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Tagbl-tt-H-rus" Nr. 6650-53. Von 8 Uhr morgens bis S Uhr abends. Sonntags von 1011 Uhr vormittags.

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Nr. 50.

Wiesbaden, Montag, 31. Januar 1910.

58. Jahrgang.

Abend-Ausgabe.

1. Matt.

Das Ergebnis derAnMnmhlen".

Das Ergebnis der englischen Parlamentswahlen liegt zwar noch nicht vollständig vor, da in der Graf­schaft Aork und in Maud erst heute (Montag), auf den Orkley- und Shetland-Inseln am 8. und 9. Februar ge­wählt wird und gleichzeitig erst die Bekanntgabe der Wahlergebnisse in den Universitäten Glasgow, Aberdeen, Edinbourg und St. Andrews erfolgt. Aber diese weni­gen noch ausstehenden Resultate vermögen an dem poli­tischen Gesamtbild, wie es jetzt bereits gegeben ist, nichts mehr zu ändern. Tie Zusammensetzung des neuen Unterhauses, welches am 21. Februar zusammentceten wird, weist danach sehr erhebliche Verschiebungen gegen­über dem aufgelösten Parlament auf, welches aus 373 Liberalen, 48 Arbeiterparteilern, 83 Iren und 168 Unionisten bestand. Während damals die Liberalen allein über eine absolute Mehrheit gegenüber allen anderen Parteien verfügten, haben sie jetzt einen Ver­lust von rund 100 Mandaten zu verzeichnen, dem ein Gewinn der Unionisten von mehr als 100 gegenüber- steht, während auch die Arbeiterpartei und die Iren noch eine kleine Einbuße aufzuweisen haben.

Mit der absoluten Mehrheit der Liberalen, die frei­lich, was man nicht übersehen darf, einen ungewöhn­lichen Zustand darstellte, ist es also vorbei, und sie sind für die neue Mehrheitsbildung vor allem auf die Ar­beiterpartei angewiesen^ die allerdings politisch im wesentlichen auf dem Standpunkt der Liberalen steht und nur eine noch stärkere Berücksichtigung der sozial­politischen Forderungen beanspruchen wird. Bedenk­licher für die Liberalen ist es, daß sie gleichzeitig auch auf die irischen Nationalisten wenigstens insofern ange­wiesen sind, als die liberale Mehrheit sich dann in eine Minderheit verwandeln würde, wenn die Iren sich in der einen oder der anderen Frage etwa zu den Unionisten schlagen würden. Dieser Fall kann aller­dings als einigermaßen ausgeschlossen gelten, denn die Iren können für ihre Forderung der Selbstverwaltung bei den Unionisten auf keinerlei Gegenliebe rechnen, während die Liberalen, wenn auch ein Teil von ihnen nur mit Widerstreben, sich auf dies Programm festgelegr haben. Mit Arbeiterparteilern und den Nationalisten wird aber das neue Kabinett im Unterhause über eine Mehrheit von mehr als 114 Hundert verfügen, eine Majorität, die immerhin ganz stattlich ist und aller­mindestens dazu hinreichen wird, etwa über kurz oder lang notwendig werdende Neuwahlen vorzubereitcn.

Befriedigt von dem Ausfall der Wahlen ist freilich keine Partei. Tie Liberalen deshalb nicht, weil ihre bisherige Mehrheit außerordentlich zusammengeschmol- zen ist, die Unionisten, weil ihr Versuch, die Mehrheit zu erlangen, gescheitert ist, und die Arbeiterpartei natürlich ebensowenig, weil ihr der Wahlkampf immer­hin einige kleine Wunden geschlagen hat. Am ehesten hätten noch die Iren Grund zur Zufriedenheit, weil das Zusammenschrumpfen der liberalen Mehrheit ihnen.

Femllrtmr.

(Nachdruck verboten.)

tonbomv Theater.

London. Ende Januar.

Das vorige Jahr war für das Theater in England höchst .ehrenreich", wenigstens insofern, als sowohl derPremier- Dramatist" als auch derPrenüer-Actor-Manager" unserer Zeit in den Ritterstand erhoben wurden. Freilich hat das englische Bühnenwesen ja auch schon seit einiger Zeit in keiner anderen Hinsicht so namhafte Änderungen zum Besseren aufzuweiscn wie gerade in der sozialen Stellung seiner Angehörigen. Noch zur Zeit des Regierungsantritts der Königin Viktoria waren zahlreicheanständige" Häuser Leuten verschlossen, die auch nur einSpielhaus" besuchten, und die Bühnenkünstler wurden vielfach alsllognss" und Vagabonds" betrachtet und behandelt; heute stehen ihnen selbst die Türen der angesehensten Häuser offen, und in den letzten zehn Jahren sind ihrer ein halbes Dutzend in den Adelsstand versetzt. Wenn nur die Entwickelung des Bühnen­wesens selbst damit Schritt gehalten härte!

Indessen der geadelte Dramatiker Sir Artur Pinero, ver allerdings mit seinemMagistrate" und derZweiten Mrs. Tanquerah" in früheren Jahren sich rühmlichst hervor­getan, hat gerade mit dem Schauspiel seines Ehrcn-Jahres, Mid-Channel", kaum einen Achtungserfolg errungen, und Sir Herbert Beerbohm Tree, ein Mann deutscher Abkunft, der freilich sowohl als Darsteller wie auch als Bühnenleiter sich längst einen geachteten Namen erworben, hat gerade in letzter Zeit seine bedeutendsten Erfolge mit ausländischen Stücken erzielt. Dies waren vor allem »Falsche Götter" von

die nunmehr das Zünglein an der Wage bilden können, im neuen Parlament zu einem weit stärkeren Einfluß verhelfen wird.

Will man das Fazit des Wahlkampfes ziehen, so muß man sich dessen Losung oder Losungen ins Gedächtnis zurückrufen. Ter Kamps war in erster Linie ein Kampf um das Budget und damit um das Recht des Ober­hauses, eine vom llnterhause angenommene Finanz­vorlage zu verwerfen. Die immerhin stattliche Mehr­heit, welche die Wahlen für das Kabinett Asquith und damit für das Budget ergeben haben, bedeutet zugleich eine Mehrheit gegen das Oberhaus, und den seit lange geplanten Vorstoß gegen die Lords wird das liberale Kabinett schon deshalb in bälde unternehmen müssen, um ihre etwas entmutigten Schlachtreihen zu stärken und sich zugleich eine zugkräftige Parole für den Fall abermaliger Neuwahlen zu schaffen.

In zweiter Reihe aber drehte sich der Wahlkamps um die Tarifreform, welche die Unionisten gegen die Budgetfrage ausgespielt hatten, indem sie den Wählern klar zu machen suchten, daß es für sie besser und billiger sei, die durch die neuen Steuern des Budgets verlangten Summen mit Hilfe von Zöllen auf die aus dem Aus­land kommenden Waren aufzubringen. Nun bedeutet zwar die Mehrheit des Kabinetts Asquith rein formell zugleich eine Mehrheit gegen die Tarifreform, aber es muß in Rechnung gezogen werden, datz^ zahlreiche Wähler, auf welche die Agitation für den Schutzzoll an sich eine starke Wirkung ausgeübt hatte, aus rein poli­tischen Gründen, vor allem auf Grund der Losung gegen das Oberhaus", für das liberale Kabinett ge­stimmt hatten. Eben aus diesem Grunde kann mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß der Schutzzollgedanke im englischen Volk doch stärkere Wurzeln gefaßt hat, als es aus den Wahlziffern selbst zu schließen ist, es sei denn, daß man als weiteren Faktor für den Rückgang der liberalen Stimmen die Angst vor den Deutschen, die Furcht vor dem wirtschaftlichen und dem politischen Wettbewerb Deutschlands in die Bilanz stelleii will, ein Wahltrick, den die Unionisten so weidlich ausgenutzt haben, daß man die jetzigen Wahlen in England selbst als Angstwahlen bezeichnet hat. In wie weit dies Angst­produkt nachwirken und in Zukunft die Politik, vor allem auch die Weltpolitik Englands beeinflussen wird, das läßt sich zurzeit noch gar nicht übersehen, und das wird nicht in letzter Linie von der Gestaltung der inner- politischen Verhältnisse in Großbritannien abhängen. Im übrigen wird dort auch auf dem Gebiete der Zoll- und Flottenpolitik nichts so heiß gegessen werden, wie es während des Wahlkampfes gekocht wurde. Dime will show! Tie Zeit wird's lehren! sagt ein englisches Sprichwort. ^

wb. London, 31. Januar. Vis Samstagnachmittag waren die folgenden Wahlergebnisse bekannt: 2.1

Konservative, 272 Liberale, 40 Arbeiterpartei und 80 Nationalisten. Die Konservativen gewannen 127 Sitze: bei den anderen sind die Gewinnziffcrn unverändert. Sir Charles Tilke in Gloucestershire wurde wieder- gcwählt. In Jürrow-Durham eroberten die Liberalen ein Mandat, welches bisher die Arbeiterpartei inne­hatte.

Rieux, ein tiefernstes Stück, in dem in einer altägyptischen Fassung religiöse Fragen, die den denkenden Menschen aller Zeiten nahe liegen, behandelt werden, undBeethoven" von Rens Fouchois, eine Dichtung, die, wenn auch kaum ein Drama in eigentlichem Sinne, doch durch eine reizvolle Schild rnug der Verhältnisse seiner Zeit und vor allem des unsterblichen Tondichters selbst und nicht zum tvenigsten auch durch die überaus ansprechende Darstellung der Haupt­figur durch Beerbohm alle Voreingenommenheiten, mit denen wir Wohl unwillkürlich an einen dramatisierten Beethoven herantreten, schwinden läßt und einen verdienten Erfolg errang. Der unternehmende Direktor hat nun auch ein besonderesNachmittagsthcater" eingesührt, in dem auch HauptmannsHamrele" und SchnitzlersLiebelei" nicht ohne Erfolg aufgeführt wurden.

Einer der beliebtesten und dazu jüngsten englischen Bühnenschriftsteller ist Sommerset Maugham, der vor einiger Zeit die Genugtuung hatte, daß mehrere Monate hindurch zu gleicher Zeit in vier verschiedenen Londoner Theatern allab ndlich Stücke von ihm aufgeführt wurden. Sein neuestes SchauspielSmith" ist gleichfalls sehr erfolgreich. Ein junger Mann, der acht Jabre zuvor nach Südafrika aus­gewandert und durch harte Arbeit eine Farm sich erworben, kommt nach London zurück, sich eine Frau zu holen, ist aber mit den im Hause seiner hier verheirateten Schwester ver­kehrenden Damen, die namentlich mit Kartenspiel und Zigarettenrauchen die Zeit verbringen, so enttäuscht, daß er schli ßlich das geistig und körperlich gesunde Dienstmädchen heiratet. Die Idee, in dieser Weise ein Dienstmädchen zu einer Hauptfigur zu machen, hat hier allerdings mancherlei Einwendungen gefunden. In England geht eben alles nach der Schablone, die so etwas nicht recht zuläßt. Dock sind andere auch wohl um so m-br erbeut, daß der Verfasser dieser einmal ein Schnippchen geschlagen hast

Deutsches Weich.

* Hof- und Personal-Nachrichten. Moritz War bürg, Seniorchef des Bankhauses M. M. Marburg u. Ko. zu Ham­burg. ist im Alter von 72 Jahren gestorben. ,

* Wer ist der Stenographie zu Dank verpflichtet? über dieses Thema hält in der Stenographieschule (Gewerbeschnl- gebäude) Dienstag, den 1. Februar (abends 9 Uhr anfangend), Herr H. Paul einen Vortrag. Gäste haben freien Zutritt.

* Noch eine Quittung für die schwarz-blaue Reichs- sinanzreform". Nach dem jetzt vorliegenden Gesamt­ergebnis der Reichstagsersatzwahl im Kreise 2, Sachsen- Weimar, wurden abgegeben für Leber (Soz.) 10250, für Dr. Appelius (natt.) 5786 und für Hädrich (Deutsch- soz.) 4356 Stimmen. Der Sozialdemokrat Leber ist somit mit einer Mehrheit von 108 Stimmen gewählt. Bei der letzten Wahl wurden abgegeben: 7875 Stimmen für den Sozialdemokraten, 6985 für den Anti­semiten Schack und 6089 für den Nationalliberalen. In der Stichwahl siegte dann Schack mit 9834 Stimmen über den Sozialdemokraten, der 9509 Stinnnen erhielt. Die Ersatz­wahl ist notwendig geworden durch die allerdings recht spät erfolgte Mandatsniederlegnng des Herrn Schack infolge der bekannten Triolen-Afsäre. Anfangs war für die ver­einigten Liberalen der Landwirt Krug als Kandidat.anfge- stellt worden, den jedoch die Freisinnigen nicht unterstützen konnten, weil Herr Krug sich offenbar auf das Programm des Bundes der Landwirte verpflichtet hatte. Nach langen Verhandlungen einigte man sich schließlich auf die Kandi­datur des Justizrats Appelius in Eisenach.

* Ausschußsitzung des Handelsvertrags-Vereins. In

der Börse in Frankfurt trat gestern vormittag der Engere Ausschuß des Handelsvertrags-Vereins zusammen. Sekre­tär Dr. Borgius-Berlin behandelte die sechs Punkte der Tagesordnung in einem aufschlußreichen Referat, dessen sach­liche Gliederung jeweils für eine Diskussion Raum ließ. Zu dem ersten Punkt: Internationale Vereinheitlichung

des Textes der Handelsverträge, führte Dr. Borgius aus, daß es sich hier nicht um eine theoretische, sondern um eine außerordentlich bedeutsame praktische Frage handle. Als die bestgeeignete Instanz, die allgemeine Verständigung praktisch anzubahnen, empfahl der Referent den Internatio­nalen Handelskammer- und -Vereins-Kongreß, der im Sommer dieses Jahres in London tagen wird. Zu der von De. Borgins vorgeschlagcnen Resolution, wonach diesem Kongreß ein motivierter Antrag unterbreitet werden soll, bemerkte in der Diskussion Reichstagsabgeordneter Gothein, der Handelsvertrags-Verein solle sich bei seinem Vorgehen mit ausländischen Korporationen zusammentun, damit der Anschein vermieden werde, als ob er nur die deutschen In­teressen in: Auge habe. Die Resolution wurde ohne Wider­spruch angenommen. An Erleichterungen auf dem Gebiet des internationalen Postvcrkehrs brachte Dr. Borgius zwei anderwärts bereits eingesnhrte Neuerungen in Vorschlag, erstens die Brieftelegramme, zweitens die Telegrammver- stchernng. Für die Abstellung verschiedener Mißstände, die aus Lücken des Weltpostvcrtrags oder ans der besonderen Praxis einzelner Staaten resultieren, regte der Referent die Einsetzung eines Perkehrsausschusses an. Diese Anregung fand die Zustimmung des Ausschusses. Dagegen wurde die Resolution, die Brieftelegramme und Telegrammversicherung auch in Deutschland eingeführt und dann international ver­allgemeinert wissen wollte, ab g elehnt, weil cs sich hier,

Der geistvollste Dramatiker Englands ist jedenfalls Bernhard Shaw, der uns in letzter Zeit aber nur einen Ein­akter geboten,Zeitungsausschnitte", einen höchst gelungenen Schwank, dem auch noch die nicht zu unterschätzende Reklame zuteil ward, in London von der Zensur verboten zu werden, während das Stück in anderen Städten ausgesührt wurde und sogar zu der weiteren Reklame führte, daß eine könig­liche Kommission und damit natürlich auch das ganze Land sich mit der Erörterung befaßte, ob die Zensur nicht ganz abgeschasft werden sollte. Das Ergebnis der Beschlüsse der hohen Kommission ist noch nicht bekannt gegeben, aber inzwischen hat doch alle WeltPreß-Cuttings", wenn nicht gesehen, so doch gelesen. Aber auch selbst in London ist das Stück ausgesührt, aber nur von einem Bühnenverein, der der Zensur nicht unterworfen ist und keine Eintrittspreise er­heben darf. Um so größer war daher das allgemeine Ver­langen, auf allerlei Umwegen sich die Möglichkeit zu ver­schaffen, von der verbotenen Kost zu naschen.

Das Stück behandelt die gegenwärtige Suffragetien- bewegung. Shaw ist selbst für Verleihung des Stimmrechts an Frauen, aber hier schwingt er seine Geißel in derselben wuchtigen Waise über Suffragetten und Anti-Susfragelten, vor allem aber über die Häupter der politischen wie militärischen Führer unserer Zeit. Und das ist das einzige, was in den Augen des Zensors an dem Stück kann auszu- setzen sein. Wo jedermann sonst gerade auch über die Höchst- n des Landes hier sagen und schreiben kann, was er will, ist nicht recht ersichtlich, warum sie nicht auch aus die Bühne gebracht werden sollten, vollends als' solche Zerr­bilder unschuldigster Art.

Auch Sir Artur Conan-Doyle, der Verfasser der Dctek- tivgeschichten von Sherlock Holmes, ist unter die Dra­matiker gegangen und hat uns ein paar gehörige Sensations- stücke ausgeiischt, die auch einen gewissen Erfolg erlangt