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Litiergc«-Ann»b»le: Für die «bend.«u,gade bi» IS Nbr mittag»; für di- M°rgen-«uSaabe bi» s Nbr nachinfttag».
Wiesvaden, Dienstage 12. März LSI«
Nr. L2L.
Morgen - Ausgabe.
_ 1. gSCalf. __
GW-AMmen eine preu^isA Prvmr?
Ein Altelsässer fordert in einer Zuschrift an den Berliner „Reichsboten" die Einverleibuna der Reichslande in Preußen. Es verlohnt sich, seinem Gedankeif- ganne zu folgen. Er fragt, welchen Inhalt die in Elsaß-Lothringen selbst gewünschte Autonomie haben könnte und ob sie nicht auf die Etablierung einer mehr oder weniger verschleierten Republik an unserer Westgrenze hinauskäme. Soll aber ein monarchischer Staat geschaffen werden, so würde wieder die Eifersucht der Dynastien entbrennen, von denen jede beanspruchen würde, den neuen Herrscher aus ihrer' Familie zu stellen. Die einzig natürliche Fortentwicklung des heutigen Zustandes scheint ihm das Aufgehen in Preußen zu sein. Man würde, so sagt er. über Verpreußung schimpfen. Gewiß! Aber nicht mehr und nicht lauter als heute. Denn das wäre nicht möglich. Man wurde „Vergewaltigung!" schreien. Das tut man heute schon in den allerdercsten und unparlamentarischsten Ausdrücken. Man würde dem „Vaterlande" Frankreich seine unauslöschliche Sympathien versichern und Frankreich würde in gleicher Weise von unverjährbaren Ansprüchen reden und — rüsten. Ganz wie heute und morgen. Aber man wäre gezwungen, dem Zustand als nnen endgültig unabänderlichen zu betrachten und der vorwiegend praktische Sinn der^ Elsässer würde sich nach dein unvermeidlichen ersten Sturm verhältnismäßig rasch dreinfinden, dem Beispiel angesehener Fabrikanten folgend, die, wissend, wie sie ihre Interessen an: best»n wahren, sich jetzt schon mit allen Konsequenzen dreingeftmden haben. Ein Bismarck wüßte, was er in einer solchen Schicksalsstunde zu tun hätte. Er würde es tun, ohne mit der Wimper m zucken. Und man würde, der eisernen Notwendigkeit folgend, sich ins Unvermeidliche fügen. „Ter Augenblick ist da und wartet auf Männer. Doch er wartet nicht lange und kehrt nicht wieder."
So der Altelsässer im „Reichsboten". Wir haben seine Forderung hier wiedergegeben, weil es nicht ohne Reiz ist, sich die merkwürdige Perspektive zu betrachten. Ein Bismarck wüßte, was er in einer solchen Schick- salsstunde zu tun hätte." Ja, hat denn aber dre Schicksalsstunde erst beute geschlagen? War sie nicht schon immer seit bald vierzia Jahren da? Und warum tat der erste Reichskanzler nicht, was ihn dieser mcrkwurdioe Altesässcr leichten Herzens tun ließe, wenn er heute
Für die Bufnebme von Anzeigen an den oorg-lchriebenen Tagen wird keine Gewützr übernommen.
Ü8. Jahrgang.
noch lebte? Fürst Bismarck wird wohl gewußt haben, weshalb er das Provisorium, das zunächst jelbstver- stündlich war, nicht in ein Tefinitivuin m der vorgeschlagenen Richtung umwandelte. Er hätte das uciri • .e Mißtrauen gegen den führenden Staat erregt, wenn er Elsaß-Lothringen zu einer preußischen Provinz hatte machen wollen, und schon dieser Umstand allein mußte entscheidend für den Verzicht auf einen Plan sein, der allerdings — man verzeihe den dialektischen Schmerz --- umso leichter aufgegeben werden konnte, je weniger er jemals bestanden haben wird. Die Sachlage ist heule genau die gleiche. Wenn man zu der ohnehin schon starken V e r st i m m u n g, unter der Preußen tni Reiche leidet, noch gleichsam die Flutwelle aus einer Tiefbohrung hinzukommen lassen wollte, könnte man nichts Besseres oder vielmehr nichts Schlechteres tun, als das. was der Altelsässer des Berliner „Rerchs- boten" vorschlägt.
Reden wir also nicht weiter davon oder reden wir vielleicht doch davon! Nämlich es sind ziemlich bittere Enlpsindungen, mit denen man einen solchen Vorschlag vecninunt. Wir könnten uns einen Zustand der Geister und einen Zustand der Realitäten denken, wobei der Gedanke. Elsaß-Lothringen in Preußen aufgehen zu lassen, vielleicht mit Bedauern darüber, daß er praktisch nicht gut oder nur nach Überwindung schwerster Hindernisse' zu verwirklichen wäre, für jetzt von der Tagesordnung abzusetzen wäre. Aber der wirkliche Zustand ist ein anderer. Er läßt sich dahin bestimmen, daß ein großer Teil der preußischen Bevölkerung selber einen Schreck vor der Möglichkeit bekommt, die Reichslande tn den Staatsverband eintreten zu sehen. Dies Gefühl ist wahrlich selbstlos. Was könnte dem preußischen Staatsbewußtsein wohl mehr schmeicheln als die Vorstellung, mit selbstverständlicher Zustimmung der anderen Bundesstaaten einen äußerst wertvollen Zuwachs zu erhalten? Aber wer „preußisch" sagt, der sagt leider ungefähr dasselbe wie „o st e l b i s ch - k o n s e r - v a t i v", der denkt an die unbefugte Übermacht des O st e n s in Preußen und damit auch im Reiche, der erinnert sich mit Scham und Zorn aller der bösen Verhältnisse, unter denen unser gesamtes öffentliches Leben leidet, und die ihren letzten und bösesten Ursprung in dem spezifischen Ostelbier tum haben. Man muß sa die Deutschen, die in dies System einbezogen werden sollen, aufrichtig bedauern. Es ist schmerzlich, das zu sagen, aber warum soll man es verschweigen? Und schon darum ist der Gedanke, daß Elsaß-Lothringen preußische Provinz werden könnte, ganz abgesehen von den unüberstciglichen tatsächlichen .Hindernissen, schlechtweg undiskutierba r._
Deutsches Reick.
* Hof- und Personal-Nachrichten. Generalmajor Fähn<
drich ist in Potsdam plötzlich verstorben. Er war der Sohn des im Jahre 1857 verstorbenen Stadtverordneten-Vorstehers von Berlin, Gustav Fähndrich, und zuletzt Kommandeur der 13. Infanterie-Brigade in Magdeburg. ^ „
. Wirkl. Geh. Kriegsrat vr. jur. Romen, bisher vortragen, der Rat der Justizabteilung des Kriegsmrmstermms. tritt krankheitshalber ain 1. Juni in den Ruhestand.
* Zum angeblichen Briefwechsel zwischen Wilhelm II. und Eduard. Die Wiener halbamtliche „Allg. Ztg." schreibt: Unsere neulich« Meldung von dem Briefwechsel zwischen König Eduard von England und Kaiser Wilhelm, welcher die vollständige Beseitigung aller Mißverständnisse zwischen Berlin und London bezweckte, wird von verschiedenen Blättern angezweiselt. Demgegenüber können wir nach Information aus beftunterrichteter Quelle feststellen, daß unsere Meldung durchaus richtig ift._ Wir fügen heute noch ergänzend hinzu, daß der Brief König Eduards vom 27. Februar datiert ist.
* Die Mannesmann-Angelegenheit. Die Gebrüder Mannesmann geben folgendes bekannt: „Geh. Kommerzienrat Kirdorf-Gelsenkirchen ermächtigt uns, fein in der Marokko-Minen-Anqelegenheit an uns gerichtetes Schreiben zu veröffentlichen. Es lautet: „Bei der Bedeutung, die meines Erachtens Ihre Frage für die Würde unseres Vaterlandes und fein wirtschaftliches Leben hat, glaube ich über die Zurückhaltung, die meine Stelle mir auferlegt — meine Gesellschaft ist als Rcchtsnachsolgerin des SWalker Gruben- und Hüttenvereins Mitglied der Union des Mines Maroccaines — mich hinwegsetzen zu müssen. Als Deutscher würde ich es als eine schwerwiegende, geradezu schmachvolle Niederlage erblicken, wenn das Auswärtige Amt nicht mit aller Entschiedenheit die Bestätigung der Ihnen gewährten marokkanischen Verleihungen durchsetzen Würde."
* Die Fortschrittliche Volkspartei veröffentlicht folgen» den Aufruf: „Das Verlangen nach Einigung des deutschen Freisinns ist erfüllt. Eine große neue Partei der bürger- lichen Linken hat sich am 6. März zusammengeschlossen. Stolz auf die politische Arbeit, Erfahrung nnd Kampfbereitschaft der drei Parteien, will die geeinte Partei dies Erbe nutzbar machen. Das Ziel ist die Wohlfahrt des ganzen Volkes, das Mittel die planvolle Verbesserung der staatlichen Einrichtungen und die freie Entfaltung der geistigen und wirtschaftlichen Kräfte. Alle Anhänger der nunmehr geeinigten Parteien fordern wir auf. in der Fortschrittlichen Volkspartei mit alter Treue fortzuwirken. Dis Festigung unserer Organisationen durch raschen Zusammenschluß aller Parteifreunde und Vereine ist geboten und die Mitwirkung jedes einzelnen unentbehrlich. Aufgefordert
Feuilleton.
Beim alten Heyse.
(Zum 80. Geburtstag, 15. März.)
In der Münchener Luisenstraße liegt Paul Hehses Heim, mit dem die wichtigsten Erirmerungen fernes langen, gyjährigen, so erntereichen Lebens verknüpft sind. Die Einrichtung dieses Hauses ist in allen Räumen aus einen Grund ton stiller Vornehmheit gestimmt; von den Wänden grüßen einige kostbare Kunstwerke, die sich auss engste mit des Dichters Leben berühren. Da ist sein Jugendbild von der Hand Menzels, mit dem er in seinen jungen Berliner Tagen so manche frohe Stunde verbracht, ein anderes Jugendbildnis von Eduard Magnus, das den blühenden schönen , Jüngling in d:M blendenden Glanz seiner 19 Jahre dar- stellt, ein schönes Gemälde Freund Böcklins „Pan erschreckt > eine,, Hirten", und ein halbes Dutzend der besten Verwachs. Eine größere Ansammlung von Kunstwerken Hai der Dichter stets vermieden, denn er wollte nicht den behaglichen Siim- mungsreiz einer ganz persönlich geformten Umwelt auf- gcbe». Wenn ihm Lenbach gelegentlich vorschlug, er solle sich doch eine neue, prächtigere Villa bauen lassen, dann wies er das mit den Worten ab: „Ich passe zu meinem Hanse, rmd mein Haus patzt zu mir."
An der Hand einer kundigen Führerin, Helene Raff, die uns in einem in diesen Tagen bei Eotta erscheinenden Buche „Paul Heysc" in die Welt und das Hum des Dichters einführt, treten wir in die stillen Räume ein, in denen ein echter Priester und Diener des Schönen waltet. Besucher, hie ein besonderes Anliegen haben oder mit dem Hausherrn rllein plaudern wollen, werden meist im Arbeitszimmer des ersten Stockes empfangen. Die größere Geselligkeit eni- miüelt sich im Eßzimmer zu ebener Erde, wo um 5 Uhr der Teetisch blank und traulich gedeckt ist und der Dichter gern selbst den Tee aufgießt, obgleich seine Frau behauptet, er reiche hierin nicht an sie heran. In liebenswürdig anmutigem Gespräch fühlt sich der Gast bald behaglich; sogar der Haushund Flockt, der verzogene Liebling, dem Heyse in seinem Wtnterlagcbuch ein Gevstht gewidmet hat, verwandelt bald f in Bellen in ein verbindliches Wedeln. Gehört der Vachurittna den Freunden, io sind die Morgen
stunden ausschließlich der Arbeit gewidmet. Die Gattin wacht sorgfältig darüber, daß er in dieser seiner „Musezert" nicht gestört wird. Eine erstaunliche Fülle von Arbeit hat Heyse in diesen streng innegehaltcnen Frühftnnden geleistet und leistet sie noch. Nicht nur der Dichter, der sich in allen Gebieten des weiten Poesiereiches mit Glück versuchte, sondern auch der Übersetzer, der Herausgeber und Brieffchreiber blickt aus einen gewaltigen Umfang seines Schaffens zurück;
der Achtzigjährige hat soeben einen neuen Rovellenband veröffentlicht und läßt einen neuen Roman erscheinen. Dabei vollzieht sich sein Schaffen nicht immer so mühelos, wie man es wohl bei diesem begnadeten Liebling der Grazien, dem von Anfang an die vollendete Form zu Gebote stand, erwarten möchte. Die Zahl seiner Werke würde noch um ein Drittel größer sein, wenn er jede begonnene Arbeit vollendet und veröffentlicht hätte. Ein Stoff, den er zuerst als Novelle gedacht hatte, wurde dann von ihm als Drama verarbeitet; andere Themen legte er überhaupt zurück, obwohl er schon vom Vater das Prinzip übernommen hatte, alles An-
geangene auch möglichst fertig zu machen. Die in letzter Zeit wieder so viel genannte „Maria von Magdala" Hai er in längeren Zwischenräumen drei- und viermal überarbeitet, aus dem Vers in Prosa übertragen. Die verführerische Toinette, die in den „Kindern der Welt" erscheint, war zu- erst als Heldin einer Novelle gedacht, fand aber dann erst ibren richtigen Platz in dem Gefüge des großen Romans. Die Zeit nach Tisch ist der Lektüre gewidmet.
Heyse verfolgt die hervorragenden neueren Erschei» mumm aus den fünf Fremdsprachen, die ihm neben dem Deutschen und den beiden klassischen Sprachen, Griechisch und Lateinisch, geläufig sind. Daneben ist er ein eifriger Leser historischer, liierargeschichtlicher und philosophischer Werke. Als glänzender Übersetzer, besonders aus dem Französischen. Italienischen, Spanischen und Englischen^ hat er sich bewährt, aber er spricht diese Idiome auch gut, obgleich er selbst behauptet, er sei eigentlich „ein Blender" und halte sich bloß durch Kühnheit und gewandte Aussprache über Wasser. Seine besonderen Lieblinge sind die großen Novellisten Keller, Turgcnjess, Maupassant; aber auch die Erscheinungen der allerneuesten Literatur verfolgt er rnit unbefangenem Anteil und äußert sich nicht selten entzückt über Bücher, die einer seiner Art gerade entgegengesetzten Richtung angehören. Wenn man ihn dann der- wundert fragt, toarum er gerade an bestimmten, ganz realistischen Schriftstellern so viel Gefallen finde, dann ant- wortet er wohl: „Es kommt bloß darauf an, ob ein Kunstwerk innerhalb seiner Voraussetzung als vollendet anzusehen ist."
Bis in sein hohes Alter hat sich Hehse seine enthusiasti» sche Empfänglichkeit bewahrt; er kann sich in ein Buch direkt verlieben und ganz unter dem Banne der Fabel stehen, wie nur irgend ein lesewütiges junges Mädchen. Heyse hat anderen Dichtern stets mit Rat und Tat zur Seite gestanden; man denke nur an Fontane, an Hermann Kurz, an Richard 'Voß, der in schweren geistigen Nöten bei ihm die mitfühlendste Aufnahme fand; noch heute laufen zahlreiche Manuskripte zur Begutachtung, Briese mit allen möglichen Anliegen au ihn ein, und er findet immer Zeit, die Manuskripte zu lesen und die Briefe zu beantworten. Wenn es sich «nt materielle Unterstützungen handelt, dann hat er stets eil» offene Hand. In seinen persönlichen Bedürfnissen aber ist er unendlich einfach und spart gern an allerhand Kleinigkeiten; fo entwirft er kürzere Gedichte und dergleichen meijj
