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Nr. LV5.
WiesvaLerr, Freitag, 4. März ISIS.
58. Jahrgang.
-Kr c be.
1. WterLt.
GskührLiche Fockruje!
Das Jahr 1848 hatte den deutschen Professoren ein hartes polnisches Ansehen gebracht. Auch in den sechziger und siebziger Jahren hat der akademische Lehrer wohl die Volkskämpfe in freiheitlichem Sinne unterstützt. In den letzten Jahrzehnten aber haben sich die Mitglieder der Universitäten vom politischen Leben Mehr zurückgezogen. Mit dem bekannten Vers „Politisch Lied ein garstig Lied" haben sie sich in die reinen Hohen der Wissenschaft zurückgezogen und, wie Sombart serner- fteit gewünscht har, mehr in Goethe gelebt. Nur nationale Fragen un engeren Sinne, wie die Flotten- Politik, haben sie noch veranlaßt ins Volk heraüzu- steigen. Sonst haben sie seit dem Zedlitzschen Schulgesetz an dem Kampf um Volksrechte _ und ^olksfrei- heiten nicht mehr teitgenommen. Auch jetzt, im Kampfe um ein besseres Wahlrecht, stehen sie zu einem ß^-ert fern. Männer wie Professor Delbrück fehlt e n am Sonntag im Zirkus Busch. Es beleuchtete wre ein Blitz die dumpfe Schwüle der Wahlrechtsvorlage, als im Februarheft der Preußischen Jahrbücher Delbrück erklärte, selbst wenn in die Regierungsvorlage das geheime Wahlrecht noch hineingeslickt wird, muß sie ab- gelehnt werden. Denn sie ist ein zu jämmerliches
Machwerk. _
Man kann aber doch nicht sagen, daß die Kommission fetzt die Vorlage verbessert hat. Tenn die geheime Wahl ist nur zur Hälfte genehmigt. Tre Konser- vativen haben noch den vollen Einfluß auf die Wahlen dadurch, daß sie die Wahlmänner, die man wieder aus der Versenkung herausgeholt hat, in der Hand haben und diese kontrollieren können. Was aber tut Delbrück im Märzheft der Preußischen twgrbuch,er? Er zeigt den Naiionalliberalen. die sich bisher leidlich tapfer erwiesen haben, den Weg, wie sie u m - fallen sollen. Er redet ihnen zu, ihren Vorschlag, wonach die erste Klasse wenigstens 10 Prozent, die zweite wenigstens 20 Prozent der Wähler de-- Bezugs enthalten soll, in der einen oder anderen Bonn wieder aufzunehmen.
Ferner fallen die Nationalliberalen noch auf eine Änderung der Wahl kreise dringen. Und zwar in der Weise, daß eine Anzahl der allerkleinsten jetzigen Wahlkreise aufgelöst oder von zwei Vertretern auf einen beschränkt und dafür durch Teilung der allergrößten ebensoviele neue geschaffen werden.
Hoffentlich folgen die Nationalliberalen dieiem Sirenenruf nicht. Die Konservativen haben ja in den letzten Tagen mit der Musik des Rattenfängers die Nationalli'beralen eifrig zu u m g a r n e n versucht Tw Konservativen wissen, daß eine Reform rm. Volke keinen Rückhalt findet, die sie allein Mit, dem Zentrum zustande bringen. Aber die National- liberalen sollten durch die Finanzreform gewarnt sein. Sie tollten sicki sagen, daß die Konservativen höchstens
Schein konzessionen machen, aber im übrigen sich nichts vergeben. Die Nationalliberalen würden bei den nächsten Reichstagswahlen noch viel mehr bluten, als schon der Fall sein dürste, wenn sie bloß um mit dabei zu sein, nach rechts abschwenken wollten.
Herr Bassermann hat wiederholt betont, daß em freundliches Verhältnis zur andern liberalen Partei- griipve eins der Ziele ist, die seine Partei nicht leichtsinnig preisgeben will. Die Wahlrechtskämpfe musien zeigen, daß die Nationalliberalen eine Partei sind, der das Volk Vertrauen entgegen bringen kann. Wenn die Partei in dieser Schicksalsstunde versagt, so durste das ein Schlag sein, von dem sie sich nicht so leicht wieder er holt. __
Jur ReichLverslcherungsvmIüZe
wird uns von geschätzter Seite geschrieben:
Wem Anschein nach wird im Reichstag mit einer erregten Opposition gegen die geplante Reichsversicherungs- ordnmig gerechnet werden müssen. Die Gegner der , Vorlage machen vor allem geltend, daß das Gesetz den Einfluß der Selbstverwaltung schmälern, das ohnehin schon allzu große Beamtenheer noch mehr vermehren und dem Reiche sowie den einzelnen Landesregierungen und den Versiche- rungsträgeru nicht unerhebliche Mehrausgaben auferlegen werde. Von Freunden der Vorlage wird demgegenüber hervorgehoben, daß die an und für sich gerechtfertigten Bestrebungen, den Beamtenkörper des Reichs und der Bundesstaaten nicht noch mehr anschwellen zu lasten und einer Beeinträchtigung der Selbstverwaltung vorzubeugen, im vorliegenden Falle eine ausschlaggebende Bedeutung nicht haben dürsten, die Frage über die Zweckmäßigkeit der Annahme oder Ablehnung des Gesetzentwurfs vielmehr in erster Linie von dem Gesichtspunkt aus beurteilt und entschieden werden mäste, oh die in Aussicht genommenen Änderungen geeignet seien, eine größere Einheitlichkeit in der Rechtsprechung aus dem weiten Gebiete der Arbeiter- Versicherung herbeizuführen. Da diese Frage aber unbedingt bejaht werden müsse, so dürfe die Vorlage auch an dem Kostenpunkt um so weniger scheitern, als die neuen Versicherungsämter unb O^er-Verstcherungsämter rascher und gründlicher arbeiten und auch sonst für die Versicherten gegenüber den jetzigen Zuständen viele Vorteile bieten wurden. In der „Franks. Zt< sind die Gesamt-Mehrkosten ftn die geplanten Neuorganisationen kürzlich von Dr. Ernst Cahn auf etwa 18 Millionen Mark veranschlagt worden, wobei angenommen ist, daß für das gesamte Reichsgebiet rund 500 Versicherungsämter und 100 Ober-Verstcherung»- ämter einzurichten sein werden. Bei der großen Bedeutung, welche die finanzielle Seite des Gesetzentwurfs hat, möchten wir nachstehend einen Fingerzeig geben, wie die Mchrans- aaben, die das Reich übernehmen soll und die von Der. Cayn auf den vierten Teil der Gesamt-Mehrkosten, d. r. auf 4% Millionen Mari jährlich, geschätzt werden, für den Anfang wenigstens ganz erheblich herabgcmindert werden könnten Unser Vorschlag geht, um es vorweg zu fügen, dahin, das Beamtenpersonal für die mittleren (Bureau-, Kanzlei-, Kassen- und Rechnungs-) Stellen bei den neuen Versicherungsbehörden im Weitesten Umfange ans dem
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
Die üaipttfamlintg in MilMeriM».
(Eigener Bericht.»
Berlin, 2. März.
Es ist 3 Uhr morgens. Soeben ist die imposante Versammlung geschlossen worden. Tausende von Menschen unter ihnen sehr viele Bühnenkünstlerinnen Berlins, Waren dem Rufe der fortschrittlichen Frauendereine und der Deutschen Bühnengenosienschaft^ gefolgt und hielten die Philharmonie, den größten Saat de'- Stadt, viele Stunden lang dicht besetzt. Mochten auch von den Damen und Herren des theaterfreund- lichen Publikums manche gekommen sein wre zum Schauspiele, um ihre Bühnenlieblinge in den RMen von Frauenrechtlerinnen zu sehen: der Geist^ der Versammlung, ein Geist der schonungslosen Wahrheit der sozialen Gerechtigkeit, ein zorniger und tapferer Geist riß sie alle hin. Es erhob sich das Gespenst des glanzenden Elends und rüttelte das Gewissen derer wach, die gewohnt waren, als gewogene Genreßer nur die heitere Kunst, nicht den dunklen Hintergrund M sehen. Die große Erregtheit, die brausenden Zurufe des Beifalls und der Entrüstung, verbürgten noch verläßlicher als die einmürige Resolution einen starken Willen zur
Maa der Resolution, die ihre Forderung an den de,r1sckn-n Bundesrat und Reichstag, an die Behörden und städtischen Verwaltungen richtet, nur eine bedingte praktische Wirkung mnewohnen: Frau Mm na die greise, um das Recht der Frau längst hoch
verdiente Präsidentin der Versammlung traf mit ernem kurzen Wort die volle Bedeutung des Tages. „Die un Berufe dem Manne gleichgestellten Bühnenkünstlerinnen, bisher die rechtlosesten unter allen grauen — so sagte sie — „sind jetzt eingereiht in die ernste Massenbewegung der Qrdeitenden Frauen. 3^6 Sbelt (unb jöcjQt btc deutsche Regierung) müßte den neun Millionen arbeitender Frauen, die in Deutschland sich und zum Teil ihre Männer und Kinder ernähren, stuck für Stück der Bürger- und der Menschenrechte zugesteden. In keinem Berufe war die Frau sxit jeher so unentbehrlich so dem Manne ebenbürtig tätig wie in der Schauspielkunst. Wenn trotzdem die Lage der Schauspielerin schlechter war als die des schaulpieler^ und als die der meisten Frauen in anderen Berufen, so lag es nur in ihrem Fernabstehen von der allgemeinen Frauenbewegung. Aber das ist von heute ab vorbei! Noch vor zehn Jahren war der Versuch die deutschen Schauspielerinnen auszurutteln. kläglich, geicheitert. Ter volle Gegensatz der Zeiten wird in dieser stunde fühlbar."
Nur ein Teil des Materials und der Probleme, die in der großen Versammlung ausgebreitet wurden, kann mit diesen Zeilen gestreift ^werden, Die wesentlichste Angriffsfläche bildeten die Sklavenverträge der schau- fhipTprirtnen die noch viel härter und unwürdiger sind als die chr'er männlichen Kollegen Und diese Ver- träge fanden die Billigung des Bühnenvereins der Direktoren und die Sanktion vieler Stadtverwaltungen! Sie enthalten Bestimmungen,, die , brutal die Rücksicht auf die körperlich-geschlechtlichen, Eigentümlichkeiten der Schauspielerin verleugnen, die ihre primitivsten menschlichen Rechte mißachten, ihr Sie&es>= und EhLleben und ihr Mutwrium mißhandeln, das Drrnen-
vorhandenen Beamtenpersonal der Reichspostver- Wallung zu übernehmen. Es ist eine bekannte Tatsache, daß bei dieser Behörde ein Überfluß sowohl an höheren als auch an mittleren- Beamten insofern herrscht, als zahlreiche höhere Stellen den tüchtigsten Köpfen aus dem großen Heere der mittleren Beamten anvertraut und ohne Gefährdung irgendwelcher Interessen mtndeftens ein Drittel der vorhandenen 33 000 etatsmäßtgen Assistenten- und Oberaflistentenstellen des prakttschen Dienstes an sogenannte gehobene Unterbeamte übertragen werden könnte, wenn dem Reichspostamt nicht die Hände gebunden wären. So lange aber noch 1100 Ober- Postpraktikanten, von denen die ältesten — die bereits im Jahre 1902 die höhere Verwaltungsprüsung für Post und Telegraphie abgelegt haben — heute schon durchschnitüich im 37. Lebensjahre stehen, auf Beförderung in eine höhere Stelle warten, und so lange die vorhandenen 18 000 Diätare und Dienstansänger sür die mittlere Postlaufbahn nicht in etatsmäßige Stellen Lbergesiihrt sein werden, wird auch an eine Personalreform in großem Stile bei der Post- verwaltuna. durch die allein eine fühlbare Entlastung des Ausaabeetats der letzteren zu erreichen ist. nicht gedacht werden können. Werden die Versichernngsämter und Ober- Versicherungsämter eingerichtet und entschließt man sich dazu bei Besetzung der neuen mittleren Dienststellen auf das überflüssige mittlere Postpersonal zurückzugreifen. so würde sich nach Ansicht des Verfaflers Gelegenheit 'bieten, etwa 2000 mittlere Postbeamte in den Reichsversicherungsdienst zu übernehmen. Dies wäre aber fi'-r jedes Jahr, um welches durch diesen Aderlaß die Durch- fübnina der Post-Personalreform beschleunigt würde, gleich- bedeutend mit, einer Ersparnis von 2% Millionen Mark, nach deren Abzug die Mehrausgaben des Reichs sür die betreffende Zeit sich also statt aus 4% Millionen nur noch aus 1% Millionen Mark stellen würden. Selbstverständlich mutzte der Übertritt in die neue Laufbahn den Bcterlrgten freigestellt werden. Daß die übernommenen Beamten, wenn sie Lust und Liebe sür ihren neuen Berus .bringen, sich den darin an sie herantretendcn Ansordenrngen in jeder Beziehung gewachsen zeigen würden, wird vom Verfasser um so weniger bezweifelt, als die Postverwaltunq nicht nur jetzt schon für ihren eigenen Betrieb 41 Postkranken- kasien mit durchschnittlich rund 52 000 Mitgliedern zu verwalten. sondern auch für die zu ihr in einem privatrecht- l-chen Dienstverhältnis stehenden Personen, deren Zahl im Jahre 1908 rund 49 900 betragen hat, in Unfallversicherungs- angel-g-enheiten alle sonst den Berussgenofsenschasten ob. liegenden Geschäfte zu erledigen hat.
Brutsch es Deich.
* Kaiser Wilhelm und König Eduard. Wie die
Wiener Mg. Ztg." von ausgezeichnet unterrichteter diplomatischer Seite erfahren haben will, ist es gelungen, die Verschiedenen Mißverständnisse, welche zwischen Kaiser Milhelm und König Eduard herrschten, völlig aufzuklären und die persönlichen Verstimmungen, die sich bei den beiden Monarchen gegeneinander geltend machten, ganz beizulegen. Der Besuch des Prinzen Heinrich von Preußen in London stehe insofern in ursächlichem Zusammenhang mit dieser
7mn auf dem Theater kupplerisch großzüchten, der selbstbewußten weiblichen Persönlichkeit aber, solange sie nicht als Star glänzt, nur die Wcchl lasten zwischen einem schmerzenreichen Martyrium und der Prostitutwn.
Der übliche Theatervertrag suspendiert die Gage der verheirateten Schauspielerin während der Zen ihrer Schwangerschaft und Niederkunft.^ Er ,etz aber für die unverheiratete im Falle der Schwangerschaft die sofortige Entlassung fest, greift also mit dreister Gewalt in die privatesien Angetegenpeiten des Weibes ein. Die „Moral" dient dabei nur als s & nt u fe t cj e t ä3 o r ti> a tt b ; bet ti>&i)rc heißt „Rebbach". Derselbe Vertrag verbietet w auch, das Naturgesetz des Trieblebens in leder Werse mißachtend, die' Eheschließung eines engagierten weiblichen Bühnenmitgliedes. Auf die unerlaubte Hochzeit steht Entlassung! Diese „Schonung" des weiblichen Organismus verweigert andererseits der Schauspielerin die physiologisch gebotenen Schontage. Und die Sittsam- keit der vertraghütenden Direktoren, von denen viele mit den Mitteln erbarmungsloser Erpressung ihr weibliches Personal sich zum Harem gestalten, zahlt auf mittleren und kleineren Bühnen den Tamen^E des Theaters Monatsgagen, die im bedenklichsten Sinne des Wortes Schandlöhne sind. Sechzig Prozent der deutschen Schauspielerinnen beziehen im Jahre weniger als tausend Mark Gehalt. Von dieser Summe sind die monatlichen Abzüge an die Zwischenhändler des Sklavenmarktes, die Agenten, und an die Kramenkassg abzuziehen, und es müssen die Reisen — oft wechselt das Engagement von Jahr zu Jahr — bestritten roer« den Der Rest reicht bei solchem Hungerlohn, reicht der viel höheren Gagen bei weitem nicht hin. die Toiletten zu bezahlen, an die Direktor und mißgeleitzetrs PuLLr-
