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Nr. 89.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt.
England im nahen Osten.
Man spricht vom „fernen Osten", voxn ostasiatifchen Schonplatz großer Ereignisse und vielleicht künftiger welthistorischer Umwälzungen, also kqnn man den Bereich der Fragen, die wir bis dahin unser, dem Namen der „Orientsrage" zusammengefaßs habery wohl ganz :ut und verständlich unter den Begriff des nahen Tstens bringen. Dort wie hier ist, eh England, das in Angriff und Abwehr, furchtbar und perletzlich zugleich, für feine Lebensinteressen kämpft, und, mit seiner Politik zuerst und zuletzt die berechtigte Aufmerksamkeit der Welt auf sich lenkt. .Im nahen Osten nun scheinen sich gegenwärtig Dinge vorbereiten zu sollen, die man im Zusammenhänge betrachten muß, um ihre Bedeutung nicht bloß innerhalb des britischen Systems sondern auch :rn Rahmen der gesamten internationalen Politik würdigen zu können. Aus London kommen beachtenswerte Nachrichten über Bemühungen zur Erweiterung des englischen Einflusses am Suczkanal. Während der jährlichen Generalversammlungen der Schifsahrts- kammern des vereinigten Königsreichs, die am Ü5. Februar beginnt, wird die geplante Erneuerung der Suezkanalkonzession bis znm Jahre 2008 das Haupt- lhema der Erörterung bilden. Die britischen Reeder stehen dieser Verlängerung der Konzession nur bedingungsweise zustimmend gegenüber. Sie haben schon vor einiger Zeit ein Schreiben an den Minister des Auswärtigen Sir Edward Grey gerichtet, in dem sie diesen ersuchen, seinen Einfluß bei der ägyptischen Re- rnerung geltend zu machen, daß diese Verlängerung Nicht :hne weiteres zugestanden werde. Die britischen Reeder Aachen geltend, daß, obwohl der britische Staat fast die Hälfte aller Suezkanal-Aktien besitze, er doch nur durch drei Direktoren im Verwaltungsrat vertreten sei und ist den Generalversammlungen nur zehn Stimmen iabe. Als LordBeaconsfield die Suezkanal-Aktien er- dorben habe, möge es ja nötig gewesen sein, sich diesen ira Franzosen vorgeschriebenen Bedingungen zu fügen, bei Erneuerung der Konzession aber müsse und könne die britische Regierung auf eine bessere Vertretung dringen. Die General Shipowners Society of London und die Chamber of Shipping in Hüll haben dem Komitee der vereinigten britischen Schiffahrtskammern dereits angekündigt, daß sie auf Annahme von Resolu- 'ioncn in dem obigen Sinne dringen werden. Andere Acedervereinigungen haben bereits eine Agitation zur Herabsetzung des angeblich übermäßig hohen Kanal- Mes gelegentlich der Konzessions-Erneuerung einge- stitet.
Hinter den Gesellschaften steht natürlich die Regie- iang, oder man kann auch sagen, die Regierung steht fctnter den Gesellschaften. Es kommt auf dasselbe hinaus. In solchen Fragen gibt es jenseits des Kanals \S
Wiesbaden, Mittwoch, 23. Februar 1910.
keine Gegensätze, sondern die britische Machtpolitik fetzt sich durch eine instinktive und dabei selbstverständlich höchst bewußte Solidarität sowohl der Interessen wie des erforderlichen politischen Verständnisses gleichsam automatisch durch. Mit anderen Worten: England verfolgt jetzt am Suezkanal und an seinen beiden Ufern im weitesten Sinne, also in Ägypten wie in den asiatischen Gebieten bis zum Euphrat und Tigris, Pläne, die dem einen großen Ziele dienen sollen, die erdumspannende Macht dieses Weltreichs lückenlos zu schließen, also vor allem die Verbindung zwischen dem Mittelmeer- ße&iet und Indien territorial wie materiell zu sichern.
Don diesem Betrachtungsboden aus gewinnen die stillen und doch so deutlich erkennbaren Unterminierun- gen, mit denen die englische Politik das deutsche oder vielmehr durch deutsche Initiative ins Leben gerufene Bagdadbahnunternehmen unterwühlen möchte, eine erhöhte Bedeutung. Wichtig war es schon, daß die Lynch- Gesellschaft, die dem Wesen nach vom englischen Kapital beherrscht wird, für viele Jahre das Monopol der Schiffahrt auf den mesopotamischen Strömen erhalten hat. Am wichtigsten jedoch ist die Veränderung in der Linienführung der Bagdadbahn, welche von den englischen Staatsmännern, wie bestimmt verlautet, durchgesetzt worden ist. Bisher war der Plan, daß die Bahn, nachdem sie den Taurus überschritten habe, in das Innere des Landes sortgeführt werden solle, bis der obere Euphrat erreicht sei. Jetzt soll, wie wir schon vor geraumer Zeit meldeten, der Schienenweg an dieses Ziel insofern auf einem anderen Wege gelangen, als der Bau nach der Überschreitung des Taurus durch die Strandebene von Jssus weitergeführt wird. Tie Bagdadbahn würde dann also unter den Kanonen der englischen Kriegsschiffe liegen, ähnlich wie das System der italienischen Eisenbahnen schon heute, um mit Canning zu reden, unter diesen „schlummernden Donnern" liegt. Die Engländer haben den Türken Ägypten abgenommen, und sie wollen ihnen unter Umständen noch Mesopotamien und Arabien abnehmen. Ter Khedive von Ägypten, ein in Wien erzogener, geistia lebendiger Mann, träumt davon, unter englischer Schutzherrschaft Kalif aller arabisch . sprechenden Stämme zu werden. Er hat soeben mit seiner Mutier eine Pilgerfahrt nach Mekka gemacht, schwerlich bloß aus religiöser Inbrunst. Zu den Triumphen, welche die englische Staatskunst feiert, gehört auch, daß es ihr gelingt, mit Arabern und Jungtürken zu gleicher Zeit Hand in Hand zu gehen.
Diese wichtigen Mitteilungen und die noch wichtigeren, aus ihnen sich ergebenden Folgerungen entnehmen wir einer Darstellung, die soeben von den „Preußischen Jahrbüchern" veröffentlicht wird, und die wir der politischen Welt nicht eindringlich genug zur Lektüre empfehlen können. Der Verfasser, der bekannte Historiker Daniels, fügt hinzu (und auch das wird man sehr aufmerksam lesen müssen): „Von weiser Voraussicht ge- ^lSitet, haben die Briten die Herrschaft über Cypern zu einer Zeit erworben, wo von der Bagdadbahn noch keine Rede war. Nach dem russisch-türkischen Krieg von
88. Jahrgang.
1877/78 übernahm Großbritannien das Protektorat über die Insel und garantierte zugleich dem Sultan, dessen asiatische Besitzungen der Berliner Kongreß um Kars, Barium und Ardahan vermindert hatte, den Rest von Türkisch-Asien. Heinrich v. Treitschke schrieb damals in den „Preußischen Jahrbüchern", der Vertrag von Berlin eröffne den Russen die Möglichkeit, von den Bergen Armeniens einst in die Ebenen hinabzusteigen, von denen 'alle Kultur ausgegangen sei. Gerade deshalb sicherten sich die Engländer durch die Okkupation Cyperns die Herrschaft über die Anmarschstraße, welche, durch den Alexanderzug historisch geweiht, von Konstantinopel nach Ägypten und Mesopotamien führt."
J\m Ableben des ReLchsragspriisidenien Grafen Stolberg
schreibt Abg. Gothein:
Um den Grasen Udo Stolberg trauert der ganze Reichstag in aufrichtiger Teilnahme. Er hatte keinen persönlichen Gegner. Jeder Abgeordnete war davon überzeugt, daß ec ehrlich bemüht war, das Amt des Präsidenten mit voller Unparteilichkeit auszuüben, und er war freundlich und gefällig gegen jedermann ohne Rücksicht auf die Fraktionsangehörigkeit. Gras Stolberg war ein Konservativer von reinstem Wasser, und die monarchischen Traditionen gehörten zu ihm wie ein Stück seines Körpers. Aber er hatte für die Aufgabe seiner Stellung doch in großen und schwierigen Situationen ein gutes Verständnis. Es sei an die November- t a g e 1908 erinnert, wo er bei der notwendigen Kritik des Reichstages gegenüber der Einmischung der Krone in die Regierungsgeschäfte den Rednern des Hauses einen Spielraum ließ wie nie zuvor ein Präsident. Er hatte erkannt, daß die Situation das erforderte, daß diese Abrechnung frei erfolgen müsse.. Aber er hatte auch den Takt, nachdem Lies geschehen, die Redefreiheit, soweit sie das Hineinziehen der Person des Kaisers in die Debatte anlangte, wieder aus das wünschenswerte Maß einzuschränken.
Und darüber hinaus hatte er noch einen großen Vorzug, das war die innere Herzensgute, die ihn gewissermaßen zu jedem Abgeordneten in ein persönliches Verhältnis brachte. War jemand von Krankheit betroffen, so erkundigte er sich, wenn es außerhalb war. durch wiederholte eigenhändige Briefe bei den Angehörigen nach dem Befinden des erkrankten Kollegen, lag dieser in Berlin, so verging kaum ein Tag, wo er sich nicht telephonisch erkundigen ließ. Als ich vor drei Jahren monatelang schwerkrank in der Heimat darniederlag, verging keine Woche, wo er sich nicht in einem eigenhändigen Brief an meine Frau über mein Ergehen erkundigt hätte; und ich war ihm doch sicher eine politisch nicht sympathische Persönlichkeit. In den Kämpfen um den Zolltarif hatte ich mit ihm über Geschäftsordnung, über Redefreiheit gekämpft. Aber so etwas trug er nicht nach, das waren sachliche Meinungs-
FemllrLon.
(Nachdruck verboten.)
Die Nosegger-Ztiftrmg.
Von Hermann Kienzl, Berlin.
Was ist's mit ihm? — Mit dem Alpenkönig, dcn wrr der Ebene voll Sehnsucht nach den Bergen lieben, in den großen Städten voll Sehnsncht nach dem Waldesrauschen? was ist's mit ihm? Soll ihm eine Ehrenspende überreicht, tnm Lebenden ein erzenes Denkmal gesetzt werden?
Ein Denkmal schon. Aber ein lebendiges. Die Sage »zählt vom Grabe Walthers von der Vogclwcide: daß auf d-m toten Stein über seinen Gebeinen Atzung für die be- schwingten Sängerlcm ausgestrcrtt wurde; so schlief er unter d-n frohen Liedern seiner Lieblinge. Kleine Menschenkinder werden Roseggers dankbare Evangelisten sein
Er selbst ist cs, der zu seinem Denkmal ausruft und snnmelt. Zu einem jener seltenen, schönen Denkmäler, die nicht der Eitelkeit, dem Nachruhm frönen, die lieber das Lesen und Wirten eines Menschen als seinen Namen der tzukunft erhalten.
Roseggers Stimme pflegt nicht ungehört zu verhallen. Bor einigen Jahren rief er: Helft mir in meiner Waldinmat Alpet, hoch auf dem steirischen Berge, eine Schule b-nen! Dort, wo die Bübchen und Mädclcken wild wuchsen nie im Tal die Brombeeren; wo der Dichter selbst als Slmenhirtenbub sein bißchen Lesen und Schreiben nur dem "ihre 1848 und einem von der Reaktion aus seiner Schule
vertriebenen Warrderlehrer zu danken hatte. Er tief
— und flugs wie's Tischleindeckdich im Märchen, war das Selb zur Stelle. Aus allen deutschen Ländern, ohne Unter- Med der Staatsgrenzen, floß es reichlich genug ein, daß alsbald schwere Baukarren den steilen Gebirgsweg bergan
ächzen konnten und heute der Waldschulmeister, die rührendste Gestalt in Roseggers Dichtungen, Wirklichkeit geworden ist — in einem wunderlichen Hause auf luftiger Höhe. Die Büblein und Dirndln der weitzerstreuten Alpenbauernhütten wimmeln wie Ameisen ans dcn Schluchten und über die Hänge zur Waldschule.
Und jetzt rief er wieder. Diesmal galt's einem viel größeren Zweck. Diesmal galtzs allen Kindern, die an den deutschen Sprachgrenzen oder auf den deutschen Sprachinseln Österreichs heranwachsen. Galt's, der deutschen Nation ein tausendfältig bedrohtes Menschentum zu retten und dcn kleinen Menschlein ihr Anrecht auf deutsche Bildung. Wer die Schule hat, hat den Nachwuchs.
In den in sich geschlossenen Nationalstaaten ist der deutsche Nationalismus sozusagen eine politische Partei geworden. Er deckt dort mancherlei Bestrebungen, die mit dem primitiven Selbsterhaltungstrieb eines Volkes nicht unbedingt verwachsen sein mögen, und hat daher zu parteimäßigen Gegnern auch solche, die selbstverständlich ihre Fäuste tüchtig rühren würden, wenn einer ihrem Deutschtum ernstlich wehe tun sollte. Im polyglotten Österreich wird den Deutschen immerfort wehe getan, sind immer habgierige Lüste wach, ihneir den alten kulturellen und materiellen Besitz zu entreißen. Zu einer theoretischen ltberwm- dung des Nationalismus ist also dort nicht die Zeit. Wer lächelnd über dcn „Nationalitätenhader" hinweg sehen und sich „ernsteren" Dingen zuwenden wollte, möchte, wenn er ein Deutscher ist, eines Tages entdecken, daß man ihm kaum noch das Hemd am Leibe gelassen hat. Die Notwehr wird von keinem Kulturprogramin außer Kraft gesetzt werden können. Selbst ein so versöhnlicher und dem politischen Getriebe fernstehender Mann wie Rosegger bekennt: „Es gehen die Tage im Kampf und die Nächte in Sorge hin." Und er fährt fort: „Freilich, wohl unser aller hohes Endziel ist die Gemeinsamkeit der Menschen; doch die mitten in Stürmen um ihre geistige Existenz ringenden, heißblütigen
Menschen gruppieren sich in Nationen fremden Gewalten gegenüber .... Wir wollen an unseren Sprachgrenzen deutsche Schulen stiften und erhalten, so wie es unsere Gegner an ihren Grenzen tun, und wir glauben so sehr an die Straft und den Segen einer guten Schule, daß wir von ihr nicht- bloß unseren sprachlichen Schutz, sondern auch Gesittung und Verständigung für beide Lager erhoffen."
Das Deutschtum bedeutet in Österreich nicht einfach eine Nation neben den anderen; bedeutet auch nicht nur ein historisches Recht auf den Staat, den es geschaffen und dessen weltpolitische Lage es heute noch bestimmt (deutsch-österreichisches Bündnis); seine Aufgabe ist auch nicht einmal damit erschöpft, daß es für dcn Besitzer der deutschen Gesamtnation die in Jahrhunderten aufgespcichcrten geistigen Schätze verwaltet. Es hat eine noch höhere, allgemein- menschliche Mission: das Deutschtum in Österreich ist — nach seiner Art und der Art der mitbürgerlichen Völker der Monarchie — die Zivilisation, ist die geistige Freiheit, ist die kulturelle Entwickelung. Wer die nationalen deutschen Zwecke in Österreich fördert, steuert nicht bei zu einem Rationalitätenkampf, wie er etwa zwischen Serben und Türken geführt wird, der hilft vielmehr neben dem leib- verwandten Blut dem Geiste der Gesittung und der Aufklärung vorwärts. Die deutschen Grenzschulen in Österreich sind Schutzburgen. Trutzbnrgen sind sie nicht; denn vorurteilslos fällt ihr Segen auch über die Dächer slawischer Hütten.
In einer großen Zahl von deutschen Schutzvereinen spenden die Deutschösterreicher alljährlich bedeutende Opfer- summen für die nationale Sicherung ihrer Volks- und Landesgrenzen. Neben dem Deutschen Schulverein in Wien sind als wesentlichste Organisationen der Verein Süd mark in Graz und der Bund der Deutschen in Böhmen zu nennen. Doch die aufgebrachten Mittel genügen den Anforderungen nicht, und der gute Wille muß noch immer häufig an seiner Kraft verzweifeln. Wie einer am Ufer steht und sieht, daß
