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Nr. 77.
Wiesbaden, Mittwoch, 16. Februar 1910.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt.
Die Jtelorm**
'Die Rede des Ministerpräsidenten d. Bethmann-Hollweg wird auch vom „Ham- burgrschen Korr." als ein Mißerfolg bezeichnst. Er schreibt:
Der Kanzler ignorierte dils feierlichen Worte, Uii: denen 1008 die Reform angetundigt worden war, sc vollständig, daß er seine eigene Vorlage als u n - tu. ja fast als schädlich hinstellte. Oder hatte er viel- leier die Absicht, nachzuweisen, daß diese Vorlage über- ha.ot gar keine Reform enthält, weil eine solche un- nönn und schädlich sei? Das wäre dann der Gipfel einer Verkennung der staatsmännischen Aufgabe peusen. Jedenfalls können wir uns nicht erinnern, da- mit einer großen Rede ein deutscher Reichskanzler it:; . is einen solchen Mißerfolg zu verzeichnen gehabt hätte wie jetzt Bethmann-Hollweg.
7'M neuesten Heft des „März" schreibt Dr. Heinrich Hu:: er:
Dieser Gesetzentwurf ist eine Degradierung aller Preußen ohne Geld und Titel, ist die Sanktionierung jenes Geistes, der den Menschen ohrx Rang und Titel über die Achsel ansieht, jenes Deines, der den Deutschen, die „draußen" waren, die Rü-:kehr verleidet, weil sie sich ohne Orden und Titel gei-mschaftlich deklassiert Vorkommen. Die gesellschast- lia: Deklassierung erhält nun eine staatsgesetzliche Besiegelung. Dieser königIich preußische K i g s f e n g e i st s ch ü r t den K l a f s e n k a m p f Unheilvoll. Die Aufrechterhaltung der ösient- l i c, n Stimmabgabe ist eine fortgesetzte amtliche Unterschlagung der staatsbürgerlichen Li a h l f r e i h e i t. Hier liegt der entscheidende Punkt: Die Vergewaltigung der wirtschaftlich Unfreien soll fortdanern. Darauf beruht die Herrschaft der Funker und darum darf Bethmann-Hollweg hieran nicht rühren. Beschämend ist es aber, daß er dieses unsnrliche Mittel mit sittlichen Redensarten verteidigen muß. Es steht ministeriell geschrieben, „die geheime Wahl verbreite heimliche Unzufriedenheit". Hier lieg: ein pharisäischer Trugschluß vor, denn die Unzufriedenheit kann nicht erzeugt und nicht verbreitet werden durch die Wahl eines dem Herzen geeignet erscheinenden Kandidaten, sondern nur durch die Verhinderung einer solchen Wahl unter einem unsittlichen Truck und der stillschweigenden Androhung poli- ttiu-r. wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Schädigung. In Wahrheit will der Entwurf die tatsächlich oorbstndene Unzufriedenheit nur hindern, sich legal zu äußern. Er verschließt das natürliche Ventil und verlangt „Zu fr ie d en h ei tsh euch e Iei".
Das ist unmoralisch und pädagogisch verwerft I i ch. Geradezu lächerlich aber ist die politische Haltung eines Staatsmannes, der in seiner Stellung als Reichskanzler die R e i ch s g e s e H e, im Interesse der Wahlfreiheit das Wahlgeheimnis zu schützen und zn hüten hat, und der als preußischer Ministerpräsident mit seinen Vorschlägen grundsätzlich das Wahlgeheimnis im Interesse der Wahlunfreiheit denselben deutschen Staatsbürgern entreißen hilft. Entweder — oder! Ein Staatsmann kann nicht zweierlei Art von politischer Sittlichkeit vertreten, ohne Schaden zu nehmen an seiner unsterblichen Seele.
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Ein Widerspruch nach dem anderen.
Gegen den preußischen Wahlreformen t w n r f will der Deutsche Apotheker- verein Stellung nehmen, weil die Bestimmung, daß ein Examen mit vorausgegangenem wenigstens dreijährigen Studium auf einer Universität oder sonstigen deutschen höheren akadetnischen Lehranstalt Bedingung des Aufrückens der Wähler in eine höhere Abteilung sein soll, eine Ungerechtigkeit sei. Damit würde die p h a x m a z e u t f s <f/c Staatsprüfung den anderen gegenüber als minderwertig gekennzeichnet. Die absolvierten Apotheker würden, soweit sie nicht, an einer reichsdeutschen Universität promoviert haben, von der Zuweisung an eine höhere Wählerklasse ausgeschlossen sein. —Die Apotheker haben natürlich ganz recht, sich gegen die durch die famosen Klaffi- fizierungsvorschläge der preußischen „Reform" ihnen drohende Zurücksetzung zu wehren. Die geradezu lächerlichen Unterscheidungsvorschläge, die dhe preußische Bureaukratie mit ihrem Entwurf ausgebrütet hat, müssen ja überall Widerspruch Hervorrufen.
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Mittelstand und Wahlrechtsvorlage.
Nach Veröffentlichung der preußischen Wahlrechtsvorlage hat die „Mittelstandsvereinigung für Handel und Gewerbe" eine Eingabe an das^ Abgeordnetenhaus gerichtet, die sich nachdrücklich für Einführung der geheimen Wahl ausspricht.
UoLitlschb Übersicht.
Nochmals die Olderrdiregrade.
In der „Jugend" wirft Georg Hirth die Frage auf, was wohl dem Januschauer geschehen wäre, wenn er 1876 seine Geschichte vom Leutnant mit den zehn Mann vorgebracht hätte, und er gibt folgende Antwort: „Fch denke mir, so ungefähr das, was dem passieren würde, der an der Hoftafel einen Stiefel ausziehen und herumreichen wollte, um die Herrschaften von der Güte des von ihm benutzten Schweißpulvers zu überzeugen. Ja, was hätte er erst vom alten Simson und dann von Bis-
88. Jahrgang.
mnrck zu hören bekommen? Auch von den Vorfahren des jetzigen Vizepräsidenten, von den Paladinen Wilhelms I. und von den Volksmännern, denen wir unsere bescheidene Reichsfreiheit verdanken? Ist überhaupt der Wahnwitz faßbar, daß man Wilhelm I. die Auflösung des Reichstags — warum nicht auch des Bundesrats?
■— „durch einen preußischen Leutnant und zehn Mann" hätte zumuten können? Liegt nicht_ schon in der Operettenhaftigkeit des Bildes und feiner Provenienz (Köpenick!) etwas, das, — nun das eben mit dem Ernst und der Würde einer großen Zeit , und ihrer großen Männer schlechterdings unvereinbar ist?
Wenn wir dieser Überlegung nachgehen und uns der Untätigkeit des Präsidiums, sowie der lauten Zustimmung erinnern, welche das Diktum des Herrn v. Oldem bürg auf der rechten Seite gefunden hat, so müssen, wir doch sagen: Hier tritt ein Tiefstand der politisch enBildung zutage, den man selber den ärgsten Reichspessimisten von 1870 nicht zutrauen durfte.
Trotz Sport und Luftschiffahrt, Wasserzukunft und Machtbewußtsein hat die Kultur der deutschen Würde eher Rückschritte als Fortschritte gemacht. Es ist. als ob sie im Alkohol, dem ärgsten Feinde des Idealismus und aller freiheitlichen Regungen, und in dem Verdnmmungsegoismus der in Staat und Kirche Herrschenden stecken geblieben wäre.
Denn fast alle Gebrechen unseres Volkstums und unserer Kultur liegen in der Unfreiheit dem Mangel an persönlicher Gewissenhaftigkeit und in der Heuchelei, namentlich aber in der Geringschätzung des Göttlichen im Menschen, die so oft in Brutalität nach unten und in Byzantinismus nach oben ausartet, — lauter Crb-Untugenden aus den Zeiten der Hörigkeit und des durch soziale und konfessionelle Vorurteile beschränkten Untertanenverstandes. Deutsch sein heiße darum fortan fr e i werden
Deutsches Deich.
* Besuch der Cumberlander am Schweriner Hofe. Wie aus Gmunden berichtet wird, hat sich die Herzogfamilie von Cnmberland nach Schwerin zum Besuch des Großherzogpaares begeben. Die Großherzogin Alexandra sieht im April ihrer Niederkunft entgegen. Sie befindet sich den Umständen entsprechend durchaus wohl, so daß trotz ihrer zarten Konstitution keine Besorgnisse bestehen.
* Der verfehlte Handkuß. Zum letzten Rout beim bayerischen Ministerpräsidenten Frhrn. v. Podewils waren auch die Landtagsabgeordn-eten geladen und, einschließlich die Sozialdemokraten, fast vollzählig erschienen. Der Ministerpräsident begrüßte mit seiner Gemahlin an der ersten Salontür die Gäste mit Händedruck; der Dame des Hauses wurde dabei von den eintretenden Herren, wie üblich, die Hand geküßt. Ein biederer neugebackener Zen» trumsabgeordneter vom Lande, der hinter zwei liberalen Deputierten daherkam und sah, wie diese der Dame des
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Feuilleton.
—^(Nachdruck verboten.)
Bildung macht frei«
Skizze von Hermann Röpc.
Sie hieß Mizi Bellini und war beim Ballett; er hieß $hm von Liliencron und war Leutnant bei den Pionieren. Und ne liebten sich.-—
Ah, Werden die Leser nun sagen, die Geschichte kennen wir. Sie liebten sich, bis der LeuMant es ganz unmöglich fand, für weitere Buketts und sonstige Geschenke zu bezahlen, und dann fing Mizi an, kühl gegen ihn zu werden, und er-
Nein, werte Damen und Herren, diese Geschichte ist eine ganz andere,
Mizi hieß nänilich nur Mizi, wenn sic beim Ballett war. Eigentlich hieß sic Anna Müller und war die Tochter des leider zu früh verstorbenen Rcchnungsrats, früheren Zahl- meis.ers Müller. Die Mama, die verwitwete Frau Rech- nunosrat Müller, hatte neben ihrem Titel nur eine ganz ileir.: % sion, eine so sehr kleine Pension, daß ihrTöchterchen Anna nur die Volksschule besuchen konnte. Nun sollte Anna nach der Konfirmation etwas lernen, und da sie sich zum bildschönen Mädchen entwickelt hatte, mit reizendem blonden Lockcnkopf und einem Körper schlank wie eine Lilie, so gab die Mutter dem Rate und Drängen eines befreundeten dlachbars, des Herrn Ballettmeisters Guiseppo Mayo- rini iJcsteph Meier), der selbst zwei Töchter beim Ballett hatte, nah, und ließ ihre Tochter für das Theater-Ballett ausbilden. Anna lernte tanzen, wie eine junge Ente das Schwimmen lernt, wurde jeden Tag schöner und blieb — ein tugendhaftes Mädchen, im weitesten Sinne des Wortes. Mama Atüller war auch nicht von gestern. Sie begleitete ihre Tochter zum Unterricht, zu den Proben und zu den Vorstellungen, und wenn jeman^, war er auch noch so reich und hochgeboren, es wagte, sich ihrer Anna — jetzt Fräulein Sßiii Bellini — zu nähern, dann war ,1a mere bettbi" zu
gegen und machte den jungen Herren ihren Standpunkt klar. Blumen, Schmucksachen, Soupers, alles half nichts.
Und dann kam der Herr Leutnant v. Liliencron und die Sache gewann einen anderen Anstrich. Der Leutnant war von Profession Eisenbahn-Techniker, und trotzdem er gelegentlich vom Rrrreg'ment erzählte und ein kleines Schnurrbärtchen ä la Habt in die Höhe strich, so hatte er doch vorwiegend etwas Grades, beinah Derbes in seinem Wesen, das eher den schaffenden, wirkenden Weltmann, als den aristokratischen Offizier verriet. Er meinte es ehrlich mit seiner Werbung um Anna-Mizi, wie er es ehrlich mit allen seinen Mttmcnschen meinte. Als er mit Mama Müller über den zu bestimmenden Hochzeitstag zu sprechen ansing, da begriff diese, daß der Herr Leutnant nicht zn verwechseln sei mit den uniformierten Schmetterlingen, die sich so zahlreich angemcldet halten und die stets rundweg abgewiesen worden waren.
So ereignete es sich denn, daß eines Tages eine Art Kriegsrai abgehalten wurde im Porderzimmer der kleinen MWerschcn Wohnung.
Der Bräutigam von den Pionieren hatte eine nette kleine Summe ererbt von einer Tante, die die Güte gehabt hatte, das Zeitliche zu segnen und ihn in ihrem Testament^ zu bedenken. Nun schlug er folgendes vor: Er wollte sein«: Abschied nehmen und eine Stellung bei den Erbauern der Bagdad-Bahn, die ihm angeboten ivar, annchmen. Anna sollte sich schleunigst vom Theater zurückziehen und für ein paar Jahre nach einer Pension in der Schweiz gehen, um dort das nachzuh^len, was sie auf der Volksschule nicht erlernt hatte. Das Feld war in der Tat groß genug für die allerfleißigste Schülerin, denn Anna, die aussehen konnte und sich zu b nelimm mußte wie eine junge Dame aus den höchsten Kreisen, stand mit der deutschen Orthographie auf dem gespanntesten Fuße, hielt die Länder und Städte, denen sie gelegentlich in den Zeitwigen begegnete, für böhmische Dörfer, klimperte Wohl etwas aus dem Piano herum, hatte aber von der klassischen Musik keine blaffe Ahnung, und alle fremden Sprachen waren für sie ein verschloflenes Buch. Alles Affektierte. Gezierte oder gar Mausirumpfige war
freilich dem braven Kurt ein Greuel im Auge, aber wenn seine teure, innigstgeliebte Anna-Mizi ihm gelegentlich ein Briefchen aus Seidenpapier geschrieben hatte, in welchem die zartesten Herzensergüsse durch grobe ^Schreibfehler vom Tragischen ins Lächerliche gezogen waren, dann hatte er doch wohl mit Schrecken daran gedacht, daß die zulünsttge Frarr v. Liliencron auf derselben Bildungsstufe stehen würde wie ihre Köchin oder ihr Kammermädchen, und das ging doch gar nicht an.
„Lerne nur tüchtig draus los, Mizi", hatte Kurt gesagt. „Bildung ist eine schöne Sache und macht frei, weißt du!"
Nun reiste denn Kurt nach Bagdad, um beim Bau der Bahn zu helfen, und Anna-Mizi nach der Schweiz, ans die Suche nach Bildung.
Und dort passierte das, was beinahe den beiden Liebenden zum Verderben geworden wäre. Glücklicherweise nur beinahe!
Der Stein des Anstoßes und Ärgernisses hieß Luigi di Roma — wenigstens nannte er sich so —, und er war der Musiklehrer der Pension. Er war ein schnrächtiger Jüngling mit langen, schwarzen, pomadisierten Locken und sprach gebrochenes Deutsch und noch gebrocheneres Französisch, mit einem starken italienischen Akzent. „Sie macken sarr großen Fortschritten, comme vous zantez bien", flüsterte er ihr zu, und wenn die beiden ganz allein im Musikzimmer waren, erzählte er ihr von seinem schönen Vaterland, el bei paise, und von der Kunst und deren wahren Jüngern. Und sie, die kleine, leicht erregbare Gans, sie hing an seinen Lippen — allerdings nur im bildlichen Sinne — und trank seine Worte. Später bracbte er das Gespräch auf zwei Herzen, die sich ewig lieben, und du bist so nah und doch so fern, und dann ereignete cs sich in einem besonders fcnttmentalen Augenblick, daß sein Arm um ihre Taille herumschlüpfte und er, der schmacküende Luigi, den Versuch machte, sie zu küssen.
Dazu ließ Anna-Mizi es nun freilich nicht konrmcn. Sie stand schnell auf, lief zur Tür hinaus, aber — ihre Ruhe war hin, ihr Herz war schwer. Sie war mm drei Jahre tti der Pension gewesen, die gewünschte Bildung hatte sic errungen, aber mit der Bildung war eine Art Widerwillen
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