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Nr. 117.
Wiesbaden, Freitag, 11. März 1910.
gj t fcte Ausnabme von Anzeige» an de» vorgelchrieüenen Tagen wird keine Gewähr übernommen.
S8. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Att-rlt.
Sll;ia!poMische Umschau.
• Anfang März.
Wenn man die öffentlichen Zustände mit schönen Reden bessern lömrle, so würden wir nicht viel zu Nagen haben. Aber Worte verwehen im Winde und nur die Tat bleibt. Auch Staatsmänner soll man nicht nach ihren Worten, sondern nach ihren Werken beurteilen. Der neue Staatssekretär des Reichsamts des Innern Exzellenz Delbrück hat hierin Nichts voraus. Er hielt in den letzten Tagen sowohl mr Preußischen Abgeordnetenhause wie im Reichstag so etwas wie sozialpolitische Programmreden, die viel Beifall gesunden, aber auch sehr bald ernüchternd gewirkt haben, wenn man die Stellung des Staatssekretärs zu den einzelnen sozialpolitischen Tagessragen ins Auge saßt. Sein Vcr- Hullen gegenüber bem rheinisch-westfälischen ZechenverbarlD und seinem Arbeitsrmchweis haben die Arbeiter und auch viele bürgerliche Sozialstolitiker sehr enttäuscht. Die Folgen werden sich zeigen, sobald dort der Bogen etwas straff gespannt wird und die Geschäftslage den Bergleuten günstig ist. Sie haben die feste Absicht, die Fessel des Zwangsarbeitsnachweises durch einen allgemeinst Streik, ftir den auch die christlichen und nationalen Bergleute sind, zu brechen, und eine gewaltige Erschütterung der deuffchen Volkswirtschaft wird die voraussichtliche Folge sein. Ein Staatssekretär für Sozialpolitik sollte an diese verhängnisvolle Situation nicht als Bureaukrat, sondern als Sozialpolitiker herantretcn und unbedingt dafür sorgen, daß Hundetttaus-nden von Arbeitern nicht eine Fessel angelegt wird, die sie in ihrer Freizügigkeit, in ihrem ehrlichen Erwerb beeinträchtigt und die zu erbitterten Kämpfen führen kann. Hier helfen nicht schöne Worte, sondern mir umsichtige Taten!
Auch das Arbeitskam mcrgesetz, das Herr Delbrück in nächster Zeit vor dem Reichstag zu vertreten hat, befriedigt in der vorliegenden Fassung der Regierung weder die Unternehmer noch die Arbeiter. Wozu also der Lärm? Aber die Regierung will von ihrem Kinde nicht lassen, und so werden wir wahrscheinlich abermals ein weitschichtiges Gesetz mit einem großen Apparat von Ausführungsorganen erhalten, das zwar nicht gänzlich zwecklos sein, aber doch bei weitem nickt die gewünschte sozialpolitische Wirkung haben wird. Die Pri v atb e amt env ersicheru n g, die Witwen- und Waisenversicherung. der Ausbau unseres gesamten Arbeiterverstcherungswesens sind Fraaen, die nur durch ein tatkräftiges, sottschrittssreundliches Wollen gefördert werden.
Allerdmas. neben die Tatkraft hat unser finanzielles Schicksal im Reiche gleich das Defizit gesetzt. Der Staats
sekretär kann den besten Willen, die größte Energie und auch Geschick zur notwendigen Lösung wichtiger sozialer Probleme besitzen, das alles wiegt federleicht gegenüber den mit jedem Jahre sich steigernden Ansprüchen seines Kollegen von der militärischen Fakultät. Die ungeheuren Milt- tärlasten, die das Reich trägt, verschlingen den größten Teil unserer Einnahmen, so daß, an ihnen gemessen, für die sozialpolitische Entwickelung und manche anderen Knlturbedürsnisse eigentlich nichts mehr als die B r o - (amen übrig bleiben, die vom Tische des Milrtar- etats abfallen. Nichts ist heute möglich ohne Geld; auch Sozialpolitik kann man nicht treiben ohne eine volle Börse. Daß man das den Witwen und Waisen der Arbeiter gegebene Wort, daß man die den Privatbeamten gemachten großen Versprechungen in absehbarer Zeit nickst wird einlösen können, daß so manche sozialpolitische Ausgabe, die gelost werden muß, nicht gelöst wird, ist viel weniger aus den Mangel an gutem Willen als auf den Mangel an Mitteln zurückzuführen. „Die Überlegung kränkt mit bleicher Farbe das Angesicht des feurigsten Entschlusses" - auch bei unseren Staatsmännern, sobald die Geldfrage in Betracht kommt. Nur für alles, was Heer und Marine betrifft, haben wir in Hülle und Fülle; ein Zustand, dessen Änderung durch vernünftige, friedliche Vereinbarungen der Großmächte auch sozialpolitisch von weitreichender Wirkung sein würde.
Auch der beabsichtigte bessere Schutz der Heimarbeiter bleibt gegen manche berechtigte Forderung zurück. Man kann cs allerdings billigen, daß im Interesse der Heinl- arbeiter selbst und des Erwerbslebens ein gewisier Spielraum in den Bestimmungen über Arbeitszeit und Betriebsstätten gelassen wird, aber der jetzt dem Reichstag abermals vorgelegte Entwurf eines HauSarbeitergesetzes hat so viele Lücken und macht die Durchführung so häufig von dem Befinden der Polizei abhängig, daß man keine rechte Freude an dem Entwurf haben kann. Immerhin bedeutet er einen Fortschritt, und es ist rricht zu bezw.ffcln, daß.« wenigstens die gesundheitlichen Verhältnisse der Hausarbeiter, wenn er Gesetz wird, günstig beeinftussen kann, besonders wenn auch die Kinderarbeit im Sinne der gesundheitlichen An- fordeninn.cn geregelt wird, was durch Verordnung des Bundesrats geschehen soll. Gerade in der Hausindustrie ist bei deren bisherigen unhygienischen Verhältnissen die 0terbticfyfcit eine hohe. Im allgemeinen tft diese bekanntlich in den letzten Jahrzehnten ständig zurückgegangen; d. h., die Lebensdauer ist eine längere geworden. Es wird das ziffernmäßig in einem kürzlich erschienenen Bande der Statistik des Deutschen Reiches dargelegt, der eine neue Berechnung der Sterbetafeln für das Jahrzehnt 1.891 bis ,900 enthält. Für die mittlere Lebensdauer des männlichen Geschlechts ergab sich aus den Sterblichkeitsverhältnissen der siebziger Jahre ein Zeitraum von 35,38, aus denen der neunziger 40 56: für das weibliche Geschlecht 38,45 und 43.97. Die wahrscheinliche Lebensdauer ist nach diesen Berech
nungen von den siebziger bis zu der: neunziger Jahren beim männlichen Geschlecht von 38,1 aus 48,85, bei dem weiblichen von 42,5 aus 54,9 gestiegen. Aus Grund zuverlässiger Feststellungen ist also eine erhebliche Verlängerung der durchschnittlichen Lebensdauer nachgewiesen, eine Folge der gesteigerten Sozialhygiene nnd der ausgedehnten planmäßigen Arbcitersürsorge.
Ein weiterer erheblicher Schritt aus diesem Wege wird getan sein, wenn es gelingt, den Alkoholmitzbrauch aus seiner heutigen Bedeutung als soziales Übel auf den engeren Raum der Einzelerscheinung zurückzudrängen, wozu bei den guten Fortschritten der Mäßigkeitsbewegung heute die besten Aussichten vorhanden sind. Zu erwähnen ist noch, daß in nächster Zeit, wie es heißt, dem Reichstag auch ein Gesetzentwurf über Wertzuwachs st euer zugehen soll, der allerdings auf viele Schwierigkeiten stoßen wird.
Deutsches Reich.
* Der konservative Übermut. Die „Kreuz-Zeitung" ist empört über die liberale Presse, die dem königlichen Polizeipräsidium für seine ausgezeichneten Leistungen kein Lob gespendet hat. Aber auch die „Kölnische Zei- tun g", die — aus der Entfernung — die Haltung der Berliner Polizei „ruhig und kaltblütig" fand und nicht nur das Geschick, sondern sogar das Glück (!) des Herrn v.Jagow rühmte, wird von der „Kreuz-Zeitung" heftig angegriffen und denen, die „ein klägliches Schauspiel bieten", beigesellt. Die „Kölnische" hat nämlich geschrieben: „Die geistige Bewegung, die als Seele diesem äußern Massengebvt innewohnt, läßt sich nicht niederknallen." Und sie hat weiter mit Recht erklärt: „Der vollen Verantwortung für einen blutigen Ausgang hatten sich die konservative Partei und die „Volkspartei", die sich Zen- trum nennt, nicht zu entziehen vermocht." Diess beiden Parteien haben, Wie das nationalliberale Organ aussührt, „in ihrem die Gottheit herausfordernden Übermut" die gegenwärtige Krisis herausbeschworen. Man könnte wohl hinzufügen, daß auch di« Regierung, die doch schließlich die Wahlrechtsvorlage eingebracht, ihr möglichstes dazu getan. Aber obgleich die „Kölnische Zeitung" so weit gar nicht geht, wird sie von der „Kreuz-Zeitung" doch zu den „Spaltpilzen" gezählt.
e- Die Sozialdemokraten im Landtag. Die deutsch« Volkswirtschaftliche Korrespondenz berechnete den sicheren sozialdemokratischen Gewinn, der sich allein aus den bisherigen Kompromißbestimmnngen der Wahlrechtsvorlage ergibt, folgendermaßen: Völlig sicher wären den Sozialdemokraten folgende Wahlkreise: Berlin 12, Berlin 10.
Schöneberg-Rixdorf, Altona, Pinneberg, Berlin 8, Berlins, Berlin 4," Lennep-Remscheid-Solingen (3 Abgeordnete), Storman-Wandsbek. Dieses Dutzend Mandate wäre den
Frrülletorr.
(Nachdruck verboten.)
Die verschwURöene MMaröe«
Paris, 9. März.
In polnischen Kreisen wurde seit einiger Zeit ge- muukclt, daß die Republik vor einem neuen „Panama" stehe. War die große Betrngsaffäre der Marinelicferanten damtt gemeint, die in Toulon zu einer Anzahl Verhaftungen geführt hat? Rein, das war nur mehr ein „lokaler" Skandal. Der nationale ist in der Haupfftadt selbst ausgebrochcn; man weiß heule, waS unter dem neuen „Panama" gemeint war. Die gestrige Verhaftung des gerichtlichen LiquidatorsDuez, der eingestand, „zwischen fünf und zehn Millionen Frank" von dem staatlich beschlagnahmten Klosterbesitz gestohlen zu haben, das grelle Schlaglicht, das diese Enthüllung auf die schon lange mit Mißtrauen beobachtete „Einziehung der Kirchengüter" durch die ministeriellen Vertrauensmänner wirft, bedeuten einen harten Stoß filr das parlarncntarische Regime; die Rückwirkung könnte sich hei den Neuwahlen im Frühjahr fühlbar machen. Bei der großen Unterschlagung handelt es sich nicht um ein gewöhn- kiches Verbrechen, das mit der Bestrafung des Schuldigen auS der Welt geschafft ist. Der „Fall Duez" wird ein Prozeß sein, der den politischen Herren Frankreichs gemacht wird; soweit ihre Ehre unantastbar ist, wird man ihnen Ver- waltnngsunsähigkeit vorwersen. Die kurze geschichtliche Darstellung der Liquidation beschlagnahmter Kirchengnter beweist, daß von Anfang an gewisse unlautere Elemente Bor- bereitcmgrn trafen, sich im Kulturkampf persönlich zu bereichern-nach jederSchlacht hinter denTruppen dieMarodeure.
Die Milliarde der Kongregationen! Als Waldeck- Rousseau sich crnschtckte. die Republik gegen die klerikale Gefahr mobil zu machen, bedurfte er wie alle Parlamentarischen Führer, die hüüer sich eine starke Partei konzentrieren wollen, emes Schlagworts, das großen Eindruck aus die VolkS- Kc ff n , auSzuüben vermochte. Er behauptete also kühnlich, patz die im Lande überhand nehmenden Klostergemeinschaften eine Milliarde Vermögen an sich gerissen hätten. Dieser Besitz in der „toten Hand" erschreckte viele Patrioten; je p^t-T der Kulturkampf voranschritt. ie deutlicher wurde es.
daß der „Bloc" hinter Waldeck-Rousseau und dann hinter Combes weniger noch gegen die Kongregationen selbst als gegen ihre Milliarde Sinrnr lies! Als die Auflösung der nicht gesetzlich ermächtigten religiösen Gemeinschaften verordnet wurde, ging ein Wouneschauer durch das ftanzostscye Volk: Die Milliarde der Mönche und Nonnen würde unter alle Bürger verteilt werden. L-ider hörte man, daß cs mit der Verteilung nicht sehr schnell gehen werde. Die Kongregationen hatten vor ihrer Verbannung Zeit gehabt, ihre Häuser mit Hypotheken zu belasten, Schulden zu machen und recht viel Bargeld ins trockene zu bringen, d. h. nach Rom. Die beschlagnahmten Klostergüter befanden sich in schlechtem Zustand, die vom Staat übernommenen materiellen Verpflichtungen waren sehr kompliziert — kurz, es mußten gerichtliche Liquidatoren ernannt werden, beauftragt, Ordnung in die fromme Hinterlassenschaft zu bringen, die Schulden zu bezahlen und herauszurechnen, was aus Soll und Haben schließlich für den Staat übrigblciben werde. Die gerichtlichen Liquidatoren waren höchst achtbare Leute, so hieß es, da sie für die Ziviljustiz das Vermögen Umnündiger verwalteten und mit allerart sehr vertrauensvollen Finanzgeschäften zu tun hatten. Ministerpräsident Eombes glaubte die Fortsetzung seiner antiklerikalen Arbeit in den besten Händen, als ihn die Untreue seines „Bloc" zur Demission zwang.
Wo blieb die Milliarde der Kongregationen? Die Jahre vergingen seit der Beschlagnahmung der Klostergüter; nie- maird vermock)te eine Auskunft darüber zu geben, wie groß auch nur annähernd das Erbe des Staats sein werde. In Kammer und Senat wurde ab und zu interpelliert; katholische Redner behaupteten, die Regierung sehe sich zum Eingeständnis gezwungen, daß die berühmte Milliarde nur ein Bluff gewesen sei, daß die armen verbannten Mönche und Nonnen kaum über einige MMonen verfügt hätten, die jetzt von gewissenlosen Leuten vergeudet würden; die Minister antworteten unabänderlich, die Liquidatton wäre so verwickelt, daß die gerichtlichen Experten noch immer nicht am Ende ihrer Arbeit angelangt seien. Am 29. Dezember 1907 verlangte der Konservative Le Provest de Launsy im Senat die Ein- setzung einer parlamentarischen Untersuchungskommisston; der „Rapport über di- Liquidatton der aufgelösten Kouqre- gationrn" war endlich verteilt worden — ein RiescnbaNd mit einem unbeschreiblichen Wirrwarr von Ziffern und - Notizen ohne dcfinilive Schlußfolgerungen! Groß war die
Überraschung, als Emile Combes sich diesem Anttag anschloß und sagte: „Mein Werk darf nicht kompromrttiett
werden; wenn Unregelmäßigkeiten vorgekommen sind, so müssen sie ihre Sttase finden; wir wollen Klarheit!" Die Kommission wurde errrannt und Combes zu ihrem Präsidenten. Justizminister Guyot-Dessaigne, der sich bei der Aufstellung des Riescnrapports mit den Liquidatoren sehr übermüdet hatte, wurde vom Schlage getroffen uitd starb im Senatsgebaude. Sein Naässolger Briand ließ sich Sand in die Augen streuen und erklärte der Konimission schon einen Monat später, er habe die besonders verdächtigen Abrechnungen nachgeprüft und richttg besundetl. Doch es dauette nicht lange und er wurde anderer Meinung. Einer der Liquidatoren, Duez, hatte allein für die Liquidatton der Franziskaner-Mönche den Advokaten 20 374 Frank, den übrigen Rechtsbeiständen 83 675 Frank, „anderen Persönlich- leiten" 21 845 Frank gegeben, und für seine eigenen Wagenkasten 5227 Frank notiert! In der Liquidatton der Brüder christlicher Schulen hatte Duez 200 000 Frank Honorare an sein Personal verteilt! Insgesamt beliefen sich seine Kosten f'ir 11 Liquidationen schon Ende 1908 auf 1100000 Frankl Combes und seine Un: ers,- chungsk ommis st an waren außerstande, von Duez genaue Abrechnungen zu erhalten. Minister Briand selbst richtete Befehl aus Beschl an den Generalstaatsanwalt, daß er von seinem Untergebenen Duez definitive Auskünfte einzuholen habe — der Liquidator zeigte sich höchst erstaunt über die allgemeine Ungeduld und führte seine Besucher vor die Berge von Teilrechnungen und Rappotte, die sich bei ihm auftürmicn; er besaß über einzelne Kongregationen bis 1809 verschiedene Dossiers. Mit seiner Arbeitsüberlastung entschuldigte er die Verspätung und Unordnung. Inzwischen hatten die Liquidatoren, um sich gegen die Angriffe aus parlamentarischen Kreisen zu vetteidigcn, eine Vereinigung gebildet, deren Präsident Herr Lemarquis und deren Syndikus — Herr Duez wurden! Die Vereinigung hatte den Zweck, vietteljährlich eine gemeinsame Abrechmmg über den Aktiven- nnd Passtvenbestand der KongregationK- hiMerlassenschasten aufzustellen. Dieser lobenswerte Gedanka konnte aber niemals ausgeführt werden, weil der Haupt« ltquidator bei keinem Vierteljabresabsckluß seine Verpftich- ttrng cinbielt; der Svndikns selbst streikte! Der flttästden» Lemarquis ließ sich eine Zcitlaug von Duez nasführen; dann aber gelang es ihm. eine 'Abrechnung dieses LiguidatorZ
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