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Nr. 88.

Wiesbaden, Sonntag, 2«. Februar ISIS.

88. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Die ipelitik der Woche.

Ter deutsche Reichstag hat in dieser Woche uit Eifer gearbeitet, indem er nicht nur die Etatsbe- ..tung ein gutes Stück förderte, sondern auch einen rrotzen Teil der dem Hause vorgelegten_ sozialpoliti­schen Gesetzentwürfe, die Vorlagen über die Regelung .'er Stellenvermittlung, über die Arbeitskammern und .oer die Heimarbeit in erster Lesung erledigte und sie iur weiteren Behandlung an die Kommissionen ver-- uies. Indessen das größere politische Interesse galt rlcht dem deutschen Reichstag, sondern dem preußischen ilogeordnetenhause und zwar der Kommission von 28 Kitgliedern, die damit beauftragt ist, aus der W a h 1- mchtsvorlage der preußischen Regie­rung wenn möglich eine wirklich annehmbare Reform

machen. Denn daß der Gesetzentwurf in der Ge- sirlt, wie er ini Abgeordnetenhause erngeüracht worden i, erfreulicherweise keinerlei Aussicht auf Annahme .ch, haben sowohl die Verhandlungen bei der ersten Lesung im Plenum wie der bisherige Verlauf der Be­rgungen in der Kommission gezeigt. Hat diese icch mit 15 gegen 13 Stimmen die von der Regierung Ätgehaltene öffentliche Stimmabgabe verworfen und M für die geheime Abstimmung ausgesprochen, die wch im Plenum auf eine sichere Mehrheit rechnen kann, \a nicht einmal die beiden konservativen Parteien ge­flossen gegen dieseorganische Fortentwicklung" tzünmen dürften, während_ alle anderen Parteien ge- 'Elassen für sie sind. Es wird also in erster Reihe von kr Haltung der Regierung, in zweiter von der des Irrenhauses abhängen, ob überhaupt eine Reform zu- tzaude kommt, die diesen Namen verdient, oder ob die ,,-ch die Wahlrechtsfrage hervorgerufenen tiefgehenden 'Gegensätze, wie sie in den zahlreichen, leider mit recht erdenklichen Ausschreitungen verbunde- r-n Protestkundgebungen und Demonstrationen zutage ::'cten, noch eine weitere Verschärfung erfahren.

Eine erfreuliche Milderung haben in letzter Zeit die irndelspoli tischen Gegensätze aufzu- ~üjen, die eine Zeitlang die Weltpolitik recht un- '-ästig zu beeinflussen drohten. Der wirtschaftlichen Verständigung zwischen Deutschland einerseits und Portugal und den Vereinigten Staaten von Amerika vedererseits ist jetzt auch der Zollfriede zwischen Lentschland und Kanada in Gestalt eines pro- e-'örischsn Abkommens gefolgt, welches hoffentl ch nur :rt Vorläufer eines regelrechten Handelsvertrages i 'oet. Diese friedfertigere Haltung der wichtigsten englischen Kolonie entspricht durchaus dem Stim- rmngsumschwung. der sich setzt, nach dem Wahlsieg der Liberalen, im englischen Mutterlande be-

Femlleton.

Machdruck verboten.)

Dse Sruöer-

Skizze von Felix Schweitzer.

Er weilte als Badegast drüben in Holmsund

Gestern hatte er sich zum ersten Male nach Bognis übersetzen lassen: teils aus Langeweile, teils aus Neu- k.erde. Denn die Bognisser galten als ein seltsames, ^geschlossenes Volk. Nur mit einem überlegenen Lächeln erzählte man drüben aus dem Festlande die vielen über die Bognisser umgehenden Anekdoten.

Und unter diesen sonderbaren Menschen hatte er, gleich nachdem er die Insel betreten, Maren Machen, c:> Fährmannstochter, vorm Kruge gefunden: eine

örtliche, blonde Schönheit, aus deren blauen Augen leichtsinnige Lebenslust lachte. Er hatte sich von ihr t':r. Glas Bier bringen lassen und dabei eine Plauderei maeknüpft. Leicht errötend war sie daraus einge- gengen: natürlich dachte er, sie freut sich, einmal mit einem vernünftigen Menschen von drüben reden zu können. In wenigen Minuten waren sie gute Freunde wmorden. und als er fortgegangen war. hatte er schon versprochen, morgen wiederzukommen.

Eine nette ländliche Liebschaft, eine amüsante Ab­wechslung in dem langweiligen Einerlei des kleinen Badeortes, dachte er.

Und heute ließ er sich am Spätnachmittag über­setzen. Aber schon auf dem Sunde hörte er lärmende Summen aus dem Kruge schallen. Ter Krug war beute, am Sonntag, voll von Bauern, und nur im Vor- Äergehen warf er deshalb einen Blick durch die Fenster. Dcaren und ein bartloser, buckliger, junger Mann stan­den hinterm Schenktisch: ein hühnenhafter, kräftiger Kerl mit einem energielosen, roten Säufergesicht saß in Hemdsärmeln unter den Gästen, mit schwerer Zunge erMtenb!, sich fortwährend mit seiMM .eigenen Ge-

merkbar macht und der deutlich darin zutage tritt, daß sich die Londoner Handelskammer für die Bildung einer deutschen Abteilung bei dieser Kammer aus­sprechen konnte. Wenn man bedenkt, wie bei dem jüngsten Wahlkampf seitens der Unionisten mit dem Schreckgespenst nicht nur der deutschen Konkurrenz sondern auch derdeutschen Gefahr" gearbeitet wurde, so kann das als ein bedeutsamer Fortschritt in den deutsch-englischen Beziehungen begrüßt werden. Und wenn in fcter neuen Parlamentssession, die am Dienstag begonnen hat, auch von liberaler Seite die Flottenpropaganda als beliebtes Agitationsmittel nicht ganz außer acht gelassen werden dürfte, so wird doch im Vordergründe der parlamentarischen Verhand­lungen der Kampf gegen das Oberhaus stehen, der für das Kabinett Asquith eine Lebensfrage bedeutet, da es nur auf diese Weise sich die Gefolgschaft der Arbeiter- parteiler wie der Iren zu sichern vermag.

Über eine fester organisierte und bisher wenigstens zuverlässigere Mehrheit verfügt das italienische Kabinett S o n n i n o, welches sich in dieser Woche mit 193 gegen 84 stimmen ein Vertrauensvotum er­kämpfte. Ernstere Sorgen als die innere macht der Regierung zurzeit die äußere Politik, denn das Vor­gehen der Franzosen im Wadailande, dem Hinter lande von Tripolis, verursacht den Italienern arge Beklemmungen, die bereits in einer in der Kammer eingebrachten Interpellation ihren Ausdruck gefunden haben. Tie schwere Schlappe, welche die französischen Kolonialtruppen sich bei dem Kampfe gegen denSultan vonHassalit zugezogen haben, bedeutet aber für die Italiener, mag auch die Schaden­freude sonst die reinste Freude sein, nur einen schwachen Trost, denn wie die üngste Verhandlung in der fran­zösischen Deputiertenkammer gezeigt hat. ist das Kabi­nett Briand entschlossen, mit Hilfe weiterer Verstär­kungen seine weitausschauende afrikanische Kolonial­politik sortznsetzen.

Me französisch-italienische Tripolis-Eifersucht gibt den Türken viel zu denken, denn es handelt sich hier nicht wie in Tunis um das Fell des erlegten, sondern um das des zu erlegenden Bären, der doch gerade in der Kretafrage gezeigt hat, daß er seine Tatzen noch zu gebrauchen willens ist. Eben deshalb haben auch die Schutzmächte sich genötigt gesehen, den Kretern ein Entweder-Oder zuzurufen, so daß die all­griechische Nationalversammlung ohne ihre Teilnahme wird vor sich gehen müssen. Dieser Fehlschlag der all­zu kühnen Hoffnungen hat wiederum im Lande der Hellenen zu einer Entfesselung der nationalen Leiden­schaften geführt, die sich in einem Kriege aller gegen alle zu entladen droht, wobei das Landheer auf der einen, die Marine aber auf der anderen Seite steht und das Königtum in Gefahr gerät, zwischen zwei Stühlen oder Thronen recht unsanft placiert zu werden!

lächter unterbrechend. Das mußte der Krüger sein. Es war schier ekelhaft anzusehen, und er ging schnell Weiter in den Garten, Hier streckte er sich unter den alten Apfelbäumen ins hohe Gras.

Es war so ein rechter Sommer-Spätnachmittag.

Die Sonnenlast lag brütend überm Sunde, in dem sich drüben der hohe Buchenwald spiegelte. Von Zeit zu Zeit weht von dort ein abgerissener Klang des Kur­konzertes herüber. Und hier im Garten summten die Bienen und die Fliegen immerzu, immerzu, eintömg und einschläfernd. ^

So lag er mehrere Stunden wartend, halb _ im Traume. Schon schimmerte ^das Abendgold drüben durch die Buchenkronen, als Stimmen auf dem Wege längs dem Garten laut wurden; die Bauern kamen aus dem Kruge. Nach einer Weile ging er dann hinein. Der Bucklige brachte wohl gerade den Alten zu Bett Maren war allein in der Gaststube.

Er umfaßte und küßte sie, und sie sträubte sich kaum. Er ließ sich Abendbrot vor den Krug bringen. Maren setzte sich neben ihn. Er ergriff ihre Hand und scherzre mit ihr.

Tann, es war schon dämmerig geworden, kam der kleine Bucklige Marens Bruder und setzte sich zu ihnen. Das paßte ihm natürlich gar nicht. Aber der Skrupel schwand schnell, und da was ging der kleine Kerl ihn auch an? ergriff er Marens Hand wieder.

Dem Bruder schoß alles Blut zu Kopfe, und mit einem flehenden Blick sah er nach dem Fremden hin­über. Ter aber tat, als merke er es nicht. Erregt sagte der Bucklige da einige heftige plattdänifche- Worte zu seiner Schwester. Doch die lachte ihm ins Gesichr und erwiderte einige spöttische Worte. ^

Da stand der Bruder auf und ging, den Fremden flehend anblickend, schweigend ins Haus.

Es war doch sehr unangenehm; immer wieder mußte er daran denken noch setzt, da er mit Maren Harsir Hand in den Landweg hineinschleuderte.

Deutsches Deich.

Ä Die Unsimngierten des geltenden Landtagswahlrechts kommen in großen Städten besonders kraß zur Erscheinung; am eigenartigsten vielleicht in Charlottenburg. Stadtver­ordneter Meyer gab darüber in der letzten Stadtverordneten­versammlung besonders interessante Daten: Hiernach ent­fielen in Charlottenburg aus je 1(300 Steuerzahler 33 Millio­näre. Die erste und die zweite WählerAasse umfassen zu­sammen 8700, die dritte Wählerklasse 54 000 Wähler. In der dritten Wählerklaffe hätten durchschnittlich 176 Wähler, in der zweiten Wählerklasse 24, in der ersten 5 Wähler einen Wahlmann zu wählen. Ein Wähler der dritten ?lb- teilung habe ein Einkommen von mehr als 100 000 Mark, in 20 Urwahlbezirken gehörten Steuerzahler mit 30 500 bis 100 000 M. Einkommen, in 33 Urwahlbezirken Steuerzahler mit 9500 bis 30500 M. zur dritten Klaffe. Anderseits wählten in 5 Urwahlbezirken solche Personen in der ersten Klasse, die gar lein Einkommen versteuerten, sondern nur zu einem fingierten Steuersatz von 3 M. ver­anlagt seien. Zu solchen schreienden Ungerechtigkeiten führe das bestehende Gesetz. Dazu komme die Wahlkreiseinteilnng, durch die Charlottenburg schwer benachteiligt werde. Wäh­rend die Stadt Charlottenburg mit 63000 Wählern einen Abgeordneten zu stellen habe, wählten acht Wahlkreise mit weniger als 8500 Wählern je einen Abgeordneten. Me öffentliche Stimmabgabe bedrohe, die Freiheit der Wähler besonders in einer Stadt wie Charlottenburg, in der ein starker Terrorismus durch Boykottandrohuug aus geübt wer­den könne. Gegenüber solchen Zahlen verfängt die be­rühmte Statistik gar nicht, die aus Durchschnittsergebnissen berechnen wollte, daß eigentlich alles in bester Ordnung sei. Ein noch so schönerDurchschnitt" kann den Unsinn und das Unrecht im einzelnen nicht wegeskamotieren.

* Die Teilnahme an der Wahlrcchtskmrdgebung, die von Kreisen der städtischen Selbstverwaltung und von Ver­tretern von Handel und Industrie, Kunst und Wissenschaft heute Sonntag im Zirkus Schumann zu Berlin stattfinden sollte, aber um acht Tage verschoben wurde, ist von den Nationalliberalen abgelehnt worden. In dieser Versamm­lung soll neben freisinnigen Abgeordneten auch der Sozial­demokrat Heine sprechen. DieRationallib. Korresp." be­merkt dazu:Dem Ersuchen freisinniger Parlamentarier, an einer gemeinsamen Versammlung teilzunchmen, wäre ent­sprochen worden unter der Voraussetzung, daß es sich ledig­lich um eine Aktion der liberalen Parteien gehandelt hätte."

* Einwahrhaft konservativer Staatsmann".Kreuz­zeitung",Reichsbote" undDeutsche Tageszeitung" spen­den dem Reichskanzler v. Besihmamr lebhaftes Lob wegen seiner Haltung im Anschluß an die Rede beim Bankett des Landwirtschaftsrats. DieKreuzztg." bezeichnet ibn als einen wahrhaft konservativen Staatsmann.

* Reichstagsersatzwahl. Die Reichstagsersatzwahl für den Abgeordneten v. Chrzanowski im 1. Bosener Wahl­kreis ist aus den 8. April angesetzt worden.

Doch nein jetzt wollte er's vergessen: der Abend und die Fährmannstochter waren zu schön. And leiden­schaftlich preßte er sie an sich und küßte sie.

Das Abendrot stand drüben dunkel über den Buchen. Weit draußen auf dem Sunde wurden auf einem Dreimaster, dessen weiße Planken durch die Dämmerung schimmerten, die Schiffslaternen.. ange­zündet. Ein Tust von der See und den blühenden Knicks strich über die Insel; hoch in der dämmerigen Lust sangen noch immer die letzten Lerchen, und unten in den Tümpeln der nebelumwallten Strandwiesen quakten die Frösche hart und schnatternd irt^ der Nähe, weich und dumpf in der Ferne unaufhörlich, unaufhörlich.

lind zwei leidenschaftliche, glückberauschte Menschen schritten weiter durch die Sommernacht; bald Liebes- worte stammelnd, bald sich umarmend, bald gleich Kindern jubelnd und lachend hintereinander hertollend.

Ein alter, stattlicher Gutshof mit einem wald- artigen Parke hob sich aus der Dämmerung. Die Guts­uhr Hub rasselnd an zu schlagen; zwölf lange, zitternde Schläge. Noch bebte der Nachhall des letzten Schlages durch den stillen, dunklen Park, als eine Nachtigall in den Büschen zu schlagen begann; klagend und jauchzend, wie aus Traum und Märchen. Nordische Sommer­nacht, nordische Liebesnacht.

Lange standen die beiden wie gebannt, schweigend zu lauschen. Dann hörten sie noch im Weiterschreiten die süßen Töne durch die Nacht klingen . . .

Der Weg führte jetzt tiefer an den Strand hinunter. Eine andere Welt war dort unten. Das Abendrot spiegelte über den ganzenSund und amStrande leuchtete der weiße Sand durch die Dämmerung. Näher schim­merten jetzt die weißen Planken und die Lichter des Schiffes. Plötzlich flammte es weit draußen vorm Sunde feuerrot auf.Feuer" wollten beide wie aus einem Munde rufen, doch schon hatte sich der volle Mond vollends sicher die Flut erhoben.

Wieder tauchte eine dunkle Baumgruppe aus, und