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Wiesbaden, Freitag, 18. Februar INIV.
88. Jahrgang.
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Die Kampfsejsion in England.
Erst in diesen Tagen, mehr als vier Wochen nach «r Beginn der englischen Parlamentswahlen, ist das EL- Wahlergebnis auf den Orkney- und Shettland- Jfe festgestellt worden, so daß die Erledigung der «ülen zum Hause der Gemeinen fast unmittelbar mit fe Konstituierung desselben zusammengefallen ist. ro.'assen sich denn auch jetzt erst endgültig die Gewinnet Verlustziffern der Wahlschlacht feststellen. Bei Er Auflösung des Unterhauses bestand die Regierungs- "erröeit aus 373 Liberalen, 46 Arbeiterparteilern und 8 Iren, also zusammen 502, denen nur eine unionisti- fe Opposition von 168 gegenüberstand, so daß also die Gierung über eine. Mehrheit von 334 Stimmen ver- «flfc. Das neue Unterhaus setzt sich aus 274 Libe- ’afer'. 41 Mitgliedern der Arbeiterpartei und 82 iri- >hen Nationalisten zusammen, so daß also die Regie- surig mit Einschluß dieser beiden Gruppen über 337 Kimmen verfügt, denen die um 105 angewachsenen Zionisten mit 273 gegenüberstehen; die Regierungs- feräeit ist also von 334 auf 124 Stimmen zurück- gen.
Dieser außerordentlich starke Rückgang, an dem die Äeralep mit einem Verlust von 99, die Arbeiter- ernster niit 5 und die Iren mit 1 Mandat beteiligt erklärt sich immerhin zum Teil daraus, daß die »orlx^ten Wahlen eine auch für englische Verhältnisse M ungewöhnlich liberale Mehrheit ergeben hatten, fei?, das Kabinett Asguith nur der Arbeiterparteiler ter Iren sicher bleibt, dann kann die jetzige Kcim- ^erwehrheit als völlig ausreichend für die Dnrch- lihrung des liberalen Programms bezeichnet werden, fot doch das konserdatlv-umonistische Kabinett Salis- 'Urr hei den Wahlen von 1886 nur eine Mehrheit von 48 Stimmen errungen und sich trotzdem 6 Jahre ge- felicn, während das 1892 folgende liberale Ministerium Ät Unterstützung der Iren nur über 40 Stimmen ^efi?reit verfügte und doch 3 Jahre die Zügel der Re- sierurg sesthielt. Tie wesentlichste Änderung gegenüber 1er bisherigen politischen Konstellation in Grotz- 'NtL-nien liegt darin, daß es mit der absoluten Mehret iiv Liberalen, die freilich einen ungewöhnlichen festend darstellte, vorbei ist, so daß diese nunmehr auf hre leiden Bundesgenossen angewiesen, ist.
Irrgt sich nun, ob dieser Dreibund zwischen Libe- Qlen. Ärbeitcrparteilern und Iren sich in der Praxis cifrc» wird. Es ist ohne weiteres begreiflich, daß ktt beiden Alliierten der Appetit beim Essen wächst.
Die Arbeiterpartei, die freilich in keiner Weise mit der radikalen deutschen Sozialdemokratie zu vergleichen ist, sondern politisch im wesentlichen auf dem Standpunkt der Liberalen steht, meldet bereits ihre Forderungen an, die jedoch bisher wenigstens ausschließlich sozialpolitischer Natur sind. Es ist natürlich nicht ausgeschlossen, daß das Streben nach einer unabhängigen Arbeitervertretung in Zukunft eine Spaltung in die liberalen Schlachtreihen trägt, aber das ist jedenfalls eine spätere Sorge. Näher liegt die irische. Meldet doch John Redmond, der Führer der Nationalisten, bereits seine Ansprüche an die Erbschaftsmasse an, indem ex von Asguith Bürgschaften dafür verlangt, daß die Frage des Oberhaus-Vetos entschieden wird, bevor das' Parlament das Budget erledigt. Das bedeutet freilich nicht, daß die Oberhausfrage der Budgetfrage vorangestellt werden soll, was ja auch den Gang der Staatsmaschine völlig ins Stocken bringen würde, sondern, daß die Iren sich nur dann bereit erklären, das Budget zu bewilligen, wenn ihnen das Kabinett Bürgschaften für die Durchführung des Kampfes gegen das Oberhaus gibt. Diese Forderung hat ihren guten Grund, denn wenn auch die Liberalen sich längst auf das von den. Iren aufgestellte Selbstverwaltungs- Programm chstgelegt haben, so wissen sie doch, daß sie ihre Forderungen nur im Kampf gegen das Oberhaus dnrchzusetzen vermögen. Ta aber die Iren nur etwas von den Liberalen und nichts von den konservativen Unionisten zu erwarten haben, so gebietet ihnen ihr eigenes Interesse, das Kabinett Asguith zu unterstützen.'
Dieses, welches sich soeben einer auch politisch bedeutsamen Umänderung unterzogen hat, geht also mit einigermaßen guten Aussichten in diese Kampf- sestion. Von den Neuernennnngen im Kabinett ist die wichtigste die des bisherigen Handelsministers Churchill zum Minister des Innern, da hieraus hervorgeht, daß die von Churchill vertretene schärfere Richtung in der Behandlung der Oberhausfrage im Kabinett durchgedrungen ist. Offenbar hat Asquith auch die Genehmigung des Königs für die Abschaffung des Oberhaus v e t o s wenigstens in bezug auf fi n a n z i e l l e Fragen erlangt, und voraussichtlich wird man schon aus der am Montag zur Verlesung gelangenden Thronrede einiges hierüber erfahren. Das von dem liberalen Kabinett angewandte Kampfmittel wird aller Voraussicht nach in einem P a i r s - schub bestehen, aber auf eine schwierige und langwierige Kriegsfnhrung werden sich die Liberalen, die es in dem Oberhause mit einem sehr ernst zu nehmenden Gegner zu tun haben, gefaßt machen müssen. Dieser Kampf wird die Session in der Hauptsache ansfüllen, und die S ch u tz z o l l b e w e g u n g dürfte dabei um so mehr in den Hintergrund
treten, da ja die Wahlen eine unbedingte Mehrheit für den Freihandel ergeben haben. Endgültig verschwinden aber dürste bei diesem Zweikampf zwischen Unter- und Oberhaus auch das Schreckgespenst der „deutschen Gefah r", welches während des Wahlkampfes eine so unheilvolle und für den vielgerühmten gesunden Menschenverstand der Engländer eine so b e - schämende Rolle gespielt hat.
Politische Wersrcht.
Zur Keamterrpkioi!egievu»s.
Ter freisinnige Landtagsabgeordnete D e l i u s - Halle, der in seinem bürgerlichen Beruf bekanntlich Postbeamter ist, spricht sich in der „Saale-Ztg." energisch gegen die in der Wahlvorlage enthaltene Privilegierung der Beamten aus. Mit Recht sagt er. die Beamten sollten sich bei dieser Einschätzung klar werden lassen, daß ihr Ansehen dadurch in keiner Weise gehoben wird:
„Ansehen und Achtung bei fernen Mitbürgern kann man nur erwerben, wenn man. im Besitze der nötigen Charaktereigenschaften, durch seine Tätigkeit zeigt, daß man das notwendige Maß von Bildung, ganz gleich, wie und wo dasselbe erworben ist, und gereiste Lebenserfahrung besitzt. Diese letztere Eigenschaft insbesondere kann nicht durch irgendeinen Berechtigungsschein erworben werden, sie wird nur erlangt in der Schule des Lebens. Und da sollte man meinen, müßte sie in den sogenannten freien Berufen mindestens ebenso häufig anzutreffen fein.
Deshalb ist es für mich ganz klar, daß auch die anderen Parteien dieses sogenannte Bildungsprivileg ablehnen werden. Die Beamtenschaft kann sich nur gratulieren, wenn dieser neue Stein des Anstoßes möglich schnell beseitigt wird. Das so dringend notwendige gute Einvernehmen zwischen Festbesoldeten und freien Erwerbsständen kann dadurch nur gewinnen. Das Privileg würde eine neue künstliche Schranke sehr zum Schaden unseres Vaterlandes aufrichten."
Im Interesse des getoerblichen Mittelstandes verlangt Delius alsdann die geheime Wahl:
„Man braucht nur die Wählerlisten bei einer öffentlichen Wahl dnrchznsehen und wird finden, daß der Prozentsatz der Nichtwähler gerade unter den Geschäftsleuten besonders groß ist. Und doch leuchtet diese traurige Tatsache ohne weiteres ein. Man braucht sich ja nur der Berliner Landtagswahlen zu erinnern mit dem von sozialdemokratischer Seite ausgeübten Terror. Hier zeigte sich der Terrorismus von unten, während wir in zahlreichen anderen Fällen ihn von oben habem Es wird deshalb kein Mensch einem Geschäftsmanns
Feuilleton.
hie Jugendliebe des Auren Nikolaus II. und Nnzfsu Kugun?)
. Eines Tages führte Großfürst Paul seinen Ressen Kilolüus im Hause des Armeelieferanten Kagan ein, dessen Achter er aufs eifrigste den Hof machte, ohne aber Erfolge dkfweilen zu können. Der schönen Rajssa lag halb Petersburg bewundernd zu Füßen, und man konnte sich in der Tat ^uch kaum etwas Schöneres denken als diese Jüdin. Eine Maki, schlank und biegsam wie eine junge Fichte, große uvimvcrlorene Augen in dem alabasterweißen Gesichtchen, Mn Züge von reiner klassischer Schönheit waren, aus dem ^»pfe eine Krone aus jenem tiesschwarzen Haar, das blaue Schatten wirft und jenen seltenen Dust ausströmt, der alle «iäntir: toll macht. Und dies alles noch übergossen mit der ungfräulichen Anmut und Frische ihrer siebzehn Jahre —, Jet konnte da widerstehen und so leicht den Bann so vieler rchönbeit und Reize von sich abschütteln?
Ms der junge Nikolaus an der Seite seines Oheims an Salon der Kagans betrat und die schöne Rajssa auf ihn iuschwebte, um ihm vorgestellt zu werden, war er verloren, diesem Augenblick an lag er in ihrem Banne, und ich Naube, Nikolaus II. liebt die schöne Rajssa auch heute noch, ^rd daß das Zerstören seines Liebesglückcs vielleicht die '»auptursache ist, daß Nikolaus II. einen immer einsamer «erdenden, in der Welt des Mystizismus sich verlierenden stbeneweg wandelt. Aber auch Rajssa schien von dem ersten «ugenblicke an ihr Herz an den jungen Thronfolger verarm zu haben, die beiden jungen Leute verschlangen sich ärmlich mit den Augen, und eines Abends — bei Kagans «b es eine große Soiree — hatte Nikolaus, vom Champagner ermutigt, die schöne Rajssa in einer Nische des «iuteraartens an sich gerissen und ihr seine Liebe in der
*) lus dem soeben erschienenen, höchst interessanten Buche Aus :;m Leben eines Kaiservaares" von dem russischen iubliz -ren Bresnitz v. Svdakow. Dieses Buch/ist da? erste P* ^Aus Rußlands jüngster Vergangenheit", die bei B. Elstcher Nachfolger. Leipzig, erscheint.
hastigen, stürmischen Weise gestanden, in der man spricht, wenn man wirklich liebt, heiß und glühend, und jung, wirklich jung ist. Und die schöne, stolze Rajssa, die bisher allen Versührungskünsten so tapfer widerstanden hatte, gab sich dem ungeschickten und schüchternen Nikolaus hin . . .
Und gerade um die damalige Zeit suchte die Mutter des Zarewitsch, die im Ehestiften so vielbewanderte Kaiserin Marie Feodorowna, nach einer Braut für ihn, und glaubte sie in der schönen Prinzessin Alice von Hessen gesunden zu haben. Nikolaus und Rajssa schworen sich inzwischen ewige Liebe und Treue, ja, Nikolaus hatte in aller Form um die Hand seiner Geliebten angehalten und trotzig erklärt, daß Rajssa und keine andere seine Gemahlin werden wird, und daß er sich stark genug fühle, den zu erwartenden heftigen Widerstand seines Vaters zu besiegen. Im Hause Kagan zitterte man vor der weiteren Entwicklung dieser Liebesaffäre, während sich Großfürst Paul zurückgezogen halte und glaubte, daß der Liebesrausch des Zarewitsch, an dessen Erwachen eigentlich er die Schuld trug, in Bälde verfliegen und sich alles glätten werde. Man sollte sich aber täuschen, die Liebesaffäre entwickelte sich in rascher Folge zu einerü förmlichen Drama.
Eines Tages wurde Nikolaus in das Arbeitszimmer seines Vaters gerufen, in dem sich auch die Kaiserin eingc- funden hatte. In seiner kurzen, befehlenden Weise machte ihm Alexander HD die Mitteilung, daß er cs für gut befinde, ihn in Bälde zu verheiraten. Man habe beschlossen, ihn mit der Prinzessin Alice von Hessen zu verloben. Alexander ill. reichte seinem Sohne deren Bild hin.
Nikolaus erbleichte bis auf die Lippen, aber vor dem herrischen Blick seines Vaters getraute er sich nicht zu widersprechen; wie. ein Verbrecher das Todesurteil annimmt, so gab Nikolaus seine Zustimmung zur Verlobung vlit Alice von Hessen. Doch als die Kunde davon in das Kagansche Hans gelangte, begann das Drama sich zu knoten. Rajssa beging einen Selbstmordversuch und gab in einem vorher an Nikolaus gerichteten Brief diesem sein Wort zurück. Nikolaus eilte entsetzt in das Haus der Geliebten, fürchtend, sie nicht mehr lebend anzutreffen. Zum Glück war der Selbstmordversuch der schönen Rajffa fehlgegangen, aber die Jammerszenen, die sich vor den Augen des Thronfolgers abspielten, waren solch furchtbare, daß dieser, tief erschüttert,
Rajffa nochmals zuschwur, an ihrer Seite auszuharren und die Verlobung mit Alice von Heffm sofort aufzulöscn. Zu Hause angelangt, schrieb er denn auch sogleich einen Brief an seine Braut, der diese aus allen Himmeln stürzte, und einen zweiten an seine Mutter, die Kaiserin Marie Feodorowna, in dem er sich ihr offenbarte und drohte, gcineinsam mit seiner Geliebten in den Tod zu gehen, wenn man ihn zwingen sollte, sich mit Alice von Hessen zu vermählen.
Unter diesen Uncständen blieb natürlich nichts anderes übrig, als den Zaren von den Vorgängen zu unterrichten. Wie ein angeschossener Eber wütete Mexander III.. und die Unterredung mit seinem Sohne hätte mit Tätuchkettm begonnen, wenn nicht die sauste Maria Feodorowna dieser angewohnt und durch ihr Dazwischentreten das Äußerste verhindert hätte. Nichtsdestoweniger verlief die Unterredung zwischen Pater unb Sohn dramatisch genug. Wxauder III. schrie und tobte, er drohte, seinen Sohn zu enterben und außer Landes zu jagen, aber dieser blieb unerschütterlich bei seinen! Willen, die Verlobung mit Alice aufzulöscn und Rajssa heimzuführen.
Daraufhin wurde dem Zarewitsch aufgetragen, sich für eine einjährige Weltreise zu rüsten, die er schon in den nächsten Tagen änzutreten habe. Aber Nikolaus widersetzte sich dem Willen und den Befehlen seines Vaters auch hier: er erklärte, die Weltreise nicht antrctcn zu wollen, dagegen werde er mit Rajssa sofort Rußland verlassen, falls der Zar noch weiter auf seinen Wünschen bestünde. Das schlug dein Faß den Boden aus. Der alte Kagan wurde zum Zaren berufen und nach einer furchtbaren Skandalszene mit dem Befehl entlassen, sich sanrt seiner Familie bereit zu halten, um im Administratiouswege nach Sibirien verschickt zu werden. Nun wurde Nikolaus weich. Uni die Geliebte zu retten, erklärte er sich bereit, die einjährige Weltreise anzutreten. Er wußte aber nicht, daß Rajssas Vater sich inzwischen, uni der Verschickung nach Sibirien zu entgehen, an den Zaren mit dem Vorschlag gewendet hatte, seine Tochter Rajssa in der Abwesenheit des Zarewitsch mit einem anderen zu vermählen, wodurch der Liebestragödie ein radikales Ende gemacht werden sollte.
Nikolaus reiste ab. Die Verlobung mit Alice von Hessen blieb in Kraft, aber die Vermählung wurde auf unbestimmte
