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Nr. 51.

Wiesbaden, Dienstag, 1. Februar 1910.

BS. Jahrgang.

Morgen-Kusgabe.

1. Matt.

Die SchiffahrtsnbMüen.

In den ersten Tagen des Februar wird im Bundes- rat die Entscheidung über den preußischen Antrag, be­treffend die Einführung von Schiffahrtsabgaben auf den natürlichen Wasserstraßen, fallen. Es läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, welches das Schicksal der Vorlage sein wird. Man weiß wohl, daß Sachsen, Baden und Hessen Widerstand leisten, und es ist auch die Rede davon, daß Anhalt und Lübeck dieselbe Oppositions- stellung einnehmen, womit also vielleicht die Möglich­keit einer zur Ablehnung ausreichenden Kombination gegeben wäre. Aber diese Möglichkeit ist nach keiner Richtung hin gesichert, und wenn manche Anzeichen so­gar einen Umfall Badens anzukündigen scheinen, so kann erst recht kein Verlaß auf die genannten kleineren norddeutschen Staaten sein. Mit Preußen werden ganz gewiß auch Bayern und Württemberg gehen, denen man ja von Berlin aus mit einer zugleich lockenden und abschreckenden Diplomatie begegnet ist. Bayern verlangt nach der Fortsetzung der Mainkanalisation bis tief nach Franken hinein, Württemberg nach der Schiffbar­machung des Neckar bis mindestens Heilbronn und, wenn möglich bis Cannstatt für größere als die jetzigen d ürft igen Fahrzeuge. Zwar grenzt Preußen nirgends an das Neckargebiet, aber man hat an der Spree doch Gunst und Ungunst in reichem Maße zu vergeben, so daß die württembergischen Wünsche säMerlich erfüllt werden können, wenn man in Berlin nicht will, daß ste erfüllt werden. Tie Mainkanalisation aber kann ohne Preußen überhaupt nicht durchgeführt werden. So hält der führende Bundesstaat diese beiden Königreiche an der Leine seiner Bedingungen, und so unwillig in München wie in Stuttgart die Forderung der Schisf- fahrtsabgaben auch ausgenommen worden ist, so werden bic beiden Regierungen zuletzt ja sagen. Mit welchen Erfühlen sie es tun werden, das ist eine Sache für sich, allerdings zugleich die wichtigste, die in dieser schlim­men Angelegenheit in Betracht kommt. Denn von der Verbitterung, mit der die in die Minderheit gedrängten Staaten die ihnen zugefügte Vergewaltigung auf- nekMen werden, können' sich die Mehrheitsstaaten bloß darum, weil jene durch die Androhung materieller Nachteile willfährig gemacht werden, unmöglich frei halten. Die Verbitterung wird aber auch in Preußen selbst die Befriedigung über die Einführung von Schiff- fahntsabgaben in demselben Maße übertreffen, in dem die nicht'konservativen Parteien die konservativen über­ragen. Denn das ist das Beschämende und Aufregende an der Sache, daß eine kleine Minderheit, eben die 8,'echte, eine Minderheit, die im Reichstag noch nicht ein Fünftel aller Mitglieder darstellt, infolge des schlechten preußischen Wahlgesetzes in die Lage gekommen ist, im Landtag dem Staatsministerium Bedingungen aufzu-

Femlletorr.

Aus Kunst und Leben.

8. Der Nachlaß Adalbert Mattowskys. Am 15. und 16, Februar d. I. wird der künstlerische Nachlaß Adalbert Matkowskys bei Leppke in Berlin versteigert werden. Mat- kowsky war bekanntlich stets ein großer Sammler kostbarer Antigucküten jeder Art. Da er keinerlei Kosten scheute, wenn es sich um künstlerisch wertvolle oder seltene Stücke handelte, so bildet diese Auktion nicht mir wegen ihres Besitzers eine Berliner Sensation, die zweifellos die Händler und Sammler aller Großstädte in Berlin versammeln wird. Bor allem fallen die kostbaren stanzösischen und deutschen Rerurissanceschränke auf, die den besten Epochen entstammen. Einer von ihnen, der in Paris im 16. Jahrhundert ange- fertrgt ist, ist mit einem vergoldeten Relief der Elemente verziert und stellt ein Kunstlverk allerersten Ranges dar. Ferner fallen in der Sammlung altitalienische Holzfiguren und Reliefs auf; unter diesen ist von ganz besonderer Schön­heit dieGrablegung Marias" (französisch um das Jahr 1490). Alle diese Werke sind sehr charakteristisch und vorzüg­lich in der Farbe und in der Arbeit. Ein mächtiges, reich geschnitztes Barockbett, sowie geschnitzte Stollenschränke vom Niederrhein (15. Jahrhundert), eingelegte deutsche Schranke in kostbarem Holz, sowie ein niederrheinischer Rcnaissance- schrank, der einer der schönsten seiner Art ist, vervollständigen die Sammlung deutscher Kostbarkeiten und Altertümer. Neben diesen altertümlichen Möbeln, mit denen Matkowsky sein Heim ausgcftattet und ihm den Charakter eines Muse­ums gegeben hatte, ist seine Sammlung von Majoliken, für die er eine gleiche Vorliebe wie Goethe hatte, äußerst be­merkenswert. Hier sind die ersten Meister und die besten Manufakturen vertreten, so z. B. Hebbio, Jerouta, Urbino (Arbeiten von Xanto Avelli und Guido Fontana), Faenza,

legen, deren Verkehrsfeindlichkeit aus dem Geiste des rücksichtslosesten Agrariertums heraus von den Konser­vativen selber nicht einmal bestritten wird, deren Der- ketzrsfeindlichkeit vielmehr geradezu als Vorzug, immer im agrarischen Geiste, hingestellt wird. Es gibt keine Kooperation, die den Interessen von Handel und In­dustrie dient und die nicht den stärksten Widerspruch gegen die Schisfahrtsabgaben auf den natürlichen Strömen erhoben hätte. Die preußische Negierung aber, die sich ursprünglich mit allen Kräften gegen die ihr aufgezwungene Neuerung gesträubt hatte, tut jetzt so, als erforderte das Interesse der Binnenschiffahrt selber diese Abgaben, und sie spannt sich vor den Wagen der agrarischen Wünsche, als seien es ihre eigenen.

In ein undurchdringliches Rätsel gehüllt ist einst­weilen die Frage, wie die preußische Regierung es an­stellen will, Österreich und die Niederlande, die auf die Abgabenfreiheit auf der Elbe und dem Rbein einen international vertragsmäßigen Anspruch haben, zum Verzicht auf diese ihre Rechte zu bestimmen. Möglich, daß die Niederlande durch zollpolitische Zugeständnisse kirre gemacht werden, aber in Wien ist bisher stets er­klärt worden, daß die Freiheit der Elbeschiffahrt nicht aufgegeben , werden darf. Irgendeinen Plan zur Beugung dieses Widerstandes wird die Regierung ja haben, aber es läßt sich, wie gesagt, zunächst nicht er­kennen, in welcher Richtung er liegen mag.

Und nun eine zweite wichtige Frage! Welches wird das Schicksal des Schiffahrtsaügabengesetzes im Reichs­tag sein? Hier liegt die Entscheidung beim Zentrum, da die Konservativen auf der einem, die Liberalen aut der anderen Seite selbstverständlich keine Mehrheit be­deuten können. Wenn man bedenkt, welchen Dienst das Zentrum der Regierung zu leisten vermöchte, wofern es in dieser Frage zu den Konservativen Übertritt, und wenn man ferner berücksichtigt, wie kluge Rechner die Klerikalen sind, und daß sie für Dienste Gegendienste werden fordern können, so kann einem 'wohl bange wer­den vor der Möglichkeit, daß das Zentrum seine Wahl zugunsten der Schiffahrtsabgaben trifft. Dem steht frei­lich gegenüber, daß diese Abgaben eine Schwächung des föderalistischen Prinzips bedeuten müßten, und von solcher Schwächung hat das Zentrum nie etwas wissen wollen. Wohin man also sieht, zeigt sich Ungewißheit über Ungewißheit. Jedenfalls steht uns eine folgen­schwere Entscheidung bevor.

UoiMsche Mevsrcht.

r». Gttoui Nodewtts.

Die Kaisergeburtstagsrede des braunschweigischen Staatsministers v. Otto mißfällt begreiflicherweise den Konservativen aufs äußerste. Sie mißfällt ihnen in demselben Grade, in dem die neulichen Aus­führungen des bayerischen Ministers v. Podewils über die Reichsfinanzresorm ihren Ohren wohlgefällig klangen. Es gibt in den Bundesstaaten Minister und

(Arbeiten aus der Blütezeit); desgleichen sind hervorragende alte Steingut- und Silberarbeiten von dem Künstler ge­sammelt worden. Unter den letzteren ist ein silberner Humpen hervorznhcben, der als Danziger Barockarbeit des 17. Jahrhunderts ein ganz besonderer Leckerbissen für die Feinschmecker und Kenner ist. Unter den vielen anderen Kostbarkeiten fallen prächtige alte Türen auf, für die Mat­kowsky eine merkwürdige Borliebe hatte. Die schönsten unter ihnen sind die Flügel eines fränkischen Altars aus dem Ende des 15. Jahrhunderts. In prachtvollen Farben zeigen sie dieVerkündigung", ferner dieAnbetung Marias", sowie dieHeiligen drei Könige" und schließlich denTod Marias". Als besonders kostbar sind noch zu erwähnen: ein Gobelin aus Brüssel aus dem 16. Jahrhundert, ferner italienische und Danziger Renaiffancestühle, gotische und holsteinische Truhen (um das 16. Jahrhundert). Arbeiten von größtem Reiz. Auch die süddeutschen Klostersticker-sien in Gold und Farben in der Art des Meisters von Meßkirch werden viel Liebhaber finden. So wird der Nachlaß dieses großen Künstlers, der ganz den Stempel seiner Persönlichkeit trägt, bald in alle Winde verstreut werden.

* Das Konzert eines Vogels. Die Londoner Gesellschaft ist augenblicklich um eine Konzertsensation reicher. Und diese Sensation ist in der Tat außerordentlich erwähnens­wert. Die Konzertsaison hat in London genau wie in Ber­lin und in den anderen Großstädten begonnen, und es lassen sich die Größen auf dem Klavier, aus der Geige, und die Größen der Stimme und des Cello hören. Ein Impresario aber führt der Londoner Gesellschaft eine sensationelle Konzertgröße vor, und zwar handelt es sich um den Orgel­oderOrchestervogel". Rur in den Waldwildnissen des oberen Amazonenstrsmes konnte man bisher diesen merk- würdigen Vogel hören, und zwar nur dann, wenn es be­sonders still und kühl in den Morgenstunden war. Die Töne, die dieser Vogel hervorbringt, sind so sonderbar, daß man zuerst glaubt, sie entstammen einer menschlichen Kehle, und

Minister. Sie haben denselben Titel, aber sie gleichen sich nicht. Wenn es möglich wäre, durch eine Umfrage festzustellen, wie viele von den Ministern in den Einzel­staaten die Auffassung des Herrn v. Otto auf der einen, des Freiherrn v. Podewils auf der anderen Seite teilen, so käme wohl ein interessantes Ergebnis heraus. Wir glauben nicht, daß die Richtung Podewils dabei die M e h r h e i t erhielte, wir glauben, daß die meisten deutschen Minister im stillen so denken wie Herr v. Otto. Von einem von ihnen weiß man es ja, nämlich von Herrn v. Bethmann-Hollweg. der im Sommer des vorigen Jahres wahrhaftig keine Zweifel darüber ließ, wie wenig ihm die Notwendigkeit gefiel, die vom schwarzblauen Block dargebotenen Steuergesetze ohne die Beigabe der Erbanfallsteuer gutheitzen zu sollen. Also besteht der Unterschied zwischen dem Reichskanzler und dem braunschweigischen Minister! schließlich nur darin, daß jener seine Meinung zurück hielt (was ihm gewiß niemand verdenken wird), und daß dieser sie offen aussprach. Wenn die Konservativen jetzt in ihrer Entrüstung über Herrn v. Otto die Freundlichkeiten hervorheben, die Freiherr v. Podewils für das Werk der vorjährigen Mehrheit bereit hielt, so haben sie hierzu natürlich ein gutes taktisches Recht, aber viel Staat ist mit der Ausspielung der bayerischen Regierung in diesem Falle nicht zu machen, wenigstens nicht vom Ltandpunkt jener Politik aus, die bis zum Rücktritt des Fürsten Bülow doch auch von Bayern mitgemacht wor­den war. Man weiß ja längst, daß gerade von München aus die ersten Anregungen zur Verstau- d i g u n g mit dem A n t i b l o ck gekommen waren, daß. um es genauer zu sagen, Fürst Bülow auf den B u n d e s r a t gegen die konservativ-klerikale Ge­meinschaft nicht rechnen konnte und daß er darum nicht auf eine Mehrheit im Bundesrate rechnen konnte, weil man in München Frieden mit dem 'Zent nt m und vor allem den Abschluß der Reichsfinanzsorgen haben wollte. Das Beste an der mannhaften Kundgebung des Herrn v. Otto ist, daß sie jedenfalls den Kon­servativen die Möglichkeit raubt, aus der Zustim­mung der Verbündeten Regierungen zu dem konservativ-klerikalen Steuerdilettantismus zu folgern, die betreffenden Steuervorschläge seien ein gutes und brauchbares Werk. Herr v. Otto hat diese Legende gründlich zerstört, indem er erklärte, daß nur ist einer Notlage etwas angenommen worden sei, was unter anderen Umständen niemals angenommen wor­den wäre, so ist es und so bleibt es; daran kann keins Verdrehungskunst von der Rechten etwas ändern.

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VomVerein zur Wahrung der wirtschaftlichen In­teressen deutscher Apotheker" wird uns geschrieben: Entgegen anders lautenden Zeitungsmelüungen ist festzustellen, daß infolge der neuen Arzneitaxe kerne nennenswerte Erhöhung der Preise eingetreten sei. Besonders, die Arbeitspreise haben in keiner Position eine Erhöhung erfahren, und welln einzelne Arznei- Waren im Preise gestiegen sind, so liegt der Grund in

daß man alsdann, wenn sie immer schmelzender und klagen­der werden, vermeint', sie entstammen einem Flageolett. Zn Anfang sind die Töne sanft und klagend, werden aber immer heiterer mrd gehen allmählich in ein Jubilieren und Jauchzen über. Dieser Orgelvogel, der sehr scheu und still sonst lebt, ist der erste seiner Gattung, der aus seiner Heimat in ein fremdes Land gebracht worden ist, ohne dabei sein Leben und seine Simme zu verlieren. Auf keinen, der diese Stimme jemals gehört hat, verfehlt dieser menschenähnliche Gesang, der sich allerdings zum Schluß wie ein Chor menschlicher Stimmen anhört, seine Wirkung. Die Indianer, die seit vielen Jahrhunderten mit der Musik dieses Orchestervogels vertraut sind, geraten, wenn sie diese Stimme hören, jedes­mal in denselben Bann, und es kommt vor, daß sie sich, bei dem Gesänge des kleinen Vogels vollkommen vergessen, zum Beispiel ihnen die Ruder ans der Hand fallen und die Ruderer nicht fähig sind, irgend eine Bewegung auszuführen, so sehr sind sie von den Tönen hypnotisiert. Auf die Ver­treter der Londoner Gesellschaft übte die Stimme des Orchestervogels den gleichen Zauber aus, und es ist sonder­bar, wie die verwöhnten, blasierten Menschen, die über die prachtvollsten Stimmen aus der Kehle eines Sängers oder einer Sängerin zur Tagesordnung übergehen, außer sich ge­raten, wenn dieser kleine Sänger seine klagenden Laute er­tönen läßt.

* NeueSiamesische Zwillinge". Aus Bukarest wird derFranks. Ztg." gemeldet: In der vergangenen Woche hat eine Bäuerin in einem Dorse dos Distrikts Bnzen Zwil­linge zur Welt gebracht, welche die berühmten siamesischen Zwillinge und andere sozusagen weit in den Schatten stellen. Das Kind (eigentlich sind cs zwei Kinder) hat 2 Köpfe,

4 Arme und 4 Beine. Bis zur Mitte der Brust sind es zwei einzelne Körper, der Leib ist für beide gemeinsam, hat jedoch wieder vier, allerdings etwas verkümmerte Beine. Das Doppelkind hat nur einen Magerst der in der Mitte der unteren Körperhälfte liegt, und für beide Körper auch nur