Wiesbadener Tschlatt.
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Nr. LI».
Wiesvaden, Samstag, I». März IMO.
88. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
_ 1. Matt. __
Politische Kverstcht.
Kspalpolrtische ResolUtione«.
Es ist im Reichstag üblich geworden, daß ein förmliches Wettrennen zwischen den Parteien in der Einbringung von Resolutionen über sozialpolitiiche Fragen slattfindet, so daß am Ende >rch kaum noch ie- mand durch die Zölle durchzufinden vermag. Eine ernstliche Beratung der Resolutionen kann angesichts ihrer Menge aus Zeitmangel gar nicht stattfinden, infolgedessen werden sie bei mehr oder weniger passender Gelegenheit allesamt vorqenommen. ein Teil abgelehnt, ein anderer angenommen und damit dann überhaupt erledigt, denn nunmehr ruht der Gegenstand dann solange, bis irgend eine Partei die Frage durch Eindringung einer neuen Resolution wieder anregt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß durch eine solche Handhabung das an sich wertvolle und wichtige Recht, durch Eindringung einer Resolution das Anjchneiden einer bestimmten Frage im Parlament zu bewirken, entwertet wird, da Wichtiges und Unwichtiges gleichmäßig unter den Tisch fällt und die Regierung auch den angenommenen Resolutionen kaum Beachtung schenkt. Las hat sich auch diesmal wieder gezeigt, wo bei Gelegenheit der Beratung des Etats des Reichsamts des Innern an einem Tage auch einige Lutzend Resolutionen angenommen oder abgelehnt wurden, ohne daß dies überhaupt in weiten Kreisen Beachtung fand, obwohl neben weniger wichtigen, auch die gegenwärtig aktuellsten Fragen darin enthalten waren. Lo wurden, um einige Beispiele anzuführen, Resolutionen angenoin- men, die die einheitliche Einführung von Wahlurnen, die Borleguna eines Gesetzes über die Pensionsver- stcherung der Privatangestellten noch in dieser Tagung, ferner das Koalitionsrecht der Landarbeiter, ein einheitliches Bergrecht für das Reich verlangen und noch vrele andere. Wenn die Parteien, die durch die Annahme der Resolution ihre Zustimmung zu der betr. Frage zum Ausdruck gebracht haben, sich dahin einigen würden, über ein oder zwei Gegenstände gemeinsam eine solche Resolution einzubringen, sich aber auch auf diese Minderzahl zu beschränken, so würde ihre Beratung und ihre Annahme zu einer eindrucksvollen Kundgebung des Reichstags sich gestalten können, an der auch die Regierung nicht achtlos vorübergehcn könnte. Tamit würde eine Wirkung erzielt und ein
Erfolg erreicht werden, der bei der heutigen Praxis rollig ausbleibt. Da heute Wichtiges und Unwichtiges in bunter Reihe folgt, so kommt nichts zustande und es ist fast schade um die Zeit, die hier aufgewcndet wird Ter Gegenstand erscheint wichtig genug und die Wahrheit der angeführten Tatsachen tritt so deutlich zutage, daß eine Verständigung der Parieren unter- einander in dieser ^rage toof)I angebracht erlchemt.
Zum erste» „K»u«rtag".
Am 24. und 26. März, abends 8 Uhr, werden im großen Saale der Philharmonie in Berlin öffentliche Vorträge stattfinden, die von den Veranstaltern unter dem Namen „Erster Kulturtag" znsammengefaßt werden. Es sprechen: am ersten Abend die Herren Prof. 1>r Walter Schückina über „Kultur und Internationalismus". vr. Friedrich Lipsius aus Bremen über das Thema: „Sind wir noch Christen?", Prof.^Dr. Ludwig Gurlitt über „Trennung von Kirche und Schule". Am Meilen Abend sprechen die Herren: Dr. Walter Vielhaber über „Tie Zukunft des deutschen Protestantismus". Frau Lily Braun über „Tas Verhältnis der inodernen Frau zur Kirche". De. Lothar Schucklng über „Preußische Verwaltung und Kultur". Dr. Rudols Penzig ein Schlußwort.
Kultur läßt sich natürlich an einem Tag _ nicht mach ein Ter erste Kulturtag soll nur die Möglichkeit .zeigen, wie eine neue Kultur sich aus dem jetzigen Chaos entwickeln kann. Es ist gewiß notwendig, daß sich Anhänger einer neuen Weltanschauung z u- saminenschlietzen, wie sie sich durch die theologisch- historische Kritik im Kanipfe gegen die alte blbilsche Tradition und durch die naturwissenschaftlichen Fortschritte in der Richtung der evolutionistischün^ Weltbetrachtung in weiten Kreisen der ^gebildeten Welt schon eingetebt hat. Tie öffentliche Stimmung kommt einer solck)en Veranstaltung jetzt außerordentlich entgegen. Was in Staat, Kirche und Schule als Kultur in Preußen vertreten und weitergegeben wird, entspricht so wenig einem modernen Lenken, Fühlen und Glauben, daß unser Volk, selbst schon die den Kulturproblemen fernerstehenden Kreise eine solche Führung länger nicht ertragen können. Der Widerspruch zwischen staatlicher Lehre, wie sie den Kindern in Kirche und Schule aufgenötigt wird, und den freien Überzeugungen, wie sie im Eltern- hause heimisch sind, wirkt auf die Dauer verwirrend und demoralisierend. Tie größte Sünde bleibt^doch immer die Sünde gegen den heiligen Geist, die Sünde gegen das Gewissen. Wir können und dürfen aus falscher Pietät vor dem Glauben unserer Vorfahren oder vor
den staatlichen Autoritäten unsere eigene Überzeugung nicht verleugnen. Wir haben die Pflicht, uns selbst zu bekennen, zu eigengearteten Persönlichkeiten zu entwickeln und gleiche Entwickelungsmöglichkeit der Jugend zu geben. Auf die Tauer läßt sich Kultur nicht erheucheln: was zunächst als Gehorsam und Pietät geachtet wird, verfällt doch bald eigener und fremder Mißachtung.
Wenn der erste Kulturtag. wie zu gaffen rst. m:t einer ab sterbenden Kultur scharf ins Gericht geht und freie Bahn macht — um mehr als das kann es sich natürlich nicht handeln — für neue Kulturentwickelungen, dann dürfte er eine über den Tag hinausreichende Bedeutung gewinnen. Nicht also kultur- schöpferisch will und kann er wrrlen, Wohl aber dadurch kulturfördernd, daß er Hemmungen anfdeckt und wegräumt und den Kommenden einen Boden ebnet, cuf dem sie sich entwickeln können nach dem Gesetz, „nach dem sie angetreten".
Dis UolMK Chinas i» Tibet und Grrgla«d.
it. London, s. März.
Englands Stellung in Indien wird durch die Vorgänge im Kirchenstaate des Buddhrsmus in sehr hohem Grade berührt und es muß jetzt am eigenen Leibe einmal die Erfahrung machen, wie unangenehm die von ihm mit Vorliebe praktizierte akrive Politik für andere Länder werden kann — auch wenn diese anscheinend im ersten Moment ganz unbeteiligt sind. Die Sache liegt so, daß Tibet, wo China bisher in der Praxis ebensowenig zu sagen hatte wie Indien respektiv England, ein vorzüglicher Pufferstaat zwischen dem Reiche der Mitte und Indien war, das die beiden Himalajastaaten Nepal und Bhutan, südlich von Tibet, bereits in seine Interessensphäre rechnete. Dieser neutrale Puffer verschwindet jetzt. Nepal hat bisher schon in bestimmten Zeitabständen Gesandtschaften nach Peking gesandt, was China als Beweis für seine Su zeränität ansah und wird in Zukunft noch inehr nach Norden gravitieren, um so mehr, als es schon seit langem darnach strebt, an der Neuregelung der Verhältnisse in Tibet mitzuwirken. Bhutan ist eher chinafeindlich und schoiu die zukünftige Haltung dieser beiden Staaten bietet gerade genügend Konfliktsstoff. Dieser wird aber dadurch, daß Chinas Gewalt jetzt ganz direkt bis an Indiens Gicnzen reicht, angesichts der immer wachsenden Solidarität der gelben Nassen noch verstärkt. Im Indian Office geht man sonrit recht sorgenvollen Zeiten entgegen. Um so mehr, als bekanntlich die inuerindischen Zustände nichts weniger als alles zu wünschen übrig lassen.
FemUeton»
WaSdruck verboten.)
Berliner Stimmungsbilder.
Von Paul LiudcuScrg.
Unser Tiergarten! — Eine moderne Völkerwanderung. — Der Sonntagsüummel. — Zur Erinnerung. — Die Redoute Tfru’öerictnna. — Der Alte Fritz in Neu-Berlin. — Schluß bet Fest-Saison. — Weite Interessen. — Deutsche Nordvol- itnb Südpol-Expeditionen. — Naturkunde und Reisen. — Wilhelm Bölsche und Eugen Zabel als Vortragende.
Unser Tiergarten! — Der Berliner sagt diese Worte mit berechtigtem Stolz, und glücklich fühlt er sich, wenn er einen Fremden zum ersten Male nach dem heimischen Park geleiten kann: mit gelassenem Lächeln nimmt er dessen Lobreden entgegen, in seinen Mienen ist ausgedrückt: nun ja, ich wußte es ja, daß er dir gefallen würde, wem gefiele er nicht, unser Tiergarten! — Berlin und der Tiergarten, das ist ein umremwarer Begriff geworden, man kann sich die Stadt ohne letzteren und diesen ohne die Stadt gar nicht vorstellen, was wäre Berlin ohne den Tiergarten, was der Tiergarten ohne Berlin! Das fröhliche Lächeln der Weltstadt, ein Stückchen Poesie im rauschenden Trubel des nimmermüden Treibens und Kreisens, so erscheint uns stets dieser schöne Park, welcher in seinem Umfang und seinen Anlagen nicht so leicht seinesgleichen findet und dessen unschätzbaren Wert ein großer Teil der Einwohnerschaft wohl zu würdigen weiß. Aber scheinbar noch niemals so gewürdigt hat, wie am letzten Sonntag! Gerad' um die Mittagsstunde war's, als sich von allen Seiten der gewaltigen Stadt her die moderne Völkerwanderung in Bewegung letzte und bei idealem Vorfrühlingswetter „unserem Tiergarten" zustrebte. Immer einzelne Züge, stets von mehreren hundert Menschen gebildet, Männer, auch Frauen, selbst Kinder, die meisten in feiertäglicher Gewandung, in gelassener Ruhe einhermarschierend, manche ein gewisses Lächeln in den Mienen, so mit dem Ausdruck: „Es ist ein guter Spaß!" Und viele von denen, die durch einen Zufall diesen Anmarsch sahen und sofort wußten, daß der für den Treptower Park versagte sozialdemokratische Wahlrechts- jpaziergnng sich nun nach dem Tiergarten richtete, teilten Lächeln und sagten gleichfalls: „Es ist ein guter Sv aß!"
Denn sie stellten sich im Geist vor, wie ein mächtiges Polizeiaufgebot jenen Park ängstlich hütete, während sich unterdessen die Szenerie gänzlich verändert hatte, und der „Spaziergang" ganz gemächlich und gemütlich im Tiergarten aus- geführt wurde. Und da Schadenfreude bekanntlich dre reinste Freude sein sßll, sah man an jenem besagten Mittag zahlreiche vergnügte und schmunzelnde Gesichter! Daß sie sich später in sehr unmutige und zornige umwandettcn, als man von den polizeilichen Ein- und Angriffen erfuhr, hatte man nicht erwartet, denn auch der Schreiber dieses konnte sich an verschiedenen Stellen durch den Augenschein überzeugen, mit welcher erstaunlichen Disziplin und merkwürdigen Gelassenheit sich die Völkerwanderung vollzog, bei deren einzelnen, sich so harmlos gebärdenden Teilen man nicht an die leicht gefährlich werdende Suggestion der Massen dachte.
Übrigens wird Wohl kaum einer der ungezählten — das Wort patzt hier wirklich, denn die Angaben über die Zahl der „Spaziergänger" schwanken zwischen 20 000 und 200 000! — Teilnehmer jenes noch nie dagewesencn Bummels daran gedacht haben, daß sie es einem Berliner zu verdanken haben, wenn sie ihr eigenattiges Sonntagsvergnügen im lenzdurchwehten Tiergarten ausführen konnten — Friedrich dem Großen! Denn sein Vater, der gestrenge Friedrich Wilhelm I., hatte den ernstlichen Plan gehegt, den gesamten Park abholzen zu lassen, um das Holz zu verkaufen. Das wurde durch die Thronbesteigung Friedrichs verhindert, der auch am Tiergarten seinen Schönheitssinn erproben konnte, indem er ihn durch den Frciherrn von Knobelsdorf völlig umgestalten und zu dem machen ließ, was der Tiergarten noch heute ist — zu einem anheimelnden, einem schönheits- und friedvollen Park. Von Knobelsdorfs rühren übrigens auch die „Labyrinthwcge" her, die uns noch immer das Zurechtfinden erschweren, und er hatte ferner überall die zahllosen Götter- und Göttinnenstatuen aufstellen lassen, zwölf von ihnen allein aus dem „Großen Stern", den deshalb die Berliner nie anders wie Puppenplatz nannten, woher das bekannte Wort „bis in die Puppen" stammt.
Die kleine Erinnerung an den Alten Fritz ist wohl in diesen Tagen gestattet, in denen sein Bild uns auf der Bühne — in dem beifällig aufgcnommencn „Philosophen von Sanssouci" — und im Ballsaal in getreuer Verkörperung geaenübertrat, Es war eine glückliche und oOln- zend durchgefübrte Idee, zu wohltätigem Zweck eine „Re
doute Friedericiana" zu veranstalten und in den gewaltigen Ausstellungshallen am Zoo von begabten und emsigen Künstlerhünden den entsprechenden dekorativen Rahmen aus dem Friedericianischen Berlin schaffen zu lassen: hier der Pariser Platz mit seinen beiden kleinen, altersgrauen Wach- und Akzise-Häuschen (die an Stelle des heutigen Brandenburger Tores standen), dort der Tiergarten mit den „Zelten", mit lauschigen Gebüschen, freundlichen Ruheplätzen unter Nadelholz- und Laubdächern, mit Rasenflächen und Promenadenbänken, all' das künstlerisch fein empfunden und ebenso ausgcführt. Und belebt von Hunderten und aber Hunderten im Stile der Zeit kostümierter Damen und Herren, zu denen sich freilich noch weit mehr in moderner Festtracht gesellten. Rach dem Erscheinen des Kronprinzenpaares und des Prinzen August Wilhelm mit seiner Gemahlin, die, von der 'unermüdlichen Vorsitzenden und um das Fest so verdienten Frl. Betth von Ravenstein und Generalleutnant Freiherrn von Dincklage begrüßt, in dem Fürstenzclt ihre Plätze einnahmcn, verkündeten schallende Fanfaren das Nahen des Festzuges, dem zwölf berittene Trompeter, den Hohensriedberger Marsch blasend, eröffnten. Ihnen folgte Friedrich der Große aus seinem Schimmel Conds, umgeben von seinen getreuen Feldherren Zielen, Schwerin, Seidlitz und gefolgt von einem bunte» Schwarm seiner Kerntruppen, Kürassieren von Regiment Gensdarme, Infanteristen, Trommlern, Pfeifern, denen sich der Hofstaat des. Königs anschloß, eine ganz besonders malerische, reizvolle Gruppe: in einer vierspännigen
goldenen Staatskarosse die beiden «Schwestern des Königs, Sophie Friederike, Markgräfin von Bayreuth — reizend dargcstelli von der jugendlich-schönen Frau Professor Alice Manzel — und Sophie Dorothee, Markgräfin von Schwedt mit den begleitenden Damen, Gräfin Zicten-Schwerin, Gräfin Dohna und Gräfin Rcnard, in einer Sänfte di« Tänzerin Barbarina, in einem Reisewagen Voltaire. Hinterher zog würdevoll die aus zwanzig Personen bestehende tatarische Gesandtschaft in prunkenden orientalischen Gewandungen, denen sich die Mitglieder des Magistrats van Berlin in roten Talaren wie der Bürgerschaft und der Fünfte anschloß, und jetzt schwirrte und surrte jauchzend das fahrende Volk heran mit fiedelnden Zigeunern, lustigen Tänzerinnen und Springern, Bärenführern. Quacksalbern, .Hanswursten. Marketenderinnen, ein buntfarbig frohes Gewühl. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des ZugeÄ
