Kartelle, Statistischen Ämter. Bankarchive usw. tätig sind. Besonderes
FeuUleton.
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Buf Rollschuhen.
Eine Geschichte von der Rollschuhs ahn.
Von Artur Soetebier.
Ank der Rollschuhbahn hatte er sie kennen gelernt. ES war an einem Abend, wo das frohe Treiben aus der Bahn ein besonders lebhaftes Gepräge trug, als Heinz Bernhardt um die Erlaubnis bat, mit ihr fahren zu dürfen. Sie gab ihm keinen Korb, und es kam ganz von selbst, daß sie sich dann regelmäßig ein paar Tage in der Woche zum Rollschuh- lausen trafen. Heinz Bernhardt empfand es als ein großes Glück, sie kennen gelernt zu haben. Zuerst war es eine Freude und ein Genuß für ihn, wenn er, nachdem er des Tages über Gerichtsakten studiert oder an langweiligen Prozessen in den wenig anheimelnden Terminzirnmern des Gerichtsgebäudes teilgenommcn hatte, an der Seite des schönen und gewandten Mädchens in der von Licht durchfluteten Halle in raschen geschickten Wendungen dahinsauste, bewundert und beneidet von vielen. Dann war ihm das Zusammensein mit ihr mehr und mehr zum Bedürfnis geworden, und wenn er einmal zur verabredeten Stunde
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nicht in der Rollschuh bahn erscheinen konnte, so fehlte ihm etwas; er sehnte sich nach ihr, nach ihrem übermütigen Geplauder und ihrem lustigen Lachen. Noch wußte er außer ihrem Namen und ihrer Adresse, die er erfuhr, als er kie Mt der stets in ihrer Begleitung crlckeinenden alten Tante
zum Wagen geleitete, so gut wie nichts von ihr, aber ihm war es. als winkte ihm aus ihren Augen ein fernes Gluck Liebte er Erna? Ja, seit eitt paar Tagen, seit sie verreist war und er sie entbehren mutzte, wußte er, was sie ihm war, wußte er, daß er sie tief liebte. Wurde er von ihr wicdrrgeliebt? Wie oft schon hatte er sich in diesen Tage-, die Frage gestellt! Er fand keine Antwort darauf, dre ihn ganz befriedigt hätte. Aber wenn er dann in müßigen Stunden, in seinen Sessel zurückgelehnt, die Augen sch«oH. dann sah er sie wie ihm Traume vor sich stehen mit ihren dunklen, an tiefe Waldseen erinnernden Augen, die ihm so verheißungsvoll entgegenlcuchteten. Dann sah er ihren fein- geschwungenen roten Mund, daraus ihm zwei Reihen weißer Zähne wie Perlen cntgegcnfchinMerten, ihr silberhelles Lachen drang ihm in Ohr und Herz und er vermeinte den Duft ihres vollen, dunklen Haares zu spüren, der keine Sinne gefangen nahm Dann, ja dann fühlte er sich auch ihrer Liebe sicher. Diese Augen konnten nicht lügen, dieser Mund konnte seiner, ihr so offen bezeugten Neigung, nicht spotten.
In der letzten Nacht hatte Heinz Bernhardt einen sonderbaren Traum. Er sah Erna ans Rollschuhen, im weißen Kleide, mit roten Rosen im Gürtel. Sic war nicht allein, aber ihr Partner war — nicht er. Die beiden liefen und tanzten auf einer immer höher ansteigenden Wiese, die von den Strahlen der Frühlingssonne beleuchtet wurde und mir Blumen übersäi war, auf denen bunte Falter gaukelten. Wie zwei fröhliche, sorglose Menschen liefen di- beiden, eng umschlungen, über die Wiese, immer höher hinauf. Aber dar, Bild verwandelte sich. Jetzt liefen sie nicht mehr über die blumiae Wiese, sondern über verschneite, öde Felder, durch
tote Winterlandschaften, in denen die Läufer die einzigen lebenden Wesen waren. Immer höher hinaus führte der Lauf. Kein Hindernis hielt die Läufer ans. Ihr silberhelles Lachen erklang, und im tollen Wirbel stürmten sie dahin, wie zuerst über die grüne Wiese so jetzt durch die verschneiten Felder. Die beiden mußten auf dieser Bahn schon lange so tollen, sie wurden zusehends älter. Die Rosen im Gürtel Ernas wurden welk und blätterten ab, und ihre Blätter zeigten wie leuchtende Blutstropfen im blendenden Schne- den Weg, den das Paar gegangen. Aber dieses sauste an? seinen Rollschuhen weiter, immer höher hinaus, ohne auch nur einmal anzuhalten. Da, hoch oben, öffnete sich plötzlich
ein weites
Es war, als wenn man in ein Flammen
meer schaute. Gesang und Musik
Als Heinz Bernhardt erwachte, schwindelte ihm. Es war ein* schwerer, aufregender Traum gewesen. Noch glaubte er das Knirschen der lleiinen Räder zu hören, ans denen die beiden enteilt waren. Was hatte der Traum 5!t bedeuten? WohH zum erstenmal in seinem Leben dachte Heinz Bernhardt über einen Traum nach und versuchte, ihm eine Deutung zu geben. Wenn er, Heinz Bernhardt, doch der gewesen wäre, der dir so mit seiner Liebsten durchs Leben lies! Aber cs war ja ein anderer! Ein banges Gefühl und quälende Zweifel wurden im Herzen von Heinz Bernhardt wach! Sollten die Märchenaugen doch gelogen haben, dieser Nofenmnnd doch seiner spotten? Aber nein; es konnte ja nicht sein! Heute — es war sein Geburtstag — sollte er sie Wiedersehen, so hatte er mit ihr verabredet; und noch heute wollte er jedem Zweifel ein Ende machen. Er wollte ihr seinen Traum erzählen und sie um eine Den- tuüfi bitten. Sie würde ihn in auslachen ob feiner selbst-
