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Kr. 79.
Wiesbaden, Donnerstag, 17, Februar 1910.
Morgen - Kusgabe.
1. Matt. ~
Wird etwas zustande kommen?
Hält man sich ausschließlich an die Reden der e r sl e n Leiung der Wahlrechtsvorlage und die bereits erfolgten ersten Beschlüsse, so wird man zu der Vermutung berechtigt erscheinen, daß die Arbeit vergeblich ieiu wird, daß die Beratungen über die Wahlrechtsvor- lllg- negativ werden endigen müssen. Indessen ewenehlt es sich, die Einzelheiten der Hauptfragen, die hier in Betracht kommen, sorgfältig auseinanderzu- haüen, einmal, um vor Überraschungen gesichert zu lei», und sodann (was ja ungefähr dasselbe ist), um ferten zu erkennen, in welcher Richtung diese Überraschungen, die alsdann keine mehr sein werden, liegen mi reu. Drei Punkte kommen bei der Beratung in Bewacht: die Frage der gehe i m e n oder der öffentlichen Stimmabgabe, die Frage der Abgrenzung der Wählerklassen nach Kriterien des Besitzes, dm Bildung und der Beamteneigenschaft, enü'ich — die Frage der direkten oder der in- direkten Wahl. Es könnte ja scheinen, als bedeute diese dritte Frage praktisch nichts, da die Vorlage doch bereits die direkte statt der Wahlmännerwahl vor- 'chlcgt. Aber inan hat dock; die Andeutungen zu be- nach denen gerade auf dem Boden dieser dritten z^rare mancherlei Unerwartetes noch passieren könrre. Es wird so dargestellt, als könnten die Frage ier direkten oder der mdirekten Abstimmung und die 8:777 der geheimen Stimmabgabe miteinander in BeUindung gebracht werden, und zwar in der Richter 7 daß sich die Konservativen vielleicht dazu bewegen lassen würden, die geheime Abstimmung zuzu- ileslehen, wenn dafür die von der Vorlage vorgesehene direkte Abstimmung wieder durch die indirekte ersetz: würde. Das klingt ja, wir geben es gern zu, kartierend, aber es handelt sich zunächst ja gar nicht Mn die Ankündigung oder die Möglichkeit der An- kündiigung von bestimmten Vereinbarungen in dieser Richtung, sondern es handelt sich nur um eine Fühlungnahme zwischen verschiedenen Parteiführern. Was dabei berauskommen wird, weiß man freilich nicht: vielleicht komnit gar nichts heraus, vielleicht wird nicht einmal versucht, die hier skizzierten Pläne in eine Form zu bringen, vielleicht.aber kommt doch etwas heraus. Wir Missen es nicht, wir möchten jedoch auf diese Kombi- ftationen aufmerksam machen.
Liit welchem Nachdruck die Konservativen an der Wa ölmänner Wahl festhalten, erkennt inan Hera. : jetzt wieder an einem langen Artikel der «Kr e uz zeit u n g", die sich sehr bemüht, die Be- baupmngen zu widerlegen, daß sich das indirekte Wahl- rech: überlebt habe. Der Artikel des konservativen . Blattes hätte, da ja diese Frage bisher in den Debatten des Abgeordnetenhauses so gut wie keine Rolle gespielt bat, nur den Charakter einer ziemlich überflüssigen theoretischen Auseinandersetzung, tvenn nicht eben eine b r a k t i s ch e Tendenz dahintersteckt, und es könr.m schon sein, daß damit die ersten Umrißlinien
für eine Aktion in der geschilderten Richtung gezogen werden sollen. Wer aber soll der andere Kontrahent neben den Konservativen sein. Das Zentrum oder gar die Nationalliberalen? Die Konservativen haben in den Wahlrechtsdebatten des Abgeordnetenhauses Angriffe auf die Nationalliberalen, mit denen sie sonst doch neuerdings wiederholt zusammengeraten sind, weislich unterlassen. Gerade mit ihnen möchten sie in der Wahlrechtsfrage ein Geschäft machen, und manche Lockung mag auch schon versucht worden sein. Möglich, daß die Konservativen, die am Zustandekommen eines so schlechten Gesetzes, wie es die Regierung vorschlägt, das Hauptinteresse haben (denn sie kämen mit so g e r i n g e n O p f e r n davon, daß sie sich etwas Besseres gar nicht wünschen könnten), möglich also, daß die Konservativen in der Frage der geheimen Stimmabgabe doch noch mit sich reden lassen, wenn sie dafür als für sie wertvolle Konzession die Beibehaltung der Wahlmännerwahlen durch- setzen können. Stände es.so, dann hätte das Festhalten der Staatsregierung an der öffentlichen Stimmabgabe nicht viel zu bedeuten, denn es ließe sich hinterher immer sagen, daß eine veränderte Situation auch veränderte Entschlüsse rechtfertige. Genug, man muß achtsam sein. Einstweilen erscheint der Eindruck doch nicht als berechtigt, daß man die Wahlrechtsvorlage bereits als erledigt anzusehen habe.
Politische Udrrstcht.
gtamttittm «feer den Reichskanzler.
Ter Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg wird vom
Abgeordneten 1). Naumann „Hilfe" scharf kritisiert. „Er aller Vorzüge kein Man Es fehlt ihm zuerst, die Biilowsche mag für ihn selber drückend feilt:
tn der neuen Nummer der ist", so heißt es da, „trotz für diese Stelle! Leichtigkeit. Tus aber im Grunde
schadet es nichts; Deutschland verträgt ganz gut etwas Ernst und Griesgrämigkeit, wenn nur sonst etwas dahinter steckt. Ihm fehlt sodann die unmittcl- bare Sicherheit, sich zu geben und seinen Willen den anderen aufzuprägen. Das ist schon bedenklicher, denn beirn Reichskanzler hängt viel von der ungewollten Nebenwirkung ab, durch die er die Presse und die Volksmeinung für sich einnimmt. . . . Vor allem aber: dieser Mann k e n n t d a s V 0 l k n i ch t ! So wunderbar es klingen nrag, so ist es doch offenbar, daß jemand Landrat. Regierungspräsident, -Oberpräsident und Minister werden kann, ohne ein Empfinden für das Seelische und Innerliche im Volke zu bekommen. Die Rede, die er am 10, Februar im preußischen Landtag über die Wahlrechtsfrage gehalten hat, war nicht ohne formale Klugheit, aber völlig ohne inneres Gefühl für das, worum es sich bei der Wahlrechtsfrage handelt. Als Beamter stellt er sich hin und redet gegen den Pa r la m e n t a r i s m u s an s i ch. Er hat nur Ironie für die Hoffnungen, daß mit einem besseren Wahlrechte die Zustände sich bessern. . . ."
„Im Grunde", so schließt Naumann mit vollem Recht, „ist die Rede des Kanzlers sch l i m mer al s die Redensarten des Herrn v. Olden»
58, Jahrgang.
bürg, denn der Kanzler bedeutet viel m eh r als jener eigentümliche Kammerherr, und auch e r ist im Innern seiner vielfach gefalteten Seele ein Gegner des Reichstagswahlrechts. Wenn er es nicht wäre, müßte er anders gesprochen haben, müßte er Töne des Verständnisses dafür gefunden haben, was für jeden kleinen und einfachen Bürger sein Wahlrecht ist. Das Wahlrecht ist die einzige Stelle, an der er seinen Zusammenhang mit der Weltgeschichte merkt. Er niuß dienen, muß zahlen, darf aber wählen. Das letztere aber will man ihm wehren: Diene, zahle und bleibe ein Wähler dritter Gütel"
Deutsches Deich.
* Die Mittelmeerreise des Kaisers. Nach dem „93. T." wird die Abfahrt der Kaiserjacht „Hohenzollcrn" nach dem Mittelmeer nicht vor Anfang März stattfinden.
LC. Der freisinnige WahlrcchtSausschus? hat an die Vereine dcr linksliberalen Parteien Preußens ein Schreiben gerichtet, unterzeichnet von den beiden Fraktionsvorsitzen-- dcn Dr. Meiner und Dr. Pachnicke, worin es heißt: „Die preußische Wahlreform ist in ein neues Stadiicm eingetreten. Die Vorlage der Regierung bringt zwar die Beseitigung der lästigen indirekten Wahl, sic enthält aber nicht die geheime Wahl und verschlechtert durch Schaffung neuer Privilegien das preußische Wahlrecht noch weiter zuungunsten des Mittelstandes und der arbeitenden Bevölkerung. Dieser Vorlage gegenüber muß ein Sturm der Entrüstung durch das ganze Land gehen! Wir bitten unsere Vereine, in Mitglieder- voer öffentlichen Versammlungen gegen die Wahlrechtsvorlage und für die Einführung des Reichstagswahlrccksts Stellung zu nehmen. Material für die Versammlungen liefern die Druckschriften des Wahlrechtsausschusses? eine in den nächsten Tagen erscheinende neue Broschüre wird auch die Wahlccchrsoorlage und eine Kritik derselben enthalten." Diese Aussorderung wird ans fruchtbaren Boden fallen.
* Viel böses Blut in Süddcntschland hat die Erklärung des Reichskanzlers v. Bethmann-Hollweg in seiner Wahlrechtsrede im Abgeordnetenhaus vom Donnerstag gemacht: „Ich behaupte, daß politische Kultur und Erziehung nicht gefördert werden, sondern leiden, je demokratischer das Wahlrecht gestaltet ist. . . . Ich muß doch fragen, ob die Behauptung gerechtfertigt ist, daß die Parlamente das Zentrum sind, von dem aus politische Bildung und Erziehung auf die Volksmassen ausstrahlt, oder ob nicht umgekehrt die Demokratisierung des Parlamentarismus in allen Ländern dazu bcigctragen hat, die politischen Sitten zu verflachen und zu verrohen." Der zur Deutschen VoW- partei gehörende Volksverein Gro-ß-Stuttgart hat einstimmig gegen diese Auffassung Protest eingelegt in einer Resolution, in der es heißt: „Die Versammlung protestiert mit Entschiedenheit gegen die grundlosen Beschimpfungen der deutschen Südstaaten durch den preußischen Ministerpräsidenten und Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg in der Donnerstagssitzung des preußischen Abgeordnetenhauses, indem er als Folgen demokratischer, politischer und parlamentarischer Einrichtungen, wie wir sie besitzen, einen Rückgang der Kultur und der Erziehung und eine Verflachung und Verrohung der politischen Sitten behauptete." — Hierzu
Feuilleton.
M Dem pariser Tagebuch eines Tihetauers.
Der bekannte Reisende Jacques Bacot hatte während seine- letzten Besuches in Tibet einen Tibetaner mit nach Europa genommen, um von ihm die Sprache seines Landes SU lernen. Er wählte sich einen seiner Führer, einen kühnen und klugen Mann aus, der während seines Aufenthalts in der Fremde ein Tagebuch geführt hat, das jetzt im „Bulletin du C mite de l’Asie frangaise“ veröffentlicht wird.
Wo beginnt dcr Tibetaner die Aufzeichnung seiner Eindrücke: „Als in diesen Zeiten der große französische Mann namens Pa ans dem Lande Tseku kam, im Jahre des Ham- urels, um das Payul (Tibet) zu besuchen, sagte ich, Adjrup Eambo, Tibetaner von Patong, ohne Zögern: Erlaube, daß ich dir folge in Tibet, in China und in welchem Lande auch immer," Dem Tibetaner erscheint bekanntlich sein Vaterland als das „Dach dcr Welt"? unser Reisender kommt sich denn auch, plötzlich iu eine ganz andere Sphäre versetzt, wie ein Mensch vor, dcr von einem Dach heruntersällt? die Eisenbahn, :as Dampfschiff setzen ihn in Erstaunen, aber noch Mehr wundert er sich über das Meer. Auf der Fahrt über den Oaan stirbt ein Passagier und wird ins Meer gesenkt. Das mrursacht dem Verehrer des Dalai-Lama schwere Sorgen und Ängste. „Alle Menschen waren schwarz gekleidet". vertraut er seinem Tagebuch an, „sie sagten Gebte und senkten den Leichnam ins Meer. Ich dachte einen ganzen Tag darüber nach, ob man mit mir, wenn ich sterben sollte, nach demselben Brauche verfahren würde. Da ich nun sehr litt in meinem Herzen, bemerkte das dcr große Mann und
sprach zu mir: „Adjrup Gambo, trage nicht Leid in deinem Herzen. Wenn du krank werden solltest und sterben, so werde ich deinen Körper nicht ins Meer werfen, sondern ich werde ihn in einem Grabe von Stein aufbewahrcn und in dein Vaterland zurückbringen." „Als ich diese Worte gehört hatte, war ich wieder froh." Als der Tibetaner in Marseille an- kommt, verwundert er sich am meisten über die vielen Zimmer und die Sauberkeit in dem großen Hotel, das sein Herr mit ihm aussucht. „In den Zimmern sind Betten ausgestellt, die mit Seidenstoffen bedeckt sind. Auch die Seidenstoffe, die aus den Tischen lagen, waren ganz ohne Schmutz .. Bevor man sich zur Ruhe begibt, mutz man sich den Körper und die Hände waschen und den Staub von seinen Kleidern entfernen. Wenn ich in mein Vaterland zurückkehren werde, wenn ich verächtlicher Hund erzählen werde, daß auch ich nach diesem Brauche getan habe, dann werden sich alle Menschen ungläubig die Ohren zuhalten." Und nicht minder unglaubhaft als die europäische Reinlichkeit wird seinen Landsleuten, so meint er, seine Schilderung des Pariser Lebens erscheinen. Was für ungeahnte Wunder eröffnen sich ihm schon in einer modernen Hauseinrichtung! „In jedem Stockwerk gibt es kleine Räder, und wenn man sie nur ein Viertel herumdrehsi dann geben sie Licht, Wasser, Wärme, alles, was man will. Da hat man weder Ol nötig noch Feuer." Bei seinen Wanderungen in der Stadt besucht er den Zoologischen Garten, wo „die wilden Tiere und die Lebewesen des Weltalls vereinigt sind"? er besucht auch das große Louvre-Magazin. Da er etwas Stoff laufen will, so hat er sich klugerweise seine kleine chinesische Wage mitgebracht, um das Silbcrgcld zu wägen, das ihm hcraus- gegeben wird, wie man das in Tibet beim Einkäufen so tut. Er ist höchlichst erstaunt, daß „alle Kaufleute, als sie mich
mit der Wage hantieren sahen, lachten und sich lustig machten".
Sein Herr nimmt ihn auch ans das Land mit nach dem Schloß, das er in der Tonraine besitzt. Hier macht der Tibetaner eine Beobachtung, die ihm viel zu denken gibt: Er bemerkt, daß die, die die Reichsten sind, dennoch nicht das Land beherrschen, und er notiert sich folgende staatsrechtliche Betrachtung: „In Frankreich sind die, die die Paläste bewohnen, die Untertanen ihrer Pächter geworden. Die Armen, die die Lstacht erhielten und vom Volke gewählt wurden, haben den Reichen ihre Güter gelassen. Aber in Zukunft werden sie wünschen, sich ihrer zu bemächtigen." Auch die Not des Lebens lernt der Tibetaner im fremden Lande kennen, und zwar erfährt er sie, wie so oft im Leben, von einer Frau, nämlich von einer bösen Köchin. „Diese Köchin hatte einen Schnurrbart? sie war schmutzig, schlecht und fürchtete nicht Gott. Sie gab niir meine Nahrung wie einem Hunde. Nach drei Monaten jagte sie der Herr aus dem Hause. Es kam eine neue, gute Köchin, und ich war sehr floh darüber." Von diesen persönlichen Erfahrungen wMdct sich sein Interesse den Französinnen überhaupt "zu. -Aber er ist von ihnen nicht entzückt, sondern bekennt: „Ich habe auch andere schlimme Frauen getroffen, aber ihre Ehemänner waren gut. Die Franzosen liebcn die Frauen sehr; sie grüßen sie tief, und wenn sie mit ihnen sprechen, zeigen sie lächelnde Gesichter und ihre Stimme ist voll von Süße. Wenn in Frankreich eine verheiratete Frau Ehebruch begeht, dann tötet sic ihr Gatte nicht, wie es in Tibet und China ein tugendhafter Ehemann tun rnuß, sonderrr er geht friedlich seinen Geschäften nach, während alle über ihn lachen, sich lustig macken und sagen, daß feine Stirn der dcr Ochsen ähnlich ist."
