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Nr. «3.

Wiesbaden, Dienstag, 8. Februar 1910.

58. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt._

Politische Mevsrchl.

8crr n. Gldrnvirrg irr offixiSsrr Beleuchtung:

DieNordd. Allg. Ztg." kommt in ihrer Wochenschau in lemerkenswerter Weise auch auf den jüngsten Zwischen- feü im Reichstag zu sprechen:Der Vertreter von östrng-Marienburg zählt bekanntermaßen zu den ^timmungsrednern pur saux, und weder im riuse noch draußen im Lande wird jemand von seinen Zuhörern erwarten, daß Herr v. Oldenburg sich etwa Vit geduldigen parteipolitischen Defi- r. i t i o n e n, mit einer ausgiebigen Klarstellung von Wirkung und Gegenwirkung im parlamentarischen träftespiel oder mit ähnlichen Dingen aufhalten werde. Leine Anlage nötigt ihn, sich möglichst faßlich und da­bei in überraschenden Bildern von schneller, mt bunter Folge auszudrücken, so daß die augenblickliche Wirkung dieser Reden immer durchschlägt. Wobei zu bemerken ist, daß der Abgeordnete v. Oldenburg keines- u-igs so häufig das Wort ergreift wie eine Reihe von vrndestens ebenso temperamentvollen Rednern der äußersten Linken. Aber während die Sozialdemokratie dsr'weg den Anspruch erhebt, sich der Redefreiheit stets kAht weitgehend, dazu in einer ihren Gegnern nur wenig angenehmen Art und Weise bedienen zu dürfen, sucht sie gerade den rechtsstehenden Parteien .die p.e- lcrentliche Ausübung drastischer Dialektik zu verleiden. T.-smal kam besonders deutlich zutage, wie s e h r t e r Radikalismus im Reichstag den Stil os' egrims schon als fein tatsächliches Vor­recht betrachten gelernt hat. Abgeordneter n, Olden­burg sprach von der Notwendigkeit einer unbeugsamen Disziplin im Heer und verfiel dabei aus ein Hypo- t l e t i s ch e s Beispiel, das sa, alles erwogen, an dieser Stelle wohl besser unterblieben köre, denn die Vorstellung, daß der oberste Kriegsherr einem Leutnant auch zu befehlen imstande sei,zehn Rann" zu nehmen undden Reichstag zu schließen", sie dindiziert doch eine gewisse Unachtsamkeit nach verschiedener Richtung hi n." Diese bulbamtliche Zensur wird auf der Rechten wie auf der hinken mit Schütteln des Kopfes gelesen werden, so m-int dazu sogar dieTägliche Rundschau". Jedenfalls ater ist sie geeignet, der Linken neuen Agitationsstoff kuzufllhren.

Französrsch-rtattenische Merdrirdcrimg.

Ter erfinderische lateinische . Geist betätigt sich neuerdings in immer neuen Varianten der Verbrüde­rung zwischen dem italienischen und französischen Osfizierkorps und den beiden Heeren. So haben die Offiziere des 1- Bersaglieri-Regiments in San Remo dem 1. Zuaven-Regiment in Constantine in Al­gier eine künstlerisch ausgeführte Bronze-Gedächtnis- tasel an das Gefecht von Palestro übersandt, in der das 7. Bataillon Bersaglieri und das 3. Regiment Zuaven

Schulter an Schulter gefachten haben. Eine solche Er­innerung an gemeinsame Waffentaten läßt sich vom soldatischen Standpunkt aus verstehen. Wenig sympa- tisch aber mutet die neueste Form des italienischen Liebeswerbens um die französische Freundschaft an. Oberst Cavoretti vom 71. Infanterie-Regiment ttt Perugia hat den Kameraden des französischen In­fanterie-Regiments der gleichen Nummer_ den eigenen Regimentsmarsch mit einem schwülstigen Schreiben übersandt, damit die französischen Kame­raden, wenn sie den Marsch zum erstenmal hören, etwas von den Schwingungen unserer Seele^ und die wärmsten Ausdrücke unserer brüderlichen Liebe" empfin­den.Wir erwarten nun Ihrerseits Ihre Partitur, um sie sobald wie möglich zu hören: wenn wir ihre Klänge vernehnien, wird es uns scheinen, a l s o b dieAlp ctt versunken seien und die beiden lateini­schen Armeen eine einzige zur Verteidigung ihrer beiden Vaterländer bildeten, der schönsten und glorreichsten der Welt." Das französische Regiment hat auf dieses von Oberst Cavorettiim Namen des Osfizierkorps" abgesandte Schreiben natürlich im gleichen Stil geantwortet und durch Tagesbefehl an­geordnet, daß das italienische Schreiben in allen Kom­pagnien im Beiseii: der Offiziere verlesen werde; die Offiziere hatten dabei Unteroffiziere und Mannschaften auf dievolle Wichtigkeit der Enipfmdungen der Brüderlichkeit zwischen beiden Schwesternationen" hin- zuweisen. Natürlich wird auch das sehnsüchtige Ver­langen des Obersten Cavoretti nach dem französischen Marsch erfüllt werden.

Man kann unschlüssig sein, ob man sich mehr über die absolut unmilitärische G e f ü h I s s ch w ä r m e r e i eines italienischen Regimentskommandeurs wundern soll oder darüber, daß das italienische Kriegsininiste- rium eine solche öffentliche politische Betätigung denn darum handelt cs sich zweifellos, solange Italien noch nicht formell se'cnep Dreibundvcrpflichtun- gen sich entledigt hat und politische Kundgebungen ganzer Osfizierkorps duldet.

Deutsches Reick.

* Die Aussichten des Kaliqesetzentwurss. Wie eine Korrespondenz zu melden weiß, sind die Aussichten sür die Annahme des Reichskaligesetzes nicht so günstig, wie man bisher annrihm. Für das Gesetz, sei eigentlich bis setzt nur die Rechte im Reichstag. Tie Linke und das Zentrum ständen dem Entwurf auch in der neuen Fassung nicht sehr sympathisch gegenüber und hielten die Errichtung eines Zwangssyndikats sür zu weitgehend und unheilvoll als Präzedenz für künftige ähnliche Situationen in der Industrie.

* Der Hauptausschus? für staatliche Pensionsversiche- rung der Pribatangestcllten hat den Fraktionen des Reichstags, die sich bisher der Sache der Angestellten angenommen, eine Eingabe unterbreitet, welche die vor­handenen Irrtümer in dieser Frage und die anscheinend offiziösen Preßnotizen berichtigt. Es wird darin^die Erwartung ausgesprochen, daß der Reichstag die For­derung der Angestellten nach wie vor tatkräftig unter­

stützt. Gleichzeitig soll Mitte Februar im Anschlüsse an eine Vertreterversammlung des Hauptausschusses ein Privatangestelltentag in Berlin statt-

finden. _ ,

* Protestbersammlung gegen Herrn v. Oldenburg.

In Dresden protestierte eine große Versammlung gegen die Auslassungen des Abgeordneten v. Oldenburg- Ianuschau im Reichstag. In einer einstimmig gefaß­ten Resolution wurde das Auftreten v. Oldenburgs als ein Ausbruch der maßlosen Herrschafts- gelüste der Konservativen bezeichnet und auch,dem Vizepräsidenten Erbprinzen v. Hohenlohe das uneinge­schränkteste Mißtrauen ausgesprochen. SamstaMbend fanden drei weitere Versammlungen statt, die sich Mit der gleichen Angelegenheit befaßten. Auch nt anDeren Teilen Sachsens finden Protestversammlungen statt.

* Die Erbschaftssteuer. Auf die Erbschaftssteuer, so führte der Departementschef der Finanzen Dr. Gumnus im weimarischen Landtag aus, werde die Reichsregre* rung über kurz oder lang wieder zurückgreifen.

* Der Verein für das Deutschtum im Ausland

(Alla Deutscher Schulverein) E. V. übermittelt uns einen Ausruf zur Hilfeleistung für die am 13. Dezem­ber 1909 in V a l d i v i a. derHochburg der Deutschen in Chile, durch eine verheerende Brandkatastrophe aufs schwerste getroffenen Betvohner. U. a. ist auch der stattliche Bau des Deutschen Vereins, der, gesellige Mittelpunkt der Deutschen Valdivias dabei zerstört worden. Valdivia, die wichtigste Stadt des südlichen Chile, ist für die chilenischen Deutschen der Mittelpunkt ihrer Sprachverbreitung. Das deutsche Volk, dessen Hilfsbereitschaft nie versagt hat. wenn fremde Nationen von ähnlichem Unglück betroffen waren, wird auch den notleidenden Brüdern im fernen Chile freudiges eine hilfreiche Hand über das Meer hinüberrcichen! spen­den nimmt eiitgegen: Die Direktion der Diskonto-Ge­sellschaft, Berlin W., Unter den Linden 3o, mit ihren sämtlichen Zahlstellen, sowie die Redaktion oieses Blattes. ^ ,

* Otto Ernst gegen Ernst Moritz Arndt. Was der

Verfasser bonFlachsmann als Erzieher", Otto Ernst, über Ernst Moritz Arndt, den alten Freiheitshelden und guten deutschen Patrioten schreibt, mag doch weiteren Kreisen zur Charakteristik eines gewissen bletch^ngi- gen Epigonentums mitgctcilt werden, dem die Gestii- nungsart unserer großeii deutschen Männer ein Buch mit sieben Siegeln geworden ist. Herr Ernst schreibt, wie derReichst'." mitteilt:Der Teutomann.E. M.

Arndt, dessen widerwärtige gi-anzosenfressereien tm Lichte der damaligen Zeit allenfalls erklärlich waren, leider aber noch unserer heutigen tilgend als Muster patriotischer Gesinnungslyrik aufgedrungen werden.,ist neben John Sand, Maßmann, Fries, Foller u. a. eme für die Beschränktheit des Nationalismus recht bezeich- nende Erscheinung. Er, der den Mund für die natio­nale Freiheit bis zur höchsten Unschonhest voll nahm war im Grunde ein vollkommener Reaktionär. Er ist für unser heutiges Gefühl ein Patriot, wie er nicht iem soll, und für die nationale Erziehung kein Vorbild, wie wie Wir es brauchen." Herr Ernst lollte selbst so schreibt, weiß Gott mit Recht, dietägliche Rundschau dazu.

Feuilleton.

(Nachdruck verboten.)

Kohlensiinrehalüge Getränke.

Der Konsum von kohlensauren Wassern hat in den letzten Jahrzehrcken eine außerordentliche Ausdehnung gewonnen, was vor allem dem Umstande zuzuschreiben ist, daß sie sehr beauem und billig herzustellen sind. Viele Destillationen, die meisten wohl, haben daher die einfachen Apparate, die dazu nötig sind, angeschafft, um die Fabrikation dieser Wasser nebenher zu betreiben. Doch gibt cs natürlich auch Etablisse- ments, die sich ihr ausschließlich widmen.

Wie schon der Name besagt, handelt cs sich bei den brausenden Getränken um Flüssigkeiten, die unter Druck mit kohlensaurem Gas gesättigt werden, und zwar schwankt dieser Druck zwischen 8 bis 12 Atmosphären. Sie enthalten also eine 8 bis 12 mal so große Quantität Gas, wie sie bei gewöhnlichem Druck entwickeln könnten. Daher der prickelnde Geickmack, der perlende Schaum, wenn man die gashaltigen Getränke befreit. Es wohnt eine Art Lustigkeit darin, und obgleich die Damen sich manchmal erschreckt die Ohren zu- halnn, macht es doch im allgemeinen großen Spaß, wenn der Pfropfen an die Decke fliegt. Allerdings meist, wenn es sich um ein teures Schaumgetränk handelt, den Cham­pagner, den man mit einer kleinen friedlichen Explosion öffnet im psychologischen Moment, da die Toaste vom Stapel gehen sollen.

Das für die kohlensauren Wasser verwendete Gas wird gewöhnlich durch die Einwirkung von Schwefelsäure auf kohlensauren .Kalk oder doppcltohlensaures Natron erzielt. Doch benutzt man fest einigen Jahren, besonders in den

großen Fabriken, auch flüssige Kohlensäure, die,m wenig umfangreichen Zylindern komprimiert und verflüssigt wird und ohne Gefahr hin und her getragen und angcwendet werden kann.

Der Zylinder ersetzt dann vollständig die ganze Installa­tion, die zur Bereitung des Gases durch die Reaktion von Schwefelsäure aus Kohlenstoff nötig ist. Er besteht aus sehr widerstandsfähigem Stahl, ist an einem Ende geschlossen und hat auf der anderen ein regulierbares Ventil, so daß man das Gas nach Belieben heranslassen kann. Ein Zylin-- der enthält 10 bis 15 Kilo flüssige Kohlensäure und jedes Kilo repräsentiert 560 Liter Gas unter Druck von 10 Atmo­sphären. Mit einem Zylinder kann man also viele Flaschen Selters- oder andere brausende Wasser Herstellen.

Die Bezeichnung Selterwasser ist eine allgemeine ge­worden, das Getränk hat aber bekanntlich mit dem echten Selterser oder Seltcrswasscr nur den Namen gemein, der noch dazu nicht ganz richtig geschrieben und gesprochen Wird. Das echte kommt aus dem Dorfe Niederselters im Nastau- ischen, wo es aus vier in einen Brunnen vereinigten Quellen emporsteigt, die in der Stunde 150 000 Liter Wasser liefern. Es hat einen großen Gehalt an freier Kohlensäure, Kochsalz und kohlensaurem Natrium und lvird daher nicht nur als erfrischendes Getränk, sondern auch bei Erkrankungen der Atmungswege, bei Magen- und Gallenleiden nsw. verwandt.

Das Selterwasser, das nicht aus Niedersclters kommt und auch nicht einmal aus dem nahe dabei gelegenen Dorfe Obcrselters, wo sich auch eine Quelle befindet, die in neuer Zeit von einer Gesellschaft ausgebcutet wird, soll für den Tafelgebranch nichts weiter enthalten, als reines Wasser und fünfmal das Volumen desselben an Kohlensäure, unter Druck von 8 bis 12 Atmosphären darin aufgelöst.

Übrigens findet die Kohlensäure ia auch sonst noch bei

einer Anzahl bon Getränken Verwendung, die ein unschul­diges Tafelgetränk liefern, alle möglichen Brauselimonaden, brausendesGingerbeer", nmssierende Äpselweme werden damit hergestellt, und zwar ist die Fabrikation ähn­lich wie die von Selterwasser, und die gleichen Apparate können dafür zur Benutzung kommen.

Großer Beliebtheit erfreuen sich auch die mussterendcn Weine. Diese werden in ungefähr folgender Weise ge- wonnen: ltni z. B. 100 Flaschen des brausenden Getränks zu erhalten, nimmt man 5 Kilo Zuckerkand und laßt sie in 5 Liter Weißwein anflösen. Nachdem der Zuckerkand voll- ständig zergangen ist, fügt man 3% 2itct KognaL und 5 Gramm Vanillenextrakt hinzu. Diese Mischung wird rn 70 Liter Weißwein getan und mit Kohlensäure bei 6 At­mosphären gesättigt, und zwar ebenfalls in dem gewöhn-- lichen Apparat, der zur Herstellung von Selterwasser dient.

Richtigen Champagner, selbst solchen bescheidener Her­kunft, erzielt man so gerade nicht, aber die Preisdifferenz zwiswen diesent und de,imussierenden Weinen" ist eine so große, daß sie doch viel Absatz finden, besonders da es zahl­reiche Menschen gibt, die in dieser Hinsicht nicht anspruchs­voll sind und denen es genügt, wenn der Wein im Becher schäumt und wenn der Pfropfen mit Geräusch emporfliegt. Und für manche Gelegenheiten ist dies auch ganz ausreichend. Wenn z. B. das Andenken einer allerersten Größe in solenner Weise gefeiert wird, die man sür würdig erachtet, eine Statue in voller Figur zu erhalten; dann sollte bei der Ein­weihung nur Champagner zumBegießen" der Reden als für gut genug gelten, wenn es sich aber um Wohltäter der Menschheit minderer Güte handelt, die nur durch eine Büste geehrt werden, dann erscheint mussierender Wein als aus­reichend. Der Knall ist in beiden Fällen der gleiche, und das ist dabei die Hauptsache. W. Waldau.

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