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Nr. 43.

Morgen - Ausgabe.

l. Mtcrtt. __

ßle Ablehnung des Knndelsverlrngs initWttWt.

In der Kommission des Reichstages ist. wie wir schon mitteilten, die mit Spannung erwartete Entschei­dung über den deutsch - portugiesischen Handelsvertrag ( cf alten, eine Entscheidung, die natürlich noch keine rndgültige ist, da ja das Votum der Kommission das Plenum des Reichstages in keiner Weise bindet. Be­kanntlich hatte der Reichstag schon am 7. Dezember v. I. ffn Vertrag einer Kommission überwiesen, ein Vor- ang, der an sich ungewöhnlich war. da bie Entscheidung "''er Handelsverträge, eben weil es sich hierbei mlr um 'e Annahme oder Ablehnung handelt, fast stets un­ittelbar im Plenu m gefallen ist. Ging schon aus Überweisung an die Kommission hervor, welche .werwiegenden Bedenken gegen den von der mischen mit der portugiesischen Regierung vereinbar­en Vertrag Vorlagen, so ließ auch die zweimalige Ver- ' gung der Abstimmung erkennen, vor welche ernste rage die Volksvertretung hier gestellt ist. f Die setzt in der Kommission endlich erfolgte Ab­stimmung ergab die Ablehnung des Vertrages mit 15 "egen 13 Stimmen, und zwar bestand die zustimmende Minderheit aus den Konservativen, den Freisinnigen nd den Sozialdemokraten, wozu noch ein Freikonsec- ''ativer und ein Zentrumsvertreter kamen, während die mderen Vertreter des Zentrums und der Freikonserva- stiven sowie die der Nationalliberalen, der Wirtschaft- »ichen Vereinigung und der Polen gegen den Vertrag iiimmten. Freilich gab der Abgeordnete Fuhrmann die beachtenswerte Erklärung.ab, daß das einstimmige Vo- mm der Nationalliberalen die einzelnen Mitglieder der ..raktion iU ihrer endgültigen Stellungnahme nicht ^estlege.

- Tie endgültige Entscheidung des Reichstags rst nnt- W angesichts der knappen Mehrheit, die sich in der Kommission gegen den Vertrag ergeben hat, und m Anbetracht der Erklärung des Abgeordneten Fuhrmann, welche die Möglichkeit läßt, daß ein Teil der National- tcralett im Plenum vielleicht doch noch für die Vorlage 'imint, noch keineswegs sicher, aber das muß freilich stgestellt werden, daß auch diejenigen, die in der Kom­mission für den Handelsvertrag mit Portugal gestimmt üben, diesen im Grunde nicht minder verwerfen ie seine Gegner, und daß sie dabei lediglich der heorie vom kleineren Übel folgen. Es herrscht nahe- ! Einstimmigkeit darüber-, daß die Interessen der mischen Industrie bei den Verhandlungen mit Portug­al in absolut unzureichender Weise vertreten d in keiner Weise gewahrt worden sind. So be­rufen die von portugiesischer Seite festgelegten Zoll- atze eine schwere Benachteiligung vor allem der

Feuilleton.

M Ernst Moritz Arndts 50. Todestage.

/Geboren 26. Dezember 1769, gestorben 29. Januar 1860.)

Im Regensturm und Gebraus der Nacht schreitet ein anderer der Sonne zu, ein rüstiger Wanderer, der weit sgreist, die Brust dem neuen Morgen frei entgegen- "agen läßt und den kühlenden Wind durch das volle Haar "hlen fühlt, die Stirn im reinen Tau sich badend. Ms .. solch unermüdlich getreuerVagabund" ist Ernst Moritz rndt mit dem Knottnstock durch die Welt und vor allein rch sein liebes deutsches Vaterland gezogen.Dem Schnee, - Regen, dem Wind entgegen. Immer zu! Immer zu!" Busen der Natur mutzte er Genesung atmen vom bösen Geist der Zeit", vom widrigen Geschick, das ihn Haß ernten "i, wo er Liebe gesät. Seit er als Jüngling aus Stral- d woglief, aus Schule und Leben, besessen von Sehnsucht ch Heimat und Stille, hat er aus langen Wanderungen .d wetten Reisen am meisten gelernt, erfahren, für seinen haratter, seine Weltansicht gewonnen. Scharf beobachtete, ebendig dargestellte Reisebilder gehörten zu seinen ersten ' 'ftstell arischen Arbeiten, lösten seiner großartigen Er­st lungs gäbe gleichsam erst die Zunge; die Wunder der atur und des Volkstums, die Merkwürdigkeiten der ozialen Gliederung, alles, was seinem festen Blick am Wege fstieß, gab ihm Anlaß zum Denken, Durcherleben, Weiter- imren. So ward er, derFreilust- und Freilicht-Mensch", ch zu einem schriftstellerischen Verspätetster, der seine eguugen und Eindrücke mit sinnlich erregter Leidenschaft z seiner Umwell sog und mit unruhigem Abschweiscn, mit nn Wiedcrfinden des geraden Weges auch im Stil seine andernatur kund tat. SeineWanderungen" wurden ihm Wandlungen". Da er sich mitten hinein stellte in das eißeste Ringen seiner Epoche, sein Ohr legte an den ge- eimen Herzschlag der Zeit, fühlte er ihre Pulse in sich sclbst lagen, fühlte die große gewaltiae Seele der Gegenwart Iq M und lieh ihr ferne MM Stimme, um alle Swrtte der

Wiesbaden, Freitag, 88. Januar 1910.

Textilindustrie, der K le i n e is e nin d u st r i e, der L ed erhrauch e, der Keramik, der chemi­schen .Industrie und des deutschen Wein - b a u e s. Welchen Schädigungen insbesondere die Textil- tndustrie ausgesetzt wird, zeigt beispielsweise die Er­höhung der Höchstsätze für dichte Wollgewebe von 2300 ans. 2650 bezw. 3000" Reis und der Zölle für seidene und halbseidene Posamentierwaren von 5000 auf 6000 Reis prc Kilogramm. Eine offiziöse Darlegung hat freilich ausgerechnet, daß für rund 60 v. H. des Wertes der von Deutschland nach Portugal eingcführten Waren die derzeitigen Zollsätze bestehen bleiben, während 12 v. H. eine Ermäßigung erfahren. Das ist aber ein schwacher Trost, denn diese Ermäßigungen sind einigermaßen be­langlos, während die Erhöhungen für den stattlichen Rest von 28 v. H. sehr schwer ins Gewicht fallen.

Daß es .den deutschen Unterhändlern nicht gelungen ist, bessere Bedingungen zu erzielen, ist um so unbegreif­licher, da wir in der Lage waren, Portugal wesentliche Zugeständnisse zu machen, und dies auch getan haben, denn die wichtigsten portugiesischen Ausfuhrartikel wer­den durch die Gewährung des deutschen Vertragstarifs erheblich besser gestellt als bisher. So weist dieser Tarif insbesondere für Südfrüchte, Kakaobohne,,. Port­wein und Madeicawein so erhebliche Vergünstigungen auf. daß auf dieser Grundlage bei der nötige!, Energie und vor allem Sachkenntnis bessere Bedingungen für die deutsche Industrie hätten erzielt werden müssen.

Das olles sind zweifellos Gründe, die gegen die Annahme des Vertrages sprechen würden, wenn nicht das eine sehr schwerwiegende Bedenken dazu käme, daß wir im Falle eines Zollkrieges, der freilich keineswegs die unbedingte Folge einer Ablehnung des Vertrages zu sein braucht, zweifellos dm schwächere Position hätten. Tenn Repressalie!, können wir im wesentlichen nur gegenüber der portugiesischen Wein­ausfuhr mit Aussicht aus Erfolg in Anwendung bringen, während die deutsche Industrie auf die meisten portugiesischen Rohprodukte, so vor allem auf das Korkholz angewiesen und Portugal in der Lage ist. die meisten deutschen Einfuhrartikel auch aus anderen Ländern, vor allem aus England, zu beziehen.

Es ist somit eine außerordentlich schwere Entschei­dung, vor die der Reichstag hier gestellt ist, und das Für bleibt zweifellos hinter dein Wider zurück, es sei denn, daß die geheimgehaltenen Mitteilungen, die seitens der Regierung der Kommission gemacht wurden, die Möglichkeit einer Wiederaufnahme der Verhand­lungen äusschlietzen. Von der Bewertung dieser Er­öffnungen wird die endgültige Stellungnahme im Plenum des Reichstags abhängeu. Das aber muß schon setzt gesagt werdem daß weder dieser Vertrag mit Portugal noch der bisherige'Verlauf der Verhandlungen mit Frankreich und der nordamerikanischen Union einen Befähigungsnachweis für unsere Diplo­matie darstellen.

Not, der Warnung, der Beschwörung und der Hoffnung hinauszurusen in die dumpfe, träge, stumme Welt. Sa wuchs der aufmerksame Wanderer, der Anteil genommen an dem Weh seines Volkes, zum Propheten aus, zum Er- wecker und Beseeler der Massen, dessen Wirken durch die Gaue eilt wie eine Flanrmensäulc, Licht und Feuer, Leiden­schaft und Erregung überall verbreitend . . . Der unablässige Fußgänger Arndt, der noch als Siebziger Gcrmanicns Gaue wie ein leichtbeschwingter Bursch durchstreifte denn Regenschirm, Gummischuhe und ähnlicher weichlicher Tand der Neuzeit waren ihm ein Greuel ist daher ein Symbol seines geistigen Wirkens und Wanden,s, das so volkstümlich und kernhast nur aus dem innigsten Zusammenhang mit Land und Leuten erwachsen konnte, aus einer engen, heiter- natürlichen Beziehung, wie sie dem frohgemuten, tief schauen­den und warm empfindenden Wanderer beschieden ist.

Jenes rastlose und energisch bewegte Temperament, das ihn so lange Jahre von Stätte zu Stätte trieb, sich tummeln ließwie ein feuriges Roß", strömt durch Arndts ganzes Schaffen und Schreiben, verleiht seinen Taten die erregte Leidenschaft des großen Monrentes, seinen Motten das Selbsterlebte, originell G-fehene. Am Schreibtisch und in der Enge des eigenen Heims mochte das heilige Feuer der Begeisterung und des Zorns sich nicht in ihm entzünden; schalt er sich doch später, als er seßhaft und behäbig ge­worden war, daß er wichtige Jahre unter Kindern, Bäumen und Blumen vetträumte und verspielte! Aber mitten im Getümmel des Weltgetriebes, in der Notwendigkeit der Stunde, die sich mit ihrer Forderung ihm aufdrüngte, da sprühten aus seinem Geist die Funken, die den anderen als Zeichen der Ermunterung und Hoffnung voraufleuchteten. Eine Feuerseele war er und ein Feucrgeist! Abgründe und tiefe Schluchten barg sein Gemüt, das zunächst so klar, so plan und so einfach erscheint. Wer so bis ins Innerste alle die dunklen und lichten Strömungen seiner Epoche in .sich aufzunehmen wußte, der mußte durch Zwiespalte, Wirrnisse und Konflikte sich zu der stolzen Schlichtheit erst hindurchkämpfen. Der Krankheit seines Jahrhunderts, b t Gesühlsschwärmerei, die die RomanM wie eine schwüle

88. Jahrgang.

UMtische Meeficht.

Törichte Legenden.

L. Berlin, 26. Januar.

Es gibt keine noch so große Torheit, die nicht Gläubige fände. Ter PariserTemps" wollte kürzlich erfahren haben, daß gewisse Berliner Kreise die Ent­fernung des Grafen Uehrenthal und seine Wicder- ersetzung durch den Grafen Goluchowski wünschen. Einer der Wortführer dieser Tendenzen sei der Botschafter von Tschierschky, der in Verfolg seiner Bestrebungen bereits in einen Gegensatz zum Leiter der auswärtigen Politik des Tonaureichs geraten sei. Lo töricht dies Gerede ist, so empfindet man hier doch ein Bedürfnis, es in seiner beinahe komischen Grundlosigkeit aufzuzeigen. Für deutsche Leser bedarf es selbstverständlich nicht der Zurückweisung der falschen Darstellung, aber da unsere Gegner ringsum in Europa es gern haben, ivenu uns etwas am Zeuge geflickt werden kann, so mag es diesen Stimmungen gegenüber allerdings am Platze sein, das Selbstverständliche doch zu sagen und hiernach zu be- incrken, daß eine so groteske Erfindung seit langer Zeit nicht versucht worden ist. Ter Humor der Sache steckt vor allem in der Behauptung, daß man sich in Berlin nach der Wiederkehr des Grafen Goluchowski. sehne. Es ist ja noch nicht an der Zeit, über die Ära Goluchowski eingehender zu sprechen, aber so viel sieht jeder, der mit offenen Augen um sich blickt, daß die Beziehungen zwischen Berlin und Wien seit dem Amts­antritt Aehrenthals in mannigfacher Hinsicht fester geworden sind, und daß vor allem eine Entlastung von Momenten stattgefunden hat, für die zum Teil Graf Goluchowski p e. r s ö n I i ch die Verantwortung zu tragen hatte. In Wien weiß man Bescheid und in Berlin auch.

ZoMrrrrg mit den Uerernigterr Ktae-Ien?

In Interessentenkreisen herrscht jetzt vielfach die Auffassung, die auch von einem Teile der Presse geteilt wird, daß es mit dem 7. Februar zum Zollkrieg mit den Vereinigten Staaten kommen müsse, wenn bis dahin keine Verständigung erzielt wird. Diese. Ansicht ist, wie uns der Handelsvertragsvereiil mitteilt, durchaus irr­tümlich und muß unnötigerweise Beunruhigung Hervorrufen. Allerdings wird der deutsche General- taris automatisch mit dem 7. Februar gegenüber der Einfuhr der Vereinigten Staaten in Kraft treten, wenn bis dahin eine Einigung nach zustande kommt, und die deutsche Regierung bedürfte auf jeden Fall einer fcc* sonderen Ermächtigung durch den. Reichstag, um den Vereinigten Staaten auch weiterhin den deutschen V e r.t r a g s t a r i f im bisherigen Umfange zu ge­währen. Aber das Inkrafttreten des deutschen Gene- raltariss bedeutete keineswegs den Zollkrieg, denn der Generaltarif ist nicht gleichbedeutend mit dein K a m p f*

Wolke über die Herzen breitete, ist auch er erlegen. Reben der gesunden Derbheit seines Fühlens stehen schwänncrische, ekstatische Stimmungen, die ihren stärksten Ausdruck in seinen Briefen an Johanna Motherby finden, cm die ihn ein sinn­lich-übersinnliches Verhältnis, ein geistig schwelgender Rausch fesselte. Maßlos, in stammelnden Visionen und heißen Ausbrüchen äußert sich so seine Liebe, gleich maßlos sein Haß. Eine dämonische Wildheit, ein düsterer Fanatis­mus, der an die Propheten des Alten Testaments erinnert, bricht in seinen Schlachtliedern los, wie in seinen Schriften und Briefen. Mt einer ungeheuren Heftigkeit nimmt er zu den Erscheinungen der Kultur und des Lebens Stellung; da gibt es kein gütiges Geltenlassen, kein Verstehen und kein Verzeihen; wer nicht für ihn ist, der ist wider ihn. So ist seine Waffe gar bald gcgen alle gekehrt und er findet sich in einer feindlichen Umwelt, rings umsiarrt von grausig kalten Ruinen einer Vergangenheit, die cr verflucht, ringsum ange­grinst von verächtlichen Larven des Bösen. In langsamem inneren Werden reift er zu dieser Vernichtung aller Wette, die Gegenwart und Geschichte boten, heran; langsam glimmt ihm aus der Zukunft die Vision eines Besseren, Höheren, eines Ewigen, Heiligen auf. Er setzt sich mit der nüchternen Verstandesbildung der Aufklärung auseinander, wird im Gegensatz zu ihrem Deismus eilt echter, getreuer Protestant, dersich Luther zum Schutzheiligen wählt; er l'ehtt sich vom Weltbürgertum ab und wird zum Verehrer des Volkstums, zum Verfechter des nationalen Staates. Die mystische Dunkelheit der Romantik weiß er von sich abzuschütteln, jene Verweichlichung und Berauschung des Geistes, die auch ihm gefährlich geworden. Die Vorbilder der großen deutschen Vergangenheit, die Kräfte und Schönheiten der Volksseele, die die Romantik aufgewiesen und verherrlicht, wurden aber zugleich die wichtigsten Elemente seiner eigenen Weltanschauung. Mit 30 Jahren ettva hatte sich Arndt in harter Selbsterziehung, aus Reisen und in Studien, diese Klarheit über Leben und Sein verschafft. Die Heimat um­fing ihn wieder, die rauhe Kälte des Nordens, aber auch die Sonne und Fruchtbarkeit keines schönen lieben Rügens, dem kr die Urunvlagc fernes sWscyen uno religiösen Seins per-