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Nr. 67 .

Morgen * Ausgabe.

1. Matt. _

Staat, Kirche und Schule.

Der Deutsche Bund für weltliche Schule und Moral- wuerricht, der die Verwirklichung der weltlichen Schute imd die Einführung eines rein menschlich-natürlichen -'chralunterrichtes erstrebt, hat eine Umfrage an eine Anzahl von Persönlichkeiten^erlassen, um ihre Ansicht wer daS Verhältnis von Staat, Kirche und T ck u l e zu hören.

Prof. Dr. Artur Drews, Karlsruhe, schreibt u. a.: .Ich brauche Ihnen Wohl kaum zu sagen, daß in meinen Lagen diese Trennung etwas schlechthin Selbst- d - c st ä n d l i ch e s ist. Ja, bis zu einem solchen Grade scheint sie mir eine Forderung ebenso der Vernunft ir-re der Moral zu sein, daß ich es kaum verstehen wurde, die Leute, die es ernstlich gut mit dem Staat und der Kirche meinen, auf der gegenteiligen Behauptung He­ftchen können, wenn ich mir nicht gegenwärtig hielte, daß in solchen Dingen persönliche Interessen und keüihlsmätzige Gründe, die manererbt von seinen Vätern" hat, eine viel entscheidendere Rolle spielen, als die Betreffenden sich dessen meist selbst bewußt sind.

Die Verbindung von Staat und Kirche ist nur dann begründet, wenn beide, wie im Altertume, auch eine innerliche Einheit Larstellen, wenn die Aus­übung der staatlichen Obliegenheiten zugleich als eine religiöse Pflicht erscheint, und umgekehrt das religiöse Leben seinen selbstverständlichen Ausdruck in der Betätigung im Dienste des eigenen Staates findet. S: ist indessen unbegründet und unvernünftig, wenn Traat und Kirche, wie seit dem Emporkommen des E'rjstentums, zwei neben einander bestehende selbst- siändige Interessen kreise bilden, die nicht nur unmittelbar keine Gemeinschaft miteinander haben, sondern sich in vielen und wichtigen Punkten gegen­seitig widersprechen.

Tie Verbindung mit dem Staate zwingt die Kirche, um der Förderung willen, die ihr vom Staate zuteil wird, sich dessen Interessen anzupassen und sich m Grundsätzen zu bekennen und Ansichten gut zu heißen, die ihrem eigentlichen Wesen im tiefsten Grunde z u - diderlaufen, wie etwa im Falle des modernen Militarismus, wo £>te Kirche sich zum Anwälte einer Einrichtung hergibt, die für den Staat eine selbstver­ständliche Bedingung seiner Existenz ist, die jedoch mit den Grundsätzen des Christentums in Übereinstimmung zu bringen selbst der geschicktesten theologischen Apologe­tik nicht gelingen dürfte. Sie hefte hiermit der Kirche da- Odium der Liebedienerei gegenüber den

Feuilleton.

(Nachdruck verboten.)

Verlmer Ausstellungen.

Berlin, 8. Februar.

Ein interessantes Kapitel Heimaiskunst lernt man in der Ausstellung Ungarischer Malerei kennen, die im Sezessionshaus ihr Gastspiel gibt.

Eine reizvolle Ergänzung gibt diese Revue zu der Darstellung ungarischer Hausindustrie und Kunstgewerbes, die das Hohenzollernhaus von Friedmann und Weber bietet.

Hier fleht man farbenleuchtende Stickereien aus Leinen, Seide, vor allem auch ans Schafleder. Das Fell bleibt dabei erhalten, bildet die Innenseite und damit das natürliche Funer für Bolerojäckchen und weite Mäntel. Die Stickerei ist großblumig, üppig quellend, pausbackig und strotzend von Koloristik des Rot, Blau, Grün mit Gold verbunden. Immer aber wirkt die Fülle harmonisch und verschmolzen.

Die wollenen Teppiche, reichliches Material kommt durch die Schafzucht auf horizontalem Webstuhl ge­arbeitet, zeigen geometrische Muster, orientalischen Kelims und skandinavischen Wirkereien verwandt. Spitzen werden neuerdings auch, angeregt durch die große Wiederbelebungs­bewegung, verfertigt, gleichfalls auf altnationaler Grund­lage. Und lebensfrisch sind die derben bunten Bauern- töpfereien.

Wenn man hier zu den Bildern geht, so merkt man dieselbe leuchtende brennende Glut der Farbe, das Sonnen­verbrannte, Glutende der Töne. Die Landschaften von Fenyes, ungarische Dorfstraßen mit Kirchen eratmen voll heißer Sommerluft, es dampft von ihnen Sommerhitze, brütende Mittagsschwüle, sengende Stille. Sie sprechen die rassig landschaftliche Note am markantesten aus.

Sonst denkt man häufig an eine Ausstellung junger russischer Kunst zurück, die wir vor einigen Jahren hier in Berlin hatten. Wie es diese Russen waren, so sind auch die Ungarn Kosmopoliten in der Kunst, sie stehen in engem Zusammenhang mit allen Regungen der modernen künstleri­schen Seele, und der Einschlag Beardsleys fehlt dabei fo

Wiesbaden, Donnerstag, IS. Mebruar IM®,

Herrschenden Gewalten, der gesinnungslosen Nachgiebig­keit und Würdelosigkeit auf und zieht ein Mißtrauen gegen alle ihre Handlungen groß, das für viele konje- quent und energisch denkende Köpfe das innerste Wesen der Religion selbst in Frage stellt.

Auf der anderen Seite nötigt aber sein Bündnis mit der Kirche auch zugleich den Staat, sich zum Büttel der Herrschaftsgelüste und zum Vorkämpfer der berechtigten wie unberechtigten Ansprüche einer Organr- sation herzugeben, die in ihm von Rechts wegen den Fürsten dieser Welt", die Verkörperung des Bösen selbst, erblicken nrüßte und die bei aller ihrer Betäti­gung, wie selbstverständlich, nur ihr eigeneshöheres" Interesse im Auge hat. Dieses Verhalten aber fällt seinerseits wieder auf den Staat zurück, erschüttert in den beterligten Kreisen die Staatsgesinnung, ohne welche auch der nwderne Staat nicht bestehen kann, und entzieht ihm die Sympathie vieler seiner besten Bürger.

Die Vereinigung von Staat und Kirche untergräbt so in gleicher Weise die Achtung vor dem Staate wie vor der Religion. Sie verschuldet jene verhängnisvolle Verwechslung von Religion und Kirche, an der unser ganzes modernes Geistesleben krankt.

Sie veranlaßt den Staat, auch die Wffsenschaft, deren Pflege eine seiner^ höchsten und heiligsten Pflich­ten bildet, nach außerhalb ihrer selbst liegenden Gesichls,- punkten zu bewerten und bei der Anstellung ihrer staat­lichen Vertreter nicht bloß deren wissenschaft­liche Tüchtigkeit, sondern gleichzeitig auch ihre Stellung zur h e r r sch e n d e n Kirche inBerücksichtiguug zu ziehen. Sie hat unsere Wissenschaft feig und zweideutig, unsere Gelehrten übervorsichtig und ängstlich gemacht. Sie entzieht unserem Lehrerstande oft die brauchbarsten Kräfte und häuft einen Groll gegen gewisse staatliche Verfügungen in diesen Kreisen an, von dem die abseits Stehenden meist nur leider eine ganz unzureichende Vorstellung besitzen.

Sie ist schuld an der bodenlosen Heuchelei unseres g e s e l l s ch a f t l ich e n Lebens, wo niemand in den wichtigsten Fragen seine wahre Ansicht zu äußern wagt aus Furcht, in seiner Stellung hier­durch irgendwie geschädigt werden zu können. Sie be­schert uns jene lächerlichen Religionsprozesse und An­klagen wegenGotteslästerung", die doch in Wahrheit gar nicht Gott und auch nicht der Religion, sondern lediglich dem Interesse der betreffenden Kirchen­gemeinschaft gelten, die niemand in seiner Über­zeugung wankend machen, sondern nur Haß und Er­bitterung auf beiden Seiten zurücklassen, ohne irgend­welchen wirklichen Nutzen zu stiften. Sie begründet jenen grotesken Widerspruch, daß der Staat bestricht ist, seine Glieder zu selbständigen, geistig freien Persönlichkeiten heranzubilden, zu Menschen, die imstande sind, ihre Entscheidungen aus dem eigenen

wenig, wie der van Goghs und des jüngsten Paris. Aber alle diese Anregungen werden gesehen durch ein leiden­schaftliches und starkes Rassetemperament.

Die Bekanntschaft eines Künstlers von besonderen Qualitäten vermittelte der Salon Keller und Reiner. Es ist der Wiener Ludwig Ferdinand Graf. Farbenmagien, die Phantasien der Fontaine lumineuse sind sein Geschmack. Lrchtergarben und eineArt du feu" verschießt seine Palette. Die reisen Stunden, da die Welt in Sonne gebadet ist, liebt er, und er malt eine Schwrmmschule, wo die leich­ten Pfahlbauten, die nackten lebhaft bewegten Leiber, das durch Sprung und Menschengewimmel zerrissene Wasser dieser natürlichen Illumination, reizvoll gebrochen, mit wechselvollen Reflexen antwortet. Oder er bannt die grün­goldene Dämmerung, mit Sonnengeflimmer ausgestickt, in einer Pergola mit rostrot hängendem Gezweig. Oder weich- wallende Lichtströme über weiße Parktreppen oder weiße Uferwege. Differenzierter Geschmack schwingt in den Portraits.

Im Selbstportmit, in Sonne und Luft getaucht, aus dem Hintergrund des Meeres, mit dem weißen Hut über dem angeglühten Gesicht.

Die Frauenbildnisse sind prickelnde Capriccios; die lacertenhafte Parisienne mit der Hüstenkurve, die Mondäne mit den esprithaflen Lippen und der spielenden Haltung im Lehnstuhl.

Ünd ein menschliches Stilleben ist das dabei geistig frappant nuancierte Portrait des chinesischen Gesandten, in der tonigen Harmonie des blausilbemen Gewands auf grauem Hintergrund.

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Neue Nadelarbeiten von Florence Jessie Hoesel sind im Kunstgewerbemuseum in einer Sonderausstclluug ver­einigt.

Die reine Art dieser Künstlerin, die mit Stickerei und Applikation ihr lyrisch schwingendes Natnrgefühl aus­spricht, erweist sich darin, daß sie nie mit illegitimen Mitteln Maleret Vortäuschen will, daß sie nie auf Virtuositäts- Kunststücke ausgcht. Stets läßt sie sich aus dem von ihr ge­wählten Material und der ihm gemäßen Technik Gesetz und Bedingung der AusdmcksiVeise diktieren. Material und

S8. Jahrgang.

sittlichen Bewußtsein, dos identisch ist mit ihrem ver­nünftigen Selbst, heraus zu treffen, wohingegen die Kirche, falls sie wirklich eine solche und _ nicht wie im Protestantismus ein bloßes schwächliches Korn- p r o m i ß p r o d u k t ist, von ihren Gliedern die un­bedingte Unterwerfung unter ihre ganz andersartigen Gebote fordert. Sie knickt hiermit dem sittlichen Be­wußtsein seines Volkes selbst das Rückgrat und stellt die einzelnen vor das unlösbare Problem, zwei Hsnen mit der gleichen Treue zu dienen, denn, wie Hegel sagt: Entweder ist es dem Bürger nicht mit feinem Verhält­nis zum Staat oder nicht mit dem zur Kirche ernst, wenn er in beiden ruhig bleiben kann."

Sie ist hiermit das schlimmste Hemmnis einer wahren Kultur, die in erster Linie Überein­stimmung zwischen Denken und Leben fördert, und ist schuld daran, wenn die europäischen Völker seit der Herrschaft des Christentums ihre geistige Selbst­ständigkeit und Einheit überhaupt verloren haben und gar keine wirkliche Kultur im tieferen Sinne des Wortes besitzen. (Nergl. hierzu meine Neuausgabe von Hegels Religionsphilosophie (1905) Anm. 72, wo gezeigt ist, daß auch ein Hegel, derpreußische Staats­philosoph", über diese Dinge im Grunde nicht anders gedacht hat.)

Welchen beklagenswerten Einfluß die Verbindung von Staat und Kirche auf unsere Schule ausübt, das brauche ich wohl nicht auszuführen. Ich will schweigen von den zahllosen Ünzuträglichkeiten, die der staatlich angeordnete Religionsunterricht durch seine Notwendig­keit hervorruft, in jeder Konfession besonders unter­richten zu lassen, von den Störungen des geordneten Schulbetriebes durch den Konfirmandenunterricht, die kirchlichen Feiertage, die in katholischen Gegenden be­kanntlich so zahlreich sind, daß sie von niemand lästiger als von den Beteiligten selbst empfunden werden. (In den Vereinigten Staaten von Amerika, wo Staat und Kirche getrennt sind, pflegen nur die wenigen staatlichen Feiertage innegehalten zu werden, und man hört nichts davon, daß die Religion bei diesem Zustande Schaden leide.)

Die Religion ist als solche darauf aus, eine innere Gemeinschaft der Menschen untereinander herzustellen, ihnen eine gemeinsame Welt- und Lebensanschauung zu übermitteln, als den Boden, auf dem sie sich im Leben untereinander zu verständigen vermögen, und die Viel­heit und Verschiedenheit der individuellen Strebungen in eine identische übergreifende Einheit aufzuheben. Sie hat im Grunde gar reine höhere Aufgabe. Es ist dies recht eigentlich ihrWesen". Was aber soll man dazu sagen, wenn bei der Verbindung von Staat und Kirche die verschiedenen Religionen und Konfessionen unter staatlicher Beihilfe darauf abzielen, die Kluft zwi­schen den verschiedenen Individuen gerade erst recht

technisches Werkzeug sind der farbige Seidenfaden von viel­seitiger NuanccnfüCe der Farbe. Die Grundfläche von Seide oder Leinen und die Nadel, ein weiteres Hilfsmittel die Applizierung.

Die Landschaftsmotive, die mit solchem Werkzeug und Stoff ausgcdrückt werden, sind mannigfach: beblümte,

blütenbestickte Wiesenstriche; flimmernde, schwanke Früh- lingsbänme zur Seite schmaler Wege; sanfte Hügelwölbnn- gen und Abhänge mit zartstimmigen Blütenflocken übersät; flatternde Schmetterlinge; stolzierende Pfauen im Svrpen- tintanz ihrer Schweisräder; glühende Sonnenuntergänge über finsteren Kiefernwäldern; huschende, den Mond über- schleicrnde Wolkenphantome; zittrige Birken und aufge­löstes lang und bang verflatterndes Haargezweig über be- glänzten Wasserspiegeln. Dies die Stimmung, nun die Art der Wiedergabe, der Transponierung in die Ansdrucks­sprache von Nadel und Stoff.

Da ist nun besonders charakteristisch die Darstellung von Birken und Weiden. Aus der natürlichen Führung der Nadel, die ihren Faden zieht, fühlt man das Sprveßige, Fädige, StichKge des Zweigwerks in organischem Prozeß entstehen. Und das dichte, enge fchraffierungskrisselige Fadenspinnen in silbergrauer Farbe schasst die sprenMge Masernngsstruktur des Rindenstamms. Oder die Nadel fährt scheinbar exzentrisch, im Zickzack hin und her, in blitz- zuckigen, regenschauerartigen Strichen, und solch schwirren­des Gewirr ordnet sich den Blicken zum entlaubten Baum und bewegt verkreuztrm Besengezweig. Wie nun gerade das Fädig-Hängende der Birke solcher Technik entgegen- koinmt, läßt sich denken.

Das überziehen der Grundfläche mit dichtem, vielfarbi­gem Seidengespinst, grün, gelb, lilasaserig, gibt gut das Moosige, Weichsamtige des Waldbodens im Spiel des Lichts wieder.

Auch die Koiupositiou, die Gruppierung der Motive wird immer aus dem Material empfunden. Aussparung ist, wie bei den Japanern, beliebt; ganze Strecken der Grundfläche bleiben frei, gelber Rupfen bildet einen Sand­weg, oder MoirSeflächen einen Wasserspiegel oder blaß- blaue den Frühlingshimmel.

Solche ansgesparten Stellen werden, wenn ne fcca