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Nr. 74.

Wiesbaden, Montag. 14. Februar ISIv.

58. Jahrgang.

klbend-Ausgabe.

1. M«rtt. _

Die Politik der Straße.

Tie Mißstimmung über die Wahlrechtsvorlage der preußischen Regierung und der Widerspruch gegen diese im ganzen wie in den Einzelheiten unzulängliche Re- irrra erstreckt sich auf die weitesten 5irc:se, ja sogar bis in die Reihen nicht nur der freikonservativen, sondern auch der deutschkonservativen Partei hinein. Und in aLeu diesen Kreisen herrscht, wie dies ja auch bei der ersten Lesung der Vorlage im Abgeordnetenhause deut­lick ;um Ausdruck gebracht worden ist, Übereinstimmung darüber. daß eine Reform, mit der sich zunächst die Koui- rnsiion zu besaßen haben wird, dringend notwendig ist, wögen auch die Meinungen über das Maß der Reformen wei: auseinandergehen. In einem anderen Punkte aber stimmen sedenfalls alle bürgerlichen Par­teien überein, daß dieser Kampf um die Reform des 8ilch1rechts in den Formen ausgefochten werden muß. Die die Gesetzgebung sie vorschreibt, und auf dem Kampfplatz, der durch unsere verfassungsrechtlichen Einrichtungen gegeben ist, nämlich im Parlame nt.

Tie Führer der Sozialdemokratie sind anderer Diernung. Sie befleißigen sich seit einigen Jahren, da ihnen die parlamentarischen Erfolge nicht genügen, die Politik auf die Straße zu verlegen. Insbesondere ist öies in der Reichshauptstadt feit jenem 21. Januar IM. wo die Berliner Sozialdemokratie in 93 Volks- deriammlungen gegen das Dreiklassenwahlrecht pro­testierte, wiederholt geschehen, mit dem Erfolge, daß Mar nicht dieses Wahlrecht abgeschafft, wohl aber et­liche Demonstranten, auf die vielleicht nur das Wort Mi: gefangennntgehangen" zutraf, empfindliche Denk­zettel davontrugen. Man kann die Leute nur be­dauern, die sich einreden lassen, daß der Kampf um die Wahlrechtsreform durch eine solche Taktik gefördert werden kann, während diese Reform doch in Wahrheit damit gehemmt wird. Bilden die sozialdemokrati­schen Führer sich wirklich ein. daß derartige Straßen­demonstrationen, daß derdumpfe Massenschritt der Ar­beiterbataillone" auf die Regierung und die herrschen­den Parteien einen überwältigenden Eindruck machen werden? Oder wissen sie nicht vielmehr, daß sie mit iolcken Kundgebungen Wasser auf die Mühlen derjeni­gen rühren, die nicht nur gegen jedeReform des 'Wahlrechts, sondern zugleich für scharfe Maß­regeln gegen die Sozialdemokratie sind?

Jedenfalls hatten sich die Führer und Schürer der Treimillionenpartei durch derartige Erwägungen nicht abhasten lassen, gestern in der Reichshauptstadt allein 13 Versammlungen und ebenso in der Provinz überall Kundgebungen zu veranstalten, so auch hier in Wies-

Fe mUrt orr.

(Nachdruck verboten.)

Hofmannsthals Nomoöie.

Berlin, 14. Februar.

Hofmamrsthals KomödieChristinas Heim­eise", die vom Publikum des Deutschen Theaters sehr lebhaft umstritten wurde, kann man einem jener Giardinctto - Ringe des 18. Jahrhunderts vergleichen: aus vielen kleinen bunten Steinchen zusammengesetzt, bildet sich ein künstlicher Strauß, ein Blumenkorb, ein Stillcben, ein zierlich preziöses glitzerndes Spielzeug.

So sind in diesem Stück Bilder, Episoden, Situationen, Lebensausschnitte fazettiert und schillernd zu einem Gaukel­spiel gebunden, zu einer höchst anmutigen Unterhaltung. Sie bätte die ihr gemäße, prickelnde Mousseux-Wirkung gehabt, wenn nicht... Ja, wenn nicht unbegreiflicherweise. Hofmamrsthal, der Intendant dieser Llonns-plaisirs, trotz seiner seinen und sicheren Kennerschast sich so ganz in den Maßen und im Tempo seines Concerto dramatico vergriffen hätte. Als ein Intermezzo, flüchtig, krlrz und schäumend hätte der Liebesreigen der zwei glücklichen Nächte des ver­führerischen Florindo verhnschen müssen. Hier aber wer­den vier Stunden breit und redselig angefüllt, und durch solche Ausdehnung wird man aus dem phantastischen Tranmbann gerissen und legt nun an die Masken mensch­liche Maßstäbe, die sie nicht vertragen, denn der seelische Inhalt ist dürr, wenn nicht leer.

Zu einer alten Liebe kehrt Hofmannsthal hier zurück, zu Venedig,der schönen Stadt, die nie versagt", und zu Casanova. Vor Jahren schrieb er ein Unvergeßbares, voll Glanz und Lebensrhythmus und Schicksalstransparenz: denAbenteurer und die Sängerin". Heute ist's der Aben­teurer und die Bäuerin, Florindo und Chrisiina.

Dort war es tiesklingende Gefühlsmusik, hier ist es nur mehr noch ein geschickt und verlockend gestelltes lebendes BW in. wechselnden. MrwgMungeu.

baden. Es liegt darüber eine ganze Reihe von Mel­dungen vor, von denen wir nur die wichtigsten wieder­geben können.

Die Reichshauptstadt.

Berlin, 13. Februar. Eine Bekanntmachung des Polizeipräsidenten heute früh an allen Anschlagsäulen lau­tet:Es wird dasRecht aus die Straße" verkündet. Die Straße dient lediglich dem Verkehr. Bei Widerstand gegen die Staatsgewalt erfolgt Wassengebrauch. Ich warne Neu­gierige." Das Militär war in den Kasernen konsig- n i e r i und, den einzelnen Soldaten das Ausgehen ver­boten. D« Polizei beschränkte sich daraus, die Zugänge zu den Linden, zum Schloß, zur Wilhelmstraße und zum Ab­geordnetenhaus in weitem Umsaug mit sehr starken Schutz- mcmnsposten und größeren Detachements zu Fuß und zu Pferd besetzt zn halten. Einzelne Fußgänger ließ man passieren, größere Trupps wurden zurückgewiesen.

mb. Berlin, 13. Februar. Zu den heutigen Demon­strationsversammlungen, die in 43 Lokalen in Berlin und den umliegenden Kreisen, davon 18 in Berlin selbst, stattfanden, wird im einzelnen gemeldet: Es beteiligten sich etwa 20 MO Personen, an den Umzügen durch die Straßen nahmen etwa 59 OM Personen teil, rmter ihnen auffallend wenig Frauen. Wie stets, so versuchten die Demonstranten auch diesmal nach dem Stadünnern zu ziehen, wurden aber von der Polizei daran gehindert und ohne Anwendung von Waffen­gewalt anseinandergetrieben, oder sie gingen von selbst auseinander. Zu irgend welchen Zusammenstößen mit der Polizei war es bis 2 Uhr nicht gekommen.

In allen Versammlungen wurde eine gleichlautende Resolutton angenomnten, die besagt:Die Versammlung nimmt voll Empörung Kenntnis von der Wahlrechtsvor- lage der Regierung. Die Verfammlung erblickt in dieser Vorlage «ine unversch-ämte Verhöhnung und f r ech e Provokation des Volkes. Statt der Einfüh­rung des geheimen Wahlrechts, das die große Mehrheit des preußischen Volkes verlangt, bringt die Vorlage eine er­hebliche Verschärfung der bisherigen Rochtslosig- keit der arbeitenden Bevölkerung und eine Erweiterung der ungeheuerlichen Vorrechte der Besitzenden. Getreu ihrer historischen Rolle, der Hort aller Reaktion zu sein, stellt sich die preußische Regierung in schneidendem Gegen­satz zu den Regierungen derjenigen deutschen Bundesstaaten^ die mit der Änderung ihrer verfaffuingsrechtlichen und wahlgesetzlichen Einrichtungen den Forderungen der Zeit Rechnung getragen haben. Die Versammlung fordert daher von neuem nachdrücklich, daß das allgemeine gleiche direkte geheime Wahlrecht unter Anwendung des Ver­hältniswahlsystems allen über 20 Fahre alten Staatsbürgern ohne Unterschied des Geschlechts eingeräumt wird." Dieser Gedanke wird dann noch weiter ausgeführt und daran die Mahnung geknüpft, für die Durchführung des Reiichstagswahlrechts nachdrücklich zu kämpfen.

wb. Berlin, 13. Februar. Nachdem die Versammlungen in den Lokalen der Hermannstraße, der Knesebeckstraße und

Venezianische Nacht und Morgendämmerung, Kurti­sanen im Fenster, ein Geprellter vor verschlossener Tür und ein GlüMcher, Lachender auf dem Balkon. Goldoui- hast wirkt das. Und Hofmannsthal mischt zur Pikanterie Exotisches hinein und läßt Pedro, den Malaien, den Misch­ling, den-Diener des Kapitän Tomaso, des Ausgesperrten und von Florindo Ausgestochencn, kauderwelsch über das europäische Liebesleben philosophieren.

Dann ein reizendes Frühbild: Chrisiina, das Land­mädchen, kommt mit ihrem geistlichen Onkel, reisefertig, mit Koffern und Ballen, zur Barke, um abzufahren. Florindo steht sie von oben, stürzt hinunter, coup de foudre. Florindo ist Moissi und Chrisiina ist Else Heims. Seine schwärmende betörende Stimme, seine langenden Gebärden, und sie, Naturkind, unbefangen, junges törichtes Blut, lieblich und arglos. Florindo springt ihr in die Barke nach und fährt mit.

Der zweite Mt ist dann sehr charakteristisch für die malerische Art Hosmannsthals, für die Stilleben-Knnst ein Situationsbild bunt anzurichtcn. Er spielt im Gasthaus, wo die Reisenden rasten. Florindo gibt mit Kerzenlicht, Blumen, Musik, Wein und Speisen in lächelnder Ver­schwendung ein Gastmahl. Inhaltslos sind die Vorgänge und doch durch die Figuration der Personen, durch das Kommen und Gehen, durch die besonderen Typen der Gäste und Bedienten, durch das Stimmen und das Spiel der In­strumente faszinierend.

Reinhardt brachte hier durch seine Ausgestaltung Hof­mannsthals Vorzeichnungen und Umrisse voll zur Plastik. Und schließlich der mitternächtliche Ausklang, als Florindo und der Kapitän, den sein Schicksal auch mit seinem Malaien hierher geführt hat, bei trüben Kerzen zusammensitzen und trinken und aneinander vorbeireden, bis dann, als das Hans still geworden, Florindo zu Christinas Kammer schleicht.

Hofmannsthal hat bei seiner bildnerischen Art einen regen Sinn für das Pantomimische, für das rein Er- scheimmgsmäßige, für die stummen Masken. So bringt er hier jtatffteriehatt ein geheimnisvolles Paar an die Wiris-

der Karlsgartenstratze in Rixdorf beendet waren, zogen sich gegen 2 Uhr mehrere tausend Personen nach dem Richard­platz in Rixdors zusammen, wo von mehreren sozialdemo­kratischen Parteileitern Ansprachen gehalten wurden. Der Aufforderung des Polizeileutnants Knuht, auseinander­zugehen, wurde keine Folge, vielmehr tätlicher Widerstand geleistet, so daß die Polizeimaimschaften von der blanken Waffe Gebrauch machen mußten und die Menge ausein- andcrtrieben; dabei wurde der Polizeileutnant und einer seiner Wachtmeister durch Steinwürfe unerheblich ver­letzt. Ob ans dem Publikum jemand verletzt wurde, konnte noch nicht festgestellt werden. Um 3 Uhr nachmittags be­wegte stch ein Zug von 5- bis 60M Personen durch die Lindcnstraße über den Belle-Allianceplatz durch das Halle­sche Tor nach der Gitschiner Straße, ebenfalls unter Ab- singung der Arbeitermarseillaise und Hochrufen aus das allgemeine und gleiche Wahlrecht. Die Ordnung wurde nicht gestört.

Beim Verlassen des Elysiums in der Landsberger Allee, wo eine sozialdemokratische Versammlung tagte, wurde dem Polier Bruno Bergemann mit einem Stock iur Gedränge das rechte Auge aus gestoßen.

Frankfurt.

wb. Frankfurt a. M., 13. Februar. Heute mittag 12 Uhr fand im Zirkus Schumann die von der sozialdemokratischen Partei einbernfene Wahlrechts-Protestversammlung, die von etwa 7000 Personen besucht war, gegen die preußische Wahl­rechtsvorlage statt. Rach den Referaten der Redakteure Wendel und Dr. Quarck wurde die von der Berliner Partei­leitung vorgelegte, für alle heute staitfindenden Wahlrechts- Versammlungen gleichlautende Resolution angenommen. Unter dem Gesang der Arbeitermarseillaise übersluteien die Versammlungsteilnehmer den Bahnhofsplatz, auf dem stch bereits Tausende Neugieriger angesammelt hatten. Ein Zug Demonstranten marschierte nach dem Hohenzollernplatz und wurde in der Nähe des Eisenbahndirektionsgebäudes von einer Tmppe Schutzleuten gestellt. Mehrere größere Trupps Demonstranten marschierten auf verschiedenen Wegen nach dem Innern der Stadt zu. Am Uhrtürmchen, in der Nähe des Bismarck-Denkmals, auf dem Roßmarkt und bei der Konstablerwache fanden größere Menschenan­sammlungen statt, die aber bald darauf von der Polizei wieder zerstreut wurden. In der Hohenzollernstraße wurde ein Mann durch das Pferd eines berittenen Schutzmannes, der auf das Trottoir gesprengt war, schwer verletzt und mit einem im Dienste der Polizei stehenden Automobil ins Krankenhaus verbracht. Am Bismarck-Denkmal wurde der Versammlungsredner Heinrich Wendel von der Polizei ststtert, weil er, am Fuße des Denkmals stehend, ein Hoch aus das allgemeine Wahlrecht ausgebracht hatte. Außerdem wurden auf den verschiedenen Ansammlungsplätzen mehr­fach Sistierungen von der Polizei vorgenommen. Rach 3 Ühr boten die Straßen wieder ihr gewöhnliches Bild.

Ein Augenzeuge berichtet in derFrankfurter Zeitung": Das Gros stand um die Mittags-stinüde auf dem Bahnhofs­

tafel, einen verkniffenen, mumienhaften Greis und eln wunderschönes junges Mädchen. Sie kommen nicht zum Sprechen; nur in der Frühe, als Florindo gerade in sein Zimmer zurückcilt, stürzt das Mädchen angstvoll die Treppe hinunter und schreit nach dem Bedienten, der Graf sei wach, er solle sie nicht mit ihm allein lassen,

Im Postwagen dieses Paares, in dem ein Platz frei, fährt Florindo nach Venedig zurück. Und hier liegt ein technisches Geschmacksrasfinement, daß ohne irgend eine Szene, ohne eine Aussprache in diesem an Worten so red­seligen Stück diese neue erotische Vcrkr-üpsung so absolut selbstverständlich ist. Aus der Situation kommt sie, und die Situationen hat Hofmannsthal eben aufs lebendig- wvrksamste eingestellt.

Für den Ausgang, für den letzten Akt, kommt aber Hos- mannsthal mit solchem Situattonssprel nicht aus; statt Reigentouren will er Lebens- und Schicksalsstimmungen geben. Dabei versagen diese Mittel und die Figurinen, die nun mit einemmal Menschen sein sollen, fordern zum Mderspruch heraus.

Dieser Mi ist Christinas Heimkehr.

Chrisiina ist nun zu Haus, sie waltet als Locandiera. als tüchtige Gastwirtin auf ihrem Erbhof in dem Gebirgs- dors. Der Kapitän hat sich bei ihr einlogicrt und hängt an ihr mit der Treue eines täppisch-guten großen Hundes. Und ihn nimmt sie endlich auch zum Mann. Florindo kommt auf der Durchreise im Wagen sitzt jenes junge geheim­nisvolle Mädchen vorbei, der Kapitän begrüßt ihn freund­lich, und Chrisiina, die ihn zum erstenmal tviedersieht, wünscht ihm gefaßt, kühl und unerschüttert gute Reise.

Diese Situationen sind in ihrer Theaterglätte unan­nehmbar und entbehren jeder Überzeugungskraft. Die Chrisiina, die Hofmannsthal im ersten und zweiten Akt als ein Mädchen von tiefstem, reinern und starkem Gefühl ge­schildert hat, kann nicht ihr erstes aufwühlendes Erlebnis mit dem Operettenwort abtun:Wenn man auf Reisen geht, passiert halt allerlei."

Hofmannsthal entgleist hier und er entgleist auch in einem anderen noch. Eine lyrisch-melancholische LebenK--