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Nr. 113 .
Wiesbaden, Mittwoch, V. März LSL0
68» Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt._
Nslitischr Kbrrstcht.
Z«m roten Sonntag in Kerltn
schreibt auch die „Liberale Korrespondenz": Leider ist am Sonntag in Berlin Blut geflossen. Wenn es aber nicht schlimmer gekommen ist, als es kam, so ist dies sicherlich nicht auf das Verhalten der Polizei zuruckzu- führen. Diese hat gestern t trotz einiger gut geglückter Attacken eine schwere Niederlage erlitten; mehr noch, sie hat eine ihre Reputation stark beeinträchtigende Blamage davongetragen. Tie Wahlrechtsspazier- gänger tauchten ganz wo anders auf, als wo man sie mit Aufgebot von Tausenden von Schutzleuten erwartet hatte. Reichstag und Tiergarten waren Zeuge des Massenwillens. Die Polizei, die wohl am liebsten am Sonntag das herrliche und zum Spazierengehen mit und ohne Temonstrationszweck geradezu herausfordernde Frühlingswetter abbestellt hätte, sollte aus den Borgängen nun wirklich die Lehre ziehen, daß friedliche Bewegungen von Hunderttausenden aus der Straße sich nicht unterdrücken lassen, da öie Massen, von einem.Punkt abgedrängt, doch schließlich irgendwo bleiben müssen und so ganz von selbst wieder neue Demonstrationsherde bilden. Am letzten Ende ist eine friedliche Menschenmenge doch mächtiger, als ein noch so großes Aufgebot von Polizisten, die die „steile Höh'", wo die „Fürsten steh'n", immerhin nicht auf allen Punkten zugleich verteidigen können. Die Absperrungs- und Abdrüngungsmaßnahmen finden schließlich ihre Grenze an der physischen Kraft der Schutzleute, die doch Nur nach Lausenden zählen und unter dem unerhört angestrengten Dienst schwer zu leiden haben, während die Masse nach Hunderttausenden zählt und daher stets frisch und jung sein kann. Sie kann, wenn sie es darauf anlegt, die Polizisten mürbe und weich machen; die Polizei ihrerseits aber bekommt die Massen nicht klein, solange wie diese sich so diszipliniert verhält, daß Säbel und Revolver schlechterdings nur in vereinzelten Fällen in Aktion treten können.
Über den Wert von Straßendemonstrationen kann und soll hier nicht geurteilt werden. Ihre suggestive Kraft ist unbestreitbar. Ihre politische Einwirkungskraft auf die maßgebenden Faktoren mag gering oder vielleicht sogar — in Preußer^ — nachteilig sein. Aber die Polizeidemonstrationen sind ganz sicherlich nach den verschiedensten Richtungen hin verkehrt. Cassel, Essen, Magdeburg und erfreulicherweise diesmal auch .Halle haben am Sonntag gezeigt, daß der Frieden der Bevölkerung, die Sicherheit des Verkehrs am besten gewahrt wird, wenn die Polizei Umzüge und Versammlungen unter offenem Himmel ruhig zuläßt und sich
möglichst im Hintergründe hält. Tie Berliner rönnen das auch, was die Bevölkerung jener Städte kann. Sie sind in ihrem Gros mindestens so friedfertig und wohldiszipliniert. Wenn man aber amSonntag die ungeheuerlichen Vorkehrungen der Polizei, die Absperrung ganzer Straßenzüge sah, die Schutzleute mit ihren umgeschnallten Revolvern, dann mußte das verbitternd und aufreizend wirken, und wir können nur die grandiose Selbstbeherrschung bewundern, die die Massen gegenüber solchem Kriegsausgebot zu bewahren verstanden. Ausländer und Süddeutsche, die in Berlin weilten, schüttelten den Kops und erhielten einen eigenartigen Begriff von der preußischen Freiheit und dem Vertrauen auf dieses Volk, das in stiller, emsiger Arbeit dem preußischen Lande die Werte schafft. Tie herbsten Urteile über die Berliner Polizei flössen am Sonntag vielleicht aus dem Munde bürgerlicher Elemente, die.den Belagerungszustand als eine Beeinträchtigung ihrer eigenen Rechte und als eine U n w ll r d i g k e i t empfanden. Bei dem Festessen der Fortschrittlichen Volkspartei waren es namentlich die Abgeordneten Haußmann, Naumann und Ablaß, die dem Unmut . über die Polizeimaßnahmen lebhaften, von den Festteilnehmern durchaus geteilten Ausdruck verliehen.
Die Fortfchvrtrlichr Molkspavlei.
Die jetzt vollzogene Einigung der freisinnig-demokratischen Parteien wird von den Berliner linksliberalen Blättern lebhaft begrüßt.
Die „Voffische Zeitung" schreibt: „Nachdem die Einigung erreicht ist, ist nichts zeitgemäßer als die Mahnung: „Seid einig!" Wird sie allenthalben befolgt, so wird der entschiedene Liberalismus einen erfreulichen Aufschwung erfahren, wird er die wünschenswerte Anziehungskraft ausüben, und — trotz aller Ungunst der Verhältnisse, er wird werden, was wir brauchen: die große liberale Partei. Sie wird dann über kurz oder lang in engere, wenn nicht organische so doch taktische Beziehungen zu den National- liberalen gelangen und dem freiheitlich gesinnten Bürgertum die Geltung im öffentlichen Leben erringen, die ihm nach seiner geistigen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leistungsfähigkeit zukommt."
Von der „Freisinnigen Zeitung" wird mit besonderem Nachdruck darauf hingcwiesen, daß die jetzige Fusion Dauer verspreche: „Der Wunsch, aus dem drcigeteilten Gefüge der linksliberalen Parteien eine einheitliche Partei zu schaffen, ist schon ziemlich bejahrt. Er faßte Wurzeln, als die Wunden, die durch die jähe Trennung im Jahre 1893 auf- gerissen worden waren, mit der Zeit zu verharschen begannen; als die damaligen Gegensätzlichkeiten mehr und mehr in die geschichtliche Vergangenheit zurücksanken und die in den tiefsten Gründen der politischen Gesamtüberzeugung verankerte Zusammengehörigkeit, die Gleichheit des Wollens und Handelns mehr und mehr in den Vordergrund rückte. Es gab iricht wenige, in allen drei Parteien, denen die Entwicklung zu langsam ging; die darauf drängten, daß,
Feuilleton.
Geiler von ttaisersberg.
(Zur 4M. Wiederkehr seines Todestages, IO. März 1510.)
Der mächtige, weihevolle Raum des Straßburger Münsters ist in der Fastenzeit eines Jahres um die Wende des 15. Jahrhunderts von einer dichten Menschenmenge an- gofüllt. Sie drangen sich um eine prächtige Kanzel an dem vierten Pfeiler des mittleren Längsschisses, ein Meisterwerk spätgotischer Holzschnitzerei. Aus der wirren Fülle überladener Ornamentik tauchen heilige und profane Gestalten ans, neben dem gekreuzigten Christus, den Aposteln, Heiligen und Engeln schieben sich derb scherzhafte, komisch groteske Figuren hervor, ttn bunten Wechsel himmlisches wie irdisches Geschehen abspiegelnd. Die Kanzel, zu der die Andächtigen gespannt einporstarren, ist eine Arbeit des Meisters Johannes Hammerer; er hat sie 1486 aus Befehl des Rates für den berühmten vr. Johannes Geiler von Kaisersberg errichtet, den größten Kanzelredner seiner Zeit. Bis dahin hatte der fromme Mann in der Lorenz-Kapelle des Domes gepredigt; aber sie hatte sich als zu klein erwiesen, um die Herbeiströmenden zu fassen; denn immer größer wurden die Scharen der Hörer, die zum Münster kamen, seit Geiler im Jahre 1473 das Predigtamt übernommen. Vorher war's häufig leer gewesen im Dom, oder auch wüst war es zugegangen, wenig gottesfürchtig und gar nicht andächtig. Die Bettelmönche, die predigten, hatten die Gemeinde durch lustige Geschichten und Possen amüsiert, hatten sich mit den Weltpriestern in'den Haaren gelegen; statt die Zuhörer fromm zu sttmmen und zu erbauen, hatten sie böse Instinkte in den Gemütern erregt, Unfrieden und Gottlosigkeit. Mußte doch !ogar einmal der Rat di« Münstc-rkanzel überhaupt verschließen lasten, um ernstlichen Unruhen vorzubeugen. Da machte der opferfreudige tüchtige Bürgerstnn des Ammeisters ffiiptor Schott diesem lästerlichen Treiben ein Ende. Aus
seinem eigenen Verinögen wies er der Stadt eine beträchtliche Summe an, die zu dem Unterhalt eines Predigers bestimmt war, der keinem Orden angehören und über dem Gezänk der verschiedenen theologischen Richtungen stehen, ein Doktor der Gottesgelahrlhcit und ein frommer würdiger Mann sein sollte. Die Wahl sür diese Stelle fiel auf den
Profeffor an der hohen Schule in Freiburg, den aus Kaisersberg stammenden Johannes Geiler, der sich damals mit seinen 33 Jahren durch seine Gelehrsamkeit und seine Predigten schon einen weithin verbreiteten Ruf erworben hatte. Die Universitäten von Basel und Freiburg hatten sich ernst darum gestritten, ihn als Lehrer zu besitzen. Zugleich mit dem Straßburger Magistrat bemühten sich die Stadt Würz- bura die ihm die ansehnliche Summe von 200 Dukaten jährlich bot der Bischof von Augsburg, ja, der Erzbischof von Cöln um ihn. Sein eigentlicher Ruhm aber nahm erst von Straßburg seinen Ausgang. wo er 38 Jahre lana bis zu
was jetzt geschieht, schon früher geschehen sollte. Es gab andere, die Bedenken und Sorgen nicht zu unterdrücken der- mochten; die bremsten, weil sie meinten, ein vorschnelles Vorgehen könnte am Ende die Geschlossenheit und Aktionsfähigkeit der Partei gefährden. Allein das kann und mutz festgestellt werden: jene Bedenken entsprangen nicht etwa aus einer Abneigung gegen eine große linksliberale Partei, aus einer Abneigung, mit den Gesinnungsverwandten von der anderen Observanz gute Kameradschaft zu halten und zu pflegen, sondern nur aus dem Zweifel, ob der richtige Zeitpunkt schon gekommen sei. Der grundsätzliche Wille zur Einheit und Einheitlichkeit war überall lebendig. Fetzt aber werden und müssen alle Bedenken und Zweifel verstummen; jetzt, da die aus den Wählerschaften selbst geborene Bewegung an ihrem Ziel steht. Von einem „Zn langsam" oder „Zu rasch" kann nicht mehr die Rede sein. Wie eine reife Frucht wird die Einheit vom Baume der Entwicklung gepflückt."
Auch das „Berliner Tageblatt" ist hoffnungssreudig: „Eine liberale Partei wird nie das brutale Interesse einer Klasse oder den Kirchhofsfrieden des Dogmas als einziges und letztes Ziel anstreben können. Das Gehorchen in schweigender Demut, auch wo Verstand und Wille sich dagegen auflehnen, ist dem Wesen des Liberalismus schnurstracks zuwider. Freiheit der Meinung, Freiheit des Wortes im eigenen Hanse wird keine liberale Partei ihren Anhängern versagen dürfen, ohne die Quellen ihrer Kraft zu verschütten. Nur im lebendigen Gedankenaustausch, in mutiger Selbstkritik kann der Liberalismus sich frisch und jung und widerstandsfähig erhalten. Im Aussprcchen abweichender Meinungen untereinander liegt keine Gefahr, was aber im gegenwärtigen Augenblick unbedingt gefordert werden mutz, ist die Einheit des Handelns nach außen. Nur aus dem Weg innerer Duldsamkeit und äußerer Geschlostenheit — einem Weg, über dessen Schwierigkeiten man sich auch in festlich gehobener Stunde nicht zu täuschen braucht — nur auf diesem Wege wird die neue Partei die Politik der Sammlung und Einigung, die sie entschlossen begonnen hat. erfolgreich weiterführen; nur auf diesem Wege wird sie rechts wie links die moralischen Eroberungen machen können, die zum endlichen Siege des liberalen Gedankens unerläßlich sind. Freiheit des Wortes und Einheit der Tat! In diesem Zeichen grüßen wir dre neue Partei mit einem hosfnungsfrohen Glück auf."
Die „Frankfurter Zeitung" schreibt am Schluffe eines längeren Begrüßungsartikels: „Um den gesteckten Zielen näher zu kommen, um Geltung zu finden im Reich- und praktisch mit Erfolg zu wirken, da genügt es nicht, Beschlüsse zu fassen und Hoffnungen auszusprechen, da muß vielmehr nun erst recht die intensive Arbeit einsetzen. Die geeinte Partei wird nach allgemeiner Überzeugung größere W erbe kraft haben. Diese gelt es auszunntzen. Die praktische Arbeit muß nun beginnen, mit vereinten und dadurch verdreifachten Kräften, in den Städten wie auf dem Lande. Die Arbeit auf dem Lande wurde vom Abgeordneten Mommscn besonders nachdrücklich empfohlen, und verschiedene Redner, die in dieser Arbeit praktische Ersah-
seinem Tode unermüdlich wirkte; die Bürger verehrten ihn und drängten sich Kops an Kops um seine Kanzel, um seinen eifervollen Worten, seiner glanzenden Beredsamkeit zu lauschen. . .
Nun wird über dem stolzen Schnörkelwescn und dein plastischen Bildwerk der Kanzel die lange, hagere Gestalt des Predigers sichtbar. Die feurigen Augen glühen unter der hohen Stirn aus dem mageren starren Gesicht heraus; darüber steht aufrecht das dunkle krause Haar. In logisch klarer, ruhiger Weise, aber mit unerbittlicher Schärfe entwickelt er den Plan und Grundgedanken seiner Predigt. Er gibt den Text an, über den er reden wird; es ist nicht immer die Bibel, aus der er seine Stoffe entnimmt; bald ist es ein scholastisches Werk, wie die berühmte Abhandlung des Albertus Magnus über die Tugenden, bald ein ganz volkstümlich ungeistliches Buch, wie seines Freundes Sebastian Brandt Narrenschiff, das damals besonders viel genannt und gelesen war. Aus dem Text wird dann sogleich die sittliche Lehre herausgelöst, die bewiesen werden soll; er redet z. B. vom Wesen der Wahrheit oder von dem Schaden, der durch zu viel Schweigen angerichtet wird. Nun marschieren die .Eauptteile der Predig auf, meist sieben, eine werte wundec- barliche Zahl; ihnen schließen sich wieder eine Menge Unterabteilungen an, so daß ein ganz verzwicktes Labyrinth scholastischer Deduktionen gebildet wird. Nicht in dieser strengen Dialektik, nicht in dem Entwurf der ganzen Predigt liegt seine Stärke, sondern in der packenden Anschaulichkeit der Einzelzüge, in dem Entflechten von Legenden, Fabeln, Anekdoten und Geschichten aller Art, in dem plötzlichen Auf- leimsten eines schlagenden Witzes, einer beißenden Bemerkung. Da wirft er plötzlich in eine genau analysierende Schilderung einer „Sünde des Mundes", von denen er 48 solcher „Mundblattern" kennt, ein populäres Sprichwort, das in jedem sofort die richtige Vorstellung erweckt, oder er gebraucht eine kölnische Alliteration, ein einprägendes Wortspiel Nun ist er mitten drin in der Ausmalung einer Situatton; lebendig sicht ihm eine bestimmte närrische Gestalt vor Auaen. die er mit Eifer aufs Korn nimmt. AnS
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