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Rr. rsi.
Wiesbaden, Samstag, IN. März LNLG.
58. Jahrgang.
Morgen - Kusgabe.
1. ZZkcrtt.
Allerlei ULsiren.
„Wenn einer eine. Reise tut, dann kann er was erkühlen", ganz besonders aber wenn die Fürsten und Diplomaten reisen, mag es sich auch nur um sogenannte Anstands- und Höflichkeitsbesuche handeln. In Len nächsten Lagen haben mir eine ganze Anzahl solcher Visiten zu verzeichnen. Am Montag trifft Zar Ferdinand von Bulgarien, der erst unlängst von seinem russischen Besuche zurückgekehrt ist, in Konstantiuope! ein, um auch dem türkischen Sultan, seinem Oberherrn a. T„ die Aufwartung zu machen, und zu derselben Zeit wird auch der Besuch des Fürsten von Montenegro am Goldenen Horn erwartet. Gleichzeitig tritt König Peter von Serbien in die Fußstapfen des Königs Ferdinand, denn ani Dienstag wird der „schwarze Peter", der in den sieben Jahren seiner Negierungszeit von allen Höfen boykottiert worden war. in Petersburg etn- treffen, wo ein Strahl von der Sonne der Zarenhuld auf ihn fallen und jenen Bann brechen soll. Rach fünftägigem Aufenthalt in Petersburg und zweitägigem in Moskau wird König Peter dann nach Belgrad zurückkehren, um Anfang April ebenfalls dem Padischah in Konstantinopel seine Referenz zu erweisen. Und endlich hat der deutsche Reichskanzler v. Bethmann- Hollweg bereits seine Koffer gepackt, um nach der anstrengenden und wenig erfolgreichen Kampagne im preußischen Abgeordnetenhause über die Alpen nach Rom zu Ziehen, wo er am Montag eintreffen. am Dienstag vom König Victor Emanuel empfangen werden und vielleicht am Mittwoch in der Villa Malta dem Fürsten Bülow darin beipflichten wird, Last das Amt eines preußischen Ministerpräsidenten und deutschen Reichskanzlers kein leichtes, sondern vielmehr ein dornenvolles ist.
Ter Besuch des deutschen Reichsranzlers in Rom rubriziert unter die Höflichkertsvisiten, denen offiziell die politische Bedeutung abgesprochen wird. Nachdem Serr v. Bethmann-Hollweg seinen Besuch in Wien gemacht und den Gegenbesuch des Grafen Nehrenthal in Berlin empfangen hat. entspricht es den Geboten der internationalen Höflichkeit, daß er auch dem Herrscher des mit Deutschland verbündeten Italien seine Aufwartung macht und mit dessen leitenden Staatsmännern persönliche Fühlung sucht. Es ist selbstverständlich, daß bei dieser Gelegenheit eine eingehende A u s s p r a ch e über die ^ aktuellen politischen Fragen, insbesondere über den Stand der Tinge auf dem Balkan, erfolgen wird, ohne daß jedoch dabei von iraend einer „Neuorientierung" der Politik die Rede sein kann. Das Verhältnis zwischen Deutschland und Italien ist bis zum Jahre 1914 durch die Dreibundverträge festgelegt, deren Verlängerung nach
ihrem Ablauf als sicher gelten kann, weil der Hinneigung eines Teiles der Italiener zu Frankreich die Erkenntnis aller nüchtern denkenden Staatsmänner gegenübersteht, daß Italien im Dreibund am besten auf seine politischen Kosten gekommen ist und am billigsten seine Stellung als Großmacht aufrecht erhalten kann. Daß aber die Zusammenkunft zwischen dem König Victor Emanuel und dem Zaren in Racco- nigi nichts an dieser Richtung der italienischen Politik geändert hat, erhellt am deutlichsten daraus, daß ja ailch Österreich-Ungarn beflissen ist, eine Entente mit Rußland herbeizufühcen, Bemühungen, welche die Unterstützung Deutschlands gefunden haben und gerade jetzt ihrem befriedigenden Abschluß entgegen zu oehen scheinen.
Aus der gleichen Ursache heraus hat weder der Besuch des Königs Ferdinand beim Zaren politische Bedenken erreat, noch braucht man von der Petersburger Visite des Königs Peter und von der Wallfahrt der kleinen Balkanherrscher zum türkischen Sultan irgend welche Verwicklungen auf dem Balkan zu besorgen. Es ist sogar wahrscheinlich, daß Zar Nikolaus selbst seinem Schützling Ferdinand den Rat gegeben hat, durch diesen Besuch eine Besserung der Beziehungen zum Os- manenreiche anzubahnen, wo man begreiflicherweise die Losreißung Bulgariens noch immer nicht ganz verwunden hat. Der jetzt wieder auftauchende Gedanke aber, daß bei diesem recht lückenhaften „Kongreß der Balkanfürsten" aufs neue der Plan des berüchtigten Balkanbundes erörtert werden könnte, ist zu Abgeschmackt, als daß er ernsthaft erörtert werden könnte Bestehen doch zwischen Bulgarien und Serbien in Mazedonien 'Me schärfsten Gegensätze, während eben . dies Mazedonien zugleich das Hindernis für eine Einigung der beiden Mächte mit der Türkei darstellt. Ganz abgesehen davon, daß R u m ä n i e n seine eigenen Wege geht und Griechenland auf feinen eigenen Pfaden umherirrt!
Ein größeres politisches Interesse kommt dem Besuche König Peters beim Zaren Nikolaus zu. Seit de». Belgrader Mord» acht vom 11. Juni 190a und der darauf folgenden Erhebung Peter Karageorgte- witschs auf den btutbeflekten Thron haben sich die Mächte auf den notwendigsten diplomatischen Verkehr mit Serbien beschränkt, dessen Herrscher von den Beziehungen zu den Höfen ausgeschlossen blieb, wöbe: bisher nur der Zar von Bulgarien eine Ausnahme gemacht hat. Nachdem jetzt aber auch der Zar aller Reußen sich entschlossen hat. einen Strich durch dre. Vergangenheit zu machen, wird der Bann Wohl gebrochen sein und die Wahrscheinlichkeit spricht dafür daß sich nun auch die anderen Höfe entschließen werden, die Dynastie der Karageorgiewitsch als „stubenrein und „empfanqsfähiq" anzuerkennen, um so mehr, da w König Peter den Taugenichts Georg kaltgestellt ha: und Serbien Von seinen gefährlichen P u t s ch g e - lüsten einigermaßen geheilt zu sein scheint._
Schlechte Zensuren
erhält die Regierung wegen ihrer Haltung in der Wahlrechtsfrage auch in rechtsstehenden Blättern, die mit der Rolle, die sie in den Wahlrechtsdebatten gespielt hat, nicht zufrieden sind. So schreiben unter der Überschrift „Dis willenlose Regierung" die „Hamburger Nachrichten": „In seiner Antrittsrede im Reichstag hat der Reichskanzler versichert, daß die Regierung über den Parteien stehe. Nach dem bisherigen Verhalten der preußischen Regierung im Kamp; um das preußische Wahlrecht wäre es richtiger, zu sagen: die Regierung steht unter den Parteien. Ihre Partei- losigkeit erweist sich als Willenlosigkeit. Es geht der Bethmannschen Regierung bei der Reform des Wahlrechts wie der Bülowschen bei der Reform der Reichs- sinanzen: unfähig, den in ihrem Entwurf ausgesprochenen Willen durchzusetzen, läßt sie die Zügel aus de: Hand gleiten und schaut tatenlos zu, wie der parlamentarische Wille die von ihr gestellte Aufgabe zu erfüllen sucht. Statt zu führen, läßt sie sich führen. Fast von allen Seiten wird jetzt an dem Verhalten der Regierung Kritik geübt, aus den Reihen der Mchrheitsparteien wie der Opposttion. Jn seiner Wahlrechtsrede hat Herr v. Bethmann über die Gefahren des überwiegens des Parlamentarismus treffliche Worte geredet. Aber sie können doch nur den leeren Wert tatenloser, nichtiger Worte beanspruchen. So schwach ist die Regierung in Berlin geworden, daß sie einen eigenen, selbständigen Willen nicht mehr hat. Nach oben hin hat sie solchen seit 1890 überhaupt nie besessen, und nunmehr scheint sie auch den Parlamenten gegenüber sich mit der inaktiven Rolle des bureaukratischen, rein geschäftsmäßigen Handlangertums begnügen zu wollen."
Die „Rheinisch Westsälische Zeitung" schreibt: „Das Ergebnis der Abstimmung wurde vom ganzen Hause mit Schweigen ausgenommen. Vielleicht überkam das Hee, von Abgeordneten, unbeschadet ihrer ParleizugehörigkeN und daraus folgender zustimmender oder ablehnende, Stellung zu dieser Wahlreform, ein Gefühl dafiir, daß mit der Abstimmung mehr zu Grabe getragen worden ist als unerfüllte große und brennende Wünsche zu der eben erledigten Frage, die auf jeder Seite vorhanden waren, bek den Konservativen wie bei den Liberalen: die befreiende Hoffnung, daß wir nach Capnvi, Hohenlohe und Bülowl endlich einen Mann an die Spitze unseres Staatswcsens bekommen hätten, der unerschütterlich dastehe wie ein FelA im brandenden Meer der Parteienkämpse, der uns aus den Wirrnissen der traurigen Verhältnisie der letzten 20 Jahrs hinauffnhren könnte zu einer kraftvollen Politik nach innen und außen. Er zeigte sich in dieser ersten großen politischen Aufgabe, die er zu lösen hatte, zum Bedauern aller, die schlechthin national fühlen, wie ekr» schwankendes Rohr im Winde, nicht besser als Bülow, der sich von den großen Parteien leiten ließ, statt selbst zu leiten und Führer zu sein. Es hat v. Bethmann- Hollweg ein gut Teil der Hoffnungen, die man auf ihn bek Übernahme seines verantwortungsvollen Amtes setzte, durch
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
Berliner Stimmungsbilder.
Von Paul Liudenberg.
Kin interessantes Angebot. — Detektive für die Riviera. — Der FrühjabrSanszug. — Von der „romanhaften" Fremde und Heimat. — Die „Gentlemen-Einbrccher" vor Gericht. — Gesellige Abende. — Ein Vortrag beim Minister der öffentlichen Arbeiten. — Beim Reichskanzler und beim Staatssekretär des Reichsschatzamts. — Die Eröffnung von Werken amerikanischer Kunst. — Aus dem Thcatcrleben.
„Detektive Riviera. Uns. erstkl. Detekftve ^Kavaliere) reifen nächst, n. d. Riviera, Monte, Nizza ufw.; wir nehmen noch Beobachtungen, da mehrere Aufträge vor- licgen, zu ermäßigt. Preisen entgegen", und es solch die genaue Adrcsie eines „Internationalen Auskunftsbureaus" in Berlin. Diese Ankündigung ward kürzlich in verschiedenen vielgelesenen Zeitungen veröffentlicht, sie läßt interessante Schlüsse zu, wohin und warum die Berliner und Berlinerinnen um diese Jahreszeit reisen. Der Frühjahr s a u s z u g hat ja bereits begonnen, er nimmt von Jahr zu Jahr größeren Umfang an und beleuchtet am besten die wirtschaftliche Lage bestimmter Gesellschaftskreise in Neu-Berlin. Nur wenige Jahrzehnte smd's her, da war für viele Familien eine kurze Sommerreise bereits ein Ereignis, von dem lange vorher gesprochen und für dessen Ausführung Monate hindurch gespart wurde, jetzt geht's im Winter nach der Schweiz, Tirol, dem Riesengcbirge und Harz, und wenn die ersten Lenzboten sich schüchtern hervor- wagen, nach der Riviera, wohin sich auch jene oben erwähnten „erstklassigen Detcktives" begeben. Manch' Roman, der hier begonnen, hat sich ja an den blauen Mittelländischen Wog.n weiter abgespielt, mancher, der da seinen Anfang genoucmen, hier seine Fortsetzrnrg gestruden — und der Schluß ward dann dokumentarisch in den Ebrschcidungs- büm smlexei Landgerichte feßaeleotl
Ms ob man deshalb erst so weit reisen müßte, ich meine natürlich, um Romane zu erlebenl Im Fremdenbuch enies schlesischen Berghotels hatte sich einmal ein poetisches werbliches Gemüt verewigt: „Hier oben bin ich oft gewesen und Hab' verbotne Bücher gelesen", und von einer krässtgen Männerhand geschrieben las man darunter: „Warum denn so hoch, das kannst du unten oochl" — Das gleiche kann man auf die Romane und Berlin anwenden. Weshalb m die Ferne schweifen? Als ob Berlin nicht eine Hülle und Fülle von Romanen Tag für Tag darbietet in re'«cher Auswahl. Bloß daß die Wirklichkeit noch die Phantasie der Herren Dichter um ein Erkleckliches übertrifst! Aber es ist recht gut, daß das wenigste davon verlautbart, nur ganz gelegentlich wird der Schleier fortgezogcn und man vernimmt mit hellem Staunen von unheimlichen Gestalten und Kräften, die unter der glänzenden Oberfläche der Millionenstadt ihr Wesen treib'n. Wie es bei dem hier eine Woche hindurch verhandelten Prozeß der „G entl e m en-E i n brech er" Hotze und Genossen der Fall gewesen. Wirklich, man glaubte im Gerichtssaal oft Szenen zu erleben aus dem Franz Molnarschen Stück „Der Herr Verteidiger", in welchem gleichfalls ein Einbrecher in Zylinder und Frack d?e Hauptrolle spielt. Nur daß auch in diesem Falle der Poet nicht auf so rcmanhafte Pfiffe und Schliche gekommen wie Herr Hotze, der einst Privatsekretär eines Prinzen von Geblüt gewesen und in den besten Kreisen verkehrte, und seine Freunde, unter denen sich ein früherer aktiver Offizier befindet. Wollten doch diese vcrehrlichen Zeitgenossen, wie einer von ihnen den verwundert aufhorchenden Richtern und Geschworenen erzählte, ein schönes Weib suchen, mit diesem nach Paris fahren, einen dort lebenden Prinzen von Weimar in die Fesseln der Circe zu locken und ihn dann tüchtig zu rupfen, resvekt. in einen Schwindel mit falf-*""» Bahnaktien zu verwickeln suchen. Und nicht minder raffiniert war der Plan, einem hieflgen jungen Bankangestellien, der einmal in der Woche Beträge von hnndertronlend Mo-k in einem Automobil zur Dank bringt, einen gefälschten AS» schiedsbAef der Braut des Jünglinss in die Tasche .ru
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schmuggeln, in der Hoffnung, daß er sich entweder ein Lei antun oder so kopftos würde, daß er das Geld im Stiche ließe! Diese „Kavaliers auf der Anklagebank", wie sie geschmackvoll in einzelnen Zeitungsberichten genannt wu-den, sind für ihren außerordentlich frechen Raubansall auf eine Juweliersfrau in der Potsdamer Straße mit recht milde» Strafen davongekommen; in hohem Grade hatten sie das Interesse der „holden" Weiblichkeit erweckt, die am letzten Verhandlungstage der Staatsanwalt ersuchte, den Gebrauch von Operngläsern einzustellen, „da der Schwnrgerichtssaal kein Theater sei."
Natürlich, wenn die Theater versagen und nichts Sen- sationelles bieten, muß man dies innerhalb der Mauern des Kriminalgerichts suchen — etwas muß man doch zvm Plaudern bei den Fünsuhrtees und in den Salons habenI Bei den Herren ist's ja besser damit bestellt: äußere und innere Politik, soziale und wissenschaftliche Fragen, hösiiche und diplomatische Angelegenheiten, Beförderungen, Der- leihungen, Pensionierungen, Reichstags- und Landlagssachen und so irr wechselndem Gemisch fort.
All das und noch viel mehr ward denn auch zur Genüge erörtert an den geselligen Abenden, die verschiedene unserer Minister „nur für Herren" veranstaltet und an denen man sich trotz Ausschlusses des roeiblühen Elements! vortrefflich unterhalten. Wie Staatssekretär Kraetkr hatte auch der Minister der öffentlichen Arbeiten v. Bc eite n b a ch seinen zahlreichen Gästen zuerst einen Vortrag geboten, den an der Hand eines sorgsam gewählten Karten- und Lichtbiider-Materials Herr Geheimer Oberbanrat G e r- hardt in sehr anschaulicher und anziehender Weise über den Ril als Kulturträger in alter und neuer Zeit hielt. Eingehende Betrachtungen und Folgerungen wurden dem Staudanmi bei Assuan gewidmet, der jetzt einer Erweiterung, die den Wasserspiegel um sieben Meter heb«, soll, unterzogen wird. Für die dauernde BewässerilNg de- Nils sind bis jetzt 400 Millionen Mark ousgegeben wo.den. aber sie batten auch überraschende Erfolge. Die Ecnte»
