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Nr. 83 .
Wiesvaden, Samstag, LG. Februar LNIG.
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C 8 . Jahrgang.
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Ter Aufenthalt an der Riviera, den der englische Ministerpräsident A s a u i t h kurz nach den Wahlen t-nommen hatte, sowie seine sonstigen einigermaßen i-chstzufriedenen Äußerungen ließen daraus schließen, daß alles zur Zufriedenheit verlaufen würde. Desto ärger ist die Enttäuschung, die sich jetzt in England in Wirklichkeit der Liberalen und der ihnen nahestehenden Politiker bemächtigt hat. Auf unionisti- stster Seite bezeichnet man sehr richtig den Inhalt der Ä h r o n r e d e als den Ausfluß der Meinung der Ratgeber des Königs, nicht als dessen eigene Ansicht, und bm so wunderbarer erscheint es, daß der Ratgeber Asquith nach seinem eigenen Bekenntnis weder be-
t :mmte Garantien für die Durchführung der O b e r - ausresorm verlangt noch erhalten habe! Dabei tte er vorher erklärt, aus solche nicht verzichten zu tonnen und ohne sie seinen Posten nicht wieder cinzn- uehmen. Im strikten Gegensatz hierzu behielt er doch das Portefeuille bei und verteidigte sich und die in fez Thronrede enthaltenen Vorschläge. Diese stellt zu- llachst nur Maßnahmen in Aussicht, nach denen dem V. literhaus ein ungetei! ter Einfluß aus die Finanzen zustehen soll, sowie das Übergewicht hin- rchtlich der Gesetzgebung. Bezüglich der Zusammensetzung des Oberhauses und dessen Obliegenheiten sollte dafür gesorgt werden, daß. es ohne Parteinahme i-.e Revision, die Initiative und den Aufschub bei der rgeschlagenen Gesetzgebung ausüben rönne. Natür- ' ist dies den Feinden des Oberhauses viel zu n i g, und somit ist ihre Enttäuschung wohl erklär- In Wirklichkeit freilich — an einem Königsworte ;Vf man nicht reden noch deuteln — würde die Erfüllung der in Aussicht gestellten Maßnahmen das Lberhaus zu ziemlicher Bedeutungslosigkeit herab- jtnfen lassen. Jedenfalls würde es des maßgebenden Einflusses beraubt werden. In der Lordkammer Lurde denn auch bereits von einer „Aufhebung des Zweikammersystems" gesprochen, also nt einer gewissen Resignation der Sieg der liberalen Idee eingestanden.
Etwas anderes ist es aber mit dem Verhalten der liberalen Regierung, die in der Debatte eher von dem versprechen abrückte als auf ihm seine Pläne aufzu- iauen. Herr Asquith nahm nicht Veranlassung, die Krage', ob zuerst das Vetorecht des Oberhauses zu beseitigen sei oder ob das Budget bewilligt werden müßte, zu behandeln. Es konnte daher nicht wunder nehmen. daß der Jrensührer R e d m o n d im Namen i'.r Nationalisten eine Schicksalsfrage stellte. Mit der ii e i h e n s o l g e, wie Herr Asquith die Dinge ordnen reill, erklärte er sich einverstanden. Aber dies genügte ihm natürlich nicht so, sondern er verlangte klipp und klar die Zusage des Königs, daß der Einfluß der Lords tatsächlich so beschränkt werde, wie es in der
Thronrede angedeutet worden sei. Hierbei wies der Ire darauf hin, daß während der Wahlkämpfe eine solche Zusage vom Premierminister in Aussicht gestellt sei, während der bedrängte Asquith dies in Abrede stellte, da „kein konstitutioneller Staatsmann solche Forderungen aus sich nehmen könne, deren Gewährung man von keinem konstitutionellen Monarchen erwarten könne. Die Konservativen begleiteten diese Worte mit lautem Beifall, während die Iren, hierdurch gereizt, sich als schroffe Gegner dieser Auffassung bekannten. Bekanntlich können die Liberalen ohne den Beistand der irischen Nationalisten nichts im ^Unter- Hause durchbringen, so daß die Sachlage sich für das Kabinett Asquith recht ungünstig stellte, zumal die Iren im Verlauf der Debatte ganz offen mit dem Verlangen hervortraten, die Regierung solle als erste Aufgabe betrachten, die Zustimmung des Königs zu dem Vorgehen gegen das Oberhaus zu erlangen. Tre konservativen Blätter stellen ein vollständiges Fiasko fest, während die liberalen Stimmen trübe in die Zukunft blicken. Alles hängt von einer Verständigung der Regierung mit den irischen Nationalisten ab, und man war sich zuerst nicht klar darüber, ob nicht der Sturz der Regierung besiegelt sei. Indessen scheinen weder die Irländer noch die Unionisten eine wirkliche Krisis herbeizuwünschen, da ihnen zurzeit nochmalige Neuwahlen nicht erwünscht sein können. In der weiteren Fortsetzung der Debatte trat dies auch zutage. so daß man wohl damit rechnen kann, daß das Kabinett einstweilen am Ruder bleibt und, die drei Regierungsparteien seine Politik unierstützen. Wie diese sich der H a u p t f r a g e — der Beseitigung der Macht der Lords — annimmt, davon w:rd rm wesentlichen seine Zukunft abhängen. Ta die Thronrede im liberalen Sinne gehalten ist, kann man wohl erwarten, daß Positives hierbei herauskommt.
Politische Werficht.
Dre Mrfchlags des MsrermrrsschAss-s dev frerstrrmsLir FvKkLis«sgemri«fchaft
zur Einigungsfrage liegen jetzt in der endgültig vereinbarten Fassung authentisch vor. In Ergänzung früherer Mitteilungen teilen wir mit. daß in dem Einigungsprogramm die allgemeinen Forderungen nunmehr folgendermaßen formuliert sind (die Änderungen sind gesperrt gedruckt):
Die Partei tritt ein für Schutz und Stärkung des Reiches und die Ausrechterhaltuiiq seiner bundesstaatlichen Grundlagen.
Die Partei fordert die gleichberechtigte Mitwirkung aller Staatsbürger in Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung zur Förderung des politischen und sozialen Fortschritts, zur Hebung der Wohl- f a h r t und Volksbildung, sie bekämpft , alle Sonderbestrebungen, die dem Gemeinwohl zuwiderlausen, und erstrebt den friedlichen, Ausgleich der sozialen Gegensätze in einer die Freiheit des Einzelnen verbürgenden Gesellschaftsordnung.
Die Partei verpflichtet ihre Mitglieder zu tatkräftiger Mitarbeit auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens und erwartet von diesem gemeinsamen und planmäßigen Wirken den Ausbau der politischen Freiheit und die für die Gesamtheit unentbehrliche Steigerung des berechtigten Einflusses des deutschen Bürgertums.
Bei den speziellen Forderungen sind abgesehen von Verbesserungen mehr redaktioneller Natur hauptsächlich Änderungen eingetreten durch Hinzufügung folgender Punkte:
„Sicherung der staatsbürgerlichen Rechte der Beamten und Lehrer", „Erhebung der Reichslands zu einem selbständigen Bundesstaat", Aktives und passives Wahlrecht der Frauen für die Kaufmanns- und Gewerbegerichte, Gleichberechtigung in den Einrichtungen der Reichsverstcherungs-Gesetzgebung."
Bei dem En t w u r f eines Organisationsstatuts ist hinzugefügt. daß auch die Landtagskandidaten bei den letzten oder für die nächsten Wahlen zur Teilnahme an dem Parteitag berechtigt sind. Gestrichen ist in bezug auf die Zusammensetzung des Zentralausschusses die Bestimmung, daß, wenn das gewählte Mitglied und sein Stellvertreter nicht, in der Lage sind, dasMandat auszuüben, derGeschäftSsührende Ausschuß das Recht hat, bis zum nächsten Parteitages einen Stellvertreter zu wählen. Neu ausgenommen sind die Sätze:
„Mitglieder der Partei können alle diejenigen sein, die sich auf den Boden des Parteiprogramms stellen und regelmäßige Beiträge zu den Parteiausgaben leisten."
„Als Iugendvereine gelten Parteivereine mit Mitgliedern unter 35 Jahren, solche Vereine schließeil sich den Ortsvereinen oder Bezirksverbänden an."
Bei dem Entwurf der Ausfuhru,ngs- bestimmungen wird vorqeschlagen., daß für den ersten Geschäftssllhrenden Ausschuß, die, Freisinnige Volkspartei zehn (statt neun) und die Freisinnige Vereinigung fünf (statt vier) Mitglieder normiert. I-. 0.
Ais Kriegsgefahr imf dem KaUrarr.
1, Konstantinopel, 19. Februar.
Trotzdem offiziell immer aufs neue betont wird, wie sehr der politische Himmel sich aufgehellt habe, spricht man in den Kreisen, die genau unterrichtet sind, doch noch immer davon, daß der Ausbruch eines Krieges am Balkan sehr wohl möglich sei. Aber Griechenland wird als Feind bezeichnenderweise gar nicht in Betracht gezogen, sondern Bulgarien und Serbien, die man bereits als Verbündete gegen den Halbmond betrachtet. Jedenfalls bereitet man sich innerhalb der Militärverwaltung auf alle Möglichkeiten vor und hält z. B. die Rebifs, deren Einberufung angeblich zur Ableistung einer Übung erfolgt war, nach Ablauf dieser Zeit auch weiter unter der Fahne. Noch mehr, diese Regimenter werden bereits nach dem Innern der europäischen Türkei verschoben, und zwar möglichst in die Nähe der angeblich bedrohten Grenzen. Charakteristisch für die Läge ist die Äußerung eines hohen Offiziers, der sich neulich dahin aussprach, daß Bulgarien nur auf eine Gelegenheit warte, um einen Kmrslikt herauszubeschwören. „Das wäre natnr-
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(Nachdruck verboten.)
VerliRer ZtiMmuNgZbilLer.
Von Paul Lindeuberg.
?m Psychologie der Berliner Einwohnerschaft. — Unter der Oberfläche. — Ernste Strömungen. — Religiöse Bersamm- langcn. — Im Zirkus und Dom. — Politische Erörterungen. — Die Wechselgeschäfte eines Prinzen. — Dunkle Ehrcn- fcätrner. — Schiebungen und Verschiebungen. — Aus unseren Suust-Salous. — Die Ausstellung des Vereins der Künstlerinnen. — „Taifun".
Die Psychologie der Bewohnerschaft einer inodeinen Weltstadt ist von ganz besonderer Eigenart und rechtfertigt eine aufmerksame Beachtung. Was schlummert da alles unter der so schillernden Oberfläche,, die scheinbar nur dem Tag gibt, was des Tages ist, wie vieles verbirgt sich unter dem ruhelosen, lärmenden Hin und Her, was steckt unsichtbar inmitten dieser ewigen Hetzerei der ungezählten Taufende, die nur an sich und, ihren Beruf, ihre (reuden und Leiden, ihre Arbeit und ihr Vergnügen zu Lenken scheinen. Sicher, das Leben und die Beschäftigung tri einer solchen Millionenstadt machen egoistisch, man wird zedrängt und drängt selbst, man wird geschoben und schiebt -nt, doppelt schwierig und rauh ist hier der Kamps um die Existenz, denn Rücksichten werden nicht genommen und man wird leicht selbst zur Rücksichtslosigkeit veranlaßt. Daß varunter der Idealismus, soweit er überhaupt vorhanden, schwer leidet, und daß man ein gewisses Recht hat, von der materialistischen Lebensauffassung und -führung der Welt- äädt-r zu sprechen, ist nicht verwunderlich. Dann aber wird plötzlich -ün Thema angeschlagen, das diese Massen anss üriste ergreift, das ste packt, das pe zu Erörterungen, zur
Aussprache, zur Aufklärung fieberhaft drängt, cs scheint nichts mehr für sie zu geben, als diesen einen einzigen Gegenstand, der von ihrem Inneren völlig Besitz ergriffen, der sie beunruhigt, der sie zwingt, alles zu versuchen, um wieder zur Ruhe zu gelangen, leidenschaftlich bewegt find diese Wogen und es währt meist recht lang, bis sie sich allmählich glätten!
Nur die wichtigsten politischen, religiösen, sozialen Fragen vermögen eine solche Bewegung hervorzurufen, diesmal ist's eine religiöse, veranlaßt durch die vor mehreren Wochen hier gehaltenen Vorträge des Professors Dr. Arthur Drews: „Hat Jesus g elebt wobei der Gelehrte zu einer Verneinung gelangte. Der Deutsche Monistenbund, auf dessen Einladung hin Dr. Drews nach Berlin gekommen, hatte alles getan, um ein allgemeines Interesse für jenen Vortrag zu erwecken, und als Folge schlossen sich andere Versammlungen an, in denen die Drewsschen Ausführungen energisch bekämpft wurden. Den verschiedenen religiösen Vereinigungen kam dieser jäh entbrannte Kampf der Meinungen wahrscheinlich sehr erwünscht, um das sonst in Berlin recht schwache Interesse an religiösen Dingen neu zu beleben, aber sie hatten Wohl kaum auf eine derartig überraschend starke Anteilnahme gerechnet, wie sie ihre „P rötest an dacht" am letzten Sonntag gefunden. Es war ein gewaltiges und ergreifendes Bild, bei mildem Frühlings- Wetter zur Mittagsstunde ungeheure Menschenscharen nach dcm Zirkus Busch wallen, zu sehen, um dort Trost und Zuspruch in den Gewissensnöten zu finden. Eine Stunde vor Beginn der Eröffnung war der Riesenraum bis zum letzten und obersten Galericplatz gefüllt, Tausende und aber Tausende suchten vergeblich Einlaß zu erhalten und zogen, als sich dies unmöglich erwies, zurr nahen D o m, den vor ihm sich ausbreitenden Lustgarten überschwemmend und unter freiem Himmel das Lutüerlicd: „Ern' feste Burg ist
unser Gott" anstimmend, worauf ein Geistlicher von der Domtreppe herab eine Ansprache hielt. Bald darauf öffneten sich die Tore des Gotteshauses, dessen weites Innere gleichfalls im Nu gefüllt war; geduldig, verschiedene Kirchenlieder singend, harrten die aus allen Ständen und Kreisen sich zu- sammensetzenden Anwesenden aus, bis die Versammlung im Zirkus zu Ende und die dortigen Redner, vielgenannte und redegewandte Theologen, erschienen, um ihre die Drewsschen Anschauungen bekämpfenden Ausführungen zu wiederholen.
Hinter dieser religiösen Bewegung steht sogar die die Wahlrechtsvorlage zum Mittelpunkt habende pol-l- tische zurück, die allerdings erst begonnen hat und ihren Höhepunkt erreichen dürste, wenn man die Ergebnisse der Beratungen der Wahlrechtskommission und die Stellung der Regierung wie der Parteien zu denselben überblicken kann. Die erste große öffentliche Kundgebung gegen die Vorlage, zu der ein Komitee von hervorragenden, den verschiedensten Berufen angehörenden Männern eingeladen, findet am nächsten Sonntag im Zirkus Busch statt, voraussichtlich unter umfassender Beteiligung aller Bevölkcrungsschichteir. Auch sonst fchlt's nicht an politischem Gespräch, ariknüpsend an den aufrichtig betrauerten Tod des Reichstagspräsidenten Grafen Udo Stolbcrg-Wernigerode und die hierdurch notwendig gewordene Wahl eines neuen Präsidenten, sowie an den Besuch des österreichischen Ministers Grasen v. Aehrenthal, dem man neben dem persönlichen Charakter auch politische Bedeutung beimißt. Der umsichtige, nicht zu dcn Leisetretenr gehörende Wiener Diplomat erfreute sich hier einer sehr herzlichen Ausnahme und wird gewiß mit warmen Sympathien an seinen Berliner Aufenthalt zurückdenken, der ihm viel der Ehrungen und Freundschaftsbeweise gebracht.
Nichts weniger wie dies fanden hier einige „Gerrtleuren", di« hofften, durch die verworrenen Wechfelgefchäste
