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Nr. SS.
Wiesbaden, Samstag, 3. Februar IÄZO.
Morgen - Ausgabe. !
1. H3l*atf.
Eine ZMtzm der ^nsmaHtieruuösiiif!.
Kaum beginnt es in Amerika wieder etwas freundlicher auszuschauen, da strömen schon wieder Scharen von Auswanderungslustigen hin, uni im Lande des Goldes ihr Heil zu versuchen. Es ist kaum glaublich, wie schnell günstige Situationsberichle von drüben die Äuswanderungslust auflebcn lassen. Obwohl doch auch in Deutschland die Arbeitsgelegenheit sich wieder bessert, übt Amerika trotzdem wieder seine alte Anziehungskraft in ungeschwächtem Grade ans. Dabei sprechen so ziem- üch alle Beobachtungen dafür, daß noch nicht einmal rür die Gesamtheit der amerikanischen Arbeiter Sie Beschäftigungsgelegenheit befriedigend ist, geschweige denn, daß sie für einen erneuten starken Zuzug ausreicht. Oie gewaltig der Auswandererstrom wieder ange- chwollen ist, das läßt sich bis zu einem gewissen Grade an der Bewegung in den Häsen Hamburgs und Bremens ersehen. Die vorliegenden Zahlen umfassen leider deutsche und fremde Auswanderer, so daß die eigentliche Auswanderungslust der Deutschen für las letzte Jahr noch nicht zu erkennen ist. Die Aus- wnderung über diese beiden Haupt-Auswandererhäfen erreicht in: Jahre 1909 einen Umsaüg von 316 337 Köpfen gegen nur 174 676 im Jahre 1908, Die Auswanderung hat demnach um 81 Prozent zugenommen. Selbst zugegeben, daß nach der Stagnation im Auswanderungsverkehr während des Jahres 1908 eine Reak- rum Wohl zu erwarten war, ist doch die Wiederbelebung überraschend stark erfolgt. Wenn es sich nun auch nicht usfernmäßig feststellen läßt, wie hoch der Anteil der deutschen Reichsangehörigen an dieser Belebung ist, st- ist doch feststehend, daß auch bei ihnen der Auswanderungsdrang im letzten Jahre wieder stärker erwacht ist. Lllerdings hat in Deutschland in den letzten Jahren -rnmer mehr die Erkenntnis um sich gegriffen, daß auch in Amerika denr Fremdling nur noch sehr selten die roldenen Früchte in den Schoß fallen, und es für Ausländer oft noch viel schwerer ist als in der Heimat, zu urskömmlichem Verdienst und Vermögen zu kommen, deshalb ist auch schon seit langen Jahren ein ständiger .stückgang in der Auswanderung deutscher Reichsange- teriger zu beobachten: während z. B. im Jahre 1891 die Zahl der deutschen Auswanderer über deutsche und Hemde Häfen 120089 Köpfe oder 2,41 Promille der ibevölkerung betrug, stellte sie sich im Jahre 1908 nicht löher als aus 19 883 Köpfe oder 0,32 Promille der Be- rölkerung. Besonders interessant ist die Entwicklung iin Bergleich zu der Auswanderung Fremder, über deutsche stäfen. Greifen wir aus den letzten drei Jahrzehnten s-sonders charakteristische Jahre heraus, so ergibt sich ülgendes Bild der überseeischen Auswanderung. Cs wanderten über deutsche Häfen aus iin Jahre
Deutsche Fremde Deutsche Fremde
1876 . 23 880 26 720 1896 . 25 771 95 803
1881 . 184 369 62 967 1901 . 16 467 166 626
'886 . 66 647 99 827 1907 . 26 380 363 615
1891 . 93 145 196 080 1908 . 16 722 106 499
Die Auswanderung Deutscher hatte im Jahre 1881 ihren Höhepunkt: seitdem ist sie mit geringen Schwankungen andauernd zurückgegangen. Im Jahre 1881 betrug sie noch annähernd 5 Promille der Bevölkerung: im Jahre 1908 waren es nur noch 0,32 Promille. Fast in demselben Zeitraum, in denr die Auswanderung Deutscher so cnorni abgeebdt ist, ist die Fremder überaus gewachsen. 1907 brachte den Höhepunkt, aber nach allem scheint aus die Reaktion von 1908 im Jahre 1909 wieder ein um so stärkerer Aufschwung gefolgt jju sein. Von den irrt Jahre 1908 ausgewanderten 363 613 Fremden gingen allein 346 871 wieder nach den Vereinigten Staaten.
PaiMsche AVer sicht.
Girre bevschrigLr Klage.
Vo,r einem emeritierten Lehrer wird uns geschrieben:
Zum Lehrerbesoldungsgesetz bekeitnetr sich Lazarus und Krösus als Brüderpaar. In diesen Tagen ging ein Artikel durch die Zeitungen, der besagte, daß das erst seit einem halben Jahre in Kraft getretene Lehrerbesoldungsgesetz eine bedeutende Zunahme der Zahl der Pensionierungen von Lehrern an Volksschulen ergeben habe, indem bereits 1000 Lehrer in den Ruhestand getreten seien. Dieser Vorgang finde darin seine Erklärung, daß das höchste Ruhegehalt einer ländlichen Minimalstelle vom 1. April 1908 ab das bisherige Höchstgehalt einschließlich der Mietsentschädigung des aktiven Lehrers auf derselben Stelle um rund 500 Mark übersteige.
Lieber Leser, ich nehme an, daß du noch ein warnies Herz für deinen alten Landlehrer hast, und darum wird sein Wohl dich erfreuen und sein Weh betrüben. Dir also gilt mein Kommentar zu obigen Sätzen. So wenig auch dieselben nach ihrenr Inhalt dir sagen mögen, ein Gedanke wird bei dir gewiß aufgestiegeir sein: Wie übel müssen danach die in Ruhestand getretenen Sani 1 » lehrer vor April 1908, die sogenannten A l t p e n s i o - näre, abgeschnitten haben!
Jawohl, der 1. April 1908 scheidet die Landlehrer- Pensionäre als Brüder in Lazarusse und Krösusse, denn ein Plus oder Minus von 1000 bis 1300 M. spielt im Lebensunterhalt eines schlichten Haushalts eine gewaltige Rolle. Und was dir hierbei noch ganz verflixt Vorkommen wird, ist die Ehre, daß außerdem Bruder Lazarus denr Staate von seiner kleinen Pension jetzt m c h r Sie u e r zahlen muß, damit der Bruder ein Krösus wurde und bleibt. Nun denkst du, lieber Freund, ich würde hier keinen andern Wunsch niederlegen, als auch ein Krösus werden zu können, nein, so unbescheiden bin ich nicht. Aber deir möchte ich aussprechen: dem mit Riesenschritten weit Vorgeeilten etwas näher zu kommen, nur deir lieben Bruder Krösus nicht ganz ans dein Auge zu verlieren. Willst du, edle Seele, es dem Altpensionär daher verübeln, wenn er sich der Hoffnung hingibt, am späten Abend auch iroch eine Freude zu erleben? Tie beste Gelegenheit hierzu würde sich bieten, wem: die M i e t s e n t s ch ä d i g un g nach denr Lehrer- besoldungsgesetz — in ivelchem Prozentsatz cs auch sei — festgelegt würde. Staat und Landtag müßteir unbe-
FemUeton.
LolöLtenlied - VolkMeÄ.
Es war aus einer Strecke der sächsischen Eisenbahn. Nachts, Das Licht hatte ich abgeblendet und versuchte zu fcMafett. Bremsen, Halten, Weiterfahren in schläfriger st-lge. Da, an einem Haltepunkte Stimmengewirr. Die Tu: fliegt auf, Stiefelgepolter, ein blitzendes Seitengewehr blaut gezogen über mir und ein mich lachend weckendes Soldatengesicht. Dichtgedrängt vorr heimtehrenden Reservisten der ganze Wagen voll. Eine laute Stimme beginnt ein Lied. Der ganze Chor fällt kräftig ein. Es ist eine B-llade, nicht aus denr Tingeltangel, sondern aus dem Volk, mit modernem Stoff. Von den vielen Versen einer etwa:
„In Hamburg ...... leben.
In Samt und in Seide gehüllt,
Zur Mutter kann ich nicht gehen. Ich bin ja ein Mädchen fürs Geld." „Ach Mutter, liebe Mutter . .
Das andere Hab ich nicht behalten. Ein Lied folgt dein anderen, der Vorsänger wechselt, Bekanntes und Nnbe- k-mrtes. Da beginnt einer „Ich hart' einen Kameraden". Schon bei der dritten Zeile ändert sich die Melodie wesentlich. Einen Schulmeister hätte es geärgert. Kaum ist die erste Strophe genügen, da dröhnt's:
„Gloria! Viktoria!
Gib Herz und Hand Fürs Vaterland!
Die Vöglein im Walde.
Die sangen gar so schön, .
In der Heimat, in der Heimat, Da gibt's. ein. Wiedersehn,"
Nun singen sie die zweite Strophe: „Eine Kugel kam geflogen/ Das „Gloria Viktoria!" stampft über die Gefallenen hinweg, wieder singen die Vögelein, unbekümmert um Blut und Leichen, wieder dieser Schluß mit der Heinrat. Die letzte Strophe:
„Will mir die Hand noch geben.
Dieweil ich eben lad.
Kann dir die Hand nicht geben.
Bleib du ini ew'gen Leben Mein guter Kamerad.
Gloria, Viktoria!
Gib Herz und Hand Fürs Vaterland!
Die Vöglein im Walde,
Die sangen gar so schön,
In der Heimat, in der Heimat,
Da gcht's ein Wiederseh'n."
Jetzt tritt eine Pause ein. Die müder Gewordenen sprechen über dies unb jenes, einige beginnen einzunicken. Roch ein paarmal stimmt der Vorsänger an, man singt wieder mit. Dann wird's ruhiger. Der Zug rollt. Gebüsch und Baum rauschen neben ihm. Einer der Sänger steht am Fenster, drückt seine Stirn arr die Scheibe und beginnt noch einural halb uirbewußt, leise jenen Refrain. Er nmß den Leuten gefallen, einer nach dem nnberett stimmt leise ein: „Die Vöglein im Walde, Die sangen gar so schön .. ."
Nicht auf Kommando, nicht für die Schule — frei sangen sich die Leute ans. Es sang in ihnen und darum sangen sie und schämten sich mcht. Vor einem „Publikum" hätte keiner von ihnen dies so gesungen.
Also: es dichtet noch immer im Volk. Wo so gesungen wird, da ist „Volt" und sei es ein Nachen voller Fürsten und Fürstinnen. Denn da klingt bei Generälen und Gemeinen, in Kirche, Bauernstube und Salon dieselbe Saite. Aber
dingt hier einsetzen und sorgen, daß hierin Wandel geschaffen würde, damit eine Unmasse von ungerechtfertigten Härten, die bei deir Altpensionären bestehen, beseitigt würden. Man frage doch einmal bei den ur Nassau in denRuhesland getrelenenLandlehrern nach, und man wird finden, daß voir Fall zu Fall die Festsetzung der Mietsentschädigung verschieden ist, je nachdem der Abgehende in Fühlung mit dem Dorfoberhaupte stand, was^ich mit Beispielen beweisen könnte. Ist es nicht eine Schmach für einen solchen Mann, wie auch süx die von ihm erzogene Generation, wenn er bei! den damaligen Zeitverhältnissen eine Mietsentschädi- gurrg von 100 bis 160 M. bezieht und das trach 40 und mehr Dienstjahren? Meiir aufmerksamer Leser, bedetrke doch den einen Punkt, von. der Besoldurrg ganz abgesehen: Deine Mietsentschädigung ist dir als pensionierter Landlehrer vor dem 1. April mit 112,16 M. berechnet worden, und nach diesem Termin wäre sie dir ans derselben Stelle bei gleicher Dienstzeit auf rund 419 M. lebenslänglich gesetzt. Wo noch ein gesundes Rechtsgefühl wohnt, wird man an solchen unverschuldeten, grausamerr Härten wissentlich nicht achtlos Vorbeigehen können. Die Regelung der Wohnungsvergütu n g halte ick) für den gerechtesten ersten Schritt von leiten des Staates zur Annäherung der Altpeusionäre an die Neupensionäre.
Und wenn null trotzalledenr alle Hoffnung schwinden und es heißen sollte: Ter Mohr hat seine Schuldigkeit getan, er kann gehen, wie dann? Danrr bleibt noch ein Trost für Bruder Lazarus, den Landlehrer-Alt- pensionär, so fern er sich selbst fragt:
„Sag' mir, o Greis, in Silberhaaren,
Was ist die größte Kunst auf Erden?"
und sich die Antwort geben kann:
„Des Lebens Bitterkeit erfahren Und nicht verbittert werden!"
Mon dev Koedirkrotron.
Ans Baden wird uns geschrieben: Gegen die „Koedukation" wird fortwährend Stimmung zu machen gesucht durch Zeitungsartikel, die sämtlich ihr Material einem Aufsatz in Heft 6 der Zeitschrift „Tie höhere Mädchenschule" entnehmen. Selten hat wohl eine ärgere Irreführung der öffentlichen Meinung stattgc- sunden. Die badische Regierung Veröffentlicht am 1. Mai 1908 im „Verordnungsblatt" eine auf sorgfältiger Statistik beruhende Darstellung über den Besuch der Knabenschule durch Mädchen seit 1889. Diese kam zu dem Ergebnis, daß die gemachten Erfahrungen „im allgemeinen gute" sind, Leute, die aus persönlichem Interesse dagegen sind, versuchen dies Ergebnis umzufälschen und sich dafür die Tagespreise dienstbar zu machen. Wir haben die tatsächliche und mehr noch die logische Unzulänglichkeit des Aufsatzes in der Zeitschrift „Die höhere Mädchenschule", auf deir sich alle neueren Angriffe stützen, sofort nach seinem Er- scheinerr dargelegt, und haben setzt die Genugtuung, daß Herr Geheimrat I)i\ v, Sallwürk, der Direktor des badischen Oberschulrats, den Jrreführungsver.suchen gegenüber öffentlich erklärt, daß, lvenn irgendwo die Äußerung gefallen sei, man habe in Baden mit der Zulassung von Mädchen schlechte Erfahrungen gemacht, sie auf durchaus falscher Information beruhe. Das ist der
während wir bei den Gebildeten so oft eure bloße Hingabe an den Zauber dieser Worte und Töne fanden, bci diesen Soldaten war's ein Weitcrschaffen, war's lebendiges, werdendes Volkslied!
Kann man dieses Volkslied pflegen, darf man es pflegen? Ich besann mich, wo ich es bisher gehört hatte. In der Heide, wemr die Schulkinder vom Kartoffelernten heimfnhren, in einer Fabrik, wo Frauen n.nd schulentlassene Mädchen bei der Arbeit sangen, bei den Soldaten und einmal in stiller Sommernacht, wo eine tiefe rätselhafte Stimme vor unsichtbaren Zuhörern sang.
Den Grund legt allemal die Schule. Ein sangessroher Lehrer, dem das Herz dabei ivarm wird und der es versteht zu lehren, ohne daß die Kinder cs merken, der es bei Ausflügen oder beim Handarbeitsunterricht selber anstinrmt. Wer zur rechten Zeit das rechte Lied zu finden weiß, der ist der rechte Mann. Von ihm lernen's auch die jungen Mütter.
Eiir anderer, jetzt leider ausgestorbener Lehrmeister war der Postillon. Auch die Turmbläser waren welche, die es nur noch vereinzelt gibt. Hier nmß ich einen Freund cr- wähncn, der allabendlich mit seinem Horir in sein stilles Tal hineinbläst, wo die Leute vor der« Häusern sitzen rrtrd lauschen. Er bat schon mairche Melodien wieder eingebürgert.
Schließlich denke ich an die Militärmusik. Wo bleiben die Volkslieder im Felde, im Lager, beim Aiarschc, bei Gartentonzerten?
Ob nicht der Herr Kapellmeister elnnral von lernen Sol, datcn etwas lernen könnte? —
(Aus dem ersten Februarhest des „KunstwartS", Verlag Georg D. W. Callwey: vierteljährlich 4 M.)
