®drte 4. Samstag, 12. März 1010,
Voranschlag für 1910 für Nied, der in Einnahme und Ausgabe ‘mit 419 922.28 M. abschließt. (Nied mit weit über 6000 Ein- 'woknern ist allerdings größer als die meisten nassauischrrt ( Städte. Die Red.) Unter den Ausgaben erscheinen u. et. für sStratzenbelenchtung und Besprengung 7010 M., für Besolsung (der Gemeindebeamten 29 299 M., für die Schule 69 622 M., !für Armenlastcn 8630 M., für Verzinsung der etwa 361 000 M. .betragenden Gemeindeschulden 10 674 M. In dem Etat sind >160 000 M. für einen neuen Schulneubau, 60 WO M. für Er- Nveiterung des Kanalnetzes, 80 000 M. für Stratzenpflafterungen vorgesehen. Es werden 150 Proz. Kommunal- und 216 Proz. Rcalsteuern erhoben.
?? Niederfelters, 10. März. Ein heute 1.15 Uhr nachm, in Saarbrücken aufgesticgener Luftballon, besetzt mit vier Personen, landete, van anwesenden Landleuten unterstützt, gegen 6 Uhr abends auf dem Felde zwischen hier und Eisenbach. Das .Schauspiel hatte eine große Volksmenge angezogen, die nach der Landungsstätte bineilte. Der Ballon wurde sogleich mir der Bahn zurückbefördert. — Die älteste Einwohnerin unseres Ortes, die ehemalige Hebamme Frau Margarete Brötz Witwe, vollendete heute in seltener geistiger und körperlicher Frische ihren 9 0. Geburtstag.
— Limburg, 10. März. In der gestrigen Vorstandssitzung nuferes Verschönerungsvereins überreichte Herr Landrat Büchtigg dem verdienten Vorsitzenden, Herrn Jas. Herpel, den Kronenorden 4. Klasse. Diese seltene Auszeichnung eines Privatmannes für seine Betätigung im öffentlichen Interesse ehrt nicht nur Herrn Heppel, sondern auch die Stadt, für die er seit Jahren opferwillig und unermüdlich gearbeitet hat.
— Nassau, 9. März. Wie die „Ems. Ztg." mitteilt, scheint der Zwangsvergleich in Sachen des in Konkurs geratenen Nassauer Vorschuß- und Kreditvereins als gescheitert anzusehen sein. Wie wir voraussagten, haben sich die meisten der Geschäftsfreunde des verkrachten Verein?, die nicht Mitglied waren, nicht zur Beitragsleistung verpflichtet. Da es unseres Erachtens ganz ausgeschlossen ist, daß sie gesetzlich haftbar gemacht werden können, werden die wirklichen Mitglieder des Vereins das erhebliche Defizit allein decken müssen. Das dürfte allerdings zum Ruin vieler Leute führen. Das Scheitern des Zwangsdergleichs ist daher sehr bedauerlich. Es ist aber anzunehmen, daß nunmehr entschiedener, als das seither der Fall war, nach den Ursachen gesucht wird, die den Konkurs des Vereins herbeiführten.
nh. Nassau a. d. L., 10. März. Heute nachmittag brannte ln Bcrgnassau-Scheuern das Besitztum des Briefträgers Hof- n-ann vollständig nieder. Das Vieh konnte nur schwer gerettet weiden, da das Feuer schnell erheblichen Umfang annahm. Der Schaden ist durch Versicherung gedeckt.
i. Distenburg, 10. März. Heute früh gegen 8 Uhr wurde in der Nähe des Haiger Bahnhofs, auf der Strecke Haiger- Dillenburg, die Leiche einer unbekannten weiblichen Person gefunden. Diese ist von einem Zuge überfahren und augenscheinlich sofort getötet worden. Untersuchung ist ein- geleitet. ^___
Aus der Umgebung.
rs. Worms, 10. März. Zu der gestrigen Familien- tragödie in Osfstein ist zu berichten, daß die Frau des Verwalters Gräber nicht tot ist; sie wurde zusammen mit ihrem Mann gestern nachmittag ins Worniser Krankenhaus einge- licfert, wo beide in Lebensgefahr schweben. Die drei Kinder befinden sich auf dem Wege der Besserung und dürften am Leben erhalten bleiben.
* Mainz, 11. März. Rheinpegcl:1m62 cm gegen 1 m 68 cm am gestrigen Vormittag.
Gerichts s-aal.
Wiesbadener Strafkammer Glücksspiel.
Der Händler H. hatte gelegentlich des Gesangwettstreits lm Juni v. I. in Hofheim eine sogenannte Glücksbude etabliert, in welcher die Brüder Leopold und Markus L. als seine Gehilfen tätig waren. Obwohl dazu die Genehmigung nicht vorlag, wurde dabei um Geld gespielt insofern, als gewonnene Gegenstände stets gegen einen bestimmten Preis zurückgenommen wurden; auch wurden abends Wirtschaften mit dem Würfelbecher besucht. Dann soll unter den Würfeln einer gewesen fein, welcher auf allen sechs Seiten eine Sechs auswies. Unter Freisprechung von der Anklage des versuchten Betrugs wurden wegen gewerbsmäßigen Glücksspiels bestraft H. mit 5 Tagen, Leopold L. mit 1 Woche, Markus L. mit 2 Wochen und ein dritter Bruder L. zu 5 Tagen Gefängnis.
Der Tarnowska-Prozeß.
hl. Venedig, 10. März. Im weiteren Verlauf des Verhörs des Angeklagten Prilukoff wurde eine Reihe von Telegrammen verlesen, welche zwischen diesem und der Gräfin ausgetauscht worden sind. In einem dieser Telegramme vom Juli 1907 informierte die Gräfin Prilukoff, daß sie eine Reise mit ihrer Schwester unternehme, tatsächlich habe sic aber diese Reise in Gesellschaft von Komarowski und Rau mofs unternommen. Prilukoff erklärte, daß die Gräfin ihm in Berlin mitgeteilt Habe, sie beabsichtige, den Grafen Komarowski zu heiraten, angeblich, um ihre Lage zu der bessern, jedoch, wie Prilukoff glaubt, um ihn zu veranlassen, Selbstmord zu begehen. Die Gräfin riet ihm sogar selber einmal, sich das Leben zu nehmen. Prilukoff stellt in Abrede, irgend welche intimen Beziehungen zu der Zofe Perrier unterhalten zu haben. Er gibt zu. daß in gewissen Telegrammen Worte gebraucht worden sind, worüber er dem Untersuchungsrichter keine Aufklärung geben wollte weil sie einen unsittlichen Charakter trugen. Weiter bekundet Prilukoff, daß in Venedig im Lado, wählend einer heftigen Auseinandersetzung mit dem Grasen Komarowski. die Gräfin die Worte gebrauchte: „Befreie mich von Komarowski!" Er, Zeuge, habe von dem Vorhanden sein eines Testamentes zugunsten der Gräfin leine Kennt nis gehabt und habe sich auch nicht bemüht, den Absclikns! der Lebensversicherung zu beschleunigen. Hierauf wurde die Verhandlung vertagt.
* Eine Anklage gegen die schwedische Königsfamilic Jn der „Franks. Ztg." lesen wir: Naturgemäß geschieht es nur sehr selten, daß Mitglieder eines königlichen Hauses vor Gericht geladen werden. Nach schwedischem Gesetz steht juristisch einer solchen Vorladung nichts im Wege: sogar der König macht in Zivilsachen in gewissen Fällen keine Ausnahme. Darum hat cs auch keine besondere Aufmerksamkeit er-regt, daß die Ladung der Mitglieder unseres Königshauses, die in diesen Tagen vor das Gericht geladen sind, bewilligt wurde. Dieselben sind die Königin- Witwe Sophie und die Prinzen Karl, Eugen und Bernadotte, welche von dem früheren Mitglied des Provmziallandtags P. A. Johansson geladen wurden mit
dem Antrag, daß ihnen auferlegt werde, die vier Briefe, die 1842 dem damaligen Kronprinzen, dem späteren König Oskar I., von Anna Helga de la Brache zum Durchlesen gegeben wurden, im Original auszuhändigen. Der Kläger behält sich das Recht vor, später auch die Königin von Dänemark, den einzigen lebenden Nachkommen Karls des Fünfzehnten, vor Gericht zu laden. Die Vorgeschichte des Prozesses ist kurz folgende: Helga de la Brache war nach Johanssons Angabe Tochter Gustaf IV. Adolfs und der Königin Fredrika Dorothea Wilhelmina von Baden. Diese Ehe wurde geschieden, jedoch sollen die Geschiedenen in Deutschland eine neue heimliche Ehe eingegangen sein, und die Frucht dieser Vereinigung wäre Anna Helga de la Brache. Die Schwester der Königin Fredrika (beide waren Töchter Karl Ludwigs von Baden) war mit dem Kaiser Alexander I. von Rußland vermählt. Das russische Kaiserhaus soll aus Anlaß dieser Verwandtschaft der Anna Helga de la Brache 6 Millionen Kronen geschenkt und dies Geld bei Karl XIV. Johan deponiert haben. Dieses Geld sei aber niemals Helga Brache übergeben worden. Um die Sache juristisch klar zu stellen, hat Herr Johansson, ein Erbe von Helga Brache (sie selbst starb 1885), nun die königliche Familie vor das Stockholmer Amtsgericht zitiert, wo sie sich am 21. April zu verteidigen haben wird. Wer war nun Anna Helga de la Brache? So nannte sich eine Frau, die vorgab, eine legitime Tochter König Gustafs IV. Adolf und seiner Gemahlin aus einer angeblichen zweiten Ehe zu sein, die diese beiden in Deutschland eingegangen wären. Infolge dieser Angabe ihrer hohen Geburt bekam sie jahrelang eine reichliche Unterstützung nicht nur von einzelnen Personen, sondern auch eine zeitlang 2400 Kronen jährlich vom schwedischen Amt des Auswärtigen. Im Fahre 1876 wurde jedoch durch eine gerichtliche Untersuchung bewiesen, daß die Frau Aurora Florenffna Magnusson hieß, daß sie in Stockholm 1817 geboren und Tochter eines Zolldieners namens Magnusson sei. Sie starb, wie gesagt, 1885 in Stockholm Sowohl während ihres Lebens als nach ihrem Tode sind vielfach Schriften über sie und ihre angeblich hohe Geburt veröffentlicht worden. Jetzt wird noch einmal diese Frage vor Gericht ausgerollt werden, wohl endgültig zum letztenmal.
Apart.
Sportliche Übersicht.
Das alljährliche Preisreiten und -springen, das am Sonntag und Montag im Frankfurter Hippodrom stattfand, hatte auch diesmal den Besuch des Kronprinzen und der Kronprinzessin, aber nicht nur als Zuschauer, sondern das kron- prin-liche Paar hatte auch einige Pferde aus seinem Marjrall mügebracht, die sich mit Erfolg au den Konkurrenzen beteiligten. Von diesen errang „Barfatzke" in der Inländer Vollvlutkonkurrenz den 1. Preis. — Ein weiteres Pferd des Kronprinzen, „Herero", errang am zweiten Tag in der Maiden- Springkonkurrenz ebenfalls den 1. Preis. Man kann unserem Thronfolger, der dem Sport, wo er nur kann, Förderung angedeihen läßt, zu diesen Erfolgen von ganzem Herzen Glück wünschen. Die Hauptattraktion des Festes, die Armee-Reitkonkrrrrcnz um den Ehrenpreis des Kronprinzen, wurde von Leutnant v. Platen auf „Veteran" gewonnen. Sehr zahlreich beteiligten sich diesmal die Frankfurter Sportsleuie, und es gelang ihnen auch in mehreren Konkurrenzen den teilnehmenden Ossizreren die Siege streitig zu machen.
Das L a w n t e n n i s - T u r n i e r in Monte Carlo ist zu Ende gegangen. Es brachte noch im Damen-Einzelspiel den Swg von Miß Salusöurh, die ja in dem gemischten Doppelspiel mit Ritchie zusammen von dem Ehepaar Decugics besiegt wurde, während in der Doppelspiel-Meisterschaft Äoust und Wallis Myers hauptsächlich infolge lässigen Spiels von Ritchie das Paar Ritchie-Decugies in der Endrunde besiegen konnte. Die Deutschen konnten keine Siege erringen. Äleinschroih, Erüder-Little konnten nur 2. und Z. Preise meist in den Bor- gabespieten erzielen. An das Turnier von Monte Carlo hat sich letzt das von Mentone augeschlossen. Fast dieselben Spieler hier wie dort. Ritchie spielt jetzt bedeutend besser, in der Doppelspiel-Meisterschaft konnte er mit Decugics das Paar G. M. Simond-Doust mit 6—4, 8—6 schlagen.
Die Weltmeisterschaften im Schneltaufen auf dem Eise wurden in Helsingfors ausgetragen. Während sich vor 8 Tagen der frühere Weltmeister Oskar Mathiesen in der Europameisterschaft vor einer neuen Größe, dem Russen Strunenikofs hatte beugen müssen, gelang es ihm jetzt in Helsingfors mit ganz knappem Vorsprung nochmals den Welt' Meistertitel an sich zu reißen. Er konnte nur die 600- und dis 1600-Meter-Strecke als Sieger beenden, beide Male vor dem Russen, das 15 000-Meter-Laufen gewann der Norweger Johanns«», während Mathiesen zweiter und Strunenikofs dritter wurde. In der entscheidenden 10 000-Meter-Strecke schließlich siegte Strunenikofs, während Mathiesen nur den bürten Platz belegen konnte.
Im Fußballsvort ist am Sonntag eine sehr wichtige Entscheidung gefallen, die, wie wir glauben, ausschlaggebend für die Vergebung des deutschen Meistertitels sein wird. Es handelte sich zwar nur um die Entscheidung der Südkreiö- meisterschaft, aber wir glauben sicher zu gehen, wenn wir in dem Südkreismeister, den: auch hier bekannten Karlsruher Fußball- vcrein den zukünftigen deutschen Meister sehen. Der Karlsruher Futzballverein gewann einwandssrei . mit 3 :0 Toren ebenso einwandsfrei wird er die drei übrigen süddeutschen Kreismeister Hanau 1804, Bavern-München und Mannheim lS9t> schlagen und auch die übrigen deutschen Verbandsmeister die ihm endlich im Kampf um die deutsche Meisterschaft gegen übcrstehen. — Die Mannschaft des hiesigen Sportvereins uni er- nimmt am kommenden Sonntag die Iveite Reise nach München- Gladbach. Sie hat dem dortigen Fußballklub Revanche zu bieten für dessen Sieg im vorigen Jahre (3:1). Ob ihr dies in ihrer gegenwärtigen Zusammensetzung erfolgreich gelingt, erscheint allerdings sehr fraglich. Scli
* Fußball. Letzten Sonntag siegte die 1. Mannschaft des Wiesbadener Schülerklubs über die des St, Goarshausener Fußballklubs „Germania" auf dem Platze der letzteren mit 34 (Stand des Spieles bei Halbzeit 1:0 für Wiesbaden).
* Schachkonkurrenz in Ungarn. Im April findet in Kronstadt eine große Konkurrenz der Meister des Schachspiels statt. Die bedeutendsten ungarischen, österreichischen und sächsischen Schachmatadore wurden hierzu eingeladcn.
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Meine Chronik.
Anläßlich der Leipziger KaninchcnausstcLung wurde bekannt, daß eine bayerische Prinzessin eine Kaninchcn- ftichtung besitzt, die 200 Stück auserlesene Exemplare des schneeweißen langhaarigen Angorakaninchens ausweist. Aus den seidenweichen Haaren läßt sie zarte, weiche Kleiderstoffe anfertigen, aus denen sie ihre eigene Garderobe ansertigen läßt. Auch die deutsche Kronprinzessin soll die Absicht haben, sich eine derartige Zucht anzulegen. ulst.
Eine Operettendiva als Mörderin. In der eleganten Wohnung der Operettcndiva Jvon Villestaed an der Ehiaja
Morgeu-ArrsgaLe, 1. Vlatt. Wr. 119*
in Neapel spielte sich eine blutige Tragödie ab. Die Sängerin kehrte spät abends mtt ihrem Geliebten Dt. Turbo heim. Zwischen beiden entstand ein Wortwechsel, in dessen Verlauf die Sängerin einen Revolver ergriff und den Ge° liebten niederschoß. Turdo starb im Hospital. Fräulein Villestaed entfloh, wurde aber aus der Straße verhaftet.
Eine LiebcStragödie in einem Berliner Hotel. In einem der ersten Berliner Hotels hat sich ein aus Hamburg zugereistes Liebespaar das Leben genommen. Die beiden Leichen sind rekognosziert als die des Kaufmanns Rudolf Leffing aus Hamburg und des Fräuleins Elsriede Sircke die mit ihm am Dienstag aus Hamburg in Berlin äuge- kontmen ist. In hinterlassenen Briefen heißt es. daß sie sich nachdem eine Verbindung auf Erden nicht möglich war, im Tode vereinen wollten.
Mord und Selbstmord wegen einer Erbschaft. In
Aschaffenburg . erschoß der Schuhwarenhändler Hermann Hohe seine Stieffchwester Marie Schick in ihrer Wohnung Darauf erschoß sich der Mörder selbst. Grund der Tat ist Erbschaftsstreit um das Vermögen der Mutter.
Ein Raubmord. In Zerkowitz bei Horschowitz ermordete der 29jährige arbeiMose Joseph Hajek die Steinmetzgattin Anna Krkikowa, um sich Geld für eine Reise nach Amerika zu verschaffen. Der Täter ist entflohen; setne Spur wird verfolgt.
Ein entmenschter Vater. In dem französischen Flecken Orgeval verschwand der 61jährige Teophile Luce, nachdem er seiner 13jährigen Tochter in Gegenwart eines anderen 10jährigen Kindes Gewalt angetan. Die von der empörten Bevölkerung angestellten Treibjagden nach dem Verbrecher blieben ohne Erfolg. Er hinterließ einen Zettel, woraus ex seine Tat gestand und die Absicht aussprach, Selbstmord zu begehen.
Flammentod einer ganzen Familie. In Swieckez« äscherte ein Brand das ganze Dorf ein. Ein Bauer retteis sich mit seiner Frau und fünf Kindern durch einen Sprung aus dem Fenster. Me sieben Personen eilten wieder in das brennende Haus zurück, um die Geldmittel in Sicherheit zu bringen. Die ganze Familie wurde später als verkohlte Leichen ausgefunden.
Die Cholera. In Samarang auf Java ist eine Cholera. Epidemie ansgebrochen, die in bedrohlichem Charakter zn- nimmt. Die Durchschnittszahl der täglichen Todesfälle beträgt 20.
Deutscher Reichstag,
Eigener Drahtbericht des „Wiesbadener TagblattS".
$ Berlin, 11. März.
Am Bundesratstisch: die Staatssekretäre De. Delbrück und Kraetke.
Präsident Graf Schwcrin-Löwitz eröffnet düe Sitzung um 1 Uhr 17 Minuten.
Zunächst steht auf der Tagesordnung die Interpellation der Sozialdemokraten, betreffend die Verweigerung zur Abhaltung einer im Treptower Park bei Berlin am Sonntag, den 6. März, beabsichtigten öffentlichen Versammlung unter freiem Himmel.
Auf die Anfrage des Präsidenten erklärt sich Staatssekretär Dt. Delbrück bereit, die Interpellation sofort zu beantworten.
Abg. Ledebour (Soz.): Durch das Dazwischentreten der Berliner Polizei ist es uns unmöglich gewesen, die beabsichtigte Versammlung unter freiem 'Himmel abzuhalten. Die Hauptschuld an diesem System polizeilicher Willkür hat der Polizeipräsident selber, der in dem Bewußtsein, das: er zur Verteidigung seines Verhaltens notwendig Material bedarf, fortgesetzt sogenanntes Entlastnngsmatericck in fieberhafter Eile produziert, das geradezu zu einer Ubersiihr rng der polizeilichen Willkür führt und uns die günstigste Handhabe für die Agitation bietet.
Das Verbot des Polizeipräsidenten ist ungesetzlich, weil es nur bei Gefährdung der öffentlichen Sicherheit zulässig gewesen wäre. Eine solche ist aber niemals vorge- kommen, wenn nicht die Polizei eingriff. Der Polizeipräsident hat sich nur geärgert, weil es ihm in Berlin nicht gelungen ist, das zu erreichen. Er sagte, die öffenttiche Kritik könne sich übrig genug in den Parlamenten betä'wen. Das ist eine Anmaßung. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Von Rechts wegen hätte er für diese Unverschämtheit sofort entlassen werden müssen. (Unruhe rechts und zustimmende Rufe links.)
Präsident Graf Schwerin-Löwitz: Sie dürfen dem Polizeipräsidenten nicht Unverschämtheit vorwerfcn (Bravo; rechts: Lärm und Unruhe links.)
Abg. Ledebour (fortfahrend): Darauf begaben wir uns, etwa 100 000 an der Zahl, in vollkommen gesetzlichem Spaziergang nach dem Tiergarten. Die eilig Herberge- rusene Polizei fand sich sofort ein und fing an, auf dis Spaziergänger einzuhauen. (Gelächter rechts.) Ihr Gelächter zeigt mir, daß Sie ein
ebenso böses Gewissen haben wie der Polizeivräfidcnt.
Die Vorfälle waren skandalös. Der Befehl zum Ausein»- andcrgehen konnte gar nicht befolgt werden. Aus wehr, lose Frauen wurde eingehauen. An der Störung der öffentlichen Ruhe war das brutale Vorgehen der Poi-zei schuld. Auch am Schlesischen Tor ist es nach bürgerlichen Blättern ähnlich zugegangen. (Lachen und Zurufe rech's.) Wenn Sie (er wendet sich nach rechts) derartiges noch billigen, so sollten Sie doch nicht die Schamlosigkeit haben und lachen sondern menschliches Gefühl mit den Opfern haben. (Lachen rechts: Lärm und Zustimmung links.)
Präsident Graf Schwcrin-Löwitz: Sie haben den Mit- gliedern auf einer Seite des Hauses Schamlosigkeit borg«, worfcn.
Abg. Ledebour: Jawohl, das habe ich getan.
Präsident Graf Schwcrin-Löwitz: Das ist unzulässig und ich rufe Sie deshalb zur Ordnung. Ich habe Sie schon einmal zur Ordnung gerufen und werde Ihnen, wenn sich das wiederholt, das Wort entziehen. (Lärm links.)
Abg. Ledebour: Herr Präsident, Sic haben mir daz erstemal keinen Ordnungsruf, sondern nur eine Rüge erteilt. (Sehr richtig! links.)
Präsident Graf Schwcrin-Löwitz: Ich habe der Rüg« den Ordnungsruf hinzufügen müssen.
