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Nr. 103.
Morgen - Ausgabe.
i. Matt. _
Elinß-FülhrüMjches.
Man hat es nicht glauben wollen, aber es ist wahr: Herr Wetter 16 , der Hauptwortsührer der französischen Partei im Obereljatz, ist von der Gräfin Wedel, als er wegen Beleidigung eines deutschen Gyinnasiatdirektors im Gefängnis saß, mit einem huldvollen, noch dazu französisch geschriebenen Briefe und mit der Übersendung eines silbernen Feuerzeugs und einer Schirmkrücke (als Kotillongaben vom letzten Ballfest der Gräfin) geehrt und erfreut worden. Ter französische Brief. dünkt^ uns beinahe das Ä n st ö ß i g st e an dieser bösen Sache. Herr Wetterlä kann so gut Deutsch wie nur irgend ein gebildeter Elsässer, der von deutschen Eltern abstammt, und der Akzent aus dem letzten Buchstaben seines echt alemannischen Namens stempelt ihn gewiß nicht zu einem Franzosen. Die ganze Sache klingt so ungeheuerlich, daß man sie in das Fabelreich verr weisen dürfte, bis sie dann leider in unzweifelhafter Weise bestätigt worden ist. Gewiß ist man bei manchen deutschen Damen an manche Wunderlichkeiten von jeher gewöhnt gewesen, aber daß die Gemahlin des Statthalters der Reichslands sich derartiges leisten konnte, das geht doch über das zulässige Maß von damenhaften Merkwürdigkeiten, im öffentlichen Leben weit hinaus. In Paris wird man sich amüsieren, und man hat jedes Recht dazu. Was müssen das für eigentümliche Luftströmungen in den oberen Regio neu in Stratzbura sein! So nahe uns Elsaß-Lothringen liegt, so fremdartig berührt vieles. Bevor Zerr Wetterlä seine Gefängnisstrafe antrat, soll er beim Staatssekretär zu Gast gewesen sein. Das behauptete kürzlich die „Germania", aber man nahm sonst weiter keine Notiz davon, denn es schien so absurd zu sein, daß. man sich nicht einmal die Mühe eines in der Öffentlichkeit ausgesprochenen Zweifels nehmen wollte. Jetzt, wo die Geschichte mit den Kotillongaben und dem französischen Briefe der Gräfin Wedel passiert ist, nimmt sich die Nachricht der „Germania" in anderem Lichte aus, und es besteht leider die Möglichkeit, daß . auch sie wahr sein könnte. Ist sie aber wahr, so stcht man vollends vor unlösbaren Rätseln.
Vielleicht aber kommt Licht in die Geheimnisse der reichsländischen Zustände, wenn man sich vor Augen hält, daß zwischen gewissen leitenden Persönlichkeiten und einem Teil des Beamten tu m s verschiedene Auffassungen über die zweckmäßigste Ver-
Wiesbaden. Donnerstag, 3. März INR«.
waltungsmethode bestehen. Wir lenken die Aufmerksamkeit auf eine zunächst verschroben scheinende, jedenfalls aber von dem eingenommenen Standpunkt aus beachtenswerte Korrespondenz aus Kalmar in der „Kreuzzeitung". Es geht da ein bißchen wunderlich her, und man findet sich in den krausen Gedankengängen nicht sofort zurecht, aber zuletzt geht es ganz gut, und zwischen Heiterkeit und Ärger vernimmt man mcyt sowohl neue Dinge als vielmehr eine aparte konservative Meinung über die Dinge selbst. Die Hauptschuld an den nicht zu leugnenden Rückschritten rn der Entwelschung des Oberelsaß wird in diesem, von der „Kreuzzeitung" veröffentlichten Klageweib-Artikel dem angreisenden Liberalismus der Beamt e n - schast (!) zugeschrieben. Und dann heißt es werter:
„Ehrgeizige Beamte wollten hier eine politische,, Rolle spielen und mcrckten reeht aufdringlich Propaganda für chre liberalen Ideen. Unter Liberalismus verstanden ste nur den Kampf gegen die kirchlich Gesinnten, vor allem gegen die Katholiken, die nun dock % der Bevölkerung oes Ober-Elsasses bilden und die sie samt und sonders als Jertta/.e Franzosen behandeln. Es ist ja nicht zu bestreiten, dag em Teil der Katholiken des Obereljatz der Fahne der Weiterle und Genossen folgt. Die Mehrzahl der Katholiken will von dem gehässigen Treiben dieser Herren nichts Witten, deren Anhang der Zahl nach auch nicht groß ist. Aber die Parteigänger rer Wetterls. Pfleger und Preitz sind die lautesten, und da- schlimmste ist, sie haben die Presse. Es gibt tm Obere!,aß nur liberale und klerikal-nationalistische Zeitungen., Die Kre:o- blätter sind dnrchgehends liberal, haben alle du: wüste Hetze gegen die Finanzreform mitgemacht und scheinen geistreich. wenn sie auf „Pfaffen und Junker" schimAen und spotten. Konservative Zeitungen gibt's überhaupt trn Elsaß nicht, töte deutschen Zeitungen, einschließlich der amtlichen, uns alte liberal, „Straßburger Post", „Neue Mukdauser Zeitung . ..Gebweiler" und „Elsässer Tagblatt" zum Teil au« sozml- demokratenfreundlich. Im Unterelsaß erscheinen gemäßigt katholische Zeitungen, von denen die bedeutendste der m Straz- bura verlegte .,Elsässer" ist, etwa von der Richtung der „Kölnischen Volkszeitung". Wie bereits gesagt, m d:e liberale Beamten- -und Lehrerschaft viel, zur Verbitterung der Bevölkerung beigetragen. Wo m etnetn Dorf unter den Ratsmitgliedern nur ein Liberaler war,, da durste er, sofern er einigermaßen dazu befähigt war, stcyer ,em, zum Bürgermeister voraeschlaaen und ernannt zu werden., Ln« Landgemeinden haben selbst kein Borschlagsrecht. Seit emem Jahrzehnt wird der Oberelsaß liberal regiert.
Es ist ja nicht zu bestreiten, da« der Oberelsasser mcht so fügsam ist wie der Unterelsässer, und daß die Nahe der Grenze und die vielfachen Beziehungen der, Industrie zu Frankreich und der Schweiz die französischen Einflüsse vm Obere!, atz den Prozeß der Entwelschung mehr hemmen als rm Unter- elsatz, wo der Ackerbau vorherrscht und wo die geographiiche Lage viel mehr zu geschäftlichem und persönlichem Verkehr Mit den Alemannen über dem Rhein Anlatz gibt. Aber immerhin konnten wir im Oberelsaß weiter sein, wenn die„r e l i g , o n s - losen Demokraten deutscher und, indischer Abstammung, die meist Beamte wnd Lehrer sind, ihre Agitation unterlassen und sich mehr den ihnen obliegenden Dienstpflichten widmen wollten."
Da haben wir's! Auch die Juden dürfen in dieser lieblichen Ausführung nicht fehlen, und jetzt kann doch wirklich kein Zweifel mehr daran sein, daß der Libe-
28. Jahrgang.
ralismus der elsässischen Beamten wie Dynamit wirkt, und daß ohne ihn das Land langst „entwelscht wäre. Aber im Ernst, es könnte sein, daß die beamtete und einheimische Aristokratie die Dinge ähnlich wie dev Artikelschreiber der „Kreuzzeitung" ansieht, und dann ließe sich nianches, was jetzt nicht Zusammengehen WM. besser erklären. Die Gräfin Wedel z. B. scheint den klerikalen Bestrebungen gegenüber eme cmoere Stellung einzunehmen als die liberalen oder auch demokratischen Beamten, über die die „Kreuzzeitung^ herzieht. Wie es aber auch sein mag, so scheint das Schicksal aller deutschen Verwaltungsmarimen in den Reichslanden stets dasselbe zu sein: die Entfremdung mildert sich nicht, sie wird nur immer ärger.
UslMschs Averfrcht.
Gxetf Posadsrvsk'i «nd die Ksufervätiver«.
L. Berlin, 1. März.
Verabschiedete Minister haben nach preußisch-deutschem Brauch die Pflicht, geräuschlos für immer aus dem öffentlichen Leben zu verschwinden. Während in anderen Ländern die früheren Minister nicht aushLrem sich an der Politik zu beteiligen, während sie gerade als nichtbeamtete Männer eine noch größere Regsamkeit denn zuvor entfalten und eine kritische Tätigkeit an ihren Nachfolgern mit Behagen üben, müssen bei unS die Minister als Bureau kraten die Folgen ihrer Beamtenexistenz ziehen und demgemäß schweigen, wenn sie nichts mehr zu sagen haben. Zu sagen hatten sie nur als Minister: find sie das nrcht mehr, so heißt es also schweigen. Weil^ dies die durch Herkommen bestätigte und vertiefte Psychologie dev: preußisch-deutschen 'Exminister ist, begreift es sich um so eher, daß Graf Posadowsky mit seinem vrel- berufenen, von uns schon zitierten Artikel im „März" eine ganz absonderliche Wirkung geübt hat. Auch wenn er nicht den demokratischen „März (für seinen Aufsatz gewählt hätte, würden Form und .Inhalt seiner kritischen Ausstellung namentlich an der preußischen Wahlrechtsvorlage den Zo rn der Konservativen erregt haben. Nun aber hat , er noch dazu das Verbrechen begangen, eben den „März" als Tribüne zu benutzen. Die Konservatiben s ch ä u m e n vor Wut. Ihre Blätter üb erbieten sich in Verunglimpfungen des früheren Ministers und Staatssekretärs. Tie „Kreuzzeitung" erklärt, daß die Zustimmung der „Preußenfresser" und der Sozialdemokraten zu den „seltsamen" Ausfuhrungen im „März" „eine geradezu vernichtende Kritrk" für den Grafen Posadowsky bedeute, und die immer noch um einiges derbere „Deutsche Tageszeitung" nennt den
Feuilleton.
(Raddruck verboten.!
Himmelserschemungen im März 1910.
Im Frühkingsmonat verwandelt sich die südliche Deklination der Sonne in nördliche: am
1. Mär; beträgt ihre Abweichung vom Äquator noch — 7° 49' 28."7, am 21. März, mit dem Durchschreiten des Äquators, ist ste gleich 0, und am 31. März beträgt ste bereits H-3° 54' 21."7; die scheinbare Nordwärtsbewegung der Sonne beläuft sich also im ganzen aus 11° 43' 50."4. Dieser entspricht wieder eine ebenso starke Zunahme , der Mittagsböhe der Sonne; denn für das mittlere Deutschland steigt die Sonne am 1. März mittags 29% Grade empor, am 31. März aber schon 41 % Grade. Es sei hierbei kurz ans das Verhältnis der Sonnenstrahlung bei verschiedenen Sonnenhöhen hingewiesen. Die Strahlungsintensität hängt nämlich ab von der Absorption und der Dicke der Atmosphäre, welche Faktoren eben wieder bedingt werden durch die Sonnenhöhe. Bei senkrechtem Einfallen der Strahlen, also wenn die Sonne im Zenit steht, empfängt eine horizontale Fläche 78 Prozent, bei 0° Sonnenhöhe, d. h. wenn die Sonne aus- und untergeht, 0 Prozent. Die Rechnung ergibt nun folgende Strah- lungsüitensttäten: bei 5° Sonnenhöhe 1 Prozent, bei 10° KProzent, bei 20° 17 Prozent, bei 30° 31 Prozent, bei 40° 44 Prozent, bei 50» 55 Prozent, bei 60° 65 Prozent, bei 70° 72 Prozent und bei 80° 76 Prozent, Selbstverständlich gel ten diese Werte nur für völlig heitere Tage; an bewölkten Tagen liegen die Verhältnisse anders, doch auch an solchen wird ein großer Teil der durch die Bewölkung verloren gehenden Strahlung durch die diffuse Strahlung wieder ersetzt, verschwindet also nur scheinbar.
Die Tageslänge nimmt im März in Nord- und Mitteldeutschland von 19% auf fast 13 Stunden, in Süd- dentschlmrd, der Schweiz und Österreich von 11 auf 12% Stunden Tt.
Bm 20. März, aus 1 Uhr mittags, tritt die Sonne ans dein Aalenderzeichen der „Fische" in das des „Widders" über, iihr wahrer Stand ist cm diesem Tage im westlichen
Ende der „Fische", hier licgi' jetzt der Frühlingspnnlt. Am 21. März, an dem die Sonne im Äquator steht, sind Tag und Nacht auf der ganzen Erde g l e i ch l a n g, und aus der Nordhalbkuge! n-immt der Frühling, auf der Süd halbkugel der Herbst fernen Anfang.
Der Mond zeigt im März folgenden Phasenwechsel: Letztes Viertel am 4. um 8 Uhr 82 Min. vorm., Neumond am 11. um 1 Uhr 12 Min. nachnr., Erstes Viertel am 13. um 4 Uhr 37 Min. vorm, und Vollmond am 25. um 9 Uhr 21 Min. nachm. — Am 12./13. März um Mitternacht befin det sich der Mond in Erdnähe bei einem Abstand von 56.53 Erdhalbmessern mrd am 28. März um 12 Uhr mittags in Erdferne bei einem Abstared von 63.85 Erdhalbmeffern a 6373 Kilometer. Von Sternüedeckungen durch den Mond sind im März die folgenden zu beobachten: am 20. März wird der Fixstern 3.4. Größe Kappa der „Zwillinge" bedeckt, der Eintritt erfolgt (für Berlin) um 3 Uhr 20.2 Min. vorm, und der Austritt um 4 Uhr 7.2 Min. vorm, (der Mond geht etwa eine halbe Stunde nachher unter); am 22. März wird der Stern 3.4. Größe Eta des „Löwen" bedeckt, sein Eintritt geschieht um 5 Uhr 53.3 Min. nachm, und sein Austritt um 6 Uhr 32.4 Min. nachm., doch geht die Sonne in nördlicheren Gebieten erst nach dem Austritt unter; am 29. März wird der Stern 2.7. Größe Alpha der „Wage" bedeckt, und zwar erfolgt sein Eintritt um 5 Uhr 3.2 Min. vorm., sein Austritt um 6 Uhr 5.2 Min. vorm., die Sorrne geht in nördlicheren Gebieten etwa gleichzeitig mit dem AuZtritt, im Süden schon vor, he: auf.
Von den großen Planeten sind im März alle bis aus einen, den Merkur, sichtbar. Merkur besitzt anfänglich noch eine sehr südliche Deklination, am 1. Mürz — 17 ° 29', und wenn er am 31. März den Äquator erreicht, befindet er sich schon ssincr oberen Sonnenkonjunktion (am 5. April) zu nahe, er bleibt deshalb für das bloße Auge unsichtbar. — Venus, im Sternbilde des „Wassermanns", ist morgens anfänglich eine Sttmde, später noch etwas länger, vor oonnenanfgang sichtbar. Am 18. März, 5 Uhr morgens, erreicht sie ihren größten Glanz, und da sie um diese Zeit sogar am Tage wahrgenommen werden kann, läßt sich leicht das Erperirnent anstellen, wie lange man sie mit zunehmerr-
der Helligkeit zu erkennen vermag. Da Venns sich von mrs entfernt, nimmt ihr scheinbarer Durchmesser ab, nämlich von 53."2 am 1. bis aus 33."1 am 31. März, ihre Phase jedoch vergrößert sich. — Mars wandert im Anfang des Monats ans dem „Widder" in den „Stier" urcd bleibt noch bis nach Mitternacht über dem Horizont. Sein- Entfernung von der Erde vergrößert sich weiter, sein scheinbarer Durchmesser verkleinert sich von 6."0 bis aus 5."1 — während der Opposition inr September 1909 betrug er 24."0, und währewd der Sonnenkonjunktion im September 1910 wird er aus 3."5 zu- sammenfchrumpfe-n. Am 16. März urn 8 Uhr vormittags kommt der Mond in sehr nahe Konjunktion mit Mars, die Gestirne befinden sich zu dieser Zeit aber unter dem Horizont. Dagegen ereignet sich am 13. April, abends 11 Va Uhr, eine kurze Bedeckung des Planeten Mars durch den Mond. — Am günstigsten liegen die Beobachtungsverhältnissc beim Jupiter, der im Sternbilde der „Jungfrau" schon am Abend im Osten aufgeht, anfänglich nach 2 Uhr früh, zuletzt um Mitternacht kulminiert und die ganze Älacht Wer als hellglänzendes Gestirn sichtbar ist; am 31. März, um 7 Uhr vormittags, befindet er sich in Opposition. Am 26. März, um 7 Uhr vormittags, zieht der noch fast volle Mond 2% Grade südlich an ihm vorüber, die Konstellation ist jedocki auch schon vorher von besonderer Schönheit. — Saturn, in den „Fischen", bleibt zunächst noch gegen zwei Stunden am westlichen Himmel sichtbar, verschwindet aber im letzten Monatsdrittel in den Strahlen der Abenddänune- rung, um erst, noch seiner Sonnenkonjunktion, in der zweite« Maihälste wieder aus der Morgendämmerung hervorzutreten. — Uranus, im „Schützen", ist am Morgenhimmel zu beobachten, steht jedoch in sehr südlicher Dcklinatton. Sein Ort ist am 1. März Rektaszension 19 ll 43 io 0 s und Deklination — 21° 49'. — Neptun, in den „Zwillingen", befindet sich den ganzen Abend in günstigster, schr hoher Stellung; fern Ort ist am 1. März Rektaszension 7 h 12 m 14 s vutb Deklination + 21 0 43'. Gehört schon ein besseres Jn- ftnnncnt dazu, den Uranus als Scheibe zu erkennen, so gilt dies von dem fernen Neptun in noch wett höherem Masse, denn der scheinbare Durchmesser des ersten Planeten beträgt 4."0, der des letzten ober nur 2."6.
° Von den sich gegenwärtig am nördlichen Himmel aus- haltenden drei Kometen bewegt sich der Komet 1SÜL«
