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Nr. 73 .

Wiesbaden, Sonntag, 13. Februar 1010.

58. Jahrgang.

Morgen- Ausgabe.

1. Matt.

Die Politik der Woche.

Die gesetzgeberische Premiere des preußischen. Ministerpräsidenten v. Bethmann-Hollweg, nämlich die Wahtrshtsvorlage, hat säst überall eine so u n f r e u n o- liche Aufnahme gefunden, daß die Ablehnung dieser, »och dazu nichts weniger als geschickten Konservierung des Dreiklassensystems wenigstens in dieser Form schon Ich: als feststehende Tatsache gelten kann. Was der knnvurf an wirklichen Fortschritten bringt, wie tue Ersetzung der widersinnigen indirekten durch die direkte Wahl, fällt nicht ins Gewicht gegenüber den Mängeln, tvehche die Vorlage nicht beseitigt, und jenen, die sie notf zu den alten hinzufügt, wie die nahezu chinesisch anmutende Einschachtelung der Wähler in der'chiedene Klassen auf Grund willkürlich herausge- «rustner Merkmale. Hält doch der Regierungsentwurf sogar an der öffentlichen Stimmabgabe fest, obwohl selbst das auf Grund des Treiklassenwahlrechts ge­wichste Abgeordnetenhaus sich für die Einfichrung der gehermen Wahl ausgesprochen hat. Mit ganz besonde- rem E r st a u n e n aber wurde es ausgenommen, daß die Begründung der Vorlage sich in ihrer Verteidigung der öffentlichen Stimmabgabe mit scharfen Worten gegen die geheime Wahl wendet, die doch ebenso wie m den meisten Bundesstaaten auch im Reiche Rechrens ist, und man sollte eigentlich erwarten, daß auf diesen Vorstoß des preußischen Minister- bräsidenten v. Bethmann-Hollweg gegen das Reichstagswahlrecht eine Abwehr des deutschen Reichs­kanzlers v. Bethmann-Hollweg erfolgt! In feiner wehr in die Breite als in die Tiefe gehenden Rede zur Begründung der Vorlage, mit der er deren erste Lesung einstitete, ging der Ministerpräsident freilich weder auf diese Fragen noch überhaupt auf die Einzelheiten der Wahlrechtsreform näher ein, sondern er begnügte sich mit einigermaßen allgemeinen Darlegungen seiner Politik. Das teilweise recht stürmische Echo, welches diese Rede im Abgeordnetenhause gesunden hat, und die Stellungnahme der Redner der anderen Par­teien haben erkennen lassen, daß die Regierung es mit dieser Reform eigentlich k.einer Partei recht gemacht bat, denn selbst von konservativer Seite wurden einige Ausstellungen an ihr gemacht, während von seiten aller anderen Parteien eine Reform der Reform an Haupt und Gliedern gefordert wurde, so daß eine Einigung auf irgend ein Kompromiß als einigermaßen unwahrscheinlich gelten kann.

Eine Einigung ist noch in letzter Stunde in dem handelspolitischen Streit zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten von Ame­rika herbeigeführt worden, so daß dem am 7. d. M. abgelaufenen Provisorium llicht der bereits mehrfach befürchtete Zollkrieg, sondern das Handelsabkommen folgte, welches der Reichstag am Samstag im Auto­mobiltempo angenommen hatte, mehr der Not ge­horchend als dem eigenen Trieb. Denn wenn auch diese handelspolitische Verständigung mit der Union nichts weniger als befriedigend erscheint, so folgte doch die Mehrheit der Volksvertretung, wie bei der An­nahme des deutsch-portugiesischen Handelsvertrages, der Theorie vom kleineren Übel und der Erkenntnis, daß auch im Wirtschaftsleben Friede ernährt und Un­friede verzehrt.

Es wäre sehr erfreulich, wenn die verschiedenen interessanten Völkerschaften auf dem Balkan diesen Grundsatz für die Weltpolitik anerkennen wollten, die zurzeit durch die griechisch-türkische Spannung wieder einmal recht ungemütlich geworden ist. Seit das neue Kabinett Dragumis in sein Programm die Einberufung einer griechischen Nationalversammlung ausgenommen hat, ist von türkischer Seite eine so scharfe Tonart an­geschlagen worden, daß die Schutzmächte sich veranlaßt sahen, den putschlustigen Kretern die Teilnahme an diesem allgriechischen Kongreß zu unterbinden, was zunächst eine Art passiver Resistenz auf Kreta hervor- gernsen hat. Es bleibt abzuwarten, wie diese Tinge sich weiter entwickeln, doch dürste jedenfalls der wieder einmal in den Vordergrund getretene Plan einer Kreta-Konferenz schwerlich Aussicht auf Verwirklichung haben, um so mehr, da dieTürkei, welche neuerdings mit verdächtigem Eifer ihre Flottenrüstungen betreibt, keine Neigung zu irgendwelchen Verhandlungen zeigt.

Gerade diese jüngsten Balkansorgen haben aufs neue erkennen lassen, daß der Gedanke einer ö st erreichisch-russischen Entente leichter gedacht als durchgesührt ist. Im übrigen liegen den Staatsmännern der Donaumonarchie die inneren Sorgen zurzeit näher als diese äußeren, denn in Öster­reich hat die Schließung des böhmischen Landtags wie­der die ganze Schärfe des deutsch-tschechischen Gegen­satzes enthüllt, und in Ungarn ist das Kabinett Khuen- Hedervary schon beim Beginn seiner Laufbahn am Ende seines Lateins angelangt.

Das war auch bei dem liberalen Kabinett M o r e t in Spanien der Fall, und deshalb hat es nach einem Dasein von nicht ganz vier Monaten dem demokra­tischen Ministerium Canalejas Platz gemacht, welches allerdings, da es sich bei diesem Kabinettswechsel in der Hauptsache um persönliche Differenzen innerhalb der

Parteien der Linken handelt, den antiklerikalen Kurs unverändert fortsetzen dürste.

In Großbritannien sammelt das liberale Kabi­nett Asguith bereits seine Mannen zum neuen Kampfe um das alte Budget, wobei sich freilich die Posi­tion der Regierung insofern verschlechtert hat, als so­wohl die Arbeiterpartei wie die Iren bereits ihre Forderungen an die Masse anmelden. Ob dabei die genügende Stoßkraft zu dem angekündigten Kampfe gegen das Oberhaus bleiben dürste, das wird nicht ohne Zweifel abzuwarten sein.

Deutsches Deich.

* Die Wahlrcchtskommisiion. Die Kommission des

Abgeordnetenhauses, der die Wahlrechtsvorlage über­wiesen werden soll, wird sich aus folgenden Abgeordneten zusammensetzcn: Von Konservativen: Ahrens»

v. Blanckenburg, v. Böhn, v. Gescher, Malkewitz, v. Oldenburg, Freiherr v. Richthofen, Sielermann und v. Treskow; von den Fr eikon s er Vati den: Freiherr v. Zedlitz, Krause-Waldenburg, Rewoldt und Iöhannsen; von den Nationalliberalen: Ur.

Friedberg, Schiffer, Krause-Königsberg und Tippe; von den Freisinnigen: Träger, Pachuicke und

Fischbeck: von dem Zentrum : Herold, Linz, Zimmer, Bell, Giesberts und Kirsch; von den Polen: Kor-

fanty und von den Sozialdemokraten: Ströbel. Den Vorsitz in der Kommission führt der Frei- konservative Krause, Stellvertreter wird Freiherr von Richthofen.

* Sozialdemokratische Protest - Versammlungen.

Heute Sonntag veranstalten die Sozialdemokraten rn Groß-Berlin um die Mittagsstunde 44 Volksversamm­lungen, davon 17 in Berlin selbst, gegen die Wahlrechts­reform. Aus Andeutungen desVorwärts" schließen die Blätter, daß es dabei zu Kundgebungen auf der Straße kommen soll, und in einer Notiz der Nordd. Allg. Zeitung" werden dieanständigen" Bürger bereits gewarnt, sich nicht unter die sozialdemo­kratischen Hausen zu mischen. DieKreuzzeitung", die aus ähnlichen Anlässen schon wiederholt zu energischem Einschreiten aufgefordert hat, knüpft an das gestrige Vorgehen der sozialdemokratischen Mitglieder des Ab­geordnetenhauses und an eine dieses Benehnren ver­herrlichende Notiz desVorwärts" an und macht scharf, indem sie schreibt:eoü denn solchen Unver­schämtheiten gegenüber noch immer Langmut bewahrt

Femüelorr.

(Nachdruck verboten.)

Exmittiert.

Skizze aus dem Wiener Vollsleben von Mb. Maiden.

Fast zwei Meter weit springt das alte, einstöckige aber stefgehende Haus aus der Front der übrigen hoch­stöckigen Wohngebäude hervor. In der hierdurch ge­bildeten Straßenecke lag in wirrer Unordnung neben- und übereincmdergereiht allerlei armseliges Möbelwerk beisammen, wiewohl das Straßenpflafter in dem schmutziggrauen Schlamm starrte, den Tags zuvor der kalt durchschauernde Frühckingsregen gebildet hatte. Hier die gelb angestrichenen Teile einer Bettstatt, daneben eine alte, vielfach beschädigte Kinderwiege, ein roh- liezirmnertes .Holztischchen, zwei wackelige Stühle. In der Wiege und auf dem Tisch etwas dünnes buntfarbiges Bettzeug, auf den beiden Stühlen einiges Haus- und Küchengerät.

Hinter diesem übereinandergehäuften Stückwerk einer dürftigen Hauswirtschaft stand, mit dem Rücken an die Mauerwand des Hauses gelehnt, eine junge, ärmlich gekleidete Frau. Auf dem rechten Arm hielt sie ein etwa zweijähriges Kind, während ein etwas älteres Mädchen, das neben ihr stand, sich scheu und ängstlich mit beiden Händchen an die Falten ihres Rockes klammerte.

Aus den krankhaft bleichen und kummervollen Zügen der Frau sprach die Leidensgeschichte eines Weibes, das der Mann vielleicht roh und rücksichtslos verlassen hat; die Geschichte des Weibes, dessen Gatte vielleicht schon wochenlang schwer krank in dem Spital darniederliegt oder den gar schon die kühle Erde deckt; dieGe'chichte des alleinstehenden Weibes, das sich mühte, um für sich und die Kinder das tägliche Brot zu be­schaffen, das unter all den Mühseligkeiten, unter der Plage, der Sorge und der Kümmernis endlich zusam­menbrach, selbst aufs Krankenlager geworfen wurde und nun mit den hungernden Kindern auch noch ob­dachlos dasteht.

In den Augen des armen Weibes lag der Ausdruck, als blickte sie in die weite Ferne. Waren es die heite­ren Erlebnisse einer glücklichen, sorgenlosen Mädchen­zeit, die jetzt in ihrer Bedrängnis vor ihrem Blick vor- überzogen? War es die Erinnerung an all die Kämpfe, die sie durchzuringen hatte, oder war es das Bangen vor den kommenden Tagen, was sie in Banden schlug und der Welt entrückte? Teilnahmslos, wie verloren starrte die Frau vor sich hin.

Sie schien es gar nicht zu bemerken, daß sich nach und nach rings um sie herum eine Gruppe von Leuten angesammelt hatte. Das Stimmengewirr derselben verhallte spurlos an ihren Ohren.

Aber allgemach wuchs die Schar der Leute. Tie Stimmen wurden lauter. Frage auf Frage kam aus dem Munde der Neugierigen und jede einzelne Frage fand bei den Nächststehenden eine Antwort.

Der gesteigerte Lärm erweckte die Frau aus ihrer Versunkenheit. Sie ließ den Kopf lies herab auf die Brust sinken, daß sie mit dem Kinn den blonden Scheitel ihres kleinen Kindes berührte.

Fast jeder, den der Weg an der Bedauernswerten vorüberführte, ließ den Schritt stocken. Und als lehrte es nicht der Augenschein von selbst, was sich da Trauri­ges zugetragen habe von jedem einzelnen wurde, bald leiseren, bald lauteren Tones, die Frage danach gestellt.

Und ein Fremdwort war es, das jedem Neuan­kommenden regelmäßig zur Antwort gegeben wurde exmittiert.

Exmittiert! Das Wort mag vielleicht mit seinem Mitleides und des Erbarmens die harte Sache mit den Klängen der Muttersprache zu benennen? Scheut man sich, es geradewegs herauszusagen: kaltsinnig aus der Wohnung getrieben, ohne Obdach gelassen, hinausgesetzt auf die Straße, der Unbill des Wetters preisgegeben?

Ermittiert! Das Wort mag vielleicht mit seinem fremden Klang dem Ohr linder erscheinen; an der Härte und Bitterkeit der Sache ändert es nicht.

Ein Fremdwort war es, das die Fragenden zur Antwort erhielten, aber kein fremdes Wort. Es hat seider im Laufe der Zeit in unserer Großstadt sein Bürgerrecht gefunden.

Sie verstanden es auch alle, die sich rings um die Frau gesammelt hatten. Einige zuckten ein wenig mit den Achseln und eilten sodann wieder weiter. Ändere blieben eine Zeitlang stehen, warfen einen Blick des Mitleides auf das arme Weib, auf die Kinder oder musterten wohl auch das armselige Hausgerät. Wieder andere wollten alle näheren Umstände für die Notlage der Frau erfahren: ob sie denn keinen Mann habe, wann er gestorben, was er gewesen sei; ob sie selbst krank gewesen sei, was ihr gefehlt habe. Dergleichen Fragen wurden mehr gestellt, als die Nächststehenden zu beantworten vermochten.

Da endlich fiel es einer besser gekleideten Frau, die eben des Weges daherkam und gleichfalls anhielt, ein, ihr Geringes dazu beizutragen, um die Bedrängnis des obdachlosen Weibes zu lindern. In der Rechten einen kleinen, zierlich geflochtenen Einkaufkorb, in der linken ein ledernes Handtäschchen, öffnete sie das letz­tere und warf dann einige Nickelmünzen in eine henkel­lose Steingutschale, die auf einem der beiden Stühle stand.

Das war der Anfang einer Reihe von Geldspenden. Im Nu regten sich auch die anderen. Mit hellen, schwach nachklingenden Tönen fielen Kupfer- und Nickelmünzen auf den Boden der Ochale, und bald hallte es nur mehr in dem kurzen, harten Klange von Metall auf Metall. Bisweilen war auch einer, dem maists an­sah, daß er's hatte, großmütig genug, eine Silber­münze zu spenden.

Dem armen Weibe mochten die Geldgaben erst so recht eindringlich das Traurige ihrer Notlage zum Bewußtsein gebracht haben. Heiße Tränen flössen über ihre eingefallenen Wangen und netzten das Blond­haar ihres Kindes.

Da wurde plötzlich aller Aufmerksamkeit auf einen Mann gelenkt, der schweren, lässigen Trittes daher- geschritten kam mit überlautem rauhem Ton dieselbe Frage stellte, die sich schon wiederholt verlauten hatte lassen. Aber diesmal klang die Frage in ureigener Formung und Betonung.

Na, Leut'ln, was is denn da wiederum g'scheh'n?"

Langsam, schwerfällig, als müßte er Silbe für Silbe