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Rr. 81.
Wiesbaden, Donnerstag, 24. Februar 181«.
68. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
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Melchior.
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Böttcher.
■. Kaufm-i Dessau. —- - Kühler, fm., liutdc Fabrikant»
Die neuen Ardettsknmmern.
Von Dr. Potthoff, M. d. R.
Das Arbeitskammergesetz, das vor einigen Tagen ien Reichstag wiederholt unterbreitet worden ist und das noch vor dem Etat des Reichsamts des Innern wr ersten Lesung kam, schließt sich ganz eng an den dvrsahrigen Entwurf an und berücksichtigt die meisten Wanderungen, die in der Reichstagskommission be- lhlossen waren. Soweit das aber nicht der Fall ist, war ichrm vorher offiziös darauf aufmerksam gemacht borden. Ä
Dabei handelt es sich rn erster Lime um das Wahlrecht, sowohl das aktive wie das passive. Ta sie Regierung schon bet der Beratung des vorigen Ent- tÄrses die Beschlüsse der Reichstagskommission für un- Kinehmbar erklärt hat, andererseits aber große Partei- duppen des Parlaments außerordentlichen Wert aitf die Wahlffage legen und vielleicht ihre Stellung zum tanzen Gesetze daran abhängig machen, so ist es nicht Abgeschlossen, daß es über diese Frage zu einem ernst- chwn Konflikte zwischen Parlament und Bundesrat Her zu einem vorläufigen Scheitern des Gesetzes kttnmt.
Zunächst das Wahlalter. Während beide Regierungs- ülLoürfe von dem Gewerbe- und Kausmannsgerichts- rttxz in dankenswerter Weise insofern abweichen, daß ie den Fw a u e n die volle Gleichberechtigung mit den ^ärmlichen Berufsgenossenschaften gewähren, hatten iie bezüglich des Wahlalters an diesen beiden Vorbildern fest und beschränken das Wahlrecht auf die jährigen, die Wählbarkeit auf die 30jährigen. Ter rilbstag hatte im vorigen Jahre das aktive Wahlrecht Cen Mündig e n, das passive allen 23jährigen ge- dillren wollen. Eine Kardinalfrage ist das ilicht. Viel Lötzere Bedeutung hat die Beschränkung der W ä h l - >arkeit, also der Möglichkeit, in den Kammern die Arbeitgeber oder die Arbeiter zu vertreten, auf die im Berufe selbst praktisch Tätigen. Die Arbeiter haben de- Anfang an den allergrößten Wert darauf gelegt»
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daß auch die G e w e r k f ch a f t s b e a m t e n und teScrc nicht mehr int Arbeitsverhältnis stehende Vertrauensmänner von ihnen als Beisitzer gewählt erden konnten. Mit Recht, denn einerseits sind die Hcwerkschaftsbeamten die besten Sachverständi- (t e r. der Arbeiter in allen Fragen, die sich nicht auf den Offnen Betrieb, sondern auf die allgemeinen Fragen iines Gewerbes oder auf Angelegenheiten der gesamten Eriüterschaft (Wohnungswesen, Verkehrsfragen, Ar- reusnachweis usw.) -beziehen. Andererseits verbürgen «ur diese Vertreter volle Unabhängigkeit. Ter.n die Negierung trotzdem die Wählbarkeit auf die Itodj berufstätigen Arbeiter beschränken wollte, so ??%e sie unbedingt Bestimmungen Vorschlägen, welche 'k Urbeitervertreter gegen den Mißbrauch der^ wirtschaftlichen Macht durch unsoziale Arbeit^ ber schützten.
Der Reichstag , dessen Mehrheit die Berechtigung des Arbeiterwunsches anerkannte, hatte mit Rücksicht auf den Widerstand der Regierung sich auf das Mindestmaß des Möglichen beschränkt und nur zugelassen, daß ein Viertel der Arbeiter- (oder Arbeitgeber-) Vertreter aus Personen bestehen dürfte» die nicht mehr praktisch im Berufe tätig, aber doch mindestens drei Jahre tätig gewesen sind. Obgleich einsichtige Unternehmerorganisationen dem zugestimmt, hat die neue Vorlage nicht nur diese bescheidene Erweiterung abgelehnt, sondern den Kreis der wählbaren Vertreter noch enger beschränkt als in dem vorigen Entwürfe. Nicht einmal alle im Berus tätigen, zur aktiven Wahl berechtigten Personen sollen zu Vertretern gewählt werden können, sondern nur solche, die seit mindestens ciiteni Jahre „im Hauptberufe" dem Gewerbezweige angehören. Damit würde man auch solche Vorstandsmitglieder und Beamte von Gewerkschaften von der Vertretung ausschließen können, die neben praktischer Berufsarbeit ihr Verbandsamt ausüben!
Daß der Reichstag sich darauf nicht etnlassen kann, ist wohl selbstverständlich. Er würde damit das ganze Gesetz zu einem für die Arbeiter ziemlich unwichtigen Dekorationsstück machen und die Gefahr heraufbeschwören, daß nach wenigen Jahren die prinzipiellen Gegner der Arbeitskammern auf niangelnde Erfolge des Gesetzes Hinweisen konnten. Diese Gefahr liegt sowieso schon vor» weil die Ausgaben derKammern nicht so . weit gefaßt sind» als man es im Interesse ihrer Wirksamkeit wünschen muß. Weder auf dem Gebiete der Gewerbepolizei, noch auf dem der Einigungstätigkeit sind im,neuen Entwürfe (nach dem Muster des vorigen) den Arbeitskammern Befugnisse zugewiesen, welche ihnen ermöglichten, als Selbstverwaltungskörper einen Teil der sozialpolitischen Gesetzgebung und Bureaukratie überflüssig zu machen oder durch Verhandlungszwang und moralischen Einfluß unbegründete Arbeitskämpfe zu vermeiden.
Deutsches Deich.
* Die Einnahmen des Reichs. Der Nachweis über die Einnahmen des Reichs an Zöllen, Steuern und Gebühren für die Zeit vom 1. April 1909 bis zum Schluß des Januar 1910 ergibt gegenüber dem gleichen Zeitraum des Jahres 1908/09 eine M e h r e i n n a h m e von rund 215 Millionen Mark. Den hauptsächlichsten Anteil an diesem Mehr haben die alten Zölle, welche im Rechnungsjahr 1908 um mehr als 129 Millionen Mark hinter dem Voranschlag zurückblieben, diesmal aber den Voranschlag gerade erreichen dürsten. Daneben werden die 85 Millionen Mark, mit welchen der Nachtragsetat von 1909 die neuen Zölle und Steuern eiuschätzt, zweifellos erreicht werden. Endlich hat die im Sommer eingetretcnc Voreinfuhr und Nach- versteuerung namhafte Beträge zur Reichskasse geführt. Unter dem Gesichtspunkt wird man sagen dürfen, daß die Mehreinnahme den Erwartungen ziemlich genau entspricht.
Mißbrauch der^'^ / Zur Frage der Schiffahrtsabgaben erklärte in der badischen Zweiten Kammer Minister v. Bodmann auf Anfrage aus dem Hause, er könne wenig darüber sagen.
weil die Verhandlungen noch in vollem Gange und vertraulicher Natur seien. Aber so viel könne er doch Mitteilen, daß Baden sowohl in staatsrechtlicher wie in wirtschaftlicher Beziehung Entgegenkommen bei Preußen gefunden habe und auf eine befriedigende Gestaltung — soweit überhaupt von Befriedigung in dieser Sache für Baden zu sprechen ist — rechnen dürfe. Die grundsätzliche Frage, daß nämlich Schiffahrtsabgaben kommen, sei ja erledigt im Gegensatz zum Standpunkte Badens. Das Entgegenkommen liegt, wie der Minister kurz andeutet, auf dem Gebiet der Oberrheinregulierung bis Straßburg.
* Die „heiligsten Empfindungen". Der Vorsitzende des
Bundes der Landwirte, Reichstagsabgeordueter Dr. Rooficke» hat im Zirkus Busch von neuem das Wort gebraucht, daß die Erbschaftssteuer in die „heiligsten Empfindungen" des Volkes eingegriffen hätte. Die „Tägliche Rundschau" meint . dazu: Vielleicht setzt sich Herr Dr.
Roesicke einmal mit dem Vizepräsidenten der bayerischen Ersten Kammer, Geheimrat v. Auer, in Verbindung. Herr v. Auer erklärte im Reichsratsausschuß, daß die Erbschaftssteuer das beste Mittel gegen die Steuerhinterziehung gewesen wäre. Die „heiligsten Empfindungen" geraten hierdurch in eine verdächtige Beleuchtung.
* Ern Denkmal für den Feldmarschall Gras von Moltke. Unter dem Ehrenvorsitz des Großherzogs von Mecklenburg hat sich ein Ausschuß zur Errichtung eines Denkmals für den Feldmarschall Graf v. Moltke gebildet. Das Denkrnal ist als hochgebauter Tumn mit Moltkes Reliefbilü geplant und soll aus dem Ruhner Berg, nahe bei Moltkes Gebnrtsstadt Parchim seinen Platz' finden. Der Ausschuß bittet um Zusendung von Gaben.
* Negierung und Selbstverwaltung. Tie Wahl des Bürgermeisters Du. P e t e r m a n n in Pölitz in Pam- mern, der nach zwölfjähriger Amisdauer wiedergewählt wurde, ist von der Regierung in Stettin nicht bestätigt worden! Von der Bürgerschaft wurde gegen den Regierungs-Entscheid beim Minister Berufung eingelegt, die aber verworfen wurde! — Das ist die von Herrn v. Bethmann-Hollweg so gepriesene Achtung vor der Selbstverwaltung.
* Eine Wahlurncn-Prüsnng. Der bekannte Waht- rechtsstatistiker Professor Siegfried in Königsberg hat an den Reichstag eine Eingabe wegen Beschleunigung der Einführung amtlicher Wahlurnen gerichtet. In der Eingabe erwähnt Professor 'Siegfried, daß er dem Reichsamt des Innern sechs praktische Urnen einge- sandt hatte und den Bescheid erhalten habe, daß sie „geprüft" worden seien. Bei der Rückkuirft der Urnen stellte sich jedoch heraus, daß drei Pakete völlig unberührt waren!
* Katholischer Frauenbund und Politik. Die „Germania" brachte am 4. Februar folgenden Bericht: „In der wissenschaftlichen Kommission des Katholischen Frauenbundes sprach am Abend des 3. Februar im Pfarrsaale von St. Mathias Herr Abgeordneter Dr. Kaufmann über das Thema: Geschichte und P r o g r a m m des Zentrums. In seiner Einleitung entwickelte er seine Gedanken über die Ziele
Fe uillet on.
Die Urform ües .Wilhelm Meistert
Tie wichtige Meldung, daß die sechs Bücher der ersten, itb-r verloren geglaubten Fassung von Goethes „Wilhelm Heister" in einer Züricher Pttvatbibliothek ausgefnirden werden sind, gibt frohe Kunde von der Errettung eines Oeries, besten Verlust die Goetheforschung so schmerzlich ^Pfunden hat wie das Fehlen keiner anderen unter ben wenigen verschollenen Schriften, die noch die vollkommene ^onnmrität in Goethes Schaffen und Dichten unterbrechen, ^enu diese Urgestalt des großen Lebens- und Entwicklungs- !s si::iS, die aus der Beschränkung des ursprünglichen Titels 'Wilhelm Meisters theatralische Sendung" bereits mächtig ?NLeZrang, wird uns den ticfften Einblick in eine Epoche toeth eschen Lebens gewähren, in der der Dichter nach j*tt gewaltigen Bekenntnissen der Frankfurter Sturm- und ft-rgperiode fast völlig verstummte, in der er, wie Frau sie sich ausdrückte, „mit den Musen brouilliert" schien, in *t er, mit Staatsgefchästen überhäuft, unter dem Druck der ?°n-n politischen Welt vom Jüngling zum Manne heran- k/'be. Die schärfste Spiegelung der Eindrücke der Weimarer seit in seinem Innern, feine Entwicklung vom wild hin- mrNendm Dramatiker zum ruhigeren, episch klärenden Beruhter des Lebens fmd in dieser Arbeit, die in knappen Mußestunden mitten in aufreibender Tätigkeit, halb unlustig, Mb schmerzlich beseligt, doch stets unter unwiderstehlichem ^ange hingeschrieben wurde, zum Ausdruck gebracht. Wir ■vnvzn die Entstehungsgeschichte dieses „Ur-Meisters" in den Britten an die Frau von Stein, in Tagebüchern und Be- fi£ ^ m Umgebung auf das Cingebendfte Nachweisen, und
gerade weil dieses unbekannte, geheimnisvolle Werk im dichterischen Zentrum der ganzen ersten Weimarer Zeit steht, weil es in den Äußerungen des Dichters selbst, wie in den Bemerkungen und Urteilen derer, die es gehört, immer wieder austaucht und zum Nachgrübeln, zum Nacherleben anreizt, ward die Neugier danach so rege, wurde die Sehnsucht nach diesem später verworfenen Fragment, das wie der Ur-Faust, wie die erste Fassung des Wetther den Zauber unmittelbarster Schöpferkraft, neue ungeahnte Köstlichkeiten verbergen mochte, immer wieder in allen denen wach, die jene ungeheuere Umwandlung im Wesen Goethes in der Zeit zwischen Frankfurt und Italien ganz ergründen wollten. Zahlreiche Vermutungen über Inhalt und Fonn des Werkes find von den Gelehrten geäutzett worden; sie lverden nun erst durch die einzig maßgebliche Aussage des Originals Bestätigung oder Ablehnung erfahren. Der erste Gedanke an den Roman mag in Goethe bei der Schöpfung des kleinen Dramas „Die Geschwister" aufgetaucht sein, denn die Hauptpersonen, Wilhelm und Marianne, tragen die gleichen Namen wie das Paar im Anfang des „Meister". Es war das leiden- schaftlichs Nachgcfühl jener glühenden Lili-Liebe, das er nach Weimar mitbrachte und das ihn zum Gestalten reizte; es war zugleich seine begeistette Verehrung Shakespeares, dessen Vornamen er dem Helden seiner Erzählung gab und mit dessen Hilfe er selbst in dem neuen Weimarer Leben, zu dem dramatischen Meister und Schöpfer einer neuen Schauspielkunst heranreifen wollte. Dramatisch-theatralisch war also der erste Plan und Keim, der sich in ihm, wenn atlch nur, wie er selbst später sagte, „kotyledonenartia", damals regte. Die bunte Welt der Bretter sollte mit all ihrem verführerischen Zauber, all ihrem Schein- und Flitterwesen gemalt werden. Die erste Erwähnung der begonnenen Arbeit findet sich im Tagebuch unter .dem 16. Februar 1777» wo es
heißt: „Im Gatten dickticrt an W. Meister." Wettere
Notizen finden sich dann im April, Juli und Oktober; dem treuen Knebel las Goethe schon im Sommer mrs dem neuen Roman vor. Frau v. Stein klagt er, daß er über drei fatale Kapitel nicht hinwegkomme, sonst würde der erste Teil bald produziert sein. Am 2. Januar 1778 ist das erste Buch fertig. Dann stockt das Schaffen eine Zeit lang; im Sommer 1780 treten auf einer Reise nach Gotha die dämmernden Gestalten des Meister wieder in glühender Lebendigkeit vor seine Phantasie. Jene „Lieblings Situation", wie Wilhelm unter Mariannes Fenster alle Verzückungen und Qualen der Liebe empfindet, die heute am Schluß des ersten Buches steht, überwältigt ihn auf der Fahrt von Erfurt nach Gotha, so daß er zuletzt bitterlich zu weinen anfängi. Aber das Festhalten dieser Vision wird ihm schwer; es ist „ein Unterschied wie Traum und Wachen", wenn er die. Situation erlebt und ausschreiben ivill. Doch überall auf seinen Kreuz- und Querzügen durch Thüringen sammelt er Eindrücke für die „dramatische und epische Vorratskammer" und heimst allerlei ein in seine „politisch-moralisch-dramatische Tasche". Als er 1782 das oberste Verwaltungsamt des weimarischcii Staates übernimmt und sich daniit eine gewaltige Arbeitslast auflegt, läßt er zwar andere große epische Pläne fallen, arbeitet aber an dem Roman unentwegt weiter. Gerade diese dichterische Schöpsurrg bestärkt ihn immer mehr in dem Gedanken, daß er nicht zum Staatsmann, sondern zum Künstler bestimmt ist. „Eigentlich bin ich zum Schriftsteller geboren", schreibt er am 10. August 1782 an die Stein, nachdem er „ein Kapitel im Wilhelm" zu Ende dittiert hat. „Es gewährt mir eine reinere Freude als jemals, wenn ich etwas nach meinen Gedanken gut geschrieben habe." In den drei folgenden Jahren, in denen Goethe sich immer mehr von Karl Augusts Versuchen in der großen Politik zurückzog
