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SS. Januar ISIS. «8. Jahrgang.
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Wie soll rr's machen?
Der Reichskanzler nämlich. Wie soll er eine Mehrheit tm Reichslag zusammenbringen? -Oder will er auch weiterhin ohne den sichern Riickhalt einer Mehrheit die Geschäfte führen? Das geht ja allenfalls, solange der Volksvertretung nichts weiter zugemutet wird als sozusagen die mechanische Fortführung der notwendigen und im wesentlichen nicht einmal politischen Ausgaben, zu denen wir sogar auch die Heeres- und Marinefragen rechnen dürfen. Denn keine bürgerliche Partei versagt sich den Notwendigkeiten der Reichspolitik auf diesem Gebiete, und überdies wird dem Reichstage gegenwärtig gar nichts Besonderes in bezug auf die Erhaltung und Stärkung unserer Wehrkraft zugemutet. Sonst aber is: durch die Zurückhaltung der Regierung dafür_ ge- fcTrflt worden, daß die Volksvertretung in der jetzigen Session vor keine politisch bedeutsame Entscheidung gestellt zu werden braucht, sondern, wie gesagt, nur sozu- scaen die Erhaltung der Maschinerie in ihrem gegenwärtigen Bestände ist einstweilen zu leisten, und das macht sich schließlich von selbst. Die einzige wichtige Aufgabe, die demnächst zu lösen ist, betrifft die Reform unseres Strafprozesses, und wenn auch bei diesem Anlaß wie naturgemäß, die Parteien mit ihren Forderungen und Ablehnungen mannigfach auseinandergehen, so sind die betreffenden Fragen an sich keineswegs dazu geeignet, Dissense von weittragender parteipolitischer Wichtigkeit. herbeizuführen. Also, um es zu wiederholen. für heute und morgen kann Herr v. Bothmann- Hollweg ja sicher davor sein, daß der mangelhaft fundierte Boden, aus dem sich sein „System" aufbaut, vor größeren Erschütterungen bewahrt bleibt. Aber das ist kein Zustand, mit dem sich auf die Dauer auskommen läßt, und nur die Abwesenheit dringenderer Fragen und' Probleme, bei denen sich die Geister unvermeidlich würden scheiden müssen, ermöglicht es v o r d e rh a n d . \ n e iner Richtung zu beharren, die tatsächlich gar keine Richtung ist, die nirgends hinführt, die auch nirgends hinführen kann, die nur gleichsam ein Treten auf demselben Fleck bedeutet, also eine Bewegung, ohne siele eine Leere, die den Schein der Ausgefülltheit annimmt. Und was wird morgen sein? Diese Frage ist
nicht bloß eine Frage des Bleibens oder Nichtbleibens des heutigen Reichskanzlers, sondern ihre Bedeutung reicht über das Persönliche weit hinaus.
Um die Wahrheit- zu sagen, so kann man von einem schwarzblauen Block nur noch nrit den stärksten Vorbehalten sprechen. Die Konservativen, die den Fürsten Bülow ganz im Stile parlamentarisch regierter Länder durch eine Mehrheit gestürzt haben, gegen die der vierte Kanzler nicht regieren zu wollen und zu können erklärt hatte, leugnen es freilich mit allen Kräften, daß sie jemals dem parlamentarischen System Vorschub leisten könnten. Spricht aber ihre Taktik vom Sommer des vorigen Jahres gegen diese chre Bestreitung, so ist ihnen andererseits zuzugeben, daß sie es seitdem nicht wieder versucht haben und es fürs erste auch nicht versuchen zu können scheinen, die damalige Mehrheit in Aktivität zu erhalten und so dem fünften Reichskanzler entweder ihren Willen aufzuzwingen oder ihn, falls er sich widersetzt, zum Rücktritt zu nötigen, damit ein Nachfolger komme, der sich als Geschäftsführer der konservativ - klerikal - polnischen Mehrheit vom Juli 1909 etablieren möchte. Zwischen den Konservativen und dem Zentrum ist zwar kein Bruch erfolgt, aber es hat auch keine engere Annäherung stattgefunden. Tie Stellungnahme beider Parteien zu den Interpellationen über die Kattowitzer Beamtenmaßregelungen hat dazu gewirkt, daß die spärlichen Ansätze einer engeren Intimität wieder verschwunden sind. Herr v. Bethmann-Hollweg aber bat eigentlich nichts dazu getan, diese Parteien zu einander zu führen- Er ist dem Zentrum zwar nicht unfreundlich begegnet, hat es bisher aber auch nicht durch Freundlichkeiten verwöhnt, aus denen sich vielleicht eine Freundschaft entwickeln könnte. Wohl schien es an Plane des neuen Reichskanzlers zu liegen, die konser- vativ-klerikalc Mischung durch das Hinzutun des n a t i o n a l l i b e r a l e n Bindemittels zu einem brauchbaren Kitt zu machen, und es ist ohne weiteres klar, daß, wofern die Nationalliberalen den Rückweg zu der vor der Blockpolitik vorhanden gewesenen parteipolitischen Konstellation gefunden hätten, die Möglichkeit einer Mehrheit bestanden haben würde. in der das Zentrum die entscheidende Rolle gespielt hätte, ohne das Odium tragen zu müssen, das ihm bei einer konservativ-klerikal-polnischen Mehrheitsbildung anhaften müßte. Aber die Nationalliberalen waren klug, sind es noch und werden es hoffentlich bleiben. Bleiben sie es, so werden wir allerdings doppelt begierig darauf sein dürfen, wie es Herr Von Bethmann-Hollweg anstellen will, um eine zuverlässige, nicht bloß von Fall zu Fall mühsam herzustellenbe Mehrheit zu gewinnen. Wir brauchen uns seinen Kopf nicht zu zerbrechen und erklären deshalb, daß wir nicht wissen wie er das fertig bringen will. Gegenwärtig wird allerlei über die persönlichen Schvüerigke ten erzählt denen der Reichskanzler und Ministerpräsident in wachsendem Matze nicht bloß vor, sondern auch, hinter , den Kulissen begegnet. Wieviel dabei Wahrheit ist und 1 wieviel übertriebener Klatsch, bleibe dahingestellt
glaubhaft ist es schon, daß sich innere Hemmungen ergeben haben, die in der Schwierigkeit einer Mehrheitsbildung liegen. Wir vermögen uns nicht vorzustellcn, -daß es auf längere Zeit so bleiben kann, wie es jetzt ist. 'Wir gestehen aber, daß uns die Entwirrung dieses Wirrsals in ein Dunkel gehüllt scheint, das noch undurchsichtiger als die Berwirruna selber ist
Und wenn die Mahlen M Ende sind?
XX London, 27. Januar.
„Noch einmal ein solcher Sieg der liberalen Partei und sie ist verloren!" rufen chre Gegner frohlockend aus. Und nicht ohne Grund. Sie dürfte mehr als die Hälfte ihrer bisherigen Mehrheit einbüßen. Aber diese war ja auch eine ganz ungewöhnlich starke und eine ihr voraussichtlich noch verbleibende Mehrheit von iedenfalls über 100 Stimmen ist an sich doch auch nicht zu verachten. Allerdings schließt diese die Stimmen der Irländer und Arbeiter-Partei ein und ihre Widersacher stellen die Sachlage gern so dar. daß Asguilh auf den Schultern der Führer dieser Parteien getragen eine höchst wacklige Stellung einnimmt. Indessen ein ähnliches Bild war 1886 auch seitens der Liberalen entwerten, wobei es Lord Salisbury war. der auf den Schultern Lord Hartinqtons und Chamberlatns zappelnd das Gleichgewicht zu hatten suchte, tatsächlich aber sechs Jahre lang Von ihnen aufrecht gehalten wurde. So haben sich die Arbeiter wie die Nationalisten ja auch im letzten Parlament als durchaus getreue Stützen der Liberalen erwiesen. Für die Arbeiter hat die Regierung doch sedensalls auch genug getan und sie sind sich auch Vollauf bewußt, was sie an ihr haben werden. Was aber die Nationalisten betrifft, so ist ihr Streben eben aus Home-Rule gerichtet und die Regierung ist durchaus willens, es ihnen zu gewähren, wenn das Oberhaus es nur zulassen würde. Warum sollten die Irländer — im Notfall bei gegenseitigen Zugeständnissen über das zu gewährende Maß der Selbstständigkeit Irlands — dem gemeinsainen Femde gegenüber nicht weiter Verläßliche Bundesgenossen bleiben? Nein, in der Zusammensetzung ihrer Partei ist weniger eine Gefahr für die Regierung zu suchen — sie liegt in dem in Aussicht gestellten Kampfe um die Rechtebes Oberhauses. ..
Die Verantwortlichen Staatsmänner sind sehr zurückhaltend in ihren Äußerungen über die zunächst zu treffenden Maßnahnren zur Einleitung deö Kampfes. Doch haben sie früher stark genug betont, daß sie es müde seien, das Unterhaus als einen bloßen Debatten-Verein betrachtet zu sehen, dessen Beschlüsse von den Herren Lords so oft einfach über den Haufen geworfen würden. .<za, sie haben in unzweweunger Weise erklärt, unter solchen Umstünden kein Amt wieder übernehmen zu wollen. In diesem sinne machen einige der Regierung allerdings nahestehende Zeitungen die Mitteilung, Asquith würde sich von vornherein weigern, nach den Wahlen die Bildung eines Kabinetts zu uoer-
Femlleton.
(Nachdruck verboten.)
Berühmte englische Staatsmänner und deren Frauen.
Nickt nur in der Natur draußen stürmt, und bebt es, nein auch am politischen Himmel der Völker türmen sich schwere Wolkenmassen aus und platzen nicht selten mit donnerartigem Getöse aufeinander. Wie aber das Ll die Eigenschaft besitzen soll, selbst hochgehende Wogen zu besänftigen, so wird auch den Gattinnen der mitten im tosenden Ausruhr stehenden leitenden Staatsmänner eine nicht zu unterschätzende, beruhigende, gleichzeitig aber auch fördernde Kraft zugeschrieben. Ein heworragender Staatsmann dessen Name nichts zur Sache tut, äußerte sich un- aefähr folgendermaßen: „Die Gattin eines Mannes in tonangebender,' politischer Stellung sollte, meiner Ansicht nach, in ersrer Linie anziehend und liebenswürdig sein; ist sie dock die Seele des Hauses und ihr so die Möglichkeit gegeben Atcnschcn, insonderheit auch Männer, für innere Sache' zu gelvinnen, die uns persönlich cntglericn wurden. Sluberdem'müßte sie Sinn sür ein gemütliches Heim besitzen und nicht danach trachten, Abend sür Abend in Ge- ellschaft zu brMeren. Was ibr Alter anbetrisft, so mag sie »wischen 25 und 75 Jahre zählen; Jugend allein macht den Wert der Frau nicht aus!"
Im Miltelpunkt des öffentlichen Interesses steht znr- rett entschieden die Gattin des Ministers Asquith. _ Sie ttimmt zweifellos den regsten Anteil an allen politischen Bestrebungen ihres Gemahls, obgleich sie andererseits eine entschiedene Gegnerin des Susfragettcs ist. Mrs. Asquith besitzt in hohem Grade jenen echt weiblichen Takt, der es versiebt, selbst iüren politischen Gegnern Hochachtung und
Bewunderung abzunötigen. Schon als Mädchen (sie ist die Tochter von Sir Charles Tennant) erregte sie überall Aufsehen und besaß eine große Anzahl aufrichtiger Verehrer. Als es dann bekannt wurde, daß Miß Margot Tennant sich mit Mr. Asquith, K. C., verlobt habe, herrschte anfangs große Aufregung. Lord Noscbery soll in der ersten Überraschung über den beispiellosen Erfolg Asquiths folgendes Wortspiel verfaßt haben: „Ah, he is evidently the only man able to ask — with success!" (Ah. er ist augenscheinlich der einzige Mann, der mit Erfolg anhält.") Tatsache ist sicherlich, daß die Gemahlin des englischen Premiers einen nicht unbeträchtlichen Anteil an dem raschen Steigen aus der politischen Leiter ihres Gatten hat.
Ohne „bessere Hälfte" geht dagegen. Mr. Balfour noch iinnrer seinen dornenvollen Pfad, obgleich auch er in der aufopfernden Freundschaft seiner Schwester, die nicht nur in unvergleichlicher Weise seinem Hausstand vorzteht, sondern an all' seinen Interessen regen Anteil nimmt, eine hervorragende Stütze besitzt. Er soll einem on dit zufolge einst nur mit knapper Not den Fesseln Hymens entronnen sein. In einer Zeit, die noch keine Susfragcttes kannte, also auch noch keine ängstlichen Absperrungen, nahte Herrn Balfour eine Dame mit der Frage: „Sind Sie Herr Balfour" Höflich bejahte dieser, „Dann gestatten Sie", fuhr die Dame begeistert fort, indem sie ihm gleichzeitig einen großen Strauß der köstlichsten Chrysanthemen überreichte, „daß ich Ihnen diese. Blüten widme und Sie der höchsten Bewunderung einer Witwe versichere!" Der Wahlspruch von Lady Blanche Balfour, der vergötterten Mutter Balfours, hat auch sür ihn Geltung; er lautet: „Do right in scorn of consequence", den wir am besten mit dem deutschen „Tue recht und scheue niemand", wiedergeben können.
Aus romantische Tlrt lernte Lord Rosebcry seine nachmalige Gattin, Miß Hannaü Rothschild, kennen. Aus einer
Spazierfahrt stieß sein Wagen heftig mit einem anderen zusammen, so daß die einzige Insassin desselben heraus- grschleudert wurde. Schnell sprang Lord ^ Roseberh aus seinem Wagen heraus, bemühte sich angestrengt um die bewußtlose Dame und trug sie vorsichtig in das nächste Haus, um ihr sofort die nötige Hilfe angedeihen lassen zu können. Diese Dame, Erbin ungezählter Reichtümer, war Miß Rothschild, in die sich der junge Lord aus den ersten Blick verliebte und sie sich, trotz der anfänglichen Weigerungen ihres Vaters, endlich doch zur Gemahlin errang. Nur kurze Zeit währte sein eheliches Glück, doch diese Jahre schlossen alles in sich, was er vom Leben träumte. „Ohne meine Frau hätte ich im Leben nichts erreicht", rst sein eigener, ojt wiederholter Ausspruch.
Ebenso gilt Mr. Chamberlains dritte Frau (bekamit- lich eine Amerikanerin) als eine der angesehensten Damen in den exklusivsten Kreisen Englands. Er selbst erkennt ihre hohen Verdienste mit folgenden Worten an: „Sie hak mich durch ihren Mut aufrecht erhalten und durch ihre sympathische Kameradschaft erfrischt und aufgemuntert. In ihr finde ich stets meinen treuesten und besten Ratgeber."
Nicht mindere Verdienste werden der Gemahlin deS Vizckönigs von Indien, Lord Lansdoivnc, zugeschrieben. Lady Lansdowne verstand es unter anderem, sich ganz besonders die Liebe und das Vertrauen der Eingeborenen zu erwerben, ein Erfolg, der bisher noch niemals von der jeweiligen Vizekönigin Indiens erreicht wurde.
Eine Sonderstellung in mehr als einer Hinsicht nimmt auch die junge liebreizende Gemahlin von Mister Winston Churchill ein. Mrs. Churchill, eine Tochter von Sir Henry Hozicr und Lady Blanche Hozicr, besitzt nicht nur den vicl- gerühmten Takt und regstes Verständnis sür die Interessen ihres Gemahls, sondern auch scharfen Verstand, gepaart mit holder Anmut, gewinnender Herzensgüte und siegreicher
Jugend. 2- Kaftle.
