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Nr. 8V.
Wiesbaden, Dienstag, 22. Februar 1810.
58. Jahrgang.
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Von Delius-Halle, Mitglied des Abgeordnetenhauses.
Die preußische Wahlvorlage enthält im 8 10 Bestim- r-augen, die mit Recht in weiten Kreisen des Lölkes v* schärfste Verurteilung erfahren haben. Nach dem :mannten Paragraphen sollen bekanntlich alle Wähler, die sich im Besitze der wissenschaftlichen Befähigung zum : njährig-freiwilligen Militärdienste befinden, und diejenigen, die 12 Kahre bei der Fahne gedient haben, so- 'rrn sie mit mehr als 1800 M. zur Staatseinkommen- siruer veranlagt sind, der zweiten Klasse zugeteilt werden.
Diese Bestimmung erstreckt sich in erster Linie auf vrsere Beamtenschaft. Nun ist ja von vielen Seiten i'.rauf hingewiesen worden, daß weder die Berechtigung tot Einjährigen noch der Zivilversorgungsschcm Merkmale größerer Bildung, politischen Verständnisses r-d gereifter Lebenserfahrung sind, wie es in der Beendung zur Vorlage so schön ausgedrückt ist. Bei liefen vielqerühmten Vorzügen sprechen meines Erstens ganz andere Faktoren mit.
Ganz zu Unrecht hat sich nun die Kritik zu A n - Riffen auf die Beaniten verdichtet. Man fiSt seinem Unmute über die Bevorzugung des Beam- tetumS dadurch Ausdruck, daß man unsere Beamten ^abzusetzcn versucht. Nichts ist falscher als dies. 8as in aller Welt können denn unsere Beamten dafür, k* ihnen die Negierung ein Geschenk präsentiert, das drn ihnen nicht begehrt wurde? Die Beamten haben fr keiner Zeit einem derartigen Wunsche Aus- kud gegeben Um so mehr sind sie jetzt von der Ab- fet der Regierung überrascht. Das zngedachte Privileg kommt ihnen ungelegen und durchkreuzt die Absichten der Beamten.
Aufgeklärte Beamten haben schon seit einer Reihe lott Fahren dieBeseitigungdexPrivilegien der Beamten empfohlen, eo forderte der größte Teil der Beamtenschaft die Abschaffung des Kommu- Halsteuerprivilegs. Dadurch wäre es möglich gewesen, dix volle Gleichberechtigung mit den übrigen 'Staatsbürgern herbeizuführen. Dem einsichtsvollen Beamten M bekannt, daß einmal die Beseitigung der Privilegien Kramte und Bürgerschaft^einander näher bringt, an- Dererseits aber auch zur Folge hat, dem Beamten die Usichen Staatsbürgerrechte zu geben. Jeder politisch
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
Frederic Chopin.
(Geboren den 22. Februar 1810.)
Von Hermann Auerbach.
Uirter den Komponisten, welche einen Anteil an dem Lerden der Klaviermusik haben, steht Fredöric Francois Chopin in erster Linie, als Schöpfer eines neuen Klavier- mU, als Finder neuer Pfade.
Frsdöric Francois Chopin ist am 22. Februar 1810 zu izowa Wola bei Warschau geboren; die lange Zeit herr- .^..we Annahme, daß sein Geburtstag der 1. März 1809 sei, wie als sicher feststeht, falsch. Chopins Mutter hieß DÄftine Krzyzanowsla und entstammte einer verarmten ischen Adelsfamilie; sein Vater Nicolas Chopin war, ■t auch einer polnischen Emigranienfamilie angehörend, ... ein geborener Franzose und schon in seiner Jugend aus Ä-mcy nach Polen gekommen. Er hatte die Kämpfe unter ^oscinsco mitgemacht, wurde dann Sprachlehrer und lebte, Frödöric Chopin geboren wurde, mit seiner Frau, die kr 1406 geheiratet hatre, als Hauslehrer und Erzieher aus stun Gute des Grasen Skarbek in Zelazowa Wola. Kurze pra nach der Geburt Chopins siedelten seine Eltern nach »Warschau über, weil der Vater am dortigen Lyzeum, später Pit der Artillericschule eine Anstellung als Lehrer der sran- «zöivchen Sprache gefunden halte.
Die musikalische Begabung Chopins trat schon in seiner ! nüben Jugend zutage und veranlaßte seine Eltern, ihr eine llorgliche Pflege angedeihen zu lassen; es wurde, da seine '-Anliebe für das Klavierspiel ganz außerordentlich war, ihm Nchen frühzeitig Unterricht erteilt, sein Lehrer war der Böhme »Lewnh. Die Fortschritte des Knaben, für dessen höhere z Schulbildung Fürst Anton Radziwill die Kosten bestritt, ivnen derart rasche, daß er schon im Alter von 8 Jahren, chn Februar des Jahres 1818, bei Gelegenheit eines Wohl- l -keitsfestes in Warschau öffentlich austreten konnte. Auch seine kompositorische Begabung zeigte sich damals schon, !tbemo machte sich ein ausgesprochenes Jmprovisationsialcnt :#et ihm bemerkbar. Trotz aller dieser Zeichen, die auf mehr «» ruf starke musikalische Begabung hindeuteten, sorgte der Aarer Chopins zum. Glück, für den jugendlichen Künstler da-
Emsichtige wird sich dieser Bestrebungen unter den Beamten freuen können. Sie zeigen klar das Verschwinden des bureaukratischen und verknöcherten Kastengeistes wenigstens aus den breiten Schichten oer mittleren und unteren Beamten.
_ Anstatt nun eine solche Bewegung zu fördern, bereitet ihr die Regierung neue Hindernisse. Sie schafft gegen den Willen der Beamten ein neues Privileg und befestigt dadurch die morschen Schranken aufs- neue. Unsere moderne Zeit hat aber für Privilegien kein Verständnis, ganz besonders aber für solche nicht, wie sie die ^Vorlage fordert. Das begreifen auch die Beamten, sie verzichten auf ein Vorrecht, das ihnen eine Entfremdung des Bürgertums bringen wird und Verpflichtungen auferlegt, die das Privileg zu einer Fessel werden läßt.
Tis. Beamten sind sich ihres Wertes für die Allgemeinheit bewußt, sie meinen aber, daß in demselben Maße auch füe anderen Stände des Volkes ebenso nützliche Glieder des Staates sind. Sie verkennen nicht, wie schwer oft ein Teil ihrer Volksgenossen wirtschaftlich zu kämpfen hat, und verlangen schon aus diesem Grunde keine Bevorzugung vor dem übrigen Volke.
Ablehnen müssen die Beamten aber auch das ihnen angebotene Privileg deshalb, weil damit innerhalb der Beamtenschaft selbst unerquickliche Verhältnisse Platz greifen würden. Unter unseren mittleren Beamten gibt es noch eine große Zahl, die es nicht bis zum Einjährigen und zum Zivilversorgungsscheine gebracht haben. Es sind nicht die schlechtesten Elemente. Wir habe gerade unter der letzten Kategorie hervorragende Intelligenzen, die manchen der einjährigen Herren an Wissen zehnfach überragen. Allen diesen Beamten soll nun das Privileg nicht zuteil werden. Unter den vielen. Tausenden von Unterbeamten gibt es andererseits einen sehr hohen Prozentsatz, der eine zwölfjährige Militärdienstzeit abgeleistet hat. Diese Männer werden künftig in der zweiten Klasse wählen und damit hier und da an „politischetn Verständnis, gereifter Lebenserfahrung und höherer Bildung" ihre Vorgesetzten überragen!
Der dritte Grund, der für die Beamtenschaft maßgebend sein muß. ein solches Vorrecht abzuweisen, liegt in der Gefahr, von der herrschenden Partei als eine Schutztruppe in Anspruch genommen zu werden, um die Wahlen entsprechend zu korrigieren. Ein solches Verfahren entspricht nicht der Selbstachtung der Beamten.
Die Beamten verlangen vollständige Freiheit bei den Wahlen, sonst hat für sie das Wahlrecht überhaupt keinen Wert. Diese Freiheit scheint ihnen
siir, daß diesem nicht einseitige, musikalische Ausbildung, sondern eine gediegene allgemeine Bildung seiner Fähigkeiten zuteil wurde, und hier wurde denn der lebhafte Verkehr, den der polnische Adel mit Fröderic Chopin trat dessen Begabung willen unterhielt, diesem zum Vorteile. Die Anregungen, die dem Jüngling ans diesem Verkehr erwuchsen, haben auf sein ganzes geistiges Werden einen außerordentlichen und heilsamen Einfluß ausgeübt. Aus jener Zeit stammen denn auch die ersten ini Druck erhaltenen Kompositionen Chopins, auch hatte er wiederum mehrfach Gelegenheit, als Pianist öffentlich auszutreten — und dies alles, ehe ein eigentliches musikalisches Studiuni begonnen war! Denn erst 1826, als Chopin mit dem Bestehen der Abgangsprüfung das Lyzeum verlassen hatte und damit seiner Schulbildung ein gewisser Abschluß gegeben war, setzte sein eigentliches musikalisches Studium ein. Sein Lehrer wurde nunmehr ein Deutscher, Joseph Elsner, der Direktor des Warschauer Konservatoriums; der gründliche und gediegene Unterricht, den dieser vorzügliche Musiker seinem genialen Schüler nicht nur im Klavicrspiel, sondern auch in den anderen musikalischen Disziplinen zuteil werden ließ, ist im Verein mit der Anregung, die das hochentwickelte musikalische Leben in Warschau ans ihn ansübte, von ganz wesentlichem Einflüsse auf die künstlerische Entwicklung Chopins gewesen.
Im Jahre 1828 unternahm Chopin eine Reise nach Deutschland und kam nach Berlin; was er aber über Berlin zu sagen weiß, find fast nur ironische Bemerkungen über Gelehrte und über die Berliner „Gesellschaft". 1829 folgt dann eine Kunstreise nacb Wien, die erste des nunmehr von Elsner mit dem Reifezeugnis entlassenen jungen Künstlers. In Wien veranstaltete er im Opernhause zwei „Akademien" mit ganz bedeutendem Erfolge, vornehmlich wurde der Ausdruck seines Spiels gerühmt. Inzwischen waren auch seine Rondos op. 1 und 5 im Druck erschienen und halfen den Ruhm Chopins verbreiten.
Als- Chopin dann nach Warschau zurückkehrte, gewährten ihm die dortigen Verhältnisse keine Befriedigung m-'hr, er fühlte den Wunsch nach intensiver künstlerischer Betätigung, und so entschloß er sich denn, wenn auch nach längerem Zögern erst, zu einer größeren Reise. Am % November 1880 reifte er nach Wien ab. — er ahnte sicherlich nicht, daß er sein Vaterland nicht Wiedersehen sollte.
In Wien wollte es ihm indessen diesmal nicht recht behagen. Zwar wurde er von der Gesellschaft mit offenen
aber das Privileg zum mindestens beeinträchtigen zu wollen. Viel lieber wäre es der Beamtenschaft gs wesen, wenn die Regierung ihr das geheime Wahlrecht beschert hätte. Damit wäre ihr ein großer Dienst geleistet worden, ihr politisches Verständnis würde vor str geweckt sein als durch ungerechtfertigte, zweifelt 1- e Bevorzugungen.
^/SeM'bcit-m Beamtenstande angehörend, durch leitende Stell S t / innerhalb großer Beamtenvereine mit den Wünhjx Z-^er Beamten voll vertraut, darf ich wohl die Wün^j^Zer Beamten in Folgendem zusammenfassen:
Tie Beamten lehnen das ihnen zugedachte Privileg im Interesse des guten Einvernehmens mit der Bevölkerung und weil es eine unberechtigte Bevorzugung bedeutet ab. Nicht als außerhalb der übrigen Volkskreife stehend wollen sich die Beamten betrachten» sondern als gleichberechtigt, auch im politischen Leben. Deshalb meinen sie, daß ein möglichst freiheitliches Wahlrecht auch ihnen zum Nutzen gereichen wird. Erfüllt von lebhaftem Pflichtgefühle, durchdrungen von treuer Liebe zu König und Vaterland, werden die Beamten auch ohne Privileg bei den Wahlen ihrer staatserhaltenden Gesinnung Ausdruck geben, wenn auch allerdings vielfach nicht im konservativen Sinne.
August Bebe! sikbstg Jahre.
August Bebel erreicht heute am 22. Februar ein Alter von siebzig Jahren und wird an diesem Tage nicht nur von Deutschen, sondern von den Sozialisten aller Länder gefeiert. Es gibt zweifellos Sozialisten von größerer Originalität und Gelehrsamkeit, als sie Bebel aufweist, aber cs gibt keinen Sozialisten, der auch nur im entferntesten die gleiche P o p u I a r it ä t hätte wie Bebel. Schon die Tatsache, daß das Leben Bebels und seine gesamte Wirksamkeit mit der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie und damit auch zu einem guten Teil mit der Geschichte der sozialistischen Parteien in anderen Ländern verbunden ist, verschafft der Person Bebels in der deutschen Sozialdemokratie und auch in ausländischen Parteien eine große Autorität. Bebel ist deshalb schon seit langer Zeit die mar- k a n t e st e Erscheinung in der deutschen Sozialdemokratie, sein Einfluß ist außergewöhnlich groß und vielleicht nicht ganz mit Unrecht ist er der sozialistische „Parteidiktator" genannt worden. Für das Ansehen Bebels in der sozialdemokratisckien Partei kommt noch besonders in Betracht, daß er selbst Arbeiter war. In einer Partei, die sich zum weitaus größten Teil ans Arbeitern zusammensetzt, bedeutet dies schon von vornherein einen Vorzug. Aber nicht nur in der sozial-
Armen ausgenommen, doch mußte er den Neid und die Miß- gunst der Musiker fühlen und er wandte sich denn auch im Sommer 1831 weiter — nach Paris, unterwegs u. a. auch in München konzertierend, überall, wo er erschien, wurde er bewundert, auch seine Erfolge als Komponist mehrten sich; man erinnert sich noch der Begeisterung, mit 'welcher Robert Schumann, als er Chopins Variationetr über „Da ei darem la mann" aus Mozarts „Don Juan" kennen gekernt hatte, der Welt zuricf: „Hut ab, ihr Herren, ein Genie!"
Im Herbst des Jahres 1831 traf Chopin in Paris ein. Es war die Glanzzeit der romantischen Epoche der Kunst. Musiker wie Rossini, Ander, Boildieu, Cherubini, Meyerbeer waren die siihrenden Geister, Eugen Sue, Balzac, der ältere Dumas, Alfred de Müsset, Lamartine repräsentierten die zeitgenössische Dichtkunst, und unter den Virtuosen der damaligen Zeit glänzten die Namen Paganini, Liszt, Thalberg und andere. Es ist begreiflich, daß Chopin hier schnell einen Freundeskreis, zu dem auch Heinrich Heine, Hektor Berlioz, Alfred Ernst, Liszt, Balzac und Meyerbecr gehörten, fand. Er wurde von seinen Landsleuten ausgiebig unterstützt und wurde nach seinen glänzenden künstlerischen Erfolgen sehr rasch ein äußerst gesuchter Lehrer.' Er wußte die gesellschaftlichen Verbindungen, die sich ihm boten, ihrem Werte nach voll zu erkennen: „Ich verkehre in den ersten Kreisen, mit Gesandten, Fürsten und Ministern", schreibt er in einem Briefe. „Für mich ist ein derartiger Umgang aber durchaus notwendig, denn dort lernt man den seinen Ge- schmack." Recht ergötzlich klingt es, wenn er weiter schreibt: „Du Last gleich mehr Talent, wenn man Dich in einer Soiräe beim englischen oder französischen Botschafter gehört hat, und Dein Spiel ist feiner, wenn Dich die Fürstin Vaudemont protegiert."
Dabei muß es seltsam berühren, wenn Chopin nur ungern vor einer größeren Menge spielte, wenn er, wie er zu Liszt gesagt hat: „nicht dazu geschaffen ist, Konzerte zu geben". Im übrigen stand Chopin als Virtuose allerdings hinter Künstlern wie Liszt und Thalberg zurück; aber selbstverständlich ist sein Spiel, dem eine außerordentliche Zartheit und Innigkeit eigen war, deshalb nicht geringer ein- zuschätzen.
Zu den außerordeirtlichen Erfolgen, die Chopin als Pianist erzielte, traten nun noch die, welche er mit seinen Kompositionen errang. Er hat einmal in einem Briefe an einen Freund geäußert, daß er die feste Absicht habe, dem
