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1. WLatt. __
Der Ernst drr Siluntisn.
In der „Fixigkeit" kann man dem preußischen Ab- jgeordnetenhause jedenfalls den Preis zuerkennen. wenn auch viele mit dem bekannten Reuterschen Worte meinen werden, daß es mit der „Richtigkeit" desto mehr hapert. Die zweite Lesung der Wahlrechtsreform ist am Samstag bereits bis zum 8 11 gediehen, der in diesem Fall besagt: Es wird fortprivilegiert I Freilich hat auch hrer die konservativ-klerikale Mehrheit des Abgeordnetenhauses mit erbarmungsloser Hand die Regierungsvorlage zerpflückt und von dem ganzen, so schön ausgeklügelten, aber freilich stark chinesisch anmutenden System der „gehobenen Wähler" nichts. als die .eine Bestimmung stehen lassen, wonach diesenigen Wähler der dritten Klasse, die vor wenigstens zwölf Jahren die Reifeprüfung in einer höheren Lehranstalt bestmiden haben, in die zweite Klasse versetzt werden sollen. Damit ist der bei weiten: wichtigste Teil der Wahlrechtsporlage erledigt; der Rest wird am Montag voraussichtlich ohne größere Redekämpfe durchberaten und die fiscite. Lesung beendet werden.
Hiermil wird man dann freilich im wesentlichen „so klug als wie zuvor" sein, denn man weiß zwar jetzt, was die Mehrheit des Abgeordnetenhauses will, aber wie das Herrenhaus, das zum Schluß doch auch mitzu- redeu hat. über die Sache denkt, darüber verlautet bisher noch nichts, und was endlich die Regierung betrifft, so "hätte man in der Samstags-Sitzung des Abgeordnetenhauses beinahe erfahren, wie sie sich zu den Beschlüssen der Mehrheit stellt, wenn der Ministerpräsident nicht lediglich erklärt hätte, daß er nichts zu erklär e n habe. Als Herr v. Bethmann-Hollweg am Samstaq, nachdem man schon am Freitag vergeblich aus eine Stellungnahme seitens der Regierung gewartet hatte, endlich das Wort ergriff, machte sich eine starke Spannung im Hause bemerkbar, der aber bald eine noch stärkere Enttäuschung folgte. Der „leitende" Staatsmann bekundete in seiner kurzen , Erklärung, daß er in diesem Fall fürs erste noch kerne leitende" Rolle beansprucht. Tie Regierung mnku liert sich nicht, erklärte der Ministerpräsident, und er verdeutschte dies eigenartige Fremdwort dahin, daß sie sich ihre Stellungnahme Vorbehalte. Aus der weiteren Wendung, daß das Haus seine Stellung nunmehr durch bestimmte Beschlüsse präzisieren solle, wollte man freilich vielleicht nicht mit Unrecht das Zugeständnis heraushören, daß die Regierung entschlossen sei, wenn auch mit dem üblichen schweren Herzen, sich den Be
schlüssen der Mehrheit zu fügen, deren Verhalten ja auch ganz den Eindruck macht, als ob sie sicher ser, von seiten der Regierung keinerlei Schwierigkeiten zu erfahren.
„Wir tragen damit dem. Ernst der Situation am besten Rechnung", so begründete Herr v. Bethmann- Hollweg die abwartende Haltung der Regierung, und der Führer der Konservativen. Herr v- Heydebrand, 'timmtc dem zu. indem er versicherte: Die Lage ist wirklich ernst! Das ist sie in der Tat trotz der erheiternden Zwischenfälle, die bei diesem ernsten Kampfe um ine Reform des Wahlrechts zu verzeichnen sind. Erinnern sich doch kaum die bekannten ältesten Leute an ernen Präzedenzfall für die Taktik, einen Antrag, einzubrm- gen, um ihn selber niederzustinnnen, wie das oie Konservativen tateii, als sie 89 Mitglieder abtomman- dierten, um ihren Antrag auf Wiederherstellung der öffentlichen Wahl zu Fall zu bringen, da die liberalen Parteien bei diesem Schachzug die Mitwirkung versagten. Aber auch das Zentrum geriet durch den rollen- widrigen Vorfall in arge Verlegenheit, weil ihm dadurch der Nachweis inißlaug, daß es die direkte Wahl opfern müsse, um die geheime zu retten, denn seitdem aEtcnntäfeici fcitöcftcHt JDOtben ijt, bßfe i)t6Ußi|CfcjCU Abgeordnetenhause nur noch 62 Stimmen tut ötc ö f f e n t li che Wahl vorhanden sind, ist diese .ohnehin als erledigt zu betrachten.
Trotz der begeisterten Verteidigung, welche eben diese öffentliche Stimmabgabe in dem Regierungsentwurf gefunden hat, wo man der geheimen Wahl naa,sagte, daß sie dem sonst im staatlichen Leben herrschenden Grundsatz der Öffentlichkeit widerstreite, Unzufriedenheit verbreite, „S t a a t s g e j r n n ü n g und politisches Verständnis schädige usw. , Es ist wrrr- ltch eine „ernste Situation" für die Regierung, Wenn sie jetzt hier ein ebenso großes Opfer ihrer Überzeugung bringen soll wie in der Frage der indirekten Wahl, in der sie bei der Begründung ihrer Vorlage diese als überlebt, die direkte. Wahl aber als gesunden Fortschritt bezeichnete, während die Mehrheit des Abgeordnetenhauses letzt
auch durch diesen Teil der Vorlage einen Strich gemacht hat und wieder zu dem ungesunden .Rückschritt zurückgekehrt ist. Trotz alledem spricht die größte Wahrscheinlichkeit dafür, daß die Mehrher^des Abgeordnetenhauses zu ihrem leicht erkauften Liege über die Minderheitsparteien auch noch den kaum minder „schweren" über die Regierung erringen wird während vom Herrenhause schwerlich ein ernsthafter Widerstand zu erwarten ist. Aber wenn dre Wahlreform wirklich einen solchen Ausgaiip nehmen sollte, so würde - das muß gesagt werden — der Ernsi der Situation dann noch viel stärker sein, als er es schon setzt ist, denn der Kampf um die Reform des Wahlrechts würde damit nicht beendet, son-
Das Ergebnis der Samstags-Verhandlung faßt nach eigenen Eindrücken unser parlamentarischer Mitarbeiter. wie folgt, zusammen:
# Berlm, 13. Marz.
Wie gestern der Abgeordnete Friedberg, so erklärte heute der Abgeordnete Schiffer mit unzweideuti«. gen Worten, daß die Natioualliberalen die geheime und die direkte Wahl als die u n v e r ä u tz e r l i ch e Grundbedingung ihrer Zustimmung zur Wahlreform betrachten. Von diesem Worte und seinem Inhalt können, wollen und werden die Nationalliberalen nicht zurücktreten, und deshalb weiß man nicht, wie es denkbar sein soll, daß iwch eine Verständigung mit ihnen, wie sie die Regierung und die Konservativen wünschen, gelingen kann. Das Verlangen nach solcher Verständigung ist freilich groß. Auch der Abgeordnete v. Heydebrand gab ihm heute Ausdruck. Von den heutigen Reden waren nicht bloß dre eindrucksvollsten, sondern auch die wichtigsten, weil für die Stellung dev, Gegner von hüben und drüben bezeichnendsten, diejenigen der Abgeordneten Schiffer und v. H e y d e - brand. So, wie der nationalliberale Wortführer sprach, spricht man nur, wenn große Tinge, wenn Lebensfragen der Nation und der politisäMp Moral auf dem Spiel stehen. Es waren stolze und starke Töne, die der Abgeordnete Schisser fand, als er unter dem stürmischen, sich immer erneuernden Beifall der Linken und unter Zischen und Lärm des schwarzblauen Blocks ausrief, die Vernunft gehe; mir innerer Notwendigkeit ihren Weg, sie gehe über die indirekte Wahl und über die öffentliche Wahl hinweg, und wenn dem entgegengetreten werde, dann werde ein Widerstand entstehen, der manches mit w e g s ch w e m men werde, was uns allen hoch und heilig ist. Die Erregung, mit der Herr von Heydebrand, am ganzen Körper zitternd, geröteten Angesichts, mühsam sich beherrschend, denk nationalliberalen Redner airtworiete, zeigte vollends, wie stark die Rede Schiffers gewirkt hatte. Und doch besann sich der kluge Führer der Rechten alsbald und streckte den Nationalliberalen nochmals die Hand zur Verständigung entgegen. Man kann ihm den Ernst seiner Werbung gern glauben, denn es ist und bleibt eine fa t a l e Lage für die Konservativen, das, Gesetz mit dem Zentrum allein machen zu sollen. Nur ist ihre! entgegengestreckte Hand, wie der Abgeordnete Friedberg weiterhin bemerkte, einstweilen ganz leer, und sie wird wohl auch leer bleiben. Indessen hat man damit zu rechnen, daß zwischen der zweiten und der dritten Lesung erneute Verhandlungen werden ein geleitet werden. Ihr Ergebnis kann man mit begreiflichem Inter- esse, aber auch in aller Ruhe abwarteu.
Feuilleton.
Reftdenz-TlMler.
Samstag, 12. März: „Die Lokalbahn". Komödie in 3 Akten von Ludwig Thoma. Spielleitung: Georg Rücker.
Ludwig Thoma, der Verfasser von „Moral" und „Die Medaille" - er hat uns ein neues — älteres Stück geschenkt. Die Spannung, mit der man „Die Lokalbahn" erwartete, war nur zu begreiflich. Würde es ein Schlager werden? Würde es sich den anderen Werken des Dichters würdig anreihen? Da gibt es nichts Schauerliches, nichts Sensationelles, keine brutalen Effekte — nur Geist, ein köstlicher Humor. — Den guten Bürgcm von Dornstein ist eine Kleinbahn bewilligt worden, aber — ja, es gibt ein Aber, und darum dreht sich das ganze Stück. In großem Bogen wird sie das Städtchen umkreisen, ibr Bahnhof Vi Stunde davon entfernt liegen und das Gärtchen des Brauereibcsitzers Schweigel wird mitten durckgeschnitten. Mcs dies, weil der Besitzer der Ziegelei, ein Baron, es für seine Fabrik so wünschte. Der hat sich hinter den Minister gesteckt und die Sache durchgesetzt. Aber die Dornsteiner lassen sich so etwas nicht gefallen. Der Bürgermeister wird zum Minister geschickt, um ihn umzustimmen. Friedrich Rehbein konrmt von der Audienz zurück und schildert mit großen Worten, wie er mit dem Minister gesprochen habe, so fest und eindringlich, daß dieser doch ziemlich betroffen war. Aber erreicht hat er nichts. Trotzdem sind die guten Dornsteiner über den Pflichteifer ihres Stadtoberhauptes so gerührt, daß sie ihm eine Ovation bringen wollen. Ein Mann, der es gewagt hat, dem Minister zu widersprechen! Einen Fackelzug soll er haben, mit Tusch und Hockirufen und einem Gesang der Liedertafel. Und so geschieht es auch. Links von der Gruppe steht das Brautpaar Susanns und Adolf eng umschlungen, und rechts stebt freudestrahlend der Bürgermeister, Hand in Hand mit seiner Frau. Aber schon am folgenden Tage macht steh ein Umschwung in der Stimmung bemerkbar. Der Redakteur des Wochenblattes hat einen fulminanten Artikel geschrieben, worin er kundgibt, daß Friedrich Rehbem Seine Exzellenz den Minister durch sein wuchtiges Auftreten ver
nichtet"zurückgelassen habe. Der Bürgermeister, in die Enge getrieben, gesteht seinem Bruder unter vier Augen, daß er gar nicht gewagt habe, mit deni Minister zu sprechen. Er sei so freundlich empfangen worden und so freundlich hinauskomplimentiert worden, daß nach 3 Minuten alles vorbei war, obne daß er nur habe zur Besinnung kommen können. Den Bürgern Dornsteins aber, die fürchten, mit der Regierung in Konflikt zu kommen, und die ihrem Oberhaupt Vorwürfe machen wollen, erklärt er, der Artikel sei vom Redakteur Heitzingcr frei erfunden, ihn allein treffe die Schuld. Er wolle den Beweis erbringen, daß kein böses Wort zwischen dem Minister und ihm gefallen sei. Er wolle hinfahren und Exzellenz darum fragen. So bescheiden ist der Bürgermeister. Er hat es dem Minister nicht an schuldigem Respekt fehlen lassen, nein, trotz allem hat er geschwiegen. Er hat sich selbst besiegt. So handelt nur ein Mann. Ganz gerührt sind die guten Dornsteiner. Und als die Dunkelheit hereinbricht, da kommt der Fackelzug wieder angezogcn; wieder gibt es ein Hoch, einen Tusch und ein Lied. Links steht das Brautpaar, eng umschlungen, rechts steht Friedrich Rehbein, Hand in Hand mit seiner Frau. Nur der Redakteur fehlt. Sonst ist es ganz so wie vorher, ganz die gleiche Begeisterung. Das war kein verlorener Abend. Ein echter Thoma. Nur eher ein Stück für ernste, nachdenkende Menschen, die ihre Freude an der geistvollen Satire haben werden, um dann herzlich und befreit zu lachen.
Das kleinstädtische Milieu war vorzüglich getroffen. Die Regie hatte sich mit liebevoller Sorgfalt des Stückes angenommen. Einige Längen im dritten Akt ließ der witzige Schluß schnell vergessen. Die Darstellung war hervorragend. Herr Dachauer als Bürgermeister lebte sich ganz in die Rolle hinein. Vorzügliche Typen schufen die Herren Resselträger, Rücker und Tautz. Herr Hager, Frau S ch e n k und Frl. Bischofs trafen den richtigen Ton, und Frau Rosel v a n B o r n, sowie die Herren D e g e n e r und Schäfer waren von schlagender Komik. Herrn Winter liegt „Der kleine König" entschieden besser wie die Rolle des ledernen Amtsrichters, und Herr B e r t r a m balancierte haarscharf auf der Grenze, die Komik von Übertreibung trennt. r.
Kon;eri.
Für das am Samstag stattgefundene Extrakouzert im Kurhaus war in der Person des Herrn Siegfried Wagner eine besondere Anziehungskraft gewonnen; denn der Name des Sohnes des großen Vaters wirkt ja noch immer magnetisch: Neugierde und Pietät reichen sich brüder- lich die Hand, und „Ausverkauft" — heißt die Parole.
Man kennt Siegfried Wagners Opernschicksale: großartige Premieren-Ersolge, durch die Anwesenheit des interessanten Bahreuther Hofstaates äußerlich so glänzend als möglich gestaltet; dann ein kurzes Wiederauftauchen hier und dort, und — der Reigen beginnt von neuem. So Iteti Sieafried Wagner auf den die Aufmerksamkeit lebhaft spannenden „Bärenhäuter" in Kürze den „Herzog Wildfang" und diesem in Eile den „Kobold" folgen, um bald danach das .Sternengebot" auf- und niedersteigen zu sehen, und sich mit dem „Banadietrich" zu versuchen. Und während hier nach dem gewohnten Premieren-Jubel der eigentliche Erfolg noch zweifelhaft erscheint, munkelt man schon von einer sechsten neuen Oper, mit welcher Siegfried Wagner das Geschick der fünf vorangegangenen glänzend rächen wird. Warum auch picht? Vielleicht gelingt's dem Komponisten doch noch einmal, das Ideal seines Strebens verwirklicht zu sehen und eine „deutsche Volksoper" von mehr; bleibender Bedeutung zu schaffen.
Wie man nun auch über Siegfried Wagners Beruf zum Musikdramatiker denken mag hier und da ein kleiner „Schnitt" aus einer seiner Opern bietet meist ganz Annehmbares: eine fleißige und geschmackvolle Arbeit, eine effekt- reiche Instrumentation sind zweifellos zu erkennen und ebenso Ansätze zu einer gewissen volkstümlichen Wirkung; nur daß diese Hinneigung zu populärem Ausdruck sich leicht einmal ins Triviale verkehrt und dann verstimmend wirkt.
Gestern bekamen wir vom Kurorchester in rühmenswerter Wiedergabe unter Leitung des Komponisten die flott geschriebene, aber inhaltlich nicht eben schwerwiegend« Ouvertüre zu „Herzog Wildfang" zu hören und weiterhin den „Huldümnasreillen" aus dem -Steiueimeblst" —1 etB
