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Nr. 71 .

Wiesbaden, Samstag, 12. Februar 1910.

58. Jahrgang.

Morgen- Ausgabe.

i. Matt.

SüsialpöLMsche Umschau.

Anfang Februar,

Es ist seit langer Zeit in manchen politischen Kreisen zu em-r ständigen Redensart geworden, daß dem Handwerk uiajt mehr zu helfen sei; es könne sich aus eigener Kraft geren die Großindustrie nicht behaupten und müsse durch Zuangsrnaßregeln aller Art gestützt werden; aber ein künst- liches Festhalten an überlebten Einrichtungen und alten Formen und Arbeitsmethoden ist ein bedenkliches Unter- »ebmen. Jede Verschiebung der Bedürfnisse, jeder gewerb­liche, technische oder industrielle Fortschritt hat auch die Wirkung, daß er frühere Arbeitsmethoden verdrängt und gewisse Zweige eines Erwerbs vielleicht unlohnend macht. Aber immerhin sind das Ernzelvorgänge, die man im ganzen Laus unserer kulturellen Entwicklung beobachten kann, die man jedoch nicht verallgemeinern darf. Wo ein Zweig am Bamn unseres Wirtschaftslebens abstirbt, da treiben zehn andere wieder Frucht. Auch die neueste Zeit gibt zu Be- sürcülungcn keinen Anlaß. Die letzte deutsche Berufszählung, deren Ergebnisse sich jetzt übersehen lassen, beweist, daß alle jene Klagen vom Untergänge des Handwerks über­trieben sind. Der Hallesche Nationalökonom I. Conrad stell: auf Grund dieser Zählung in denJahrbüchern sür Nationalökonomie und Statistik" fest, daß eine Ver­drängung des Handwerks in irgend einer bedenklichen Weise nirgends hervortritt. Der Rückgang der Allein- betriebe war nur mäßig und ohne volkswirtschaftlichen Nachteil. Der Klein- und Mittelbetrieb erlitt nur unbedeu­tende Einbuße und nur in solchen Zweigen, in denen der Großbetrieb, der dem Kleinbetriebe keineswegs ganz all­gemein überlegen ist, mehr zu leisten vermochte als jene. Der von vielen Seiten zur Schau getragene Pessimis­mus in der M i t t e l st a n d s f r a g e ist also unberechtigt, und ebenso sind es die weitgehenden Forderungen nach einer sozialpolitischen Zwangspolitik zur Erhaltung des Klein­gewerbes.

Eine weit kräftigere Unterstützung der wirklichen Jn- tercssen des Handwerks ist aus genossenschaftlichem Wege zu erwarten, der ja glücklicherweise endlich auch von den kleinen Geschäftsleuten immer mehr eingeschlagen wird; besonders wenn diese Bestrebungen gefördert werden von zweckentsprechenden Maßregeln der Behörden, die darauf gerichtet sind, große Arrsträgc nicht nur den kapital- starken Unternehmern, sondern auch den Handwerker­genossenschaften zu überweisen. So hat jetzt Staats­sekretär Kraetke die Obcrpostdirektionen angeregt, den Zu­sammenschluß einzelner Handwerker zur gemeinsamen Über­nahme größerer Arbeiten sür die Post zu fördern. Auch andere Staatsbehörden haben bereits wiederholt ähnliche Versuche gemacht, fanden dabei jedoch nicht immer das genügende Verständnis in Handwerkerkreisen, so daß ne schließlich, um einer ordnungsgemäßen Ausführung der Aufträge sicher zu sein, doch wieder auf die Großindustrie zurückgreifen mußten. Es soll in dieser Beziehung aller­

dings in den letzten Jahren um vieles besser geworden sein, t Auch im Handwerkerstande begreift man Wohl immer mehr. ! daß seine wirtschaftliche Wohlfahrt nicht allein eine Frage des Kapitals, sondern vielmehr vielleicht noch eine Frage der technischen und kaufmännischen Bildung ist, ohne die es mm einmal auch im gewerblichen Mittel­stände nicht mehr vorwärts geht.

Auch der viel erörterte und jetzt endlich gesetzlich be­kämpfte Bauschwindel hängt damit zusammen. Alle scharfen Bestimmungen zur Sicherung der Bausorderungcn werden die erwartete Wirkung nicht haben, wenn es dem Banhandwerker au kaufmännischer Einsicht, Vorsicht und Umsicht fehlt, wenn er um jeden Preis Geschäfte machen will und leichtfertigen Kredit gibt. Er gleicht dann dem speku­lierenden Kaufmann, der sich nicht beklagen darf, wenn er bei Abschlüssen mit hohem Risiko schließlich Verluste erleidet. Meistens sind nämlich die unsicherenBauherren" und die vollendeten Bauschwindler in den Kreisen der Bauhand­werker und Baulieferanten sehr genau bekannt. Aber die Geschäftsverbindung wird vielfach trotzdem angclnüpft, weil man hofft, mit einiger Klugheit vorteilhaft heranszukommem Darin täuscht man sich dann oftmals. Es wäre ganz wert­voll, einmal festzustellen, ob nicht bei 67 Grundstücksver- steigerungen in Berlin, an denen allein Handwerker im vorigen Jahr über eine Million cingebüßt haben, ein großer Teil dieser Verluste aus das Konto der Sorg­losigkeit dieser Handwerker selbst kommt.

Gegen diese Sorglosigkeit können auch Gesetze nicht helfen, selbst wenn sie mit größerer Einsicht in die wirklichen Verhältnisse gearbeitet sind als jene frühere Ergänzung der Gewerbeordnung, die alle Arbeitgeber verpflichtet, Lohn­zahlungsbücher für ihre minderjährigen Arbeiter einzu­richten, von denen man verlangte, daß sie diese Bücher zur Korrtrolle den Eltern vorlegen sollten. Man wollte damit in den Jugendlichen das Gefühl der Abhängigkeit von den Eltern lebendig erhalten, gleichzeitig die Sparsamkeit för­dern und der Verschwendung Vorbeugen. Die Bestimmung hat überaus wenig genützt. Ein großer Teil der minder­jährigen Arbeiter wohnt nicht bei den Eltern; diese selbst haben vielfach nicht einmal so viel Gewalt über ihre auch wirtschaftlich völlig selbständigen Kinder, die Vorlage des Buches durchzusetzen. So will man denn diese zwecklose Be­stimmung jetzt wieder ausheben, und eine in Aussicht gestellte Vorlage zur Abänderung der Gewerbeordnung soll einen entsprechenden Passus enthalten.

Mehr sozialpolitischen Erfolg darf man von einem dem Reichstag in nächster Zeit zngchenden Gesetzentwurf über die Stellenvermittlung erwarten, der den Aus­wüchsen des Vcrmittlergcwerbes zu Leibe geht. Das Gesetz soll den BegriffStellendermitilcr" sestlegen und alle Ver­mittler unter daS Gesetz stellen, die Gebühren bestimmen und das ganze Gewerbe konzessionspfiichtig machen. Im Preußischen Abgeordnetenhause hat die freisinnige Frak- tionsgemeinschast einen Antrag eingebracht, nach dem die Regierung bis zur nächstjährigen Etatsberatung einen Äc- richt über den Stand der Organisation des öffent­lichen Arbeitsnachweises in Preußen geben soll. Weiter wird von der Regierung verlangt, sie solle die Be­strebungen zur Ausdehnung des allgemeinen öffentlichen Arbeitsnachweises von den Großstädten auf die kleinen

Städte und das flache Land fördern. Es soll das geschehen durch die Organisation von öffentlichen, an keine einseitige Berufsorganisation, weder der Unternehmer noch der Ar­beiter, angeschlossenen Arbeitsnachweisverbänden. Hiermit sind die ersten gesetzlichen Schritte cingeleiiet, um der Be­wegung zum öffentlich-paritätischen Arbeitsnachweis einen starken Rückhalt zu geben. Der Entwurf zu einem Arbeits- kammergesetz beschäftigt gegenwärtig den Bundesrat. Wie bekannt wird, sollen die Kammern auf Anfordern bei dem Abschlüsse von Tarifverträgen Mitwirken; sie können Umstagen über gewerbliche und allgemein wirtschaftliche Verhältnisse veranstalten und gleichfalls die paritätischen Arbeitsnachweise fördern. Über die geplante Reform un­seres Versicherungswesens wird mitgeieilt, die Regierung habe jetzt aus die Zusammenlegung der einzelnen großen Verflchernngszweige verzichtet und ebenso aus manche besonders von den Berussgenossenschasten angegriffene Be­stimmungen. Die Pensionsversicherung der Privatbeamtcn steht jedoch noch im weiten Felde, wie aus den jüng­sten Reichstagsverhandlungen über sie zu schließen ist. Als ein erfreuliches Zeichen kann man es betrachten, daß im letzten Jahre auch in Baden der B i e r v e r b r a u ch so stark zurückging, daß fast eine halbe Million Biersteucr weni­ger gezahlt wurde. Der Verlust des Steuerfiskus kommt beim Rückgang des Alkoholismus dem Allgemerm wohl um das Zehnfache zugute.

Deutsches Reick.

* Hof- und Personal-Nachrichten. Prinz und Prinzessin Heinrich werden die Reise nach England voraussichtlich am Montagabend antreten. und zwar unter Benutzung des Schnell­zuges Hamburg-Cöln-Vlissingen, wo das Prmzenpaar Di-ns- taamorgen durch den deutschen Gesandten :m Haag hegrum werden wird. Die überfahrt nach Dover erfolgt mit dem DampferDeutschland".

* Zur preußischen Wahlrechtsreform. DiaKreuz­zeitung" sucht die Wirkungen der vor-geschlagenen Änderungen des Landtagswahlrechts zu berechnen und kommt zu folgendem Ergebnis:

1. Klasse. Bisheriger Wählerbestand ..... 293400

Zuwachs infolge veränderter Klassenbildung . 130 000

b) Akademikerprivileg .... 106 060

c) Offizierprivilea, ehrenamt­licher Tätigkeit usw. . . . . .»_*_10000

523 400

2. Klasse. Bisheriger Bestand . . . . . .

&) Zuwachs infolge veränderter Klassenbildung

b) Akademikcrpribileg . . .

c ) Einjährigenprivileg . . .

d) Zivilversorgungsschöin . .

e) aus anderen Gründen ....

1 065 200 240 000 40 000 100 000 60 000 10 000

1 515 200

Von dieser Zahl sind abzurechnen die unter a und b aufgeführten Wähler, die aus der zweiten in die erste Klasse aufgestiegen sind. Mithin würde die erste Klasse künftig rund 580 000 7 v. H. (bisher 3,8 v. H.)

und die zweite rund 1 300 000 17 v. H. (bisher 13,8 p ,§.) Wähler zählen. (Unter Zugrundelegung einer Gesamtwählerschaft von 7 600 000 Köpfen, wie bei der Mobs 4 Ungefähr würden alio * etwa 240 OOO

Feuilleton.

(WuaDtttd verboten./

Berliner Zickzack.

(Aus dem Liebeslebcn der Großstadt.)

Von Herniann Kienzl.

Boccaccio, den lachenden Klassiker der Renaissance, hat Leipzigs düstere Inquisition aus den Scheiterhaufen ge­worfen; das Gericht hat den Decamerone als unsittliches Buch verboten. Man wird daran in helleren Zetten sein Vergnügen haben. Alan wird dem Staatsanwalt und deir Richtern von Leipzig, die in ahimngsloser und erbitterter Keuschheit die goldene Fabelquelle Shakespeares sür ein Fauchenrinnsal hielten, historischeEhrcnplätze anwcisen neben dem Papst Innozenz XI. Der hat am 30. November 1688 den Ehefrauen und Mädcheri der Christenheit feierlich be­sohlen,die Brust bis zirm Hals hinaus zu bedecken und zwar mit einem dichten, ja nicht durchsichtigen Stoffe". Un­gehorsame Frauen hieß cs in der Enzpklika des Innozenz die fernerhin ein teuflichcs Dccölletö sollten sehen lassen, seien dem Kirchenbann verfallen, den kein Priester, n>rr der Papst selbst würde lösen können.

Gegen die Schönheit und Heiterkeit der Renaissance, gegen die naive Gesundheit eines glücklicheren Zeitalters eifern unsere Staatsanwälte und frommen Apostel. Wie sehr verkennen sie die schwärenden übel unserer Gegenwart. Ach, hätten wir wir im nebligen Norden, wir im Bagno ver Großstadt nur ein wenig Helligkeit und Wärme von oer Sowie Italiens! Wäre nur diesen in der Hast und Gier des täglichen Daseinskampfes verrohenden Menschenmasscn die Anmut der Seele nicht verloren gegangen! Glücklichere Menschen sind sittlichere Menschen. Ihre Leidenschaften mögen wild und tödlich sein; ihr Spiel der Sinne mag ver­wegene Wonnen jucken: nicht seindlich getrennt vom Herzen

der Natur, zieht ihr Dasein in der Tragödie wie in der Komödie des Lebens eine l.'chte Bahn. Nichts törichter, als die Fenster der modernen Mietskasernen verschließen zu wollen gegen die freie Lust, die ferne Blütengrüße bringt. Wenn sittenrichterliche Eiferer die sinnenstarke Kunst, die Grazie und die Natürlichkeit des Boccaccio verpönen, was wird wohl an die Stelle der verbotenen Bücher treten? Traltätlein? Die Bibel? O, es gibt gut-christliche Jugend, und Volksbücher, die weit schlimmer wirken als das freieste Kunstwerk. Die unter der Patronanz des Klerus massenhaft verbreiteten frommen Räubergeschichten eines Karl Map haben unzählige Gehirne vergiftet.

Das Grundübcl, an dem die Tausende von überzähligen Großstadtmenschcn leiden, ist nicht ästhetischer, nicht mora­lischer, ist wirtschaftlicher Natur. Die Not, das Elend sind an sich unmoralisch. Die Anklage freilich hat sich in den meisten Fällen nicht gegen den Notleidenden zu richten. Seine Armut nicht bloß an körperlichen, vielmehr auch an Gütern der geistigen Kultur, die die Grundlage einer höheren Moral bilden seine Armut haben die B c - sitz er von Macht und Reichtum zu verantworten. Aber die meisten von ihnen tragen solche schwere Verantwortung mitleidlos auf leichten Achseln.

Mitleid mit den Verkommenen, nicht Zorn, nicht Gier nach Strafe nrüßte den Nachdenklichen ergreifen, der von den. Zuständen im Berliner Asyl für Jugendliche erfuhr. Ein Schriftsteller hat, denl älteren Beispiele Hermann Hetzer- maus folgend, in Bcttlerverkleidung Nächte an dieser Stätte des Unrats, des Elends und des Lasters verbracht, uns seine entsetzlichen Beobachtungen, in einem hiesigen Montags­blatte veröffentlicht. Es genüge hier die Andeutung von Tatsachen, deren zynische Scheußlichkeit kein Ausdruch des Ekels erreicht. Dieser Zustand scheint in den Schlafsälcn der armen Jungen so schrankenlos zu herrschen, daß jedem arglosen Bürschchen, das die harte Not unter das öffentliche Obdach treibt, Gefahr droht. Halbe Kinder smd's . . . Das

Herz krampst sich . . . Mit der besseren Aussicht, die ja nun wohl eingesetzt werden wird, könne,: die U r s a ch e n doch nicht erstickt werden, aus deren Tiefe die Nachtschatten der Großstadt entstehen.

Die Selbstmorde sehr jugendlicher Liebes­paare häuften sich in den letzten Monaten unheimlich. Hier ein neunzehnjähriger Bursche. Dort ein sechzehnjähriges Mädchen ... Die Unglückschronik der Berliner Blätter erzählte fast täglich von solchen Unfällen. Als wäre eine neue Werther-Seuche ausgebrochen! Aber Berlin war nie­mals die Stadt der Empfindsamkeit. Auch die Verliebten folgen hier nicht dem Weltschmerz zu unbekannten Usern der Sehnsucht. Was diese jungen Paare aus ihrer warmen Liebe in den Tod treibt, ist zumeist die aussichtslose mate­rielle Lage. Freilich, schwachmütig sind die Notstandslinder geworden! Von der stärksten der Leidenschaften blieb ihnen im Grau und Grau der großen Stadt nichts weiter als ein gemeinsames Sterben-Wollen ....

Die zahllosen Selbstmorde von Liebespaaren haben ein tragikomisches zeitgeschichtliches Dokument hervorgerusen. Ein Dokument wahrhaftig, das der künftige Kulturhistoriler beachten wird. In ihren: Verbandsorgan richteten die Berliner Hotelbesitzer in: vollen Ernst an alle un­glücklichen Liebenden die herzliche Bitte, sich zur Ausführung der Selbstmorde andere Orte und nicht die Gasthoszimmer zu wählen, denn den Wirten erwüchse aus solchen Kata­strophen ein unverdienter Schaden. Ob die Verzweifelten diese bewegliche Vorstellung erhören, ob sie, die ihre Rech­nung mit dem Himmel abschlossen, die Rechnung des Herrn Hoteliers gebührend berücksichtigen werden . . . ?

Wer sür den Zukunfts-Chronisten sammelt, findet tat­sächlich überall Stoff auf der Straße. Auch in der Fricd- rich strafte. Die ist durch den großen Nacht-Korso der Bummler (mit allen mephitischen Begleiterscheinungen) welt­bekannt. Aber ein Gerichtsurteil hat sie jüngst rehabilitiert. Ein junges Mädchen, eine Braut, sollte von Berlin nach